Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Ein Pfeifen und ein Schlag! Fünf Schritte von ihm entfernt hatte eine Kanonenkugel die trockene Erde aufgewühlt und war darin verschwunden. Ein kalter Schauder lief ihm unwillkürlich über den Rücken. Er blickte wieder über die Reihen hin. Wahrscheinlich hatte die Kugel viele niedergerissen; beim zweiten Bataillon hatten sich die Soldaten zu einem großen Haufen zusammengedrängt.
»Herr Adjutant!« rief er. »Verbieten Sie den Leuten, sich so zusammenzudrängen.«
Der Adjutant erfüllte seinen Auftrag und trat dann zum Fürsten Andrei heran. Von der andern Seite kam der Bataillonskommandeur herbeigeritten.
»Vorgesehen!« erscholl der ängstliche Ruf eines Soldaten, und wie ein Vögelchen, das in schnellem Flug pfeift und zwitschert und sich dann auf die Erde setzt, klatschte zwei Schritte vom Fürsten Andrei entfernt neben dem Pferd des Bataillonskommandeurs mit nur mäßigem Geräusch eine Granate nieder. Als erstes äußerte das Pferd seine Empfindungen: ohne danach zu fragen, ob es passend oder unpassend sei, seine Furcht zu zeigen, schnaubte es, bäumte sich, so daß es den Major beinah abgeworfen hätte, und jagte nach der Seite davon. Der Schrecken des Pferdes teilte sich auch den Menschen mit.
»Hinlegen!« rief der Adjutant und warf sich auf die Erde.
Fürst Andrei blieb unschlüssig stehen. Die Granate drehte sich wie ein Kreisel rauchend zwischen ihm und dem am Boden liegenden Adjutanten an der Scheidegrenze des Ackers und der Wiese neben einem Wermutstrauch.
»Ist das wirklich der Tod?« dachte Fürst Andrei. Mit einem ganz neuen Gefühl des Neides blickte er nach den vom Tod nicht bedrohten Grasbüscheln und Wermutstauden und beobachtete das Rauchstreifchen, das aus dem sich drehenden schwarzen Ball sich herausschlängelte. »Ich kann nicht sterben, ich will nicht sterben, ich liebe das Leben, ich liebe dieses Gras, die Erde, die Luft …« So dachte er, und zugleich fiel ihm ein, daß viele Blicke auf ihn gerichtet waren.
»Schämen Sie sich, Herr Adjutant!« sagte er. »Was für ein …«
Er sprach nicht zu Ende. In demselben Augenblick ertönte eine Explosion, ein Klirren und Pfeifen von Splittern, wie wenn ein Fensterrahmen zerbräche, ein betäubender Pulverqualm verbreitete sich, Fürst Andrei wurde zur Seite geschleudert und fiel, den einen Arm in die Höhe hebend, auf die Brust.
Einige Offiziere liefen zu ihm hin. Aus der rechten Seite des Unterleibes strömte Blut und breitete sich auf dem Gras zu einem großen Fleck aus. Die herbeigerufenen Landwehrmänner blieben mit ihrer Tragbahre hinter den Offizieren stehen. Fürst Andrei lag auf der Brust; sein Gesicht war in das Gras gesunken; er atmete schwer und röchelnd.
»Nun, was steht ihr? Kommt heran!«
Die Bauern traten hinzu und faßten ihn an den Schultern und Beinen; aber er begann kläglich zu stöhnen, und nachdem sie einen Blick miteinander gewechselt hatten, ließen sie ihn wieder zurücksinken.
»Faßt an, legt ihn darauf; das hilft nichts!« rief eine Stimme.
Sie faßten ihn zum zweitenmal an und legten ihn auf die Tragbahre.
»O Gott, o Gott! Das ist ja entsetzlich … Der ganze Unterleib! Da ist’s aus! O Gott!« äußerte dieser und jener von den Offizieren.
»Ein Haarbreit an meinem Ohr summte sie vorbei«, sagte der Adjutant.
