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Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten

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Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten
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Vampa beobachtete ihn nachdenklich. »Was willst du hören?«

»Etwas... aus meiner Kindheit. Vielleicht war meine Zeit im Waisenhaus ja nicht so furchtbar, wie ich sie in Erinnerung hab.« Er lächelte gequält über die Wahrheit in diesem Gedanken.

»Du warst glücklich, als du mal einer Erzieherin, klein und dick war sie, die Strümpfe zerschnitten hast. Sie hat nie rausgefunden, dass du es warst. Die anderen Kinder haben dich als Held gefeiert. Eine Kleine mit braunen Haaren hat dich angelächelt. Sie hatte Sommersprossen und nur einen Vorderzahn und du hast sie oft auf dem Rücken getragen. An sie konntest du dich besonders gut erinnern.«

Tigwid lächelte, während ihm Tränen in die Augen stiegen. »Lissi. Das war Lissi. Ist mit acht gestorben.« Er vergrub das Gesicht in den Armen und es blieb sehr lange still. »Ich kann mich noch dran erinnern, wie traurig ich war«, nuschelte er irgendwann. »Aber ihr Lächeln... das kenne ich nicht mehr.«

Vampa wusste nicht, ob er weitersprechen sollte. Aber schließlich war der Drang zu stark. Es war, als könne er Tigwid eine Erinnerung erzählen, die ihm, Vampa, gehörte. Und gleichzeitig waren sie beide eine Person, mit einer Vergangenheit... alles, was sie trennte, waren die Worte, mit denen Vampa ihm seine Erinnerungen erzählen musste.

»Da war auch ein Mädchen«, begann Vampa, »das dir eine Blume geschenkt hat. Irgendwann im Sommer. Sie hat dir die Blume ins oberste Knopfloch deines Jacketts gesteckt. Wie hieß die?«

»Keine Ahnung«, murmelte Tigwid. »Wahrscheinlich hab ich keine traurigen Erinnerungen an sie. Du weißt also mehr als ich. War sie denn nett?«

»Nun, sie hat nicht viel gesagt.«

»Und hübsch?«, fragte er bitter.

Vampa fühlte etwas Seltsames in seinem Inneren, wie eine heiße, drückende Übelkeit, doch sie war so schnell verschwunden, wie sie gekommen war. »Ich, ich habe sie ja nur durch deine Erinnerung gesehen. Und da war sie... ja, also, ja. Das war sie.«

Tigwid vergrub wieder das halbe Gesicht hinter den Armen und blickte abwesend an die schimmelige Wand gegenüber. »Ein Teil meines Lebens, noch dazu der schönste... einfach weg. Und ich hab mich immer gefragt, wieso ich nie glücklich war. Das ist ein Albtraum! Mein ganzes Leben ist ein Albtraum! Ich lebe das, was für dieses Buch nicht gut genug war, ich lebe die - die Reste, die zu langweilig oder hässlich oder traurig waren, um aufgeschrieben zu werden!« Er zog geräuschvoll die Nase hoch. »Ich klau Geld und Schmuck, aber die klauen Menschen. Die klauen Glück. Mein Glück!«

»Weißt du«, begann Vampa leise, »ich wünschte, ich hätte wenigstens die schlechten Erinnerungen. Menschen sind wie Gärten, weißt du, mit Blumen und Knospen und Unkraut. Bei dir hat man alle schönen Blumen gepflückt, aber... du hast noch Erde und Pflanzen, und die werden neue Blüten haben. Ich habe nichts. Ich kenne weder schöne Blumen noch hässliches Unkraut. Keine Erde, aus der Neues wachsen kann.«

Tigwid sah ihn an und richtete sich erschrocken auf: Schweiß glänzte auf Vampas Gesicht. Seine Augen leuchteten fiebrig. Das Blut von der Schusswunde überzog seinen ganzen Oberkörper mit geronnenen Rinnsalen.

»Vampa!« Tigwid stürzte neben ihn, als er sich auf den Rücken sinken ließ.

»Ist schon in Ordnung.« Vampa tätschelte ihm den Arm. »Ich kann nicht sterben.«

Tigwid starrte ihn an. Aber mittlerweile verblüffte ihn das gar nicht mehr; im Grunde hätte er sich etwas ähnlich Unheimliches bei Vampa denken können. Langsam setzte er sich zurück und beobachtete, wie Vampa die Augen schloss.

