Учебное пособие по немецкому языку для студентов философских факультетов университетов
- Автор: Комлев Николай Георгиевич
- Год: 1972
- Язык: немецкий
- Год: Издательство Московского университета
- Жанр: Лингвистика
Электронная книга - «Учебное пособие по немецкому языку для студентов философских факультетов университетов». Краткое содержание книги:
Книга содержит подлинные тексты современных немецких авторов и оптимальную систему упражнений нового типа, основанных на методических принципах и достижениях советской и зарубежной лингвистики. Для упражнений характерна по преимуществу беспереводная доступность, подтверждаемая самопроверочными тестами, особая организация материала, вызывающая интерес к изучаемому и способствующая его быстрому и прочному усвоению.
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Die Experimente ließen tatsächlich eine solche anschauliche Interpretation zu und erlaubten darüber hinaus, dem einzelnen Atom eine Anzahl von sogenannten «Valenzen» zuzuordnen, die die Möglichkeit der Bindung an andere Atome symbolisieren. Dabei blieb allerdings – und das ist der Punkt, auf den es uns hier ankommt – zunächst völlig unklar, ob man sich die Valenz als eine gerichtete Kraft oder als geometrische Eigenschaft des Atoms oder sonst irgendwie vorstellen sollte. Lange Zeit mußte es sogar unentschieden bleiben, ob die Atome selbst materiell wirkliche Gebilde oder nur geometrische Hilfsvorstellungen seien, geeignet, das chemische Geschehen mathematisch abzubilden. Unter «mathematischer Abbildung» wird hier verstanden, daß die Symbole und ihre Verknüpfungsregeln, also hier z.B. die Valenzen und die Valenzregeln, den Erscheinungen «isomorph» sind in demselben Sinn, in dem etwa, wenn man es in der mathematischen Sprache der Gruppentheorie ausdrückt, die linearen Transformationen eines «Vektors» den Drehungen im dreidimensionalen Raum isomorph sind. Ins Praktische gewendet und ohne die Sprache der Mathematik bedeutet das: Man kann die Valenzvorstellung dazu benutzen, um vorherzusehen, welche chemischen Verbindungen zwischen den betreffenden Elementen möglich sein werden. Ob aber daneben die Valenz noch etwas Wirkliches ist in demselben Sinn, in dem etwa eine Kraft oder eine geometrische Form als wirklich gelten kann, diese Frage konnte lange Zeit unbeantwortet bleiben, ihre Entscheidung war für die Chemie nicht besonders wichtig. Indem man bei dem komplizierten Vorgang der chemischen Reaktion den Blick vor allem auf die quantitativen Mischungsverhältnisse gerichtet hatte, unter Absehen von allem anderen, d.h. durch den Vorgang der Abstraktion hatte man einen Begriff gewonnen, der es gestattete, die verschiedensten chemischen Reaktionen einheitlich zu interpretieren und teilweise zu verstehen. Erst viel später, nämlich in der modernen Atomphysik, hat man gelernt, welche Art von Wirklichkeit hinter dem Valenzbegriff steht. Wir können zwar auch heute noch nicht recht sagen, ob die Valenz eigentlich eine Kraft oder eine Elektronenbahn oder eine Einbuchtung in der elektrischen Ladungsdichte des Atoms oder auch nur die Möglichkeit zu etwas Derartigem ist, aber die Unsicherheit bezieht sich für die heutige Physik gar nicht mehr auf die Sache selbst, sondern nur noch auf ihren sprachlichen Ausdruck, dessen Unvollkommenheit wir grundsätzlich nicht beseitigen können.
Vom Valenzbegriff ist dann nur noch ein kurzer Weg zur abstrakten Formelsprache der heutigen Chemie, die dem Chemiker in allen Gebieten seiner Wissenschaft die Versändigung über Inhalt und Ergebnis seiner Arbeit ermöglicht.
Die Ströme von Informationen, die der beobachtende und experimentierende Biologe oder Chemiker sammelt, münden also durch das Gefälle der Fragestellung, die das einheitliche Verständnis anstrebt und dabei zu abstrakten Begriffen geführt wird, schließlich von selbst im weiten Bereich der Atomphysik. Es sieht danach so aus, als müsse die Atomphysik schon durch ihre zentrale Lage umfassend genug sein, um für alle Erscheinungen in der Natur eine Grundstruktur anzugeben, auf die man die Erscheinungen beziehen, von der aus man die Phänomene ordnen kann. Aber selbst für die Physik, die hier als gemeinsame Grundlage für Biologie und Chemie erscheint, ist dies keineswegs selbstverständlich, da es sehr viele verschiedenartige physikalische Erscheinungen gibt, deren innerer Zusammenhang zunächst nicht zu erkennen ist. Daher soll nun auch noch auf die Entwicklung der Physik eingegangen werden; und zwar wollen wir zunächst einen Blick auf ihre frühesten Anfänge werfen.
