Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Obgleich Gräfin Marja Natascha klarzumachen suchte, daß man diese Worte der Heiligen Schrift anders auffassen müsse, stimmte sie doch, wenn sie Sonja ansah, der von Natascha gegebenen Erklärung zu. Es schien wirklich, als ob sich Sonja durch ihre Lage nicht bedrückt fühle und sich mit ihrer Bestimmung als taube Blüte ganz ausgesöhnt habe. Sie schätzte anscheinend weniger die einzelnen Menschen als vielmehr die ganze Familie. Wie ein Kätzchen hatte sie sich nicht in die Personen, sondern ins Haus eingelebt. Sie pflegte die alte Gräfin, streichelte und verwöhnte die Kinder und war immer bereit, all die kleinen Hilfsdienste zu leisten, deren sie fähig war, obgleich dies alles unwillkürlich immer nur mit geringer Dankbarkeit hingenommen wurde.
Das Herrenhaus von Lysyja-Gory war neu aufgebaut worden, aber nicht in dem großen Stil, wie es beim verstorbenen Fürsten gewesen war.
Die Gebäude, noch in der Zeit der Not begonnen, waren mehr als einfach. Das gewaltige Herrenhaus, das auf dem alten Steinfundament ruhte, war von Holz und nur von innen mit Kalk beworfen. Das große, geräumige Gebäude mit den rohen Holzdielen war mit den einfachsten Möbeln ausgestattet. Die Sofas und Sessel waren hart, die Tische und Stühle aus eignen Birken von einheimischen Tischlern gearbeitet. Platz gab es genug im Haus, auch Zimmer für die Dienerschaft und ganze Flügel für Gäste, denn Verwandte der Rostows und Bolkonskijs kamen öfters nach Lysyja-Gory zu Besuch mit ihren ganzen Familien, sechzehn Pferden und Dutzenden von Dienern und blieben oft monatelang da. Außerdem fanden sich viermal im Jahr, zu den Geburts- und Namenstagen des Hausherrn und der Hausfrau, gegen hundert Gäste ein, die auch mehr als einen Tag dablieben. Während der übrigen Zeit des Jahres ging das Leben seinen ungestörten, regelmäßigen Gang: man ging seinen gewohnten Beschäftigungen nach, trank seinen Tee, frühstückte und aß zu Mittag und zu Abend aus den häuslichen Vorräten.
9
Es war im Winter, am Vorabend des Nikolaustages, am 5. Dezember 1820. In diesem Jahr war Natascha mit Mann und Kindern seit Beginn des Herbstes bei ihrem Bruder zu Besuch. Pierre war in Petersburg, wohin er in besonderen Angelegenheiten auf drei Wochen, wie er gesagt hatte, gefahren war, war aber nun schon die siebente Woche fort und wurde jeden Augenblick zurückerwartet.
Außer der Familie Besuchow war am 5. Dezember bei den Rostows noch ein alter Freund Nikolajs zu Besuch, der General außer Dienst Wassilij Fjodorowitsch Denissow.
Am 6. zur Feier seines Namenstages, wenn die Gäste kamen, mußte Nikolaj – das wußte er – seinen bequemen Hausrock ablegen, den langen Frack und die engen Stiefel mit den schmalen Spitzen anziehen, in die neue, von ihm selbst erbaute Kirche fahren, dann die Glückwünsche entgegennehmen, den Gästen ein Frühstück vorsetzen und sich über die Adelswahlen und die Ernte unterhalten. Den Vorabend jedoch wollte er noch wie immer verleben, dazu glaubte er das Recht zu haben.
Bis zum Mittagessen sah Nikolaj die Abrechnungen des Amtmanns vom Rjasanschen Dorf über das Gut des Neffen seiner Frau durch, schrieb zwei geschäftliche Briefe und ging dann nach dem Dreschboden und dem Vieh- und Pferdehof. Er traf Maßnahmen gegen die allgemeine Betrunkenheit, auf die er anläßlich des hohen Feiertags für morgen gefaßt war, kam dann zum Mittagessen und setzte sich, ohne vorher noch ein paar Worte mit seiner Frau unter vier Augen gewechselt zu haben, an die lange Tafel mit den zwanzig Gedecken, an der schon alle Hausgenossen versammelt waren. Am Tisch saßen seine Mutter, die mit ihr zusammen lebende alte Bjelowa, seine Frau, seine drei Kinder mit ihrer Gouvernante und ihrem Erzieher, der Neffe mit seinem Hauslehrer, Sonja, Denissow, Natascha mit ihren drei Kindern und deren Gouvernante und der alte Michail Iwanytsch, der Baumeister des alten Fürsten, der sich in Lysyja-Gory zur Ruhe gesetzt hatte.
