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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»So etwas ist aber grundschlecht,« sagte Tom; »ich will ja tun, was du begehrst, wiederhole aber, daß meiner Ansicht nach die Marquise deinen Plänen nicht so gefährlich ist, wie du dir denkst. Weit gefährlicher scheint mir das junge Ding zu sein, das Rudolf, als Handwerker verkleidet, vor etwa sechs Wochen auf die Meierei hinausgebracht hat, und mit dessen Erziehung er sich angelegentlich befaßt. Sie soll ja aus gewöhnlichstem Stande sein, ist aber eine hervorragende Schönheit. Hier läßt alles darauf schließen, daß es sich um keine flüchtige Neigung handelt. Um aber dieses, meiner Meinung ernstlichere Hindernis gegen deine Pläne zu beseitigen, ist es notwendig, daß wir sehr vorsichtig handeln. Es war auch schwer genug, genaue Erkundigungen über die Leute einzuziehen, die auf dem Gute wohnen, aber ich weiß jetzt Bescheid, und halte den Augenblick zu handeln für gekommen. Ein Zufall hat mir die alte greuliche Hexe wieder in den Weg geführt, die wir als Eule kennen gelernt haben; und ihre Beziehungen zu Leuten, wie jenem Räuber, der uns bei dem Ausflug nach Alt-Paris überfiel, werden uns jetzt von Nutzen sein können. Ich bin willens, die Sache morgen zum Abschlusse zu bringen.«

»Tom,« sagte Gräfin Sarah, »sind diese beiden Hindernisse aus unserm Wege, dann wird unser großer Plan ...« – »Je nun, es hat noch seine Schwierigkeiten, er wird aber gelingen. Entgeht uns aber auch diese letzte Hoffnung,« setzte er mit einem traurigen Blicke auf Sarah hinzu, »dann, Sarah, bin ich frei.« – »Ja, Tom, dann sollst du frei sein,« versetzte Sarah. – »Du wirst die Bitten, die meine Rache schon zweimal sistierten, nicht wieder an mich richten?« fragte er, mit einem Blick auf den schwarzen Krepp an seinem Hute und auf die schwarzen Handschuhe, die seine Hände bedeckten ... und bitter lächelnd setzte er hinzu: »Ja, ich warte noch immer; du weißt, daß ich seit sechzehn Jahren diese Trauer trage, und daß ich sie nicht eher ablegen werde, bis ...« – Er winkte mit der Hand ... »Doch still! Man kommt vom Souper zurück, und da es dir geraten erscheint, den Marquis von Harville vom Stelldichein seiner Gattin zu unterrichten, so wird es gut sein, wenn wir uns auf den Weg machen. Die Zeit rückt vor.«

Und das Geschwisterpaar verließ den Saal.

Vierter Teil.

Erstes Kapitel.

Ein Rendezvous.

Rudolf konnte leider die Marquise nicht, wie er gerechnet hatte, retten; sie sollte, nachdem sie den Saal im Gesandtschaftspalais verlassen, einen Höflichkeitsbesuch bei Frau von Nerval machen; ihre Empfindungen bestürmten sie aber so heftig, daß sie den Mut, auf den andern Ball zu gehen, nicht fand, sondern heimkehrte. Und dadurch wurde alles verdorben. Baron Graun, wie fast alle Personen, die bei der Gräfin ** geladen gewesen waren, war auch von Frau von Nerval geladen worden, und Rudolf ließ durch Baron Graun dort nach Frau von Harville vorfragen, um sie für denselben Abend noch um eine Unterredung zu ersuchen. Der Baron kehrte aber unverrichteter Dinge zurück, da die Marquise gar nicht auf dem Balle erschienen war. Rudolf war außer sich, denn er hatte mit Recht gemeint, ihr vor allem den Verrat anzeigen zu sollen, den man an ihr hatte begehen wollen. Nun war es zu spät, denn der schändliche Brief war dem Marquis kurz nach Mitternacht zugestellt worden.

Am andern Morgen ging Marquis von Harville langsam in seinem Schlafzimmer auf und nieder – am Kamin lag ein Stuhl und ein Tisch, beide aus Ebenholz, umgestürzt; auf dem Teppich lagen Glasscherben, halb zertretene Kerzen, und ein Armleuchter war weit von dem Flecke hinweggerollt, wo er sonst zu stehen pflegte. Das waren die deutlichen Zeichen eines heftigen Kampfes, der hier vor sich gegangen sein mußte.

Herr von Harville war etwa 30 Jahre alt und hatte ein männliches Gesicht von im allgemeinen angenehmem, mildem Ausdruck, das jetzt bleich und verzerrt aussah. Er trug noch denselben Anzug wie tags vorher. Sein Hals war entblößt, die Weste offen, das Hemd zerrissen, stellenweis wie mit Blut befleckt. Das sonst wohlgeordnete braune, gelockte Haar hing ihm wirr über die bleiche Stirn.

»Morgen um ein Uhr wird Ihre Frau sich zu einem Stelldichein in der Rue du Temple Nr. 17 begeben. Folgen Sie ihr dorthin. Dann werden Sie erfahren, daß Paris um einen Hahnrei reicher ist. Gratuliere zu solcher Ueberraschung!« Das stand in dem Billet, das er vom Marmorsimse genommen, und jetzt mit gierigen Blicken im bleichen Lichte des Wintergartens verschlang.

Da wurde die Tür geöffnet, und ein greiser Kammerdiener trat ein. Ohne seine Stellung Zu verändern, das Billet in der Hand zerknüllend, wandte der Marquis sich zur Seite. – »Was willst du?« herrschte er den Diener an, der kein Wort erwiderte, aber einen schmerzlichen Blick auf die im Zimmer umherliegenden Gegenstände warf... »Gnädiger Herr!« rief er nach einer Weile, »Blut an Ihrem Hemd? O Gott! o Gott! Sie haben sich gewiß verwundet! Aber warum haben Sie denn nicht geklingelt wie sonst?« – »Laß mich!« – »Aber, Herr Marquis! Das Feuer ist ja ausgegangen. Es ist schrecklich kalt hier.. nach Ihrem...« – »Still! Ich sage dir doch, du sollst mich in Ruhe lassen!« –

An allen Gliedern zitternd, hub der Diener wieder an: »Herr Marquis! Sie hatten doch Herrn Doublet befohlen, heut morgen Punkt elf hier zu sein! Jetzt ist's so weit. Herr Doublet wartet mit dem Notar.« – »Gut,« sagte der Marquis bitter, seine Ruhe allmählich wiederfindend; »laß die Herren kommen.« – »Sie warten schon im Kabinett.« – »Nun, dann gib mir andere Sachen! Aber schnell, ich muß gleich ausgehen.«

Während Joseph sich damit befaßte, in dem Gemache seines Herrn Ordnung zu machen, trat dieser an den Gewehrschrank, musterte ein paar Minuten lang die darin befindlichen Waffen, winkte Joseph zufrieden und sagte: »Du hast doch nicht vergessen, meine Waffen oben im Jagdkasten zu putzen?« – »Vor vier Wochen sind sie doch erst vom Büchsenmacher gekommen.« – »Sieh nach, was dran fehlt, und bring sie mir her! Ich werde wohl bald auf die Jagd gehen und wünsche, daß alle meine Waffen in sauberster Ordnung seien.«

Nachdem er sich umgezogen, trat der Marquis in sein Kabinett, wo sein Intendant Doublet und der Schreiber eines Notars auf ihn warteten. – »Das Dokument muß dem Herrn Marquis noch vorgelesen werden,« sagte Doublet, »dann braucht es bloß unterfertigt zu werden.« – »Haben Sie es gelesen, Doublet?« – »Jawohl, Herr Marquis!« – »Nun, das genügt. Ich unterzeichne.« Sobald dies geschehen war, ging der Schreiber. – »Von jetzt ab,« sagte Doublet mit triumphierendem Blicke, »steigen Ihre Einnahmen aus dem Grund und Boden auf anderthalbhunderttausend Franks. Ich glaube, es ist Ihnen nicht unbekannt, daß ein solches Bareinkommen zu den großen Seltenheiten, auch bei uns in Frankreich, zählt.« – »Nun, dann gehöre ich also zu den Glückspilzen der Erde?« meinte Harville lächelnd; »ein solches Glück, wie es mich verfolgt, steht ja fast ohnegleichen da!« – »Gott sei Dank, Herr Marquis, es mangelt Ihnen ja an nichts; Jugend, Reichtum, Gesundheit: das alles besitzen Sie! Und was schöner noch als dies alles ist: eine edle Gattin und ein Töchterlein, süß wie ein Engel!«

Der Marquis maß den Intendanten mit finsteren Blicken... »»Wieviel Geld haben Sie in der Kasse?« – »19,300 Franks, Herr Marquis, das bei der Bank deponierte Geld nicht gerechnet.« – »Bringen Sie mir noch heut vormittag 10,000 Franks in Gold, und sollte ich nicht da sein, so geben Sie es Joseph.« – »Binnen einer Stunde wird das Geld da sein.« – »Adieu, Doublet!« – Doublet verneigte sich, und Herr von Harville sank, das Gesicht in beide Hände vergrabend, wie vernichtet auf einen Stuhl. Es waren die ersten Tränen, die er seit Sarahs Billet vergoß... »O!« rief ei, »grausamer Hohn des Schicksals, das mich mit Reichtum bedacht hat! Was bleibt mir, in den goldnen Rahmen zu fassen? Meine Schande – meiner Frau Schande – Schande, die bei einem Eclat schließlich auch mein Kind, meine Tochter mittrifft! Muß ich mich zu diesem Eclat entschließen, oder soll ich Mitleid walten lassen?« – Funkelnden Auges richtete er sich auf und sprach finster vor sich hin: »Nein, nein! Blut, Blut! Das Schreckliche ist der Tod des Lächerlichen!« – Plötzlich hielt er inne, wie wenn ein Gedanke recht tiefen Eindruck auf ihn machte, und heftig fuhr er fort: »Ich weiß ja, was der Grund dazu ist: Widerwille, der in ihrem Herzen gegen mich wohnt! Sie scheut sich vor mir! Aber ist's denn meine Schuld? Muß sie mich drum hintergehen? Verdiene ich nicht statt Haß eher Mitleid? – Nein, nein! Blut, Blut!.. Beide, alle beide sollen bluten! Ganz sicher hat sie doch dem andern, dem andern alles gebeichtet!« – Und dieser Gedanke drohte ihn ganz außer sich zu bringen: er hob die geballten Fäuste gen Himmel, fuhr sich mit der heißen Hand über die Augen und kehrte, da er die Notwendigkeit fühlte, vor seinem Dienstpersonal ruhig zu erscheinen, in sein Schlafzimmer zurück. Dort nahm er aus dem Jagdnecessaire ein kleines Pulverhorn, Kugeln und Zündhütchen, schloß es wieder zu, steckte den Schlüssel zu sich und langte aus dem Waffenschrank ein Paar Taschenpistolen.

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