»Ich sterbe nicht«, wiederholte er tonlos. »Ich verändere mich nicht. Weißt du, wie alt ich bin, Gabriel? Dreiundzwanzig. Ich bin dreiundzwanzig... gefangen in diesem Vierzehnjährigen! Bist du auch unverwundbar?«

Tigwid schüttelte den Kopf. »Nicht dass ich wüsste, nein.«

»Gut. Gut... Ich habe nur geglaubt, dass alle, die in den Blutbüchern gefangen stehen, so sind wie ich. Aber du ... bist ja ganz normal.«

»Ganz normal, wer ist das schon?«, murmelte Tigwid. Gleichzeitig überlegte er, ob seine Mottengabe etwas damit zu tun hatte, dass er nicht wie Vampa ein lebender Toter war. Hatten seine Fähigkeiten womöglich verhindert, dass die Dichter ihm alles rauben konnten? Plötzlich erstarrte Tigwid: seine Mottengaben! Wusste Vampa durch das Buch, dass er eine Motte war? Mit pochendem Herzen schielte er zu ihm hinab, aber Vampas Gesicht verriet nichts, wie immer.

»Wieso kannst du sterben, Gabriel? Und... und du kannst fühlen. Du bist wütend auf Ferol, weil er dir deine Erinnerungen gestohlen hat. Wut. Wie ist das?«

Tigwid konnte es nicht erklären und war auch viel zu beschäftigt mit der Frage, ob noch jemand außer Apolonia und Bonni sein größtes Geheimnis kennen könnte.

»Keine Ahnung, es ist so wie ein Knoten und dein Kopf fühlt sich irgendwie schummrig vor - vor Wut eben. Kannst du denn wirklich gar nichts fühlen?« Tigwid sah ihn beklommen an. »Das muss man doch irgendwie rückgängig machen können. Irgendwie muss ich meine Erinnerungen zurückbekommen können, und du dein Leben.«

»Das hatte ich vor. Ich wollte sehen, ob man seine Erinnerungen wieder aufsaugen kann, wenn man sein Buch findet. Aber du kannst ja nicht lesen.«

Tigwid stützte grimmig das Gesicht in die Hände. Dann merkte er, dass Vampas Kopf zur Seite genickt war und er die Augen geschlossen hatte.

»Vampa - he, Vampa! Bist du dir wirklich sicher mit der Unsterblichkeitssache?« Er klopfte ihm auf die Wangen. Sie waren nicht nur so grau wie die einer Leiche, sondern auch so kalt. Ein leises Keuchen kam aus seinem Mund.

»Gleich«, hauchte er. »Ist gleich ... vorbei.«

Tigwid wischte sich über die Stirn. »Das ist viel zu verrückt. Wie ist es eigentlich, zu sterben?«

»Weiß ich nicht, bin nur tot.«

»Oh ... und wie ist das so?«

Vampa atmete langsam und tief. Bald war die Nacht vorüber. Höchstens eine Stunde noch, dann war alles wieder wie immer.

»Verbluten, das ist bisschen wie erfrieren«, flüsterte er. »Du spürst, wie es aus dir rausläuft, die Kraft... Wärme. Und ersticken ist so grässlich wie verbrennen, glaub ich. Bin aber nie richtig verbrannt. Ersticken is furchtbar.«

Tigwid erwiderte nichts. So saßen sie eine lange Zeit schweigend nebeneinander, während Vampas Kräfte schwanden und Tigwid sich verschiedene Todesarten durch den Kopf gehen ließ. Dann schweiften seine Gedanken wieder zu seinem geraubten Glück, zu den Dichtern, zu den Mottengaben, die sie benutzten... zu seiner eigenen Gabe... und zu Apolonia. Hatte sie recht gehabt? War etwas Teuflisches, Böses an den Motten und ihren Gaben? Wie sonst konnte jemand so grausame Dinge tun?

Er hatte sich einfach gefragt, wie und weshalb die Mottengaben funktionierten, und nun war er auf einen ganzen Haufen Geheimnisse und Rätsel gestoßen. Er seufzte. Vielleicht hätte er gar nicht erst über seine Gabe nachdenken sollen, vielleicht hätte er einfach hinnehmen sollen, wie das Leben war. Dann hätte er nie erfahren, dass seine stille Trostlosigkeit einen Grund hatte. Dann hätte er Apolonia nie überredet, mit zu Eck Jargo zu kommen. Bei diesem Gedanken spannten sich seine Muskeln. Er hätte sie nie hinbringen dürfen. Was hatte er sich nur gedacht? Dass einem Mädchen aus der Oberschicht zu trauen war? Hatte er wirklich geglaubt, dass so eine ihm helfen würde? Die Reichen scherten sich doch keinen Pfifferling um die Sorgen der einfachen Leute! Und er war auf Apolonia reingefallen, er hatte sie zu Eck Jargo gebracht, und es war nicht nur ihre, sondern auch seine Schuld, dass die letzte Zuflucht vor der kalten, rauen Wirklichkeit, die letzte Traumwelt für immer verloren war.

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