Бесплатная библиотека
Читайте книгу на сайте или телефоне
Die Frequenzen - Читать Любимую Русскую Полную Книгу 👉 Read-E-Book.com

Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
1 ... 28 29 30 31 32 33 34 35 36 ... 139
Перейти на страницу:

Wolfgang starrte auf seine Knie, die eng beieinander standen und sich ungewöhnlich heiß anfühlten, wie in der Sonne gewärmte Steine. Niemand war hier, um zu sehen, wie es mit der Familie weitergehen würde — und plötzlich hielt er es nicht mehr länger aus und begann zu schimpfen: auf die unbequemen Sessel, auf die verlangsamten Krankenhausuhren und auf sich selbst, auf seine altmodische Angst, die ihn davon abgehalten hatte, bei Gabi zu bleiben, während sie –

Der Mann neben ihm blickte von seiner Zeitung auf, faltete sie zusammen — es war eine Maturazeitung, mit dem clownesken Schriftzug Die Maultrommel und lachenden, jungen Menschen auf der Vorderseite —, stimmte spontan in den Kanon ein, zeitversetzt um wenige Sekunden, und begann ebenfalls zu schimpfen. Ja, die Uhren liefen tatsächlich langsamer als in der wirklichen Welt. Und der Kaffee aus dem Automaten schmeckte wie flüssige Bartstoppel. Und ja, natürlich war das Warten die einzige der ewigen Höllenstrafen, für die man schon zu Lebzeiten ordentlich üben konnte.

Eine Weile schwiegen die beiden Männer.

Der Fremde mit der zusammengefalteten Maturazeitung auf dem Schoß hörte sich Wolfgangs schüchtern vorgetragene Frage an und nickte. Ja. Er habe einen Sohn. Nein, nicht hier, nicht heute. Eine reine Routineuntersuchung. Der Rücken. Und hier, dieses Bein. Am Morgen immer etwas Taubheit. Aber nichts Ernstes. Natürlich, das hier war ein freier Wartebereich.

Wolfgang hatte gedacht, dass hier nur werdende Väter, Großmütter oder Großväter aufgereiht säßen.

— Hallo, sagte der Mann mit der Zeitung.

Wolfgang hielt ihm die Hand hin. Der Fremde nahm sie.

— Ich heiße Wolfgang.

Der Fremde nahm die Brille ab und schnäuzte sich in ein großes Stofftaschentuch. In seinem Vollbart blieb ein kleiner Rest hängen. Wolfgang starrte darauf und hatte das wilde Bedürfnis, irgendetwas zu sagen. Gleich musste es soweit sein, jeden Moment würde die Tür auffliegen und seine Frau käme auf ihn zu gerannt, mit einem breiten Lächeln und ungeheuer aufregenden Neuigkeiten und –

— Angenehm. Georg Kerfuchs, sagte der Fremde.

— Sehr erfreut, sagte Wolfgang etwas benommen.

In diesem Augenblick ging eine Tür auf, Wolfgang sprang sofort von seinem Stuhl. Das musste es sein. Gleich, gleich — und sogar der Fremde mit dem seltsamen Nachnamen erhob sich langsam, indem er sich mit einer Hand an der Wand abstützte. Aber es war nur ein dunkelhäutiger Mann mit weißem Turban, der sich nun unschlüssig im Korridor umsah, als fragte er sich, wie in aller Welt er hierher gekommen war, und dann einfach an der Reihe der Wartenden vorbeimarschierte.

Die folgenden Wochen verschwanden einfach vom Kalender. Vielleicht würden sie später irgendwann wieder auftauchen? Wolfgang hoffte, dass das geschehen würde, wenn er längst tot war oder ihm wenigstens jemand eine Pistole an die Schläfe hielt. Obwohl er sich dieses Gefühl nicht erklären konnte, hatte er bereits eine dunkle Ahnung, aus welcher Ecke diese Pistole kommen würde.

Er seufzte.

Gabi saß zusammengekauert zuhause vor dem Heizkörper und weinte darüber, dass ihre Weinkrämpfe nicht mehr weggehen wollten. Seit zwei Wochen befand sie sich auf dem Meeresgrund, wo alle Farben mehr oder weniger tot waren und wo man in der allgegenwärtigen Dunkelheit bestenfalls mit einem friedlichen Seeungeheuer zusammenstoßen konnte, das gelassen verschmähte, einen zu vernichten.

Draußen regnete es, und das gleichmäßige Rauschen erinnerte sie daran, dass ihr die Zeit davonlief, die Zeit, in der sie sich um ihr Kind kümmern musste. Sie war völlig hilflos, wusste überhaupt nicht, was sie tun sollte, aber die Ärzte hatten sie nicht länger im Krankenhaus behalten wollen, da sie nicht im Kindbett gestorben war.

Sterben, dachte sie.

Ihr Hinterkopf schlug einige Male gegen die Rillen des Heizkörpers, und ein hohler Metallton erklang, wie das Läuten einer geborstenen Glocke.

Ihr Hemd, das in einem früheren Jahrhundert, einem aus Licht und fröhlichen Gesprächen, ihr Lieblingshemd gewesen war, war von Tränenflecken verunstaltet, und Gabi schämte sich dafür (und weinte darüber), dass sie überall, wo sie war, gleich eine Sauerei hinterlassen musste.

Wolfgang war fort. Das konnte man ihm wahrscheinlich nicht verübeln. Ob er wieder zurückkommen würde, war schwer zu sagen.

Schwer zu sagen, dachte sie.

Ihre Unterlippe war wund und aufgebissen. Kein schöner Anblick. Außerdem fand Gabi, dass sie einen unangenehmen Geruch verbreitete. Kein Wunder, denn sie hatte sich schließlich seit Tagen nicht mehr gewaschen. Allein die Vorstellung, nass zu werden, ließ Übelkeit in ihr hochsteigen und sie schüttelte den Gedanken ab. Aber natürlich wurde davon der Geruch auch nicht besser und sie schämte sich wieder und weinte über die ewigen Labyrinthe, in denen sie sich ständig verrannte.

Es war nicht gerecht. Alles. Nichts.

Nichts war ihr zumutbar. Sie war allergisch auf das Universum, in dem alle Lebewesen allein und verlassen waren. Es machte sie krank und hilflos. Merkwürdig, dachte sie, und der Gedanke brachte ihr etwas Trost, merkwürdig, diese ganzen Menschen, die Raumanzüge anziehen, mit Messer und Gabel Fleisch zerteilen, Tiere in kleinen Käfigen einsperren, Bücher schreiben, in Gewässern schwimmen, einschlafen und wieder aufwachen, Holzbretter zurechtschneiden, Schminke auftragen, unerreichbar weit entfernte Gesteinsbrocken nach irgendwelchen Vorfahren benennen, applaudieren, Maßanzüge anfertigen, Krieg führen und einander Nobelpreise zuteilen — diese großflächige und unberechenbare, hauchdünne Besiedelungsschicht auf dem Planeten, im Verhältnis hundertmal dünner als die Haut eines Apfels. Und aus irgendeinem Grund musste sie an Weihnachten denken, das bald bevorstand. Wo würde sie an diesem Tag sein? Zuhause, tot, in einer Zelle? Sie stellte sich vor, wie sie am Weihnachtsabend allein in der Stadt herumging. Das Baby war bei seinem Vater, der es vergeblich zu stillen versuchte. Ringsum nichts als verlassene Straßen. Das Leben ist zu lauter kleinen erleuchteten Fensterquadraten zerfallen. Eiskalter Wind.

Das Rauschen des Regens hielt sie in ihren trübsinnigen Gedanken gefangen, es verlieh allem eine Kontinuität, der man sich kaum entziehen konnte. Regen ist etwas, das mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart stattfindet. Es ist jedes Mal derselbe Regen, er setzt jedes Mal die Reihe von finsteren Regentagen fort, die in der Erinnerung eine melancholische Lichterkette bilden.

Gabi fasste über ihre Schulter und berührte den Heizkörper, nur um zu sehen, ob er auch funktionierte. Ihr war kalt, aber das musste nicht unbedingt an der Heizung liegen. Ihre Hand wurde warm und schwer. Als sie sie zurückzog, zeigte die Handfläche kleine rote Flecken, wie von Wachskreide.

Das Baby wachte auf und begann in der Dunkelheit zu schreien.

Gabi legte den Kopf auf die Knie und stellte sich die Stadt vor, unter dem Regen, von oben besehen. Irgendwo dort unten war sie, in ihrem Zimmer. Unauffindbar, klein