Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: cbt/cbj Verlag
- ISBN: 978-3-641-02418-5
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten». Краткое содержание книги:
»Immer hereinspaziert.« Er hielt Apolonia die Tür auf, holte ein Streichholz aus seinem Jackett und entfachte eine Lampe.
»Also hast du doch ein Zuhause.« Apolonia musterte den niedrigen Raum, während Tigwid die Tür mit dem Fuß zustieß und auch die anderen beiden Lampen entzündete, die auf einem schmalen Tisch und neben einem noch schmaleren Bett standen.
»Sieht das hier wie ein Zuhause aus?« Über einem Stuhl hingen ein paar Kleidungsstücke, die warf er unauffällig unter den Tisch und lächelte. »Hier schlafe ich bloß, wenn ich mal schlafen muss.«
»Verstehe.« Apolonia verschränkte die Arme. »Und wieso bringst du mich her?«
Tigwid zog die Tischschublade auf und stopfte sich einen Haufen Kleingeld in beide Hosentaschen. »Du willst doch bestimmt, dass ich dich später auf ein Malzbier und Kartoffelkekse einlade.«
»Eigentlich nicht. Wir haben ein paar Dinge zu besprechen, Tigwid.«
Er ließ sich auf das Bett sinken, seufzte und krempelte sich die Hose hoch. Von dem Treppensturz letzte Nacht war sein Knie aufgeschürft und er pulte an der kleinen blutigen Kruste. »Schieß los, Poli.«
»Erstens: Nenn mich noch einmal Poli, und ich erzähle der Polizei, wer du bist.«
»Poli klingt doch hübsch.« Er hob beschwichtigend die Arme, als sie einen Schritt auf ihn zumachte. »Merkst du denn nicht - hier verrät niemand seinen echten Namen! Hättest du lieber, dass ich jedem beliebigen Banditen sage, dass du Apolonia Spiegelgold heißt, Nichte des berühmten Staatsanwalts? Innerhalb einer halben Minute wärst du entführt und das wäre noch das Harmloseste. Was glaubst du, wie viele Brüder, Söhne, Cousins und Freunde dein Onkel schon eingelocht hat? O Mann.« Er schüttelte den Kopf. »Ehrlich gesagt, mich juckt es auch in den Fingerspitzen, dich zu kidnappen ... Aber ich verdiene zu gut, um mich für so einen Job herzugeben.«
Apolonia musterte ihn mit gerunzelter Stirn, wie er so auf seinem Klappbett saß, das aufgeschürfte Knie in den Armen. »Du könntest mich nicht mal kidnappen, wenn du alle Mottengaben der Welt besitzen würdest. Und das bringt mich gleich zum Zweiten: Wo sind die ... wo ist dieses Buch der Antworten?«
Er nahm sein Knie schärfer in Augenschein. »Wie lange war ich eigentlich bewusstlos? Eine Gehirnerschütterung kann verheerende Folgen haben, damit ist nicht zu spaßen. So wie Nasenbluten. Vielleicht sollte ich lieber zu einem Arzt gehen, ich kenne einen, der arbeitet hier hinter der Bar ...«
»Tigwid! Wo ist das Buch?«
»Ich mach mir ja bloß Sorgen. Ein solcher Sturz, das kann tödlich sein.«
»Das einzig Tödliche an dir ist dein Geplapper! Zeig mir das Buch oder ich gehe!« Sie stampfte mit dem Fuß auf.
Tigwid erhob sich und schüttelte sich das Hosenbein wieder gerade. »Das machst du aber oft, das mit dem Aufstampfen. Man könnte meinen, du wärst verzogen.« Er grinste liebenswürdig.
»Ich bin durchsetzungsfähig«, korrigierte Apolonia. »Außerdem bin ich ... Was rede ich, ich bin nicht gekommen, um mir deine Frechheiten anzuhören!«
»Ja, ja.« Er klopfte sich auf die Hosentaschen, dass die Münzen leise klimperten. »Ich musste ja auch nur Geld holen. Wir können jetzt gehen.«
»Wo genau ist das Buch? Wer hütet es?«, hakte sie nach.
Tigwid war inzwischen an die Tür getreten. »Komm her!«, raunte er. Apolonia ging zu ihm. Einen Moment lang erwiderte er bloß ihren Blick, und als Apolonia sich schon fragte, ob er vielleicht mit offenen Augen eingeschlafen war, beugte er sich zu ihr vor. Seine Wange berührte fast die ihre, und er neigte leicht den Kopf, um sie anzusehen. Apolonia wich irritiert zurück und machte ein Doppelkinn - da erst wurde ihr klar, dass er ihr etwas ins Ohr flüstern wollte.
