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Die Leiden eines Chinesen in China

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Die Leiden eines Chinesen in China
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Ob sie nun aber nach dem Golfe von Leao-Tong getrieben oder nach dem von Pe-Tche-Li zurückgeworfen worden war, jedenfalls mußte die »Sam-Yep« baldmöglichst einen Kurs nach Nordwesten einschlagen. In dieser Richtung mußte das Land sich finden; nur wie weit es bis dahin sein mochte, das war die einzige Frage.

Kapitän Yin hätte gewiß auch die Segel gehißt und wäre in gleicher Richtung mit der Sonne gefahren, die eben in hellstem Glanze leuchtete, wenn ihm das möglich gewesen wäre.

Das war jedoch nicht möglich.

Nach dem Typhon herrschte die vollständigste Ruhe, keine Bewegung in den Schichten der Atmosphäre, kein noch so leiser Windhauch. Ringsum lag ein gleichmäßig ebenes Meer, das keine Welle kräuselte, kaum fühlte man ein langsames, dem Athmen vergleichbares Senken und Heben des Wassers, das sich dabei nicht von der Stelle regte. Auf dem Meere lag ein warmer Dunst, und der in der Nacht von kämpfenden Wolkenmassen bedeckte Himmel sah jetzt aus, als könne er niemals zürnen. Es trat eine jener unheimlichen Windstillen ein, deren Ende Niemand absehen konnte.

»Sehr schön, sagte Kin-Fo mit einem gewissen Galgenhumor, nach dem Sturm, der uns auf die hohe See verschlägt, eine Windstille, die uns hindert, an’s Land zu kommen!«

Er wendete sich an den Kapitän.

»Wie lange kann diese Stille andauern? fragte er.

– Aber, bester Herr, wer könnte das in der jetzigen Jahreszeit voraussagen! erwiderte der Kapitän.

– Stunden-oder tagelang?

– Tage-oder wochenlang! verbesserte Yin mit resignirtem Lächeln, das seine Passagiere fast außer sich brachte.

– Wochenlang! fuhr Kin-Fo auf. Glauben Sie denn, ich habe Zeit, hier wochenlang zu warten?

– Es wird nichts Anderes übrig bleiben, wenn wir die Dschonke nicht schleppen lassen.

– Zum Kukuk mit ihrer Dschonke, mit allen Denen, die sie trägt, und zuerst mit mir, der die alberne Idee hatte, auf dieselbe an Bord zu gehen.

– Darf ich Ihnen zwei Rathschläge ertheilen, mein Herr? sagte Kapitän Yin.

– Wie es Ihnen beliebt!.

– Der erste ist der, daß Sie sich niederlegen und schlafen, wie ich es eben thun werde, das dürfte nach einer auf Deck durchwachten Nacht das Gescheidteste sein.

– Und Ihr zweiter Rath? fragte Kin-Fo, den die Ruhe des Kapitäns fast noch mehr außer Fassung brachte, als die des Meeres.

– Der zweite, erwiderte Yin, ist der, es zu machen wie meine Passagiere im Raume unten: sie beklagen sich nicht und nehmen die Zeiten, wie sie kommen!«

Nach dieser philosophischen Bemerkung, welche wirklich eines Wang würdig gewesen wäre, begab sich der Kapitän nach seiner Cabine und ließ nur zwei bis drei Mann von der Besatzung auf dem Deck zurück.

Eine Viertelstunde lang ging Kin-Fo mit gekreuzten Armen und mit den Fingern vor Ungeduld Triller schlagend auf dem Schiffe hin und her. Dann warf er noch einen letzten Blick auf die traurige Einöde, deren Mittelpunkt die Dschonke einnahm, zuckte die Achseln und schritt auf das Wohnhäuschen zu, selbst ohne ein Wort an Craig-Fry zu richten.

Die beiden Agenten lehnten auf dem Barkholz und unterhielten sich wie gewöhnlich mit einander, ohne ein Wort dabei zu sprechen. Sie hatten Kin-Fo’s Fragen, ebenso wie die Antworten des Kapitäns gehört, vermieden es aber, sich einzumischen. Was hätte es ihnen auch nützen können, und weshalb sollten sie in die Klagen über diese Verzögerung einstimmen, die ihrem Clienten die Laune so gründlich zu verderben schien?

Was sie an Zeit verloren, gewannen sie ja offenbar an Sicherheit. Da Kin-Fo an Bord keiner Gefahr ausgesetzt war und die Hand Lao-Shen’s ihn hier unmöglich treffen konnte, was hätten sie mehr wünschen können?

