Wie der Soldat das Grammofon repariert
- Автор: Stanisic Sasa
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: btb
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Wie der Soldat das Grammofon repariert». Краткое содержание книги:
Die letzten drei Minuten von Ravels Bolero auf voller Lautstärke, wenn Tante Taifun vorbeikommt.
In Nena Fatimas Garten an der Drina würden die Sonnenblumen Lieder spielen, die Nena als Mädchen gesungen hat und die sie noch heute alle auswendig kennt. Stumm würde Nena mitsummen, und wenn ihr Tränen kämen — weil etwas auswendig zu können häufig das Traurigste auf der Welt ist —, würde der pfiffige Schornstein einen Reigen spielen. Tränen und Reigen gehen nicht zusammen. Das Besondere an meinen musizierenden Häusern wäre, dass sie auch jemand, der taub ist wie eine Kanone, hören könnte.
Mein Haus würde mit der Stimme meines Ur-Opas singen und einmal am Tag etwas versprechen, was von Dauer sein würde.
Ich stelle das Lexikon der Weltmusik zurück ins Regal und frage meine Mutter, wann sie mich bitte endlich zwingen wird, ein Instrument zu lernen oder drei oder gleich Akkordeon. Sie sieht Nachrichten: Barrikaden und brennende Fahnen. Ich stelle die Frage im gleichen Wortlaut noch einmal.
Ich male zehn waffenlose Soldaten.
Ich male Mutters Gesicht, lächelnd, heiter, sorglos.
Wäre ich Fähigkeitenzauberer, könnten Bilder sprechen, während wir sie malen.
Wäre ich Fähigkeitenzauberer, könnten Häuser Versprechen halten. Und sie müssten versprechen, nicht Dächer zu verlieren oder in Flammen aufzugehen. Wäre ich Fähigkeitenzauberer, würden die Einschusslochnarben über die Jahre wieder zuwachsen.
Was musiziert eigentlich ein Hochhaus im Krieg?
Welcher Sieg der schönste ist, was mir Opa Slavko zutraut und warum alle so tun, als würde die Angst kleiner werden, wenn man über sie nicht spricht
Keiner konnte ahnen, dass ich gewinnen würde. Onkel Miki gibt mir einen Klaps auf den Hinterkopf und sagt: es konnte ja keiner ahnen, dass du gewinnst. Meine Mutter streicht mir eine Strähne hinter das Ohr, aber sie fällt sofort wieder zurück in die Stirn. Also wirklich, das hätte niemand ahnen können, sagt sie und nimmt mein Gesicht zwischen die Hände.
Die Keiner-konnte-ahnen-Siegerehrung ist gerade vorbei, der Zweitplatzierte mindestens sechsmal älter und zweimal größer als ich. Er gibt mir die Hand, unsere Angelruten kreuzen sich wie Degen. Onkel Miki schiebt ihn zur Seite — er mag mich zwar nicht besonders, aber andere mag er noch weniger, und zu lange gratulieren ist immer verdächtig.
Mein Vater war nicht mitgekommen. Er musste ein Bild in seinem Atelier fertig machen. In letzter Zeit macht er ständig seine Bilder fertig und sobald er eines fertig hat, fängt er zwei neue an. In seinem Atelier ist kein Platz mehr, das Schlafzimmer muss herhalten, Mutter wacht nachts auf und schreit: überall Gesichter!
Ich sehe zum Fluss, dann zu meiner Goldmedaille, ich habe nicht vor, sie jemals wieder abzunehmen. Mit der Medaille bin ich ein Qualifizierter, und am nächsten Samstag sollen sich in Osijek an der Drau alle Qualifizierten treffen. Die besten Angler der Republik, sagte ein dicker, kleiner Mann, als er mir die Urkunde überreichte, woraufhin ihn Miki von ganz hinten im Publikum anschrie: eh, Fettsack, guck nicht so skeptisch!
Miki ist — so nah am Wasser und mit einem Sieger verwandt — Feuer und Flamme. Er ist außer mir auch der Einzige in der Familie, der Ahnung vom Angeln hat. Heute durfte er nicht mitmachen, weil er neulich Čika Luka in die Drina geworfen hat, als der Onkels Angelschein sehen wollte. Miki bestreitet das: der blöde Schnüffler ist ausgerutscht und wenn ich nicht zufällig in der Nähe gewesen wäre, um ihn rauszuholen, hätte bald jemand einen ziemlich hässlichen Wels am Haken gehabt.
Mit Brille und Schnurrbart, wie es sich gehört, ergänzte ich, als Miki unschuldig die Schultern hob. Ich war auf seiner Seite, denn Čika Luka mag weder Menschen noch Fische, noch sich selbst, durch ihn habe ich gelernt, was das Wort» frustriert «bedeutet.
