Der Tote am Steinkreuz
- Автор: Тримейн Питер
- Серия: Schwester Fidelma ermittelt #5
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Der Tote am Steinkreuz». Краткое содержание книги:
Wer die Mönchkrimis von Ellis Peters mag, wird von Schwester Fidelma nicht lassen können.
Peter Tremayne ist das Pseudonym eines anerkannten Historikers, der sich auf die versunkene Kultur der Kelten spezialisiert hat.
In bisher vier weiteren historischen Kriminalromanen löst die irische Nonne und Anwältin bei Gericht, Schwester Fidelma, auf kluge und selbstbewußte Weise die schwierigsten Fälle: Nur der Tod bringt Vergebung (1998); Ein Totenhemd für den Erzbischof (1998); Der Todesstein (Geschichten, 1999); Die Tote im Klosterbrunnen (2000); Tod im Skriptorium (2001).
Die Originalausgabe unter dem Titel »The Spider’s Web« erschien 1997 bei Headline Book Publishing, London.
Die Stille war beinahe bedrückend. Ab und zu raschelte es im Unterholz, und einige wenige Singvögel ließen sich hören.
»Ein düsterer, ungemütlicher Ort zum Wohnen«, brach Eadulf das Schweigen, in dem sie seit Erreichen des Waldes geritten waren.
Duban wandte sich halb um.
»Es liegt in der Natur von Einsiedlern, daß sie sich an Orten niederlassen, die andere nicht schön finden«, erwiderte er.
»Ich habe schon gesündere Orte gesehen«, antwortete Eadulf. »Was nützt es einem, als Einsiedler zu leben, wenn einem das die Gesundheit ruiniert?«
»Ein gutes Argument«, lachte der Krieger. »Trotzdem heißt es, Gadra sei über achtzig Jahre alt. Wenn er noch lebt, würde mich das überraschen.«
»Das hast du uns schon ein paarmal gesagt«, schaltete sich Fidelma ein. »Erzähl uns lieber mehr von Gadra. Wir wissen, daß er als Einsiedler lebt und ein weiser Mensch ist. Was weißt du sonst noch von ihm?«
»Da gibt’s wenig zu sagen. Gadra ist eben Gadra. Für mich hatte er immer dasselbe Alter.«
»Weiß man, woher er stammt?« erkundigte sich Fidelma.
Duban zuckte die Achseln.
»Es heißt, er war Priester in den heidnischen Zeiten.«
»Ein Druide?« fragte Fidelma. Tatsächlich fand man in den fünf Königreichen hier und da noch Anhänger der alten Götter. Fidelma selbst war ihnen schon begegnet; sie lebten zurückgezogen und hielten an den alten Bräuchen und an dem alten Glauben fest. Sie konnte nicht umhin, manche ihrer Lehren zu bewundern. Der neue christliche Glaube hatte sich noch nicht vor so langer Zeit im Lande durchgesetzt, daß die alte Art sich gänzlich überlebt hätte.
»So würde man ihn wahrscheinlich bezeichnen. Als Junge hörte ich schon Geschichten vom alten Gadra. Für uns war er immer alt. Wir wurden gewarnt, wir sollten uns von ihm fernhalten, denn der Priester sagte, er bringe den alten Göttern in den wilden Eichenwäldern Menschenopfer dar.«
Fidelma schnaubte verächtlich.
»Immer wird von Menschenopfern geredet, wenn man die Wahrheit eines religiösen Kults nicht erkennt. Die Gründerin meines Klosters in Kildare, die heilige Brigitta, war eine Druidin und die Tochter eines Druiden. Von solchen Menschen hat man nichts zu befürchten. Aber berichte mir mehr über Gadra. Weiß man, wann er in diese Gegend kam?«
»Bestimmt nicht zu Ebers Zeit«, erwiderte Duban. »Ich glaube, er kam, als Ebers Vater noch ein Junge war. Er hatte die Gabe des Heilens und der Weisheit.«
»Wie konnte er die Gabe des Heilens besitzen, wenn er nicht an den wahren Gott glaubte?« unterbrach Eadulf etwas unwillig.
Fidelma lächelte ihn an.
»Einer solchen Logik kann man nicht widersprechen«, antwortete sie mutwillig.
Eadulf wußte nicht recht, ob sie sich über ihn lustig machte.
»Heilt er im Namen des Heilands Jesus Christus?« wollte er wissen.
»Er heilt einfach die Leute, die mit einer Krankheit zu ihm kommen. Er heilt in niemandes Namen«, antwortete Duban. »Natürlich verurteilte Pater Gorman alle, von denen er erfuhr, daß sie sich hatten von Ga-dra heilen lassen. Aber jetzt habe ich schon ein paar Jahre nichts mehr von Gadra gehört. Ich meine, er ist gestorben und wir verschwenden unsere Zeit mit dieser Reise.«
Eadulf wollte etwas antworten, doch Duban hob plötzlich die Hand zum Zeichen, daß sie ihre Pferde zügeln sollten.
»Da vorn sehe ich eine Lichtung. Ich glaube, wir sind dicht bei dem Tal, in dem er früher wohnte.«
Fidelma spähte nach vorn.
»Hier wohnt Gadra?«
Duban nickte.
»Bleibt hier zurück. Ich reite vor«, sagte er leise, »denn wenn er noch lebt, wird er mich wohl wiedererkennen.«
Langsam und vorsichtig ritt er auf die helle Lichtung vor ihnen zu.
