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Die Säulen der Schöpfung

Электронная книга - «Die Säulen der Schöpfung». Краткое содержание книги:

Die Säulen der Schöpfung - Jennsen wird von Kindheit an von quälenden inneren Stimmen heimgesucht, die ihr ganzes Sein beherrschen. Ihre verzweifelte Suche nach Rettung ist gleichzeitig eine Suche nach ihrer im Dunkeln liegenden Herkunft – doch das Streben der jungen Frau führt sie und die Bewohner des Reichs D’Hara immer tiefer ins Unheil. Endlich scheint sich ein rettender Ausweg zu zeigen: die Vernichtung von Richard Rahl und seiner Frau Kahlan, die Jennsen für die Abgesandten des Bösen hält. Die beiden haben sich nach langer Trennung wieder gefunden und wollen zurück zu ihrem Volk – und ahnen noch nicht, dass sie sich nicht nur auf der Flucht vor dem drohenden Wintereinbruch befinden. Die unerschrockene Jennsen lauert ihnen auf, als sie plötzlich einen fürchterlichen Verrat ihres Halbbruders erkennt. Und langsam zu begreifen beginnt, dass die Wahrheit ihrer Existenz in den „Säulen der Schöpfung“ verborgen liegt ...
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Jennsen ließ den Blick suchend über das dichte Gewühl schweifen, bis sie den roten Schal ausmachte. Sie wickelte sich das lose Ende von Bettys Strick um die Hand und machte sich, Rusty im Schlepptau, auf den Weg dorthin. Überrascht beschleunigte Sebastian seine Schritte, um sie wieder einzuholen.

Die Frau im roten Schal war damit beschäftigt, die Bottiche mit ihren Würsten aufzustellen, als Jennsen vor ihrem Wagen stehen blieb. »Madam?«

Sie blinzelte in die Sonne. »Ja, meine Liebe? Noch ein paar Würstchen?« Sie hob einen Deckel an. »Schmecken nicht schlecht, was?«

»Sie sind köstlich, aber eigentlich wollte ich Euch fragen, ob ihr – gegen Bezahlung – auf unsere Pferde und meine Ziege aufpassen könntet.«

Die Frau legte den Deckel wieder an seinen Platz zurück. »Eure Tiere? Ich bin keine Stallmeisterin, meine Liebe.«

Jennsen, Strick und Zügel in der einen Hand, legte ihren Unterarm auf die Seitenwand des Karrens, Betty ließ sich neben dem Rad nieder. »Ich dachte, vielleicht würde es Euch Freude machen, meine Ziege eine Weile als Gesellschaft zu haben. Betty ist ein wahres Prachtexemplar und wird Euch ganz gewiß keinen Ärger machen.«

Die Frau blickte lächelnd über die Seitenwand des Karrens. »Betty heißt sie also? Nun ja, ich denke, auf Eure Ziege könnte ich schon aufpassen.«

Sebastian gab der Frau eine Silbermünze. »Wenn wir unsere Pferde neben Eurem anbinden dürften, könnten wir ruhigen Gewissens davon ausgehen, daß sie in guten Händen sind und Ihr sie im Auge behaltet.«

Die Frau besah sich erst gründlich die Münze, dann unterzog sie Sebastian einer genaueren Musterung. »Wie lange wollt Ihr überhaupt fortbleiben? Ich werde irgendwann, sobald ich meine Würste verkauft habe, wieder nach Hause fahren wollen.«

»Nicht lange«, sagte Jennsen. »Wir wollen nur den Mann ausfindig machen, von dem Ihr uns erzählt habt – diesen Friedrich.«

Sebastian deutete ganz nebenbei auf die Münze, die die Frau noch immer in der Hand hielt. »Sobald wir wieder zurück sind, bekommt Ihr von mir noch eine, als Dank, daß Ihr auf unsere Tiere aufgepaßt habt. Sind wir nicht zurück, bis Eure Würste verkauft sind, bekommt Ihr deren zwei – für die Unannehmlichkeiten, falls Ihr auf uns warten müßt.«

Schließlich nickte die Frau. »Also gut, meinetwegen. Bindet Eure Ziege dort an das Rad, ich werde auf sie aufpassen, bis Ihr wieder zurück seid.« Sie deutete über ihre Schulter. »Und Eure Pferde könnt Ihr dort hinten zu meinem stellen. Mein altes Mädchen wird sich bestimmt über die Gesellschaft freuen. Solltet Ihr mich nachher aus den Augen verlieren, fragt einfach nach Irma, der Wurstverkäuferin.«

»Vielen Dank, Irma.« Jennsen strich Betty zur Beruhigung über die Ohren. »Ich weiß Eure Hilfe sehr zu schätzen. Bevor Ihr Euch verseht, sind wir wieder zurück.«

Als sie sich unter die Menge mischten, die sich in immer dichterem Gedränge auf das gewaltige Felsplateau zuwälzte, legte Sebastian ihr einen Arm um die Hüfte, damit sie dicht bei ihm blieb, als er sie in den gähnenden Schlund des Palastes von Lord Rahl hineinführte.

In der Ferne konnte Jennsen Bettys klagendes Meckern hören, die sich im Stich gelassen glaubte.