Ich habe heute wegen des Geheimnisses in meinem Futter gewonnen. Paniermehl mit Wasser angemischt, etwas Vanillezucker dazu, Leberwurststückchen plus das Geheimnis. Die Döbel flippten aus, nachdem ich angefüttert hatte, sie sprangen aus dem Wasser und schrien: aufhören! so gut schmeckte ihnen die geheimnisvolle Mischung.
Osijek muss ja gar nicht sein, versuche ich Mutter zu vertrösten, ihr habt ja wirklich nicht ahnen können, dass ich gewinne.
Osijek ist nämlich ein Problem, niemand kann mich hinfahren, da niemand ahnen konnte, dass ich gewinne und deshalb alle schon Pläne gemacht haben. Sagt meine Mutter. Sie sagt nicht: weil in Kroatien geschossen wird. Sie sagt nicht: weil in Osijek ein Panzer ein rotes Auto zermalmt hat. Sie sagt nicht, dass deswegen das Finale längst abgesagt ist, falls da oben überhaupt noch jemand daran denken kann, Dinge abzusagen.
Ich habe doch selbst Angst!
Die Drei, meine Startnummer, steckt immer noch im Ufer, hier zog ich heute Mittag drei Stunden lang ein Moderlieschen nach dem anderen an Land, einige enthusiastische Döbel und sogar einen kleinen Huchen. Er entglitt mir, weil mich Onkel Miki von hinten anschrie: was machst du denn da, Trottel, lass nicht los, spinnst du!
Ich versichere mich, dass niemand zusieht, gehe in die Hocke und streiche mit dem Handrücken über die Wasseroberfläche. Wie hört sich dein Herzschlag an?
Auch zu Hause lasse ich die Medaille um. Meine Mutter ruft in den Keller: Picasso, wir sind wieder da, komm mal hoch, hier gibt es was zu sehen.
Onkel Miki wirft sich auf die Couch und schaltet den Fernseher ein. Der Kaffee wird aufgesetzt, mein Vater kommt pfeifend ins Wohnzimmer, reibt sich mit einem Tuch über die Hände.
Du riechst nach Fisch, sagt er und will an mein Haar.
Du riechst nach Azeton, sage ich und ducke mich.
Er tippt die Medaille an. Nicht schlecht!
Ja, sage ich, ganz gut, aber Vater sieht mich gar nicht mehr an, sondern die Füße seines Bruders auf der Couch. Er schiebt sie unsanft auf den Boden und setzt sich zu ihm.
Kaffee und Platzregen. An Augustnachmittagen muss das so sein. Im Fernsehen kommt Osijek, sogar die Drau wird gezeigt. Vielleicht ganz schön, aber wenn um dich herum Häuser brennen, kannst du schlecht schön sein.
Der Krieg wird ausgeschaltet, als Opa Slavko kommt und sich mir gegenüber setzt. Er sieht sich die Urkunde und die Medaille an. Ich habe es geahnt, sagt er, ach was, ich habe es gewusst.
Niemand hat es ahnen können, Opa, wie willst du es gewusst haben?
Opa hebt die Augenbrauen. Ich habe dich beobachtet, letzte Woche an der Brücke, gestern an der Mündung.
Ich habe dich gar nicht bemerkt.
Ich kann sehr leise gucken.
Und wie konntest du sehen, dass ich gewinnen werde?
Ich habe dir angesehen, dass du glücklich bist. Ich habe deinem Mund angesehen, dass er sich bewegt, dabei warst du allein.
Ich musste ein Gedicht auswendig lernen.
Ich glaube, du hast dich unterhalten.
Opa, ich war allein.
Opa Slavko beugt sich zu mir und flüstert: ich glaube, du warst nicht allein, ich glaube, der Fluss war auch da.
Opa!
Aleksandar!
Wir lehnen uns beide zurück, fallen in die Lehne unserer Stühle wie zwei Boxer zwischen den Runden, nur dass Boxer einander selten anlachen. Opas Haar ist dicht und fest und an den Seiten ergraut, wie Vaters Haar und wie mein Haar in dreißig Jahren; er hängt die Daumen in seine Hosenträger über der Brust, beide schütteln wir den Kopf. Ich wäre gern ein mit meinem Opa befreundeter Opa, wir würden zu unseren Enkeln in Rätseln sprechen und jeden Abend mit hinter dem Rücken verschränkten gemeinsamen Erinnerungen und alten Streitigkeiten spazieren gehen.
Hättest du auch in Osijek gewonnen? fragt Opa, wissend, dass ich nie nach Osijek kommen werde.