Die Stunde der toten Augen
- Автор: Тюрк Гарри
- Год: 1966
- Язык: немецкий
- Год: Das Neue Berlin
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Stunde der toten Augen». Краткое содержание книги:
Das wirst du dann immer sehen, und es wird keine Möglichkeit geben, es zu vergessen, oder du mußt saufen, und du wirst selbst im Delirium noch schreien: ,Tiefflieger von links!‘ – Das sind wir, Junge, und die anderen sind wie deine Barbara. Belüg dich, wenn dir wohl genug dabei ist. Und sauf, wenn dir das Kotzen hochkommt. Aber was wir sind, das haben sie aus uns gemacht, und die Hände, in denen du das Messer hattest, werden in jeder Dunkelheit leuchten, in der du ein Mädchen streichelst. Danke Gott, den es nicht gibt, wenn du den Krieg überlebst. Oder danke ihm lieber nicht, denn du wirst kein Mensch mehr sein unter denen, die in den Villen am Stadtrand gelebt haben, zwischen Klavieren, auf denen sie »Lilli Marien“ spielten, und zwischen Kleidern aus Paris. Du wirst entweder ein Kommunist werden wie die, die neunzehnhundertachtzehn aus dem Krieg heimkamen und die Soldatenräte gründeten, oder du wirst an deinen eigenen Gedanken verfaulen. Das ist die Auswahl. Und nun überleg dir selber, ob sich die Liebe zu dem Mädchen Barbara lohnt oder nicht.« Der Sturm rüttelte an der Haustür. Er fuhr heulend unter die Dachsparren und winselte in den Kaminen.
»Oh…«, stöhnte der Betrunkene. »Oh… Zado… sauf!«
»Du bist ein eigenartiger Mensch…«, sagte Paniczek zu Zado,
»Ich bin ein Verrückter«, antwortete er. Er besah sich noch einmal die Fotografien des Mädchens. »Aber ich bin nicht als Verrückter geboren worden. Auch nicht eingezogen.«
Er hielt inne. Da war das Porträt des Mädchens. Und da war um ihren Hals ein schmales Kettchen mit einem Kreuz daran. Zado nahm noch einmal den Briefbogen und überlegte. Dann sagte er zu Paniczek: »Ich habe was vergessen.«
Er schrieb einen Nachsatz unter den Brief. Er las ihn Paniczek vor: »Eben waren wir alle in der Kirche. Es gibt hier in unserem Dorfe eine. Sie ist halbzerstört, aber es wurde eine Messe gelesen. Es ist ein seltsames Gefühl gewesen, in einem Gotteshaus ehrfürchtig zu verweilen, dessen Dach von Granaten zerrissen ist und dessen Altar von Splittern getroffen wurde. Man sieht die unendlich fernen Sterne durch das geborstene Dach, und man weiß um die Unendlichkeit dieser Welt. Man hört das Wort des Priesters, und man schaut auf das Kreuz und ist gebannt von der Kraft des geheiligten Ortes. Und die Front grollt, und über dem geborstenen Dach zucken die Leuchtkugeln. Aber das Wort des Herrn übertönt alles und verleiht Kraft und Glauben. Man fühlt, wie die Weihe dieses Augenblickes einen erhebt und mit fortnimmt. Nie habe ich eine Messe so tief empfunden wie diese.«
»So«, sagte er, »hier hast du deinen Brief. Werde glücklich mit deiner Barbara. Die Flasche Schnaps kannst du wieder mitnehmen. Ich brauche sie nicht.«
»Hi…«, grinste der betrunkene Obergefreite, »hi… Schnaps braucht er nicht… war in der Kirche…«
Draußen schwoll das Geheul des Sturmes an. Er trieb bereits jetzt Schnee mit sich, der gegen die Fenster klatschte, in großen, nassen Flocken.
»Eine Messe gelesen…«, sagte Paniczek mit großen Augen.
Die Tür flog auf, und einer von denen aus der Kirche torkelte in den Raum. »Scheiße, es schneit…«, brüllte er.
Der Betrunkene in seiner Ecke kicherte, eine Hand an der Flasche. »Es schneit… es schneit Scheiße… hi…«
Sternentanz
Die Pistole, die Thomas Bindig besaß, war eine Achtunddreißig. Er hatte sie neu empfangen und selbst eingeschossen. Noch kein anderer Mensch als er hatte jemals mit der Pistole geschossen. Es war eine von den neuen Pistolen, die es noch nicht lange gab, und sie war besser konstruiert als die Nullacht mit ihrem veralteten Kniegelenk, das den Rückstoß noch verstärkte, anstatt ihn zu dämpfen. Sie war geschickter und treffsicherer.
Sie war leichter als die Nullacht. Sie lag besser in der Hand. Und man konnte sie geladen in der Hosentasche tragen, ohne besonders gefährdet zu sein, denn es bedurfte eines kräftigen Druckes auf den Abzug, um sie zu spannen, gleichzeitig die erste Patrone aus dem Magazin in den Lauf zu transportieren und danach ebenfalls noch mit diesem einzigen Druck auf den Abzug den Schuß auszulösen. Das hieß, daß man sie völlig sicher, ungespannt und trotzdem jede Sekunde feuerbereit in der Tasche tragen konnte. Es war eine schnelle Pistole.
Selbstverständlich konnte man sie auch spannen. So, daß man den Schuß danach jederzeit, nach Auslösung der Taschensicherung, abfeuern konnte. Oder man ließ die Patrone nur in den Lauf gleiten, ohne den Schlagbolzen zu spannen. Dann mußte man, um den Schuß auslösen zu können, einen kleinen Spannhebel mit dem Daumen zurückbiegen. Bei einiger Übung ging das sehr schnell. Es gab Leute, die auf diese Art besonders gern schossen, wenn es auf diesen einen Schuß ankam, wenn sie vor einem Ziel standen, das nur einen einzigen Schuß zuließ, der über alles entschied. Die Achtunddreißig war eine Waffe, die man nicht gern wieder aus der Hand gab, wenn man sie erst einmal besaß.
Wenn Bindig Zeit hatte, dann nahm er die Pistole und ging irgendwohin, um zu schießen. Er gehörte nicht zu denen, die Kerben in den Griff schnitzen. Aber er hatte mit seiner Acht-unddreißig bereits sechs Menschen, einen toll gewordenen Stier und vier Hühner getötet. Geschossen, mit der Absicht zu töten, hatte er auf die gleiche Zahl von Lebewesen. Diesem Umstand, besonders der Tatsache, daß er auf nicht mehr als sechs Menschen gezielt hatte mit der Absicht zu töten, verdankte er es, daß er noch am Leben war. Er war sich immer darüber klar gewesen, daß es für ihn den Tod bedeutete, auf einen Menschen zu zielen, zu schießen und ihn nicht zu treffen. Das war die einfache Philosophie der Leute von der Aufklärungskompanie. Schießen, wenn es nötig war. Und töten, wenn man schoß. Oder selbst getötet werden.
Das Seltsame an dieser Philosophie war, daß sie niemand erfunden oder in der Instruktionsstunde gelehrt, sondern daß sie sich einfach ergeben hatte.
Wer ihren Sinn nicht begriff oder wer einen Fehler machte, dessen Name tauchte zum letzten Male in dem Brief auf, den Leutnant Alf an die Angehörigen schrieb. Obwohl Bindig seine Pistole virtuos beherrschte, unterließ er es nicht, gelegentlich zu üben. Er tat das oft auch einfach aus Freude an den Treffern, die er feststellen konnte, und deshalb, weil die Feststellung der Treffer ihm Sicherheit und Selbstvertrauen gab.