»Eck Jargo ist vielleicht der sicherste Ort vor der Polizei. Aber hier laufen jede Menge Mörder und Verbrecher rum, deshalb sollten wir nicht über das Buch reden, sobald wir dieses Zimmer verlassen haben. Verstanden?«, flüsterte Tigwid.
Sie nickte ungeduldig und trat einen Schritt zurück.
»Gut.« Er drückte die Türklinke hinunter. Dann holte er tief Luft. »Das Buch ... ist irgendwo hier und wir müssen es irgendwie finden.« Er riss die Tür auf und ging eiligen Schritts den Korridor hinunter.
»Irgend-, was?! Tigwid!«
Er winkte zu ihr zurück. »Beeil dich, Poli. Und mach die Tür zu!«
Zwei Stunden und fünf Ecken später saß Apolonia an einem engen Holztisch. Mit schmalen Lippen nippte sie an ihrem Wasser. Tigwid saß neben ihr, ein Malzbier in den Händen, und starrte trübe vor sich hin. Auch die spärlich bekleidete Tänzerin, die ihr Hinterteil unermüdlich vor Apolonia schwenkte, schien ihn nicht aufzumuntern, im Gegenteil. Je zorniger Apolonias Blick dem gemächlich dahinschwebenden Rüschenrock folgte, desto unangenehmer schien ihm die Situation zu werden. Er hob sein Glas, als die Männer in der Roten Stube zu pfeifen begannen, und schluckte hörbar. Dann besah er Apolonia mit einem beunruhigten Seitenblick. Sie wirkte seltsam apathisch.
»Geduld«, sagte er. »Ich weiß, dass wir es finden. Wir müssen bloß Geduld haben. Mir wurde ja prophezeit, dass du mich hinbringen wirst.« Er verstummte, als sie nicht auf ihn reagierte. Er räusperte sich. »Bist du müde? Du könntest dich bei mir schlafen legen. Willst du? Ist kein Problem, ich warte solange draußen.«
»Halte einfach den Mund.«
Tigwid beschloss, der Bitte Folge zu leisten. Apolonia schob das Kinn vor. »Ich bin dir hierher gefolgt, habe mich von einem muffigen Dreckloch zum nächsten schleppen lassen, ich habe mehr Tätowierungen, mehr Blut, mehr - mehr Bier und Besoffene und mehr Gewehre und Hintern gesehen, als ich in meinem Leben vorhatte! Wo ist dein Buch? Wo ist es?« Er öffnete den Mund, um zu antworten, aber sie schnitt ihm mit einer herrischen Geste das Wort ab. »Na fein, du willst hier warten, bis eine bescheuerte Prophezeiung eintritt? Dann warte! Ich zerfalle inzwischen zu Staub, wenn es dir recht ist.« Wütend verschränkte sie die Arme und stierte zu den Tänzerinnen auf. Ihr Gemurmel von Lustmolchen ging im allgemeinen Gepfeife und den anzüglichen Rufen der Zuschauer unter.
Tigwid wusste nicht, was er erwidern sollte. Eine Weile beobachteten sie stumm die Tänzerinnen.
»Also, ich habe Vertrauen ins Schicksal«, sagte er leise. »Es wird alles so kommen, wie es kommen soll. Mit nur ein bisschen Geduld.«
»Mir reißt gleich die Geduld!«
»O Gott.«
»Ja, du sagst es. Endlich sagst du -«
»Duck dich.« Er zog sie auf den Tisch runter. Verwirrt folgte sie seinem Blick - und erstarrte. Am Eingang neben den Tresen war eine Gruppe von Männern erschienen. Ohne die Würstchen und Handschellen sahen sie erheblich bedrohlicher aus.
»Alles in Ordnung«, keuchte Tigwid. »Du musst mir jetzt einfach vertrauen.«
Apolonia warf ihm einen scheelen Blick zu. »Die sind hinter dir her, nicht mir.«
»Du bist meine Freundin, das reicht denen, um dich zu jagen.«
Apolonia stockte einen Augenblick. »Freundin?«
»Jemand, der mich zur Antwort meiner sehnlichsten Frage bringt, ist nun mal eine Freundin«, sagte Tigwid ungeduldig. »Tut mir leid, dass nicht jeder so ein Einsiedlerkrebs ist wie du.«
Aus irgendeinem Grund kränkte es sie plötzlich, dass Tigwid sie für einen Einsiedlerkrebs hielt. Für Pikiertheit blieb aber keine Zeit. Tigwid erhob sich, und Apolonia schlich hinterher, während die Männer in entgegengesetzter Richtung an den Tresen entlanggingen. Glücklicherweise galt ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich den Tänzerinnen, die ihre Beine nun im Takt durch die Luft schwangen.