Gräfin Marja saß am entgegengesetzten Ende des Tisches. Sowie sich ihr Mann nur an seinen Platz gesetzt hatte, ersah sie genau aus der Handbewegung, wie er zur Serviette griff und die vor ihm stehenden Gläser auseinanderschob, daß er nicht bei Laune war, was bei ihm manchmal der Fall war, besonders vor der Suppe und wenn er unmittelbar aus der Wirtschaft zum Essen kam. Sie kannte diese Stimmung an ihm sehr gut und wartete, wenn sie selber nicht verstimmt war, ganz ruhig, bis er seine Suppe gegessen hatte, fing erst dann an, mit ihm zu reden, und veranlaßte ihn schließlich zu dem Geständnis, daß für seine schlechte Laune eigentlich gar kein Grund vorhanden sei. Heute aber vergaß sie ihre sonstige Vorsicht vollkommen: es tat ihr weh, daß er ohne Grund auf sie böse war. Sie fühlte sich unglücklich. Sie fragte, wo er gewesen sei. Er gab eine Antwort. Sie fragte weiter, ob er alles in der Wirtschaft in Ordnung gefunden habe. Er runzelte über ihren gezwungenen Ton unfreundlich die Stirn und gab hastig irgendeine Antwort.
Also habe ich mich nicht getäuscht, dachte Gräfin Marja. Aber warum ist er nur auf mich böse? Aus dem Ton, mit dem er ihr geantwortet hatte, hörte sie Feindschaft gegen sich heraus und den Wunsch, dem Gespräch ein Ende zu machen. Sie fühlte, daß ihre Worte nicht echt waren, konnte sich aber nicht enthalten, noch mehr Fragen zu stellen.
Die Unterhaltung bei Tisch wurde, dank Denissows Eifer, bald allgemein und lebhaft, und Gräfin Marja sprach nicht mehr mit ihrem Mann. Als alle vom Tisch aufstanden und zur alten Gräfin hingingen, um ihr zu danken, reichte Gräfin Marja ihrem Gatten die Hand, küßte ihn und fragte, warum er ihr böse sei.
»Du hast immer so sonderbare Einfalle. Ich denke gar nicht daran, auf dich böse zu sein«, erwiderte er.
Doch Gräfin Marja hörte aus dem Worte »immer« die Antwort heraus: Ja, ich bin böse auf dich, will es dir nur nicht sagen.
Nikolaj lebte mit seiner Frau in so gutem Einvernehmen, daß selbst Sonja und die alte Gräfin, die aus Eifersucht gern einmal eine Verstimmung zwischen ihnen beobachtet hätten, keinen Grund zu einem Vorwurf finden konnten. Und doch gab es auch zwischen ihnen Augenblicke der Feindseligkeit. Manchmal, und gerade nach den glücklichsten Zeitabschnitten, kam plötzlich ein Gefühl der Entfremdung und Feindschaft über sie. Dieses Gefühl hatte sich am häufigsten während der Schwangerschaften der Gräfin Marja gezeigt. Auch jetzt befand sie sich wieder in diesem Zustand.
»Nun, messieurs et mesdames«, sagte Nikolaj laut und anscheinend heiter – Gräfin Marja glaubte, er stelle sich absichtlich so, um sie zu kränken –, »ich bin seit sechs Uhr auf den Beinen. Morgen muß ich manches über mich ergehen lassen, aber heute darf ich mir noch ein Mittagsschläfchen gönnen.«
Und ohne noch ein Wort zu Gräfin Marja zu sagen, zog er sich in das kleine Sofazimmer zurück und legte sich dort auf den Diwan.
So ist er nun immer, dachte Gräfin Marja. Mit allen spricht er, nur mit mir nicht. Ich sehe, sehe ein, daß ich ihm zuwider bin. Besonders in diesem Zustand.
Sie blickte auf ihren gewölbten Leib und betrachtete im Spiegel ihr gelbblasses, mageres Gesicht mit den Augen, die größer erschienen denn je.
Und auf einmal wurde ihr alles zuwider: das Schreien und Lachen Denissows, Nataschas Unterhaltung und besonders jener Blick, mit dem Sonja sie flüchtig streifte.
Immer war Sonja der erste Vorwand, den Gräfin Marja für ihre gereizte Stimmung herausfand.
Nachdem sie noch eine Weile mit den Gästen zusammengesessen hatte, ohne etwas von dem, worüber sie sprachen, zu verstehen, ging sie leise hinaus und begab sich ins Kinderzimmer.
Die Kinder kutschierten auf Stühlen nach Moskau und luden sie ein, mitzufahren. Sie setzte sich hin und spielte mit ihnen, aber der Gedanke an ihren Mann und seinen grundlosen Ärger ließ ihr keine Ruhe. Sie stand auf, ging hinaus und schlich mühselig auf den Zehenspitzen nach dem kleinen Sofazimmer.
Vielleicht schläft er nicht, und ich kann mich mit ihm aussprechen, sagte sie sich.
Andrjuscha, ihr ältestes Söhnchen, machte es ihr nach und ging auf den Fußspitzen hinter ihr her. Gräfin Marja bemerkte ihn nicht.