Der Wiedersacher
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Язык: немецкий
- Год: Gustav L
- ISBN: 3-7857-0765-7
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «Der Wiedersacher». Краткое содержание книги:
Mit diesem neuen Roman wird Bestseller-Autor Wolfgang Hohlbein seine Fan-Gemeinde sicher noch vergrößern können. Die irrwitzige Mischung aus Spannung, Fantasy und Horror läßt den Leser eintauchen in eine atemberaubene Lektüre, von der man nicht so schnell los kommt. Berliner Morgenpost
Verrückt. Und trotzdem war nichts Komisches oder gar Lächerliches an diesem Gedanken – ganz im Gegenteil. Er erschreckte ihn, heftiger und tiefer, als er sich selbst eingestehen wollte; als hätte er eine Art verborgener Wahrheit in ihm berührt, von deren Existenz er bisher nicht einmal etwas geahnt hatte.
Er wollte den Gedanken verjagen und sich gerade von der Tür abwenden, als er draußen eine Bewegung wahrzunehmen glaubte. Er war nicht ganz sicher – es ging zu schnell, und die Sicht war zu schlecht, um überhaupt etwas sicher erkennen zu können – , aber für einen kleinen Moment hatte er den Eindruck, eine … Gestalt inmitten der silbernen Regenschleier zu erkennen. Sie stand einfach da, ein hochgewachsener, schlanker Umriß in einem irgendwie sonderbaren Gewand, und blickte zu ihm herüber. Dann blinzelte er, und als er die Augen wieder öffnete, war die Erscheinung verschwunden.
Nein, dachte Weichsler. Niemand wäre so verrückt, bei diesem Wetter dort draußen zu stehen und ihn anzustarren; nicht einmal ein Reporter auf der Jagd nach einer Story. Er begann allmählich Gespenster zu sehen – kein Wunder nach den letzten beiden zurückliegenden Nächten.
Weichsler begriff, daß er dabei war, sich die sonderbarste Erfrierung aller Zeiten zuzuziehen, drückte dieTür ins Schloß und drehte sich herum. Sein Gesicht war taub vor Kälte, und das linke Auge tränte heftig. Er streckte die Hand nach dem Lichtschalter aus und zog sie wieder zurück, ohne ihn berührt zu haben. Für die Zeit von Mitternacht bis zu Nehrigs Eintreffen hatte ihm die Notbeleuchtung ausgereicht, aber die beiden verbleibenden Stunden würde er die Lampen brennen lassen, auch wenn das weiße Neonlicht ihm normalerweise unangenehm war.
Weichsler griff in die Tasche, zog seine vorletzte Zigarette heraus und setzte sie in Brand. Der Rauch schmeckte noch schlechter als bisher, aber er sog ihn so tief in die Lungen, daß ihm schwindelig wurde.
Und dann, ganz plötzlich, wußte er, was der Ausdruck auf Nehrigs Gesicht bedeutet hatte. Er hatte ihn für Müdigkeit gehalten, aber das stimmte nicht.
Es war Angst.
Er erwachte mit dem lastenden Gefühl eines vergessenen, aber noch nicht verarbeiteten Alptraums und dem intensiven Gefühl, daß etwas anders geworden war. Es dauerte auch nur eine Sekunde, bis Brenner begriff, was: er konnte sehen.
Nicht besonders gut und nicht besonders viel, aber er konnte sehen, und das war eine Neuigkeit, die ihn die Nachwehen des Alptraums – es war eine völlig wirre Geschichte, die irgend etwas mit einem Mädchen zu tun hatte, aber auch mit Feuer, flüsternden Stimmen und dem Gesicht eines bärtigen Mannes auf der Stelle vergessen ließ. Brenner fuhr ein kleines Stück aus seinem Kissen hoch, erinnerte sich gerade noch rechtzeitig daran, daß jede zu heftige Bewegung seine elektronischen Wachhunde auf der Stelle wieder dazu bringen würde, lautstark aufzuheulen, und sah sich aus so weit aufgerissenen Augen um, daß er wahrscheinlich einen entsetzlichen Anblick geboten hätte – wäre jemand dagewesen, um ihn zu sehen.
Es war niemand da. Wie meistens, wenn er erwachte, war er allein. Aber noch etwas hatte sich geändert – er empfand die Einsamkeit und Stille plötzlich nicht mehr als Bedrohung, sondern fühlte sich im Gegenteil sicherer, wenn auch auf eine sehr sonderbare Weise: die eines Gefangenen. Was er empfand, das war die Erleichterung eines Kerkersträflings aus vergangenen Jahrhunderten, dem das Alleinsein der einzige Schutz vor seinen Kerkermeistern war, die doch nur kamen, um ihn zu quälen.
