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Geheime Melodie [calibre 2.23.0]

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Geheime Melodie [calibre 2.23.0]
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Diesmal lacht keiner. Diesmal hören wir nichts als die Möwen und Krähen und das Rascheln des warmen Windes, der den grasigen Hang hinabstreicht.

»Ganz einfach. Am fraglichen Tag« – offenbar Maxies stehende Wendung für den Tag des Coups – »wird ein Schweizer Hersteller von Flugsicherungssystemen, der ein Angebot unterbreiten will, eine Besichtigung der Flughafenanlagen vornehmen.«

Schweigen, gebrochen einzig von meiner Stimme.

»Ihre Chartermaschine, die technisches Gerät nicht näher definierter Natur geladen haben wird« – vielsagende Betonung, die ich getreulich übernehme –, »wird nahe dem Tower abgestellt sein. Die Techniker der Schweizer Firma werden Europäer sein. Unter ihnen werde ich selbst sein, Anton hier neben mir, und Benny, den Sie kurz getroffen haben. Auf ein Signal von mir werden meine Söldner, die inzwischen durch den Haupteingang in den Flughafen gelangt sein werden, die Maschine entern. Im Innern werden sie schwere Maschinengewehre, tragbare Raketenwerfer, Handgranaten, leuchtende Armbinden, Proviant und reichlich Munition finden. Wenn jemand auf sie schießt, werden sie das Feuer auf eine Weise erwidern, daß möglichst wenig Schaden entsteht.«

Philips nächsten Schritt verstand ich voll und ganz. Auf wessen Seite stand Haj denn überhaupt? Wie lange sollten wir uns seine Störaktionen noch gefallen lassen? Der Mann war ja nicht einmal geladener Teilnehmer! Er war der Stellvertreter seines Vaters, in letzter Minute per Fallschirm zu uns herabgeschwebt. Höchste Zeit, ihn zurechtzustutzen, ihm die Pistole auf die Brust zu setzen.

»Monsieur Haj«, beginnt Philip samtweich, ein Echo auf Hajs penetrantes Monsieur le Colonel –, »Haj, mein lieber Junge. Mit allem Respekt vor Ihrem lieben Vater, den wir bitterlich vermissen. Wir alle waren bisher sehr zurückhaltend, vielleicht zu zurückhaltend mit unseren Fragen nach der zentralen Rolle, die Sie persönlich in der Kampagne des Mwangaza spielen werden. Welche Vorbereitungen gedenken Sie für den großen Moment zu treffen? Speziell in Bukavu, wo Sie ja Herr im Haus sind, wenn man so will? Ich dachte, vielleicht wäre dies der geeignete Moment, um uns aufzuklären.«

Erst wirkt es so, als hätte Haj Philips Frage ebensowenig gehört wie meine Übersetzung. Dann flüstert er ein paar Worte auf Shi, die, wiewohl derber, eine merkwürdige Ähnlichkeit zu denen des kleinen Herrn in der Trattoria aufweisen: Gebe Gott mir die Kraft, diesem Sohn eines Arschlochs die Meinung zu sagen etc. – und natürlich lasse ich mir mit keiner Miene anmerken, daß ich ihn verstehe, sondern male nur ein paar unschuldige Kringel auf meinen Block.

Worauf er vollends durchdreht. Er springt auf, vollführt eine Pirouette, schnalzt mit den Fingern und wirft wild den Kopf herum. Und nach und nach kristallisiert sich aus diesem Gezucke eine rhythmische Antwort auf Philips Frage heraus. Und da für mich Worte die einzige Musik sind und ich von kongolesischen Bands nicht den Schimmer einer Ahnung habe, weiß ich bis heute nicht, welchen großen Star oder welche Band oder welchen Musikstil er imitiert.

Aber fast alle anderen im Raum wissen es. Für alle außer mir und Maxie – der, das braucht er mir nicht erst zu sagen, genauso ein Musikbanause ist wie ich – ist es eine virtuose Darbietung, augenblicklich erkennbar und extrem komisch. Der ernste Dieudonné biegt sich vor Lachen und klatscht begeistert mit. Auch Francos gewaltiger Leib schaukelt hin und her vor Vergnügen, dieweil unser Spitzendolmetscher, darauf gedrillt, unter jeglichen Witterungsbedingungen zu funktionieren, tapfer weiterübersetzt, abwechselnd ins Französische und – auf einen bohrenden Blick von Maxie hin – ins Englische, hektisch Stichworte mitkritzelnd, aus denen ich mir im nachhinein folgende Version zusammenkonstruiert habe:

Wir kaufen uns die Soldaten Wir kaufen uns die Lehrer und die Ärzte Wir kaufen uns den Garnisonskommandanten von Bukavu und den Polizeichef und den Vize-Polizeichef dazu Wir brechen das Gefängnis auf und stellen an jedes Straßeneck ein Fuder Bier – und eine Ladung Semtex zum Nachtisch und all die Ruander mit Haß auf Ruanda, die kriegen von uns ein schniekes neues Gewehr:

Noch jemand ohne? Hierher, bittesehr! Und alle die Penner und Spinner und Typen, die auf dich schießen, weil in dir der Teufel steckt die kriegen von uns auch noch Knarren und Bier Und all den braven Katholiken in Bukavu, und den Priestern und Nonnen, die Jesus lieben und keinen Ärger wollen und auch keinen machen, weil sie wissen,

wie rar gute Christen sind -Denen sagen wir, der Fürst der Armut höchstselbst reitet auf seinem Esel in das neue Jerusalem ein! Drum zisch noch ein Bier, Baby, mix dir noch ’nen Molli, schlag noch zwei, drei Fenster ein und polier noch zwei, drei Fressen – Dem Paradies des Volkes entgehst nicht mal du!

Auch Philip lacht jetzt und schüttelt staunend den Kopf, während er mit seiner Glocke die nächste Pause einläutet. Aber es ist Tabizi, zu dem mein Blick immer wieder verstohlen zurückkehrt. Sein Gesicht ist eine Maske kaum verhohlener Wut. Seine pechschwarzen Augen, halbverborgen von den schweren Lidern, zielen wie zwei Gewehrmündungen auf Hajs Stirn und erinnern mich, daß es eine Schicht von Arabern gibt, deren Verachtung für ihre Brüder südlich der Sahara so tief sitzt, daß nichts auf der Welt daran etwas ändern kann.

11

Wo zum Teufel stecken alle, Sam? Ich höre nur lautes Schweigen.

Ich kümmer mich gleich drum, Brian, mein Lieber. Haben Sie ein bißchen Geduld.

Ich gebe mir alle Mühe. Unverständliches Gemurmel, während Sams Stimme bei Anton anfragt, dann bei Philip.

Franco hätten wir, Brian.

Wo ?

In den Königlichen Gemächern. Er hält ein Schwätzchen mit dem Mwangaza.

Soll ich hinschalten? frage ich eifrig.

Auf gar keinen Fall, danke, Brian. Die zwei kommen ausgezeichnet ohne Sie zurecht.

Über meinen Kopfhörer fange ich das Klacken von Hajs Krokosohlen im Bogengang auf, begleitet von einem weiteren Paar Schritte, die ich versuchsweise Dieudonné zuordne. Eine Vermutung, die Sam sofort bestätigt: Ihre Späher melden, daß Haj Dieudonné am Ellenbogen gepackt hat und ihn in Richtung Pavillon abschleppt. Und was noch besser ist, Haj hat den Finger an den Mund gelegt, er bedeutet Dieudonné zu schweigen, bis sie weit genug vom Haus entfernt sind. Die Nachricht läßt mein Herz höher schlagen. Kann etwas süßer klingen in den Ohren eines TeilzeitTondiebs als: »Gehen wir irgendwohin, wo uns keiner hört«, oder: »Warte hier, ich suche schnell die nächste Telefonzelle.«

Und bei allem Hochgefühl denke ich: Armer Dieu-donné – eben noch mitgerissen von Maxies großem Plan, jetzt am Kragen zurückgezerrt von diesem Quertreiber Haj!

Die beiden Männer haben die Treppe zum Pavillon erreicht und beginnen sie hinaufzusteigen. Und gleich auf den ersten Stufen fängt Haj zu tanzen an. Und im Tanzen beginnt er stoßweise zu sprechen: Salven von Sohlengeknatter, jede begleitet von einer Wortsalve. Tondiebe hören wie Blinde. Aber manchmal sehen sie auch wie Blinde, und genau so sehe ich jetzt: klar wie der helle Tag, auch ohne Augenlicht. Ich sehe Hajs lindgrüne Krokosohlen die Steinstufen auf und ab steppen, klackerdiklack, klackerdiklack. Ich sehe seine gegelte Stirnlocke rucken, sehe seinen schlanken Körper, der sich rückwärts biegt, die Hände flatternd wie Seidenschals vor dem klaren blauen Himmel. Er hält seine Stimme gesenkt, das Klacken der Sohlen übertönt sie. So wild sich sein Körper auch gebärdet, die Stimme ist um so kontrollierter, und je leiser er spricht, desto mehr Krach macht er mit den Füßen und desto mehr wirft er im Lauf eines einzigen Satzes den Kopf herum, während er mit seinen Worten die Mikros speist, ein abgerissener kleiner Happen für jedes wartende Kröpfchen.

Welche Sprache spricht er da? Seine Muttersprache Shi, die Dieudonné zufälligerweise ebenfalls beherrscht. Er benutzt also (glaubt er zumindest), mit ein wenig Improvisation und ein paar Brocken Französisch hier und da, eine Sprache, die garantiert von keinem Lauscher verstanden wird – nur verstehe ich ihn doch.

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