16

Soldaten in blank poliertem Brustharnisch, ausnahmslos mit senkrechten Langspießen in den Händen, deren rasiermesserscharfe Schneiden in der Sonne blinkten, musterten stumm die zwischen den hohen Säulen hereinströmenden Menschenmengen. Als ihr forschender Blick Jennsen und Sebastian erfaßte, gab sie sich größte Mühe, ihnen nicht in die Augen zu sehen; gesenkten Kopfes schwammen sie und Sebastian mit im Strom der anderen Leute, die sich schleppenden Schrittes an den Reihen der Soldaten vorüberschoben.

Der riesige, höhlenähnliche Eingang war mit einem hellen, farbigen Stein ausgekleidet, der Jennsen das Gefühl gab, eher durch einen riesigen Flur zu schreiten als durch einen ins Innere eines berggroßen Hochplateaus führenden Tunnel. Zischende Fackeln in eisernen, in die Mauern eingelassenen Halterungen beleuchteten den Weg, die Luft roch nach verbranntem Pech, aber drinnen war es warm.

Zu beiden Seiten gab es Reihen von in den Fels gehauenen Hohlräumen. In den meisten Fällen handelte es sich um einfache Öffnungen mit einer niedrigen Mauer davor, hinter der Händler ihre Waren feilboten. Die Wände in vielen dieser kleinen Räume waren mit leuchtend bunten Stoffen oder bemalten Wandverkleidungen dekoriert, was ihnen einen freundlichen Anstrich verlieh. Draußen hatte es so ausgesehen, als könnte jeder einfach sein Geschäft eröffnen und seine Waren feilbieten. Drinnen dagegen, vermutete Jennsen, mußten die Händler wohl für ihre Stände bezahlen, bekamen dafür aber ein warmes, wettergeschütztes Fleckchen, wo sie ihr Geschäft betreiben konnten und wo die Kundschaft bereitwilliger verweilte.

Vor dem Schuster warteten mehrere miteinander schwatzende Leute darauf, ihre Schuhe repariert zu bekommen, während andere anstanden, um Bier zu kaufen oder Brot, oder auch eine dampfende Schale Eintopf. Ein anderer Händler, der mit seiner eintönig leiernden Stimme die Menschen in Scharen an seinen Stand lockte, verkaufte Fleischpasteten. Vor einem Stand herrschte besonders großes Geschiebe und Gelärm, Dort ließen sich Frauen das Haar hochstecken, zu Locken drehen oder mit bunten, zu hübschen Kettchen aufgereihten Glasperlen verzieren. An einem anderen ließen sie sich das Gesicht schminken oder die Fingernägel lackieren. Wieder andere boten wunderhübsche, als Kleiderschmuck gedachte Bänder feil, manche so zurechtgeschnitten, daß sie frischen Blumen zum Verwechseln ähnlich sahen.

Sebastian schien dies alles ebenso erstaunlich zu finden wie sie. An einem Stand ganz ohne Kunden, wo ein Mann mit Dauerlächeln gerade damit beschäftigt war, Zinnkrüge auszustellen, blieb Jennsen stehen.

»Könntet Ihr mir sagen, Sir, ob Ihr vielleicht einen Vergolder namens Friedrich kennt?«

»Hier unten gibt es niemanden dieses Namens. Feineres Kunsthandwerk wird gewöhnlich weiter oben verkauft.«

Als der unterirdische Eingang sie immer tiefer in sich aufnahm, legte Sebastians Arm sich abermals um ihre Hüfte. Seine körperliche Nähe, sein hübsches Gesicht und sein gelegentliches Lächeln hatten eine beruhigende Wirkung auf sie. Dank seines weißen Stoppelhaars ragte er aus der Masse heraus – er war einzigartig, etwas ganz Besonderes. In seinen blauen Augen schienen die Antworten auf viele Rätsel der großen weiten Welt zu liegen, die sie nie gesehen hatte. Seine Gegenwart ließ sie fast ihren Kummer über den Verlust ihrer Mutter vergessen.

Eine ganze Reihe offen stehender Türen aus massivem Eisen ließ die sich langsam vorwärts schiebende Menge ein. Es hatte etwas Einschüchterndes, durch diese Türen zu schreiten, vor allem, wenn man wußte, daß man in der Falle saß, falls sie sich jemals schlossen. Dahinter führten weiße Marmorstufen, heller als Stroh und durchzogen von weißlichen Adern, zu prunkvollen, mit wuchtigen Steingeländern eingefaßten Treppenabsätzen. Kontrastierend zu den mächtigen Eisentoren draußen vor dem Felsplateau, schlossen manche der Zimmer mit fein gearbeiteten Holztüren ab. Weiß getünchte und zusätzlich noch hell ausgeleuchtete Flure lenkten ab von dem Gefühl, sich im Innern des Plateaus zu befinden. Die mancherorts in verschiedene Richtungen abzweigenden Treppen schienen endlos, einige der Absätze führten – Ziel vieler Besucher – in geräumige Korridore. Die ganze Szenerie glich einer in ewige Dunkelheit getauchten Stadt, die von Wandlampen und Hunderten von Straßenlaternen beleuchtet wurde. Als ihre Beine vom anstrengenden Treppensteigen und Durchwandern der Korridore allmählich müde wurden, dämmerte ihr schließlich, warum viele lieber unten in der Ebene blieben, um ihre Geschäfte zu tätigen. Der Weg bis ganz nach oben war sowohl zeitlich als auch entfernungsmäßig nicht zu unterschätzen und obendrein eine ausgesprochene Schinderei.

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