Brenner setzte sich ganz vorsichtig auf – er hatte gelernt, sich zu bewegen, ohne daß die High Tech-Bagage rings um sein Bett sofort losrandalierte – und versuchte dieses sonderbare Gefühl zu verdrängen, aber statt dessen wurde es eher stärker. Es war ein völlig absurdes Gefühl; so widersinnig, daß er darüber gelacht hätte, wäre es nicht zugleich so beängstigend gewesen. All diese Geräte und Apparaturen, der gesamte gewaltige Krankenhausapparat mit seinen Maschinen, Operationssälen, Röntgengeräten, Computern und Überwachungsanlagen, all die Arzte und Pfleger und Schwestern waren schließlich aus keinem anderen Grund hier, um ihn zu beschützen, und trotzdem fühlte er sich bedroht und gefesselt.
Ob es etwas mit seinem Traum zu tun hatte? Er versuchte sich genauer daran zu erinnern, aber wie meistens, wenn er mit klopfendem Herze n und einem schalen Geschmack im Mund aufwachte, ging es nicht. Die Bilder waren da, aber sie ließen sich einfach nicht zu einem sinnvollen Ablauf zusammenfügen.
Wahrscheinlich, weil es keinen gab, dachte er. Er hatte sich irgendwelches wirres Zeug zusammenphantasiert, wie in jeder der vergangenen Nächte, und etwas davon in die Welt des Wachens mitgenommen. Nachdem es seinem Körper trotz aller Anstrengung nicht gelungen war, ihn im Stich zu lassen, machte er jetzt offenbar gemeinsame Sache mit seinem Unterbewußtsein. So einfach war das.
Unendlich vorsichtig stemmte er sich weiter hoch, bis er sich auf die Ellbogen aufgerichtet hatte und einen etwas größeren Teil seines Zimmers überblicken konnte. Der graue Nebel war noch da, aber er hatte sich gelichtet. Brenner konnte jetzt tatsächlich einen billigen Tisch und drei Plastikstühle auf der anderen Seite des Zimmers erkennen und darüber ein schwarzes Rechteck: das abgedunkelte Fenster, dessen Abwesenheit ihm bisher solche Angst bereitet hatte. Daneben befand sich ein etwas kleinerer, verwaschener Fleck von hellerer Farbe – wahrscheinlich ein Bild, einer jener billigen Drucke, wie sie in Krankenhauszimmern der zweiten Klasse üblich waren. Und da war noch mehr.
Brenner stürzte jäh in einen Strudel von einander widersprechenden Emotionen und Gedanken. Das Gefühl, gefangen – eingekerkert – zu sein, war noch immer da, aber er empfand auch eine Erleichterung, die an Euphorie grenzte, und ein fast hysterisches Vergnügen an Dingen, die er in den letzten dreißig Jahren seines Lebens als selbstverständlich hingenommen hatte. Er spürte seinen Körper so intensiv wie niemals zuvor, jeden einzelnen Quadratzentimeter seiner Haut, jedes Haar, jede Nadel, die in ihm steckte, jeden Verband und jede Elektrode, die sie auf die eine oder andere Art an ihm befestigt hatten, und er spürte jetzt eigentlich zum erstenmal, wie viele Quellen unterschiedlich intensiver Schmerzen er in und an sich hatte. Aber selbst dieser Schmerz war zugleich beinahe wohltuend, denn er war da, und das allein war wichtig. Schmerz war etwas Schlimmes, aber nichts zu empfinden war schlimmer. Und zugleich sah er Dinge, die er vor dreiTagen noch nicht einmal registriert hätte, hätte man ihn mit der Nase darauf gestoßen. Er sah jedes winzige Stäubchen auf seinem Nachttisch, die mikroskopisch feinen Kratzer an dem verchromten Bettgestell, jede einzelne Faser der weißen Verbände, in denen seine Hände steckten.
Wäre er etwas weniger »high« gewesen, dann hätte er vielleicht begriffen, daß er noch immer so gut wie blind war. Der Teil des Universums, den er sehen konnte, maß vielleicht fünf Meter, aber das waren vier Meter mehr als noch vor ein paar Stunden. Der Arzt hatte recht gehabt: Sein Sehvermögen kehrte zurück.
Ganz vorsichtig drehte er den Kopf und sah nach rechts. In dieser Richtung hörte seine Welt nach wie vor nach einem knappen Meter auf, aber sie verlor sich jetzt nicht mehr in grauem Nebel, in dem ein paar Lichter schwammen und manchmal verwaschene Umrisse, sondern endete vor einer mit weißer Rauhfaser tapezierten Wand, vor der ein verchromter Instrumentenwagen stand.