Uebrigens nahte der Zeitpunkt, mit dem ihre Verantwortlichkeit zu Ende ging, mehr und mehr heran. Noch fünfzig Stunden – und wenn sich dann die ganze Armee des Tat-Ping auf den Ex-Clienten der »Hundertjährigen« gestürzt hätte – sie hätten kein Haar daran gewagt, ihn zu vertheidigen. O, diese Amerikaner sind praktische Leute! Alles für Kin-Fo, so lange er ihnen zweimalhunderttausend Dollars galt! Nichts – sobald er für sie kaum noch eine Sapeke werth war.

Mit einem solchen Gedankengang im Kopfe, nahmen Craig und Fry mit gutem Appetit ein kräftiges, Frühstück ein. Ihr vorräthiger Proviant ließ nichts zu wünschen übrig. Sie aßen von derselben Schüssel, von demselben Teller, verzehrten dieselben Bissen Brot und Stücke kalten Fleisches. Sie tranken gleichmäßig viel Gläser eines vortrefflichen Weines von Chao-Chigne auf die Gesundheit des ehrenwerthen William J. Bidulph, sie rauchten Jeder ein halbes Dutzend Cigarren und lieferten noch einmal den Beweis, daß man, ohne als solches geboren zu sein, doch nach Sitte und Gewohnheiten ein siamesisches Zwillingspaar darstellen kann.

Brave Yankees, die nun bald am Ende ihrer Leiden zu sein glaubten!

Der Tag verlief ohne Unfall, ohne Zwischenfall. Immer dieselbe Ruhe der Atmosphäre, derselbe friedliche Anblick des Himmels. Nichts deutete auf eine bevorstehende Aenderung der Witterung hin. Die Gewässer des Meeres schlummerten stille wie die eines Landsees.

Gegen vier Uhr erschien Soun wieder auf dem Verdeck, aber wankend und schwankend wie ein Trunkener, obwohl er in seinem Leben noch nie so mäßig gelebt hatte wie in den letzten Tagen.

Nachdem er zuerst ein violettes Aussehen, dann ein blaues und zuletzt ein grünes angenommen, änderte sich seine Farbe wieder nach und nach in gelb um. Wenn sie dann nach der Rückkehr an’s Land orangenfarbig wurde und aus dieser gewöhnlichen Farbe, wenn etwas seinen Zorn erregte, in’s Rothe überging, so hatte sie allmählich und in richtiger Ordnung die ganze Farbenscala des Sonnenspectrums durchlaufen.

Mit halb geschlossenen Augen und ohne einen Blick über die Schanzkleidung der »Sam-Yep« zu werfen, schleppte sich Soun mühsam zu den beiden Agenten hin.

»Sind wir noch nicht am Ziele? fragte er.

– Nein, antwortete Fry.

– Kommen wir bald an?

– Nein! erklärte ihm Craig.

– Ai, ai, ya!« seufzte Soun.

Voller Verzweiflung und außer Stande, noch länger zu sprechen, streckte er sich, von würgenden Krämpfen geschüttelt, am Fuße des Großmastes nieder, wobei sein kleiner Zopf wie ein kurzer Hundeschweif wedelte.

Zum Zweck der Lüftung des Raumes hatte Kapitän Yin die Deckluken öffnen lassen. Während des Typhon brandeten einzelne Wellen nämlich bis auf das Deck und drangen theilweise in den Schiffsraum ein. Die dadurch entstandene Feuchtigkeit sollte die warme Sonne nun daraus entfernen.

Während sie planlos auf dem Deck hin und her wandelten, waren Craig und Fry wieder an der großen Luke stehen geblieben. Mehr und mehr erwachte in ihnen die Neugier, dieses provisorische Grabgewölbe einmal in Augenschein zu nehmen. Sie kletterten also an den stufenförmig eingeschnittenen Deckstützen hinunter.

Unter der großen Luke erleuchtete die Sonne einen großen viereckigen Fleck mit ihren vollen Strahlen; nach beiden Seiten von demselben lag der Raum in tiefe Dunkelheit gehüllt. Craig’s und Fry’s Augen gewöhnten sich jedoch bald an diese Finsterniß, so daß sie erkennen konnten, wie man die eigenthümliche Ladung der »Sam-Yep« verstaut hatte.

Den Schiffsraum trennten hier keine Scheidewände, wie es sonst auf Handelsfahrzeugen der Fall zu sein pflegt, in Längsabtheilungen. Er bildete von einem Ende zum anderen einen freien Behälter für die Last, da die Wohnungen auf dem Verdeck für die Besatzung vollständig hinreichten.

An beiden Seiten dieses Raumes, der übrigens an Sauberkeit mit dem Vorzimmer eines Cenotaphiums wetteiferte, standen die nach Fu-Ning bestimmten fünfundsiebzig Särge reihenweise übereinander. Sorgsam mit Tauen befestigt, konnten sie weder beim Rollen noch beim Stampfen der Dschonke ihre Stelle verändern und gefährdeten die Sicherheit derselben in keiner Weise.

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