Wen die Götter lieben
- Автор: Waters Paul
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wen die Götter lieben». Краткое содержание книги:
Über den Autor:
Paul Waters ist in England geboren und riss mit siebzehn von zu Hause aus, um zur See zu fahren. Irgendwo auf dem Indischen Ozean fiel ihm ein Exemplar von Herodots Historien in die Hände, was seine Faszination für die Antike weckte. Später studierte er Latein und Griechisch am University College London. Danach lebte und lehrte er in Frankreich, Griechenland, Amerika und im südlichen Afrika. Er wohnt heute in Cambridge, England.
Titel der Originalausgabe: »The Philosopher Prince«
»Es sähe Decentius nicht ähnlich, von jemandem einen Rat anzunehmen«, sagte ich. »Er denkt, dass Julian nur seine Absichten vereiteln will.«
»Jeder Dummkopf kann erkennen, dass seine Vorgehensweise falsch ist.«
»Aber nicht Decentius. Er argwöhnt, dass Julian etwas im Schilde führt, und glaubt ihn überlistet zu haben.«
Marcellus schlug mit der Faust gegen die dunkle Rinde des Pflaumenbaums, an dem wir standen, und fluchte leise.
»Ich weiß«, sagte ich. »Er gießt damit Öl ins Feuer.«
Bald trafen die Einheiten nacheinander ein; die Petulantes als Erste, dann die keltischen Hilfstruppen und die Kohorten der anderen Legionen. Alle außer den Herulern und Batavern, die noch mit Lupicinus in Britannien waren.
Da sie für das Kastell auf dem Hügel zu viele waren, schlugen sie ihre Zelte außerhalb der Mauern auf den sanften Hängen am Flussufer auf. Julian begrüßte alte Kameraden und erinnerte sich gemeinsam mit ihnen an ihre tapferen Taten. Als sie sich beklagten, dass sie nach Osten marschieren sollten, gab er zu bedenken, dass es noch viele Siege zu erringen gelte und sie gewiss zu Ruhm und Reichtum gelangen würden. Die Männer hörten ihm respektvoll zu, weil sie ihn mochten. Doch ihre Gesichter verrieten, dass sie nicht überzeugt waren.
Decentius legte bei Julian Protest ein und sagte, er führe sich unmöglich auf. Doch ich war dabei. Hätte er mit dem Brauch gebrochen und sich nicht sehen lassen, wären die Soldaten sofort misstrauisch geworden. Sie hatten bereits dunkle Gerüchte gehört und waren bereit, alles Schlechte zu glauben, das ihnen zugetragen wurde.
Dann, an einem düsteren Wintermorgen, als das Heer zusammengezogen und abmarschbereit war, kam ich auf meinem Weg zu Julian an Decentius vorbei, der zornig über den Innenhof schritt. Bei ihm waren Pentadius und der Quästor Nebridius. Als ich bei Julian eintrat, sagte er: »Decentius ist soeben hier gewesen. Er hat beschlossen, den Tag des Abmarsches vorzuziehen.« Julian nahm ein Pergament vom Tisch und hielt es mir hin. »Hier, sieh dir das an. Das zirkulierte angeblich unter den Petulantes.«
Ich las. In ungelenker Handschrift standen da die altbekannten Klagen: dass die Männer gezwungen würden, ihre Familien zu verlassen; dass Versprechen gebrochen worden seien und dass die Barbaren nach dem Abzug der Soldaten wieder einfallen würden.
»Weißt du, wer das geschrieben hat?«, fragte ich und gab es Julian zurück.
»Decentius beschuldigt mich.«
Unsere Blicke trafen sich. Nach einem Moment schaute Julian achselzuckend zur Seite. »Ich werde sogar beschuldigt, wenn ich überhaupt nichts tue. Jetzt verlangt Decentius, dass ich die Offiziere ausfrage, um festzustellen, wie weit sich diese Ansichten verbreitet haben. Mit ihm will natürlich niemand reden … Darum habe ich alle Offiziere für heute Abend zu einem Bankett eingeladen. Komm auch, Drusus, und bring Marcellus mit.«
Die Petulantes und die Kelten waren Regimenter mit Männern aus Gallien, in denen auch einige barbarische Freiwillige dienten. Einige waren an die römische Lebensweise gewöhnt, andere nicht so sehr, insbesondere die Petulantes, die sich an ihre eigenen Bräuche hielten. Ihnen zu Gefallen lud er zu einem Festmahl, das eines Barbarenhäuptlings würdig gewesen wäre: Er ließ große Platten mit gebratenem Fleisch und stark gewürzten Soßen auftischen, dazu kräftigen gallischen Rotwein, der aus einem massiven Silberkrug ausgeschenkt wurde – einem prächtigen Ding mit Hirschreliefs, groß genug, um einen erwachsenen Mann aufzunehmen.
Für seinen genügsamen Gaumen dürfte das fette Essen widerlich gewesen sein. Doch er verstand es, seine Gäste zu bewirten, wenn es darauf ankam, und er leerte seinen Teller mit Hilfe des dankbaren Hundes, der mit wachen Augen unter der Liege ruhte.
Nachdem die schweren Platten abgetragen waren, befahl Julian, die Weinpokale noch einmal zu füllen, und schickte die Diener zu Bett. Erst dann fragte er nach der Stimmung unter den Soldaten.
Gelächter und Gespräche verstummten so schnell, wie Blei im Wasser versinkt. Jeder Offizier blickte seinen Nachbarn an, da er nicht als Erster antworten wollte.
»Es gibt ein Gerücht, wonach die Männer unzufrieden sind«, sagte Julian.
Dagalaif, der stattliche germanische Befehlshaber der Petulantes, stieß ein raues Lachen aus und schlug sich auf den Schenkel. Er gehörte zu Nevittas Freunden. Wie dieser hatte er während des Abends eine reichliche Menge getrunken.
»Unzufrieden!«, rief er und schaute spöttisch in die Runde. Er wollte gerade weitersprechen, als sein Blick auf Nevitta fiel, worauf er sich seine nächsten Worte verkniff. Ich schaute Nevitta an. Sein durchtriebenes Gesicht nahm einen nichtssagenden Ausdruck an. Er mochte derb sein, war aber auch berechnend. Er war kein Mann, der sich als Erster auf dünnes Eis wagt.
Wie weit Dagalaif das wusste, war mir nicht bekannt. Ich vermutete aber, dass er ihn in einem gewissen Maße durchschaut haben musste, denn er fuhr leiser und unsicherer fort: »Ich kann nur für meine eigenen Männer sprechen.«
»Dann sprich«, sagte Julian.
Dagalaif schaute stirnrunzelnd in die Runde und begegnete nur verschlossenen oder abgewandten Gesichtern. Er stellte seinen silbernen Pokal ab und wischte sich mit dem haarigen Unterarm den Mund ab. »Die Stimmung ist schlecht. Wenn du die Wahrheit hören willst: So schlecht gelaunt habe ich die Männer noch nie erlebt. Nicht einmal nach der Schlacht am Mons Seleucus.«
Von den anderen Liegen erklang beipflichtendes Gemurmel. Davon ermutigt, fuhr Dagalaif fort: »Sie sind gute, ehrliche Männer, Cäsar, das Salz der Erde, und sie fürchten keinen Kampf. Das weißt du. Aber es gefällt ihnen nicht, dass sie abbefohlen werden. Ein Versprechen muss man halten.«
Es folgte ein kurzes Schweigen. Dann öffneten sich die Schleusen, und plötzlich redeten alle durcheinander. Die Regimenter beklagten sich ausnahmslos, hieß es. Die Männer fühlten sich behandelt wie Verbrecher, die man aus ihrer Heimat ans Ende der Welt verbannte. Hätten sie dafür ihr Leben im Kampf aufs Spiel gesetzt? Julian sei ihr Befehlshaber, nicht Constantius. Die Männer wollten bei ihm bleiben. Sollte Constantius seine Kriege mit seinen eigenen Legionen führen.
Ich warf Marcellus einen Blick zu. Wie ich hatte er sich beim Wein zurückgehalten, da er geahnt hatte, was kam. Ich dachte im Stillen: Wie gut, dass er die Diener zu Bett geschickt hatte, denn das durfte dem Kaiser nicht zu Ohren kommen.
Eine Weile lamentierten sie. Julian hörte zu, ohne einen Kommentar abzugeben, und blickte von einem Sprecher zum anderen.
Schließlich, nachdem alles gesagt und wiederholt worden war, breitete sich Stille aus, und die Offiziere warteten gespannt, was Julian dazu sagen würde.
Er wolle sie wissen lassen, begann er mit wohlüberlegten Worten, dass der Befehl, nach Osten zu marschieren, nicht seinem Wunsch entspreche. Aber wie sie habe er Befehlen zu gehorchen. Er erzählte ihnen von Constantius’ Forderungen. Er könne nur vermuten, sagte er, dass der Kaiser die Soldaten Galliens dringend benötige. Er selbst habe nicht die Macht, dagegen einzuschreiten. Sie hätten ihm gut gedient, aber nun müssten sie ihre Pflicht tun.
Es war eine schlichte Ansprache, die bewegte und scheinbar ohne große Redekunst auskam. Doch ich dachte mir dabei, dass Julian nicht vergeblich bei den klügsten Köpfen Athens studiert hatte.
Hinterher gab es glänzende Augen und nasse Wangen, und bald darauf gingen die Offiziere Arm in Arm, von Fackelschein begleitet, in die dunkle Nacht.
Als sie fort waren und nur noch Marcellus und ich bei Julian saßen, schaute er über die geleerten Becher und abgenagten Knochen und sagte: »Ich habe nichts getan, dessen ich mich schäme. Doch eines habe ich übersehen.«
Marcellus fragte, was er meinte.
»Ich habe die Männer eingeladen, um zu erfahren, was sie denken.« Er hielt inne und konzentrierte sich. Er war das Trinken nicht gewöhnt und hatte ein bisschen zu viel Wein genossen. »Ich habe sie danach gefragt, und sie haben es mir gesagt. Aber sie haben es auch einander offenbart.«