Lichtenstein
- Автор: Гауф Вильгельм
- Год: 1982
- Язык: немецкий
- Год: Gondrom-Verlag
- ISBN: 978-3-8112-0267-2
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Lichtenstein». Краткое содержание книги:
Dieser erste bedeutende historische Roman der deutschen Literatur erschien 1826, in der Biedermeierzeit, und handelt vor allem von der Herrschaft des Herzogs Ulrich von Württemberg, die Hauff nicht ohne romantische Verklärung beschreibt. Der historische Roman ist schon als Gattung, von Walter Scott herkommend, konservativ ausgerichtet; darin trifft er sich mit der Restaurationszeit.
Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angst die Bestätigung seiner Frage zu lesen. »Gefangen, vielleicht auf lange, lange Zeit«, dachte er, »vielleicht weit von ihr entfernt, ohne Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr zu wissen!« Sein Körper war noch zu erschöpft, als daß er der trauernden Seele widerstanden hätte; eine Träne stahl sich aus dem gesenkten Auge.
Das Mädchen sah diese Träne, ihre Angst löste sich augenblicklich in Mitleiden auf, sie trat näher, sie setzte sich an sein Bett, sie wagte es, die herabhängende Hand des Jünglings zu ergreifen. »Er müesset et greina«, sagte sie; »Euer Gnada sind jo jetzt wieder g'sund, und – Er kennet jo jetzt bald wieder fortreita«,[A10] setzte sie wehmütig lächelnd hinzu.
»Fortreiten?« fragte Georg, »also bin ich nicht gefangen?«
»G'fanga? noi, g'fanga send Er net; es hätt zwor a baarmol sei kenna, wia dia vom Schwäbischa Bund vorbeizoga send, aber mer hent Ich ällemol guet versteckt; der Vater hot gsait, mer solle da Junker koin Menscha seah lau.«[A11]
»Der Vater?« rief der Jüngling, »wer ist der gütige Mann? wo bin ich denn?«
»Ha, wo werdet Er sei?« antwortete Bärbele, »bei aus send Er in Hardt.«
»In Hardt?« ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten Wände gab ihm Gewißheit, daß er Freiheit und Leben jenem Mann zu verdanken habe, der ihm wie ein Schutzgeist von Marien zugesandt war. »Also in Hardt? und dein Vater ist der Pfeifer von Hardt? nicht wahr?«
»Er hot's et gern, wemmar em so ruaft«, antwortete das Mädchen, »er ist freile sei's Zoiches a Spielma, er hairt's am gernsta, wemmer Hanns zua nem sait.«[A12]
»Und wie kam ich denn hieher?« fragte jener wieder.
»Ja wisset Er denn au gar koi Wörtle meh?« lächelte das hübsche Kind, und bediente sich wieder des Zopfbandes. Sie erzählte, ihr Vater sei schon seit einigen Wochen nicht zu Hause gewesen, da sei er einesmals vor neun Tagen in der Nacht an das Haus gekommen und habe stark gepocht, bis sie erwacht sei. Sie habe seine Stimme erkannt, und sei hinabgeeilt, um ihm zu öffnen. Er sei aber nicht allein gewesen, sondern noch vier andere Männer bei ihm, die eine, mit einem Mantel verdeckte Tragbahre in die Stube niedergelassen haben. Der Vater habe den Mantel zurückgeschlagen, und ihr befohlen zu leuchten, sie sei aber heftig erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann sei auf der Bahre gelegen. Der Vater habe ihr befohlen, das Zimmer schnell zu wärmen, indessen habe man den Verwundeten, den sie seinen Kleidern nach für einen vornehmen Herrn erkannt habe, auf das Bett gebracht; der Vater habe ihm seine Wunden mit Kräutern verbunden, habe ihm dann auch selbst einen Trank bereitet, denn er verstehe sich trefflich auf die Arzneien: für Tiere und Menschen. Zwei Tage lang seien sie alle besorgt gewesen, denn der Junker habe gerast und getobt; nach dem zweiten Tränklein aber sei er stille geworden, der Vater habe gesagt, am achten Morgen werde er gesund und frisch erwachen, und wirklich sei es auch so eingetroffen.
Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der Rede des Mädchens zugehört; er hatte sie oft unterbrechen müssen, wenn er ihre zierlichen Ausdrücke nicht recht verstand oder wenn sie in ihrer Rede abschweifte, um die Kräuter zu beschreiben, woraus der Pfeifer von Hardt seine Arzneien bereitet hatte.
»Und dein Vater«, fragte er sie, »wo ist er?«
»Was wisset mier wo er ist«, antwortete sie ausweichend, doch als besinne sie sich eines Besseren, setzte sie hinzu »Uich kammes jo saga, denn Ihr müesset guet Freund sei mit em Vater; er ist nach Lichtastoi.«
»Nach Lichtenstein?« rief Georg, indem sich seine Wangen höher färbten; »und wann kommt er zurück?«
»Ja er sott schau seit zwoi Tag da sei, wie ner gsait hot. Wennem no nix gschea ist; d' Leut saget, dia bündische Reiter bassenem uf.«[A13]
Nach Lichtenstein – dorthin zog es ja auch ihn; er fühlte sich kräftig genug wieder einen Ritt zu wagen, und die Versäumnis der neun Tage einzuholen. Seine nächste und wichtigste Frage war daher nach seinem Roß; und als er hörte, daß es sich ganz wohl befinde und im Kuhstall seiner Ruhe pflege, war auch der letzte Kummer von ihm gewichen. Er dankte seiner holden Pflegerin für seine Wartung, und bat sie um sein Wams und seinen Mantel. Sie hatte längst alle Spuren von Blut und Schwerthieben aus den schönen Gewändern vertilgt, mit freundlicher Geschäftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus dem geschnitzten und gemalten Schrein, wo sie neben ihrem Sonntagsschmuck geruht hatte; lächelnd breitete sie Stück vor Stück vor ihm aus, und schien sein Lob, daß sie alles so schön gemacht habe, gerne zu hören. Dann enteilte sie dem Gemach, um die frohe Botschaft, daß der Junker ganz genesen sei, der Mutter zu verkündigen.
Ob sie der Mutter auch gestanden, daß sie schon seit einer halben Stunde mit dem schönen, freundlichen Herrn geplaudert habe, wissen wir nicht; wir haben aber Ursache daran zu zweifeln, denn jene ältliche, runde Frau hatte Erfahrung aus ihrer Jugend, und glaubte ihrem Töchterlein die Warnung nie genug wiederholen zu können: Sie solle sich wohl hüten, mit einem jungen Burschen länger als ein Ave Maria lang zu sprechen.
II
–Was kümmert's dich? Du fragst
Nach Dingen, Mädchen, die dir nicht geziemen.