Fidelma sah, daß die Lichtung nur eine kleine Schneise war, und in der Stille des Waldes hörte sie das Plätschern und Rauschen eines Baches. Sie meinte eine Holzhütte zwischen den Bäumen zu erkennen.
Plötzlich schallte Dubans Stimme laut herüber.
»Gadra! Gadra! Ich bin Duban von Araglin! Lebst du noch?«
Eine Weile herrschte Schweigen.
Dann kam eine Antwort. Die Stimme klang alt, aber tief und volltönend.
»Wenn nicht, Duban von Araglin, dann gibt dir jedenfalls ein Geist Antwort.«
Dubans Erwiderung war leiser, weder Fidelma noch Eadulf konnten sie verstehen. Nach einer Weile rief er ihnen laut zu, sie sollten auf die Lichtung kommen.
Auf einem ebenen Stück Land an einem reißenden, schäumenden Bergbach stand eine sauber errichtete Holzhütte mit Rohrdach. Ein kleiner Garten mit Kräutern, Gemüse und ein paar Obstbäumen umgab sie. Duban war abgestiegen und band sein Pferd an einen nahen Busch. Dicht daneben stand ein kleiner alter Mann mit einem weißen Haarschopf, der sich auf einen polierten Schlehdornstock stützte. Auf den ersten Blick wirkte er gebrechlich. Doch Fidelma erkannte schnell, daß dieser Eindruck täuschte. Er war schmal, aber sehnig. Sein loses Gewand war mit Safran gefärbt, und an einer Halskette trug er einen goldenen Ring mit alten Symbolen, wie sie Fidelma noch nie gesehen hatte.
Fidelma schwang sich vom Pferd, reichte Eadulf die Zügel und ging auf den alten Mann zu. Ein paar Schritte von ihm entfernt blieb sie stehen.
»Sei gesegnet, Gadra«, grüßte sie ihn und neigte leicht den Kopf.
Sie blickte in ein freundliches Gesicht mit nußbraunem, wettergebräuntem Teint, in dem durchdringende helle Augen leuchteten. Sie schienen eher grau als blau. Das schneeweiße Haar fiel in Wellen bis auf die Schultern. Der weiche Bart war kurz geschnitten und ließ den Ring frei, der ihm vor der Brust hing. Gadra war unstreitig ein Greis, doch sein Alter ließ sich kaum schätzen, denn sein Gesicht war noch jung und faltenlos, und nur die eingesunkenen Schultern zeugten von vielen Lebensjahren.
Fröhlich schaute er sie an.
»Du bist hier willkommen, Fidelma, Tochter Failbe Flanns.«
Fidelma war überrascht.
»Woher weißt du .?«
Bei seinem Lachen ging ihr ein Licht auf, sie lächelte verlegen und zuckte die Achseln.
»Was hat dir Duban sonst noch alles erzählt?«
Gadra nickte befriedigt.
»Du hast einen hellen Kopf, Fidelma.« Er blickte über die Schulter dorthin, wo Eadulf die Pferde anband. »Komm her, Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham. Komm näher und setz dich zu uns, dann können wir uns unterhalten.«
Fidelma erinnerte sich an die Zeit, als sie junge Schülerin beim Richter Morann von Tara war, und ließ sich vor dem Alten mit gekreuzten Beinen im Gras nieder wie eine Novizin vor dem Lehrer. Gadra lächelte geschmeichelt. Bruder Eadulf setzte sich etwas unbeholfen auf einen runden Stein in der Nähe und fand die Sitzfläche recht unbequem. Duban glaubte anscheinend auch, es wäre seiner Würde abträglich, wenn er sich auf die Erde setzte, und suchte sich einen anderen Stein. Gadra hockte sich jugendlich leicht ebenfalls im Schneidersitz Fidelma gegenüber hin.
»Bevor wir reden«, begann Gadra und berührte mit dem Finger den Goldring vor seiner Brust, »stört dich dies hier?«
»Warum sollte mich das stören?« fragte Fidelma.
Gadra wies auf ihr Kruzifix.
»Steht es nicht im Gegensatz zu dem da?«
Fidelma schüttelte langsam den Kopf.
»Dein Halbmond war jahrhundertelang bei unserem Volk das Symbol des Lichts und des Wissens. Ich brauche ihn nicht zu fürchten. Warum sollte ich daran Anstoß nehmen?«
»Viele Anhänger des neuen Glaubens nehmen aber daran Anstoß.«
Eadulf war es unbehaglich in Gegenwart eines Menschen, der das Symbol eines heidnischen Glaubens trug.
»Du hast den Glauben an Christus nicht angenommen?« wollte er wissen.
Gadra sah ihn an und lächelte leicht.
»Ich bin ein alter Mann, mein angelsächsischer Bruder. In mir sterben die uralten Götter und Göttinnen unseres Volkes nur langsam. Dennoch gönne ich euch eure neue Lebensweise, eure neuen Gedanken und eure neuen Hoffnungen. Es liegt in der Natur der Dinge, daß das Alte stirbt und das Neue lebt. Das ist eine Gefahr für diese Welt und zugleich ein Segen. Das ist das Wesen der Kinder der Göttinmutter Danu. Das Leben stirbt und wird neu geboren. Das Leben wird neu geboren und stirbt. Es ist ein unendlicher Kreislauf. Die alten Götter sterben, die neuen Götter werden geboren. Die Zeit wird kommen, da auch sie sterben und wieder neue Götter entstehen werden.«