In der Physik
Am Beginn der antiken Naturwissenschaft stand bekanntlich die Erkenntnis der Pythagoreer, daß, wie ARISTOTELES, es überliefert, die «Dinge Zahlen seien». Wenn man die Schilderung der pythagoreischen Lehre durch ARISTOTELES modern interpretiert, so ist damit wohl gemeint, daß man die Dinge, d.h. die Erscheinungen, ordnen und insofern verstehen kann, indem man sie mit mathematischen Formen verknüpft. Aber diese Verknüpfung wird nicht als willkürlicher Akt unseres Erkenntnisvermögens gedacht, sondern als etwas Objektives. Es wird z.B. gesagt, die «Zahlen seien das substantielle Wesen der Dinge» oder «der ganze Himmel sei Harmonie und Zahl». Damit ist zunächst wohl nur die Ordnung der Welt schlechthin gemeint. Die Welt ist für die antike Philosophie Kosmos und nicht Chaos. Das so gewonnene Weltverständnis scheint auch noch nicht allzu abstrakt; so werden z.B. die astronomischen Beobachtungen von dem Begriff der Kreisbahn her gedeutet. Die Gestirne bewegen sich auf Kreisen. Der Kreis ist wegen seiner hohen Symmetrie eine besonders vollkommene Figur; die Kreisbewegung leuchtet als solche ein. Für die kompliziertere Bewegung der Planeten mußte man allerdings schon mehrere Kreisbewegungen, Zyklen und Epizyklen, zusammenfügen, um die Beobachtungen richtig darzustellen. Aber das genügte dann auch völlig für den damals erreichbaren Genauigkeitsgrad. Sonnen- und Mondfinsternisse konnten mit der Astronomie des PTOLEMÄUS sehr genau vorausgesagt werden.
Dieser antiken Auffassung trat nun die beginnende Neuzeit in der Newtonschen Physik mit einer Frage entgegen: Hat nicht die Bewegung des Mondes um die Erde mit der Bewegung des fallenden oder geworfenen Steins etwas gemeinsam? Die Entdeckung, daß hier etwas Gemeinsames vorliegt, auf das man unter Absehen von allen anderen tiefer gehenden Unterschieden den Blick richten konnte, gehört zu den folgeschwersten Ereignissen in der Geschichte der Naturwissenschaft. Das Gemeinsame wurde aufgedeckt durch die Bildung des Begriffs der «Kraft», die die Änderung der «Bewegungsgröße» eines Körpers bewirkt, hier insbesondere der Schwerkraft. Obwohl dieser Begriff der Kraft noch aus der sinnlichen Erfahrung stammt, etwa aus den Empfindungen beim Heben einer schweren Last, so wird er doch in der Newtonschen Axiomatik schon abstrakt, nämlich durch die Änderung der Bewegungsgröße, und ohne Bezugnahme auf diese Empfindungen definiert. Mit einigen wenigen Begriffen, wie Masse, Geschwindigkeit, Bewegungsgröße, Kraft, wird bei NEWTON ein geschlossenes System von Axiomen aufgebaut, das nun unter Absehen von allen anderen Eigenschaften der Körper zur Behandlung aller mechanischen Bewegungsvorgänge ausreichen soll. Bekanntlich hat sich dieses Axiomensystem, ähnlich wie der Zahlbegriff in der Geschichte der Mathematik, in der Folgezeit als außerordentlich fruchtbar erwiesen. Über zwei Jahrhunderte lang haben die Mathematiker und Physiker aus dem Newtonschen Ansatz, den wir in der Schule in der einfachen Form «Masse × Beschleunigung = Kraft» lernen, neue und interessante Folgerungen gezogen. Die Theorie der Planetenbewegungen wurde noch von NEWTON selbst begonnen, von der späteren Astronomie entwickelt und verfeinert. Die Kreiselbewegung wurde studiert und erklärt, die Mechanik der Flüssigkeiten und elastischen Körper entwickelt, die Analogien zwischen Mechanik und Optik mathematisch herausgearbeitet. Dabei müssen zwei Gesichtspunkte besonders hervorgehoben werden. Erstens: Wenn man nur nach der pragmatischen Seite der Wissenschaft fragt, also etwa die Newtonsche Mechanik in ihrer Leistung bei astronomischen Vorhersagen mit der antiken Astronomie vergleicht, so wird sich, jedenfalls in ihrer anfängen, die Newtonsche Physik kaum vor der antiken Astronomie ausgezeichnet haben. Grundsätzlich konnte man durch eine Überlagerung von Zyklen und Epizyklen die Bewegungen der Planeten beliebig genau darstellen. Die Überzeugungskraft der Newtonschen Physik stammte also nicht primär aus ihrer praktischen Anwendbarkeit, sondern beruhte auf dem Zusammenschauen, dem einheitlichen Erklären sehr verschiedenartiger Erscheinungen; auf der Kraft zum Zusammenfassen, die vom Newtonschen Ansatz ausging. Zweitens: Wenn aus diesem Ansatz in den folgenden Jahrhunderten neue Gebiete der Mechanik, der Astronomie, der Physik erschlossen wurden, so waren dazu zwar bedeutende wissenschaftliche Leistungen einer Reihe von Forschern notwendig, aber das Ergebnis steckte, wenn auch zunächst nicht erkennbar, schon im Newtonschen Ansatz; genauso wie der Zahlbegriff implizite bereits die ganze Zahlentheorie enthält. Auch wenn vernunftbegabte Wesen auf anderen Planeten den Newtonschen Ansatz zum Ausgangspunkt wissenschaftlicher Überlegungen machen würden, so könnten sie auf die gleichen Fragen nur die gleichen Antworten erhalten. Insofern handelt es sich auch bei der Entwicklung der Newtonschen Physik um jene «Entfaltung abstrakter Begriffe», von der schon am Anfang dieses Aufsatzes die Rede war.