Das Anekdotenbuch
- Автор: Weiskopf F. C.
- Год: 1964
- Язык: немецкий
- Год: Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Das Anekdotenbuch». Краткое содержание книги:
— daß das Wort Anekdote als Buchtitel zum ersten Mal von dem griechischen Geschichtsschreiber Prokopios verwandt wurde, als er die bis dahin verschwiegenen Einzelheiten über das Privatleben des Kaisers Justinian veröffentlichte?
— daß es Anekdoten nicht nur um Könige, Staatsmänner und Künstler gibt?
— daß eine literarisch erzählte Anekdote mehr ist als nur ein gut vorgetragener Schwank oder Witz?
— daß große und berühmte Dichter diese kleinste und darum sehr schwierige Prosa-Form pflegten?
Wie nur wenige verstand F. C. Weiskopf die Kunst, Erlebnisse, Berichte, Erzählungen und Zeitungsnotizen Anekdoten werden zu lassen. Begebenheiten voll unglaublicher Zufälle, aber auch sonderbaren Situationen aus dem Alltag kam er auf die Spur und gestaltete sie zu pointierten und merkwürdigen, das heißt des Merkens würdigen, Geschichten.
Was in der Nachschrift zur Anekdote von den Passagieren des Todes gesagt wurde, sei hier als Vorspruch wiederholt: Die Freiheit spricht in vielen Zungen, aber es ist immer dieselbe Sprache. Ähnliche Geschichten wie die nachfolgende, die mir während meines Aufenthalts in China zu Ohren gekommen, sind im letzten Krieg auch von polnischen und jugoslawischen Partisanen erzählt worden.
Der rote Fetzen
Als am siebenten November des Jahres 1933, am Tag der großen russischen Revolution, vom Schlot der stillgelegten P… schen Margarinefabrik bei R… eine rote Fahne mit Hammer und Sichel wehte, wurden die männlichen Bewohner der nahegelegenen Laubenkolonie, die als kommunistisches Nest verschrien war, von der SS festgenommen und — da sie nichts gestehen wollten oder konnten — so lange geprügelt, bis sie blutig und bewußtlos auf der Erde lagen. Dann gestattete man den Weibern, die der Exekution hatten beiwohnen müssen, ihre Männer — bevor sie auf Lastautos verladen und weggeschafft wurden — notdürftig zu reinigen und zu verbinden.
Das SS-Kommando, das am nächsten Tag in der Kolonie nach den wenigen Männern Umschau hielt, die am Vorabend nicht zu Hause gewesen waren, fand nur Weiber und Kinder vor — doch wehte vom Schlot der Margarinefabrik wiederum eine Fahne.Der Staffelführer befahl einem Jungen, den "roten Fetzen" sofort herunterzuholen, und ließ, während das geschah, die Weiber und Kinder antreten und vor den entsicherten Karabinern seiner Truppe das Horst-Wessel-Lied singen.
Als der Junge, der die Fahne zu holen hatte, wieder unten anlangte, zeigte es sich, daß sie gar nicht rot war, sondern rostfarben, schwarzbraun und schwarz gefleckt, und auch keine Fahne, sondern ein blutgetränktes Tuch: eines der Handtücher, mit denen die Frauen am Abend vorher ihre zerschlagenen Männer gereinigt hatten.
Von den Gefangenen starben zwei im Krankenhaus. Zwei wurden "auf der Flucht erschossen".
Würde und Vernunft
In den trüben Februartagen des Jahres 1939, als die katalonische Armee, von einem an Zahl und Kriegsmaterial weit überlegenen Feind bedrängt, nach tapferster Gegenwehr auf französisches Gebiet übertrat, ereignete sich ein Vorfall, von dem kein Heeresbericht meldet, der aber trotzdem verdient, aufgezeichnet und überliefert zu werden.
Der Rückzug des Korps Modesto — das den Feind in der Küstenprovinz so lange aufgehalten hatte, bis der letzte Verwundete sicher über die Grenze gebracht war — wurde von einer Maschinengewehrabteilung unter dem Befehl des Leutnants Miguel de Llano gedeckt. Die Llanos sind eine alte Offiziersfamilie. Einer von ihnen, der General Queipo de Llano, machte gleich zu Beginn gemeinsame Sache mit dem blutigen Franco und erwarb sich einen traurigen Ruhm als bramarbasierender Rundfunksprecher. Der Leutnant de Llano hatte das Kommando über den Deckungstrupp erbeten, um — wie er sagte — dem Land und der Welt zu zeigen, daß es auch andere Llanos als den verräterischen General gebe.
Von einem Felsenhügel bei Port Bou, der letzten spanischen Ortschaft vor der Grenze, hielt die kleine Truppe die Francotruppen in Schach, solange die Munition reichte. Dann zog sie sich, wie befohlen, über die Grenze zurück: in guter Ordnung und mit wehender Fahne. Nur der Leutnant blieb noch auf spanischem Boden. Im Angesicht der anstürmenden Gegner kniete er nieder, küßte den Boden der Heimat, sprang wieder auf und schrieb mit einem Stück Kohle an den Felsen:
Wir kommen wieder, Franco! Es lebe die Freiheit!
Miguel de Llano, Leutnant,
Soldat der Republik aus Würde und Vernunft.
Dann schritt er langsam, mit erhobener Faust, auf den Grenzpfahl zu. Die verdutzten Franco-Söldner brachten ihre Gewehre zu spät in Anschlag. De Llano erreichte unversehrt französischen Boden.
Uber dem Herzen
Es geht nichts über das Gemüt eines Berserkers.
Als der Laufbahn und dem Leben des Xaver Krombholzer, Oberfeldwebels in einem deutschen Pionierbataillon, durch eine Landmine bei Gomel ein verdientes Ende bereitet wurde, fanden die russischen Sanitäter, die seinen Leichnam auflasen, bei ihm einen Gedichtband von Mörike; einen Brief seiner Frau, worin es hieß: "Schicke mir Kinderwäsche, sie kann auch blutig sein, ich wasche die Flecken schon heraus…"; eine Aufzeichnung, aus der hervorging, daß er eigenhändig mehrere Partisanenmädchen gehängt hatte; und eine Photographie seines nackten Hintern mit identifizierendem Vermerk. Die Photographie hatte Krombholzer — wo sonst wäre sie auf dem rechten Fleck gewesen? — in der Brusttasche mit sich getragen, über dem, was er vermutlich sein Herz nannte.
"Ameko kaäre!"
Wir verstehen es noch nicht immer, den Völkern die richtige Ansicht über die Friedensliebe der Vereinigten Staaten zu verkaufen.