Der Tote am Hindenburgdamm: Ein Sylt-Krimi
- Автор: Koster-Losche Kari
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Der Tote am Hindenburgdamm: Ein Sylt-Krimi». Краткое содержание книги:
Sylt 1923. Kriminalinspektor Niklas Asmus wird auf die Insel versetzt. Dort empfängt man ihn nicht gerade mit offenen Armen. Und ein Hort des Friedens scheint Sylt auch nicht zu sein. An dem Tod eines Landstreichers zeigt sich die örtliche Polizei allerdings wenig interessiert, und als auf einer Werft ein Anschlag verübt wird, beginnt lediglich Asmus Nachforschungen anzustellen. Dann jedoch findet man einen Toten an Sylts wichtigstem Bauwerk – an dem umstrittenen Damm, der die Insel mit dem Festland verbinden soll.
Inspektor Asmus ermittelt auf Sylt – ein wunderbares und authentisches Panorama der Insel in den zwanziger Jahren.
Informationen zur Autorin
KARI KÖSTER-LÖSCHE, geboren 1946, wuchs in Schweden am Meer auf und lebt heute in Nordfriesland und auf der Hallig Langeneß. Nach einem Studium der Tiermedizin promovierte sie in Bakteriologie. Seit 1985 arbeitet sie als freie Autorin. Bekannt wurde sie mit ihren zahlreichen historischen Romanen.
»Er beleidigt Sylt und die Sylter!«, rief einer der Burschen erregt.
»Er verteidigt sich gegen feige anonyme Attacken. Möchte jemand von euch an seiner Stelle sein? Vielleicht Spottbriefe erhalten, weil der Vater unter den Augen der Familie fremdgeht und die Mutter betrügt? Ich bin sicher, der ein oder andere von euch kennt das.«
Die Jungen sahen einander stumm an, bis endlich einer Mut fasste. »Ich kenne das, Wachtmeister Asmus«, brachte er zögernd hervor. »Ich verstehe, was Sie meinen.«
»Na, wenigstens einer«, sagte Asmus lächelnd.
Der Sprecher sah sich unter den Kameraden um. Deren feindliche Haltung war so gut wie verschwunden. »Wir alle, Herr Wachtmeister. Und meine Hochachtung haben Sie, weil Sie Klartext reden. Manche von unseren Vätern sind einfach peinlich, weil sie so verdruckst sind.«
»Dann haben wir uns ja verstanden. »Und Sie«, sagte Asmus zu dem Besitzer des Stockes, »stellen den Degen wieder in den Schrank zurück, in den er gehört. Vielleicht bringen Sie den Mut auf, den Vater darauf aufmerksam zu machen, dass er ihn nie benutzen darf.«
Der junge Mann wusste sein Glück kaum zu fassen, als er den Stockdegen wieder in Händen hielt. »Das mache ich. Danke für das Vertrauen«, murmelte er und machte einen Diener.
Asmus nickte allen freundlich zu und betrat den Kaufladen.
Bonde Sibbersen stürmte um den Tresen herum, noch bevor das Glöckchen zur Ruhe gekommen war. »Sie!«, blaffte er. »Sie!«
»Ja?« Asmus blieb völlig verständnislos an der Tür stehen.
»Sie tun immer so, als ob Sie auf meiner Seite sind, womöglich sind Sie ja selbst ein Urning, holen alle möglichen Informationen aus mir heraus, und dann hetzen Sie mir diesen unsäglichen Kollegen von Ihnen auf den Hals!«
»Oberwachtmeister Jung, ich weiß. Ich habe deswegen gerade ein Sträußchen mit ihm ausgefochten.«
»Das können Sie gar nicht, er hat einen höheren Dienstgrad als Sie. Sie lügen schon wieder, Herr Asmus!«
Der Kaufmann war leider so erregt, dass er Argumente nicht akzeptieren würde. Asmus betrachtete ihn unschlüssig. Sollte er gehen, damit die Sache nicht eskalierte? Das junge Lehrmädchen war wie stets zugegen, und obwohl sie sich in den Schubladen eines deckenhohen Schrankes zu tun verschaffte, konnte man ihre nach hinten angelegten Ohrmuscheln besichtigen, die vor Aufregung rot waren.
»Herr Sibbersen«, begann Asmus versöhnlich, »die Anzeige entspricht Ihrem Zorn, ich weiß, aber es war nicht klug, sie zu schalten.«
»Was wissen Sie denn davon!«
»Eine Menge. Mehr als Sie.«
»Kann ich mir nicht vorstellen. Sie hätten mir andernfalls geholfen.«
»Vielleicht hätte ich mehr tun können, wenn Sie mir die Drohbriefe gezeigt hätten.«
»Die sind privat und zählen nicht als Beweismittel, wie mir der Jung deutlich gesagt hat.«
»Aber das stimmt nicht.«
»Ich weiß mittlerweile überhaupt nicht mehr, was stimmt und was nicht«, giftete Sibbersen. »Bitte gehen Sie, der Polizei traue ich nicht über den Weg und will mit ihr nichts mehr zu tun haben!«
KAPITEL 17
Der Rauswurf durch Bonde Sibbersen ärgerte Asmus. Dabei ging es ihm gar nicht so sehr um ihn selbst, sondern vielmehr darum, dass Sibbersen vermutete, von der Polizei betrogen worden zu sein.
Da gab es nur einen Ausweg. Wieder einmal musste Ose vermitteln. Asmus erklärte ihr das Problem inmitten von selbstgedrehten Saattütchen aus Zeitungspapier, die sie vor sich auf einem Brett im Garten aufgereiht hatte. »Wir Nachbarinnen tauschen Saatgut«, erläuterte sie. »Radieschen, Rübchen, Salat, Grünkohl, der allerdings schon längst in der Erde ist. Und Feldsalat. Da bin ich die Einzige, die ihn hat. Den kennt sonst niemand hier. Wenn es schneefrei bleibt, kann ich ihn den ganzen Winter ernten.«
»Ose, kannst du bei Sibbersen ein gutes Wort für mich einlegen? Er vermutet, dass ich ihm unseren unsäglichen Herrn Jung auf den Hals gehetzt habe, was natürlich Unsinn ist.«
»Unsinn. Ich weiß.«
Asmus hockte sich vor sie und ergriff sie an den Oberarmen. »Ose, hörst du mir zu?«
»Ja, gewiss tue ich das. Aber ich muss mich auch darum kümmern, dass die Familie im Winter zu essen hat!«, rief sie gequält. »Ferdinand geht es so schlecht, dass ich in letzter Zeit mehr bei ihm in Kampen als hier gewesen bin. Jetzt muss ich aufholen, was ich versäumt habe. Hoffentlich wird der Herbst warm, so dass die Saat aufgeht!«
»Ja, natürlich«, sagte Asmus und ließ sie los.
»Ich mach’s ja«, versprach Ose, während sie sorgsam kleine schwarze Samen in eine Rille streute. »Petersilie. Die geht im Herbst sogar besser auf als im Frühling. Im vergangenen Jahr habe ich Mohnsamen mit Petersilie verwechselt. Die sind sich ganz ähnlich. Aber du glaubst gar nicht, wie mich die Familie ausgelacht hat.«
»Doch, das glaube ich.« Resigniert stand Asmus auf und verließ den Gemüsegarten an seinem seewärtigen Ende, um den Abhang zum Ufer hinunterzusteigen und nach Munkmarsch zu wandern.
Der Herbst lag jetzt, Ende August, in der Luft, in die Asmus auf seinem Heimweg schnupperte. Ein wenig Melancholie und Trauer, weil seine Hoffnung auf Ose unerfüllbar blieb. Und dann Wind aus Südwest. Womöglich kündigte sich ein neuer Herbststurm an. Der zweite im August? Das wäre sehr früh.
In der Nacht frischte der Wind auf, hartnäckig aus Südwest blasend. Asmus, der über Deck kroch, um die Festmacher zu überprüfen, sah die Wolken über den Himmel jagen. Noch regnete es nicht, aber es war kälter geworden.
Später fing es an zu gießen, die Regentropfen prasselten nur so auf das Deck herunter, und das Boot schob Lage. Asmus drohte aus der Backbordkoje zu rollen. Er wechselte auf die Steuerbordseite, so dass er einigermaßen bequem im Winkel zwischen Bordwand und Matratze zu liegen kam.
Am Morgen hatte der Wind immer noch nicht gedreht. Wenn er über mehrere Tiden die Richtung beibehielt, konnte es für Mensch und Tier gefährlich werden, da sich das Wasser der Nordsee immer weiter aufstaute und während des eigentlichen Niedrigwassers höher stand als bei Normalflut.
Obendrein war er so böig, dass Asmus beschloss, mit der Bahn nach Westerland zu fahren. Selbst der Zug benahm sich bockig. Und als Asmus mit Rückenwind bis in die Wache geflogen war, erfuhr er, dass der Außendienst an diesem Tag weitgehend eingestellt war. Zu viele Dachziegel und fliegender Unrat machten den Aufenthalt draußen gefährlich. Wer immer konnte, verharrte in seiner Wohnung, und die Polizisten blieben in der Wache.
Nun, Asmus konnte sich die Zeit auch mit Schreibarbeiten vertreiben.
Die Stimmung in der Wache war gereizt. Jung diskutierte mit Matthiesen in einer Lautstärke, mit der vermutlich Asmus am anderen Ende des Raums gemeint war, denn es ging um die Naturschutzgebiete. »So ein Blödsinn, jetzt schon wieder daran zu denken, weitere Gebiete für den Schutz auszuweisen. Bei einem Sturm wie diesem ertrinken sowieso jede Menge Jungvögel in ihren Nestern in den Salzwiesen. Unnützer Arbeitsaufwand. Und kostspielig.«
»Hmhm«, murmelte Matthiesen entschlusslos.
»Die Jungvögel sind Ende August schon geschlüpft«, berichtigte Asmus ruhig.
»Stürme können ja auch früher kommen, oder? Asmus, der Kenner der Nordsee!«
»Wenn in Zukunft so viel Geld nach Sylt strömt, könnte man die Bodenbrüter durch niedrige Sommerdeiche schützen.«
»Was denn noch alles! Am besten uns Einheimische evakuieren.«
Asmus verzichtete auf eine weitere unerquickliche Diskussion.
Später, als Jung wegen eines Bedürfnisses hinausgegangen war, rief Matthiesen leise: »Pst, Niklas!«
»Ja?«
»Er hat fürchterliche Angst vor Sturmfluten.«
»Na gut, dann wollen wir es ihm nachsehen«, meinte Asmus und betrachtete liebevoll Fotos von eleganten Halsbandregenpfeifern und Pfuhlschnepfen.