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Gehen, ging, gegangen

Электронная книга - «Gehen, ging, gegangen». Краткое содержание книги:

Entdeckungsreise zu einer Welt, die zum Schweigen verurteilt, aber mitten unter uns ist
Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Wer trägt das Erbe weiter? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist.
Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von all dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.
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Richard liest.

Auch Medusa, die Gorgone mit den sich ihr auf dem Kopf windenden Schlangenhaaren, die jeden, der sie ansah, durch ihren Blick in Stein verwandelte, sei, heißt es, einmal ein schönes libysches Berbermädchen und eine erfolgreiche Kriegerin gewesen. Erst nachdem Poseidon, der Gott des Meeres, am libyschen Ufer ausgerechnet in einem Tempel Athenes mit der Schönen geschlafen hatte, habe die empörte Göttin der Amazone die Schreckensgestalt verliehen und später Perseus den spiegelnden Schild gegeben, mit dem dieser dem tödlichen Blick der Gorgone ausweichen und ihr so, ohne zu Stein zu werden, endlich den Kopf abschlagen konnte. Noch aus den Blutstropfen, die bei der Enthauptung der Medusa in den libyschen Sand fielen, seien Schlangen geworden, liest Richard. Nein, es ist sicher kein Zufall, dass den Frauen der Tuareg auch heute noch die Viehherden und die Zelte gehören, dass sie sich die Männer aussuchen und sich scheiden lassen können, wie es ihnen beliebt, dass sie unverschleiert, die Männer aber verschleiert gehen, dass die Frauen die Erbfolge begründen und auch heute noch berühmt sind für ihre Dichtkunst und ihre Lieder, dass sie es sind, die ihre Kinder die Schrift lehren, und zwar dieselbe Schrift, die schon Herodot mit eigenen Augen gesehen hat.

Vieles von dem, was Richard an diesem Novembertag, einige Wochen nach seiner Emeritierung, liest, hat er beinahe sein ganzes Leben über gewusst, aber erst heute, durch den kleinen Anteil an Wissen, der ihm nun zufliegt, mischt sich wieder alles anders und neu. Wie oft wohl muss einer das, was er weiß, noch einmal lernen, wieder und wieder entdecken, wie viele Verkleidungen abreißen, bis er die Dinge wirklich versteht bis auf die Knochen? Reicht überhaupt eine Lebenszeit dafür aus? Seine — oder die eines andern?

Wenn er sich den Weg ansieht, den die Berber vielleicht genommen haben: vom Kaukasus über Anatolien und die Levante bis nach Ägypten und ins antike Libyen, später dann in den heutigen Niger und vom Niger wieder zurück ins heutige Libyen und über das Meer bis nach Rom und Berlin, ist es beinahe ein vollkommener dreiviertel Kreis. Tausende von Jahren dauert die Bewegung der Menschen über die Kontinente schon an, und niemals hat es Stillstand gegeben. Es gab Handel, Kriege, Vertreibungen, auf der Suche nach Wasser und Nahrung sind die Menschen oft dem Vieh, das sie besaßen, gefolgt, es gab Flucht vor Dürre und Plagen, Suche nach Gold, Salz oder Eisen, oder es konnte dem Glauben an den eigenen Gott nur in der Diaspora die Treue gehalten werden, es gab Verfall, Verwandlung, Wiederaufbau und Siedler, es gab bessere oder schlechtere Wege, niemals aber Stillstand. Um einem Studenten zu erklären, dass er damit nicht einmal ein moralisches, sondern vielmehr ein Naturgesetz meine, hätte Richard nur aus dem Fenster zeigen müssen, wo so viele der Blätter, über deren Erscheinen er sich im Frühjahr gefreut hat, nun schon auf dem Gras liegen, indes die Knospen für den nächsten Frühling schon angelegt sind. Aber es gibt keinen Studenten hier, der ihn danach fragt.

Richard liest.

Von den verlorenen Städten der Garamanten liest er, von ihren verwehten Burgen und ausgeklügelten Bewässerungssystemen unter der Erde in den einstmals dicht besiedelten Oasen am Beginn der Handelsstraßen, die durch die Wüste nach Süden führten. Nun, nach Gaddafis Sturz sei endlich durch Satellitenbilder erwiesen, dass es sich bei den libyschen Ureinwohnern nicht um Räuber am Rande der Zivilisation, sondern um Menschen gehandelt habe, die technologisch auf der Höhe ihrer Zeit gewesen seien, heißt es auf der Website der Übergangsregierung. Die Website ist schon zwei Jahre alt, sieht Richard. Jetzt hoffe man, so heißt es weiter in dieser zwei Jahre alten Gegenwart, auf einen Neubeginn für die libysche Altertumsforschung, die unter Gaddafi sträflich vernachlässigt worden sei. Bald schon werde es für das libysche Volk zum ersten Mal die Möglichkeit geben, sich mit seiner lange unterdrückten, ureigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Im Moment sei zwar der die Forschungen leitende Professor aufgrund der Unruhen evakuiert, aber sobald die Sicherheit im Lande wiederhergestellt sei, werde er mit seinen Untersuchungen, finanziert durch europäische Gelder, beginnen. Richard wohnt ja nun in dieser inzwischen schon zwei Jahre alten Zukunft und weiß daher, dass Libyen seit dem Sturz Gaddafis durch die verschiedenen Milizen, deren Ziele niemand mehr durchschaut, vollends in ein Schlachtfeld verwandelt worden ist. Das libysche Volk ist seit zwei Jahren durchaus nicht damit befasst, seine ureigenen, vorislamischen Wurzeln zu ergründen, sondern ausschließlich damit, zu überleben. Gaddafi hatte den landeseigenen Altertumsforschern zwar nur kärgliche Gelder für ihre Forschungen bewilligt, das mochte wahr sein, aber jetzt hatten auch die Europäer ihre Förderungen eingefroren, und die Altertumsforscher saßen wahrscheinlich seit zwei Jahren im Exil, während die Burgen, Städte und Dörfer der Garamanten allenfalls von uniformierten Antiquitätenjägern erforscht und all der Dinge beraubt wurden, die sich zu Geld machen ließen. Die Nachfahren der Garamanten wurden im heutigen Libyen als Ausländer angesehen und waren deshalb genauso wie alle anderen Ausländer vor zwei Jahren in Boote gesetzt und nach Europa gejagt worden. In welchen Zeiträumen muss man messen, wenn man wissen will, was Fortschritt genannt werden kann?

Richard liest und liest.

Und deswegen hat er noch nicht einmal zu Mittag gegessen, als das Telefon klingelt und seine Freunde ihm vorschlagen, einen Spaziergang mit ihnen zu machen. Es werde ja schon bald wieder dunkel, sagt Sylvia. Und Detlef ruft aus dem Hintergrund: Thomas kommt auch mit.

Thomas muss nicht das ganze Wochenende zu Haus sein?

Nein, seine Frau hat Besuch von ihrer Cousine.

Der dicke Thomas, früher Wirtschaftsprofessor, inzwischen Computerspezialist, steckt sich beim Gehen eine Zigarette an.

Nur noch 6 drin, sagt er und schüttelt seine Zigarettenschachtel, bevor er sie in die Manteltasche zurücksteckt. Es scheint die letzte der 3 Schachteln zu sein, die ihm seine Frau pro Woche zuteilt.

Die neuen gibt’s erst am Montag, sagt er.

Die Freunde nicken.

Richard, Thomas, Sylvia und Detlef wohnen alle kaum mehr als zehn Minuten zu Fuß voneinander entfernt, aber sie würden sich trotzdem wahrscheinlich nie treffen, riefe nicht Sylvia, wie heute, Thomas und ihn einfach an.

Wie geht’s denn den Afrikanern? fragt Detlef.

Sie ziehen bald um.

Welche Afrikaner? fragt Thomas und hört nun die Kurzfassung der Geschichten, die Richard neulich den beiden andern erzählt hat. Richard erzählt auch von der Göttin Athene, von Medusa, Antaeus, und schließlich von seiner Verabredung mit Apoll.

Aber Apoll war aus Delos, sagt Thomas, der, obgleich sein Fach Wirtschaftsgeschichte war, immer schon auch alles andere mindestens genauso gut wusste wie Richard.

Jaja, sagt Richard, aber ich meine den Flüchtling. Morgen kommt er und hilft, ich will den Garten winterfest machen, das Ruderboot bringe ich allein nicht mehr aus dem Wasser. Ziehe das Schiff an’s Land und stütz es mit Steinen. /Ringsum, dass der Gewalt feuchtwehender Winde sie wehren. /Nimm auch den Zapfen heraus; sonst bringt es Zeus’ Regen zum Faulen.

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