Die Bauern rückten die Tragbahre auf ihren Schultern zurecht und setzten sich auf dem von ihnen ausgetretenen Steig eilig nach dem Verbandsplatz in Bewegung.
»Geht doch im Tritt …! He …! Ihr Bauernvolk!« rief ein Offizier, packte die Bauern, die ungleich gingen und die Bahre dadurch erschütterten, an den Schultern und brachte sie so wieder zum Stehen.
»Fjodor, halte Tritt, paß auf, Fjodor!« sagte der Vordermann.
»Ja, ja, so! So ist’s gut!« antwortete vergnügt der Hintermann, nachdem er in Tritt gekommen war.
»Euer Durchlaucht … Was ist Ihnen, Fürst?« sagte der herbeigeeilte Timochin mit zitternder Stimme und blickte auf die Tragbahre.
Fürst Andrei schlug die Augen auf und schaute aus der Tragbahre heraus, in die sein Kopf tief hineingesunken war, nach dem Redenden hin, ließ dann aber die Lider wieder sinken.
Die Landwehrleute trugen den Fürsten Andrei nach dem Wald, wo die Fuhrwerke standen und der Verbandsplatz eingerichtet war. Der Verbandsplatz bestand aus drei am Rand des Birkenwaldes aufgeschlagenen Zelten, mit zurückgeklappten Vorderwänden. In dem Birkenwald standen die Fuhrwerke und Pferde. Die Pferde fraßen Hafer aus ihren Futterbeuteln; eine Menge von Sperlingen hatte sich bei ihnen eingefunden und suchte am Boden die verschütteten Körner auf. Krähen, die das Blut witterten, flatterten ungeduldig krächzend auf den Birken umher. Um die Zelte herum, auf einem Raum von mehr als zwei Deßjatinen, lagen, saßen und standen blutbefleckte Menschen in mannigfaltigen Uniformen. Rings um die Verwundeten standen mit traurigen Mienen in gespannter Aufmerksamkeit Scharen von Landwehrleuten, welche die Tragbahren hergebracht hatten; vergeblich versuchten die Offiziere, die hier auf Ordnung zu halten hatten, sie von diesem Ort wegzujagen. Ohne auf die Offiziere zu hören, blieben sie, auf die Tragbahren gestützt, stehen und blickten unverwandt, als ob sie sich über den schwerverständlichen Sinn dieses Schauspiels klarzuwerden suchten, nach dem hin, was da vor ihren Augen vorging. Aus den Zelten hörte man bald lautes, grimmiges Schreien, bald klägliches Stöhnen. Ab und zu kamen Heilgehilfen von dort herausgelaufen, um Wasser zu holen, und bezeichneten dann auch diejenigen, die hereingetragen werden sollten. Die Verwundeten, die bei den Zelten darauf warteten, daß sie an die Reihe kämen, röchelten, stöhnten, weinten, schrien, schimpften und baten um Branntwein. Manche redeten irre. Den Fürsten Andrei, als einen Regimentskommandeur, trugen die Landwehrleute, durch die noch unverbundenen Verwundeten hinschreitend, näher an eines der Zelte heran und blieben, in Erwartung weiterer Weisungen, dort stehen. Fürst Andrei öffnete die Augen und konnte lange Zeit nicht begreifen, was um ihn herum vorging. Die Wiese, der Wermutstrauch, der Acker, der schwarze, sich drehende Ball und sein leidenschaftlicher Ausbruch von Liebe zum Leben kamen ihm ins Gedächtnis. Zwei Schritte von ihm stand, laut redend und dadurch die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehend, auf einen Ast gestützt, mit verbundenem Kopf ein großgewachsener, schöner, schwarzhaariger Unteroffizier. Er hatte Schußwunden im Kopf und im Bein. Um ihn hatte sich, begierig seinen Worten lauschend, ein Haufe von Verwundeten und Trägern versammelt.