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Tutanchamun - das Buch der Schatten

Электронная книга - «Tutanchamun - das Buch der Schatten». Краткое содержание книги:

Ägypten im 10. Regierungsjahr von Tutanchamun. In Theben wird ein junger Mann grausam ermordet. Das ruft Rai Rahotep auf den Plan, den Obersten Wahrheitssucher der Stadt. Aber Rahotep muss nicht nur einen Mörder fangen: Jemand hat in den Gemächern von Tutanchamun ein Relief hinterlassen, auf dem eine schwarze Sonne eingekratzt wurde - eine eindeutige Drohung gegen den König. Rahotep tappt zunächst im Dunkeln. Als jedoch ein weiterer Mord geschieht und beim Opfer ein persönlicher Gegenstand Tutanchamuns gefunden wird, ahnt der Wahrheitssucher, dass die beiden Fälle zusammenhängen ...
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Als sie sich wieder dem Eingang näherten und aufgefordert wurden, sich den letzten Teil der Wanddekoration in der Ecke anzusehen, in der die bedeutendste Szene dargestellt war – in der sich der König ins Innere des Schreins und damit in die Gegenwart des Gottes begab –, geschah etwas. Tutanchamun war gerade dabei, sich unter der Regie des Hohepriesters durch die Inschriften zu lesen, die diesen allerheiligsten aller Momente beschrieben, als er plötzlich voller Panik zurückwich. Der Hohepriester war dermaßen schockiert und beschämt, dass er sich die Hände vor die Augen hielt, als sei er soeben Zeuge einer entsetzlichen Schändung geworden. Die Palastwachen, die das Königspaar umringten, zückten sofort die Krummdolche und gingen in Verteidigungsstellung. Die Leute, die hinter mir standen, reckten die Hälse, um zu sehen, was da los war. Ich schob mich durch die Wachen. Eje sah sich die Gravur, auf die der Hohepriester mit seinem Stab zeigte, bereits genauestens an. Er gestattete mir, mich dicht neben ihn zu stellen, damit auch ich sie in Augenschein nehmen konnte. In einer Kartusche waren die königlichen Namen Tutanchamuns komplett herausgeschlagen worden.

Eje übernahm das Kommando. Ruhig redete er auf den bebenden Tutanchamun ein, während Anchesenamun versuchte, ihrem Gemahl dabei zu helfen, einen Schluck Wasser zu trinken. Eje befahl, dass das geschändete Bildnis zugedeckt wurde, damit man es nicht sehen konnte, und instruierte all die, die es bereits gesehen hatten, mit strenger Miene und unter Androhung der Todesstrafe, niemals ein Wort darüber zu verlieren. Die Namen würden sofort neu eingemeißelt werden. Anchesenamun flüsterte Tutanchamun etwas ins Ohr, und nach einer Weile nickte er. Und sodann tat das Königspaar so, als sei alles in bester Ordnung, und fuhr mit der Besichtigung fort. Als Anchesenamun an mir vorüberschritt, sah sie mich an. Wir konnten aber nicht miteinander sprechen.

Rasch gingen wir alle zwischen den großartigen Säulen durch die Halle zurück auf den Sonnenhof, wo sich weitere Priesterscharen versammelt hatten, die sich vor dem König und der Königin auf den Boden warfen. Nach der Zeit in der Dunkelheit blendete uns das gleißende Licht der Mittagssonne. Die Gruppe hielt sich in den hohen Schatten der gewaltigen Papyrussäulen, die an drei Seiten entlangliefen. Als wir über den Sonnenhof schritten, herrschte eine seltsame Stille – denn jeder wusste, dass etwas Beunruhigendes geschehen war; doch wurde die Zeremonie fortgesetzt, als sei nichts gewesen. Schließlich betraten wir den ältesten Teil des Tempels. Uralt war die Finsternis, die mich umgab. Überall waren Bildnisse zu sehen, die den alten König, Amenophis, dabei zeigten, wie er Amun-Re, dem Gott des Tempels und der Stadt, seine Opfer darbrachte. Die königliche Entourage durchquerte eine von Säulen gesäumte Opferkammer. An den Wänden – in die Ewigkeit des Steins gemeißelt – trieb Amenophis die heiligen Stiere und brachte an dem Ort, an dem die Goldene Barke des Gottes während des Festes ausruhte, seine rituellen Blumen- und Weihrauchopfer dar. Ich hatte gehört, dass es hinter dieser Kammer viele kleine Kapellen gab, die aus dem Allerheiligsten herausführten, und sich entlang der Seitenmauern sogar noch kleinere Kammern befanden, in denen in tiefer Dunkelheit goldene Bildnisse der Götter standen. Nur durften weder ich noch die meisten anderen Menschen an dieser Stelle weitergehen. Allein der König und die höchstrangigen Priester konnten das Heiligtum des Amun im dunklen Herzen des Tempels betreten, den Schrein, in dem seine Statue, seine irdische Hülle, angebetet, genährt und gekleidet wurde.

Nun war es so weit, und Tutanchamun musste allein weitergehen, hinein in das Mysterium des Allerheiligsten. Anchesenamun durfte ihn nur in die Vorkammer begleiten, aber nicht weiter. Der König machte einen nervösen Eindruck, schien jedoch zusehends Mut zu schöpfen. Anchesenamun und er gingen weiter, verschwanden beide, und um uns her wurde es totenstill.

Die heißen Leiber der zahllosen Menschen, die in der kleinen Kammer und auf dem Sonnenhof dahinter zusammengepfercht waren, verströmten den Geruch von Weihrauch und Schweiß. Die Priester intonierten Gebete. Blechern klingende Sistren wurden geschwenkt. Die Tempelsängerinnen stimmten die Hymnen an. Die Zeit schien gar nicht vergehen zu wollen, und ich sah, dass Eje leicht den Kopf hob, als frage er sich, ob alles in Ordnung war.

Und dann kamen der König und die Königin plötzlich gemeinsam zurück. Er hatte sich der Blauen Krone entledigt und trug jetzt die Doppelkrone von Ober- und Unterägypten. Auf seiner Stirn blitzten der Geier und die Kobra und verliehen ihm göttlichen Schutz. Sie trug die hohe Doppelfederkrone ihrer Mutter Nofretete – und proklamierte damit sich selbst zur Königin und Göttin. Tutanchamun wirkte jetzt alles andere als zaghaft oder verängstigt. Vielmehr starrte er mit arroganter Miene auf die verblüffte Menge der Priester und Würdenträger in der Kammer und dahinter im Sonnenhof. Er wartete eine Weile, und dann ergriff er mit seiner leisen, eindringlichen Stimme das Wort.

»Die Götter haben sich Tutanchamun, dem Lebenden Abbild des Amun, im Tempel von Amun offenbart. Ich besitze die königlichen Namen: den Horusnamen Starker Stier, mit vollkommenen Geburten, den Nebtinamen König der Beiden Länder mit vollkommenen Gesetzen, den Thronnamen Herr an Gestalten, ein Re, Herrscher der Maat. Mit diesen meinen königlichen Namen trage ich die Doppelkrone und halte den Krummstab der Herrschaft und die Geißel des Osiris. Ich erkläre, dass ich von diesem Tage an König bin, in Name und Tat.«

Namen sind Macht. Sie schaffen die Realität, die sie bezeichnen. Das hier war die Deklaration einer neuen Unabhängigkeit. Die Krönung eines neuen Königs. Erstaunen und Ehrfurcht erfassten die Menge nach dieser verblüffenden und völlig unerwarteten Verkündigung. Ich hätte Gold dafür gegeben, Ejes Gesicht sehen zu können, als er die Worte vernahm. Er hielt seinen knöchernen Schädel aber gesenkt.

Der König sprach weiter: »Dies möge überall in den Beiden Ländern proklamiert werden. Ich erkläre, dass ich diesen Tag feiern werde mit einem neuen Fest, im heiligen Namen des Amun-Re. So werde es auf ewig festgehalten in der Schrift der Götter, und lasset diese Worte durch alle Gaue der Beiden Länder schallen, auf dass jeder Untertan des Königshauses die großartige Wahrheit erfahre.«

Sofort eilten die Schreiber mit ihren Utensilien nach vorn, hockten sich im Schneidersitz auf den Boden, schoben sich ihre Gewänder über die Knie wie kleine Tische und schrieben alles auf ihren Schriftrollen nieder.

Im nächsten Moment stellte sich Anchesenamun, wie sie es viele Male geprobt hatten – dass es so gewesen sein musste, fiel mir erst jetzt auf –, neben Tutanchamun, und so blieben sie nebeneinander stehen, bis die Menge die Eröffnung und die Bedeutung der Worte verdaut hatte und auf die Knie fiel, um sich vor ihnen in den Staub zu werfen. Ich fragte mich, wie Eje auf diesen kühnen Zug im großen Schachspiel um die Macht reagieren würde. Er wandte sich den unzähligen Gesichtern zu, die gespannt darauf warteten, dass er die Degradierung nicht kampflos hinnahm. Dazu war er aber zu klug. Er ließ sich Zeit, wartete, lange und mit Bedacht, ganz so, als halte er das Schicksal der Beiden Länder in den Händen, bevor er zu sprechen begann.

»Die Götter sind allwissend«, erklärte er. »Wir, die wir unser Leben der Aufgabe verschrieben haben, das Königshaus zu unterstützen und zu stärken und die verlorene Ordnung in den Beiden Ländern wiederherzustellen, feiern diese Proklamation. Der König ist König. Mögen die Götter einen großartigen König aus ihm machen.«

Auch das schrieben die Schreiber nieder, und dann gaben sie auf ein Signal von Eje ihre Schriftrollen weiter, die flugs von Hand zu Hand durch die ganze Kammer gereicht wurden. Gehilfen sammelten sie ein, damit Abschriften davon angefertigt werden konnten, sowohl auf Schriftrollen als auch auf Steinstelen, die man überall im Land und in den unterworfenen Gebieten verteilen würde. Und dann stellte Eje sich an die Spitze der Menschenmenge und kniete sich vor dem Königspaar in den Staub wie ein altes Ungeheuer vor seine Kinder, langsam und steif und mit der bedrohlichen Ironie, die er wie kein anderer allem, was er tat, einzuflößen vermochte. Anchesenamun und Tutanchamun hatten für diesen Moment und für den Erfolg ihrer Deklaration alles riskiert. Die nächsten Tage würden zeigen, ob sie gewonnen oder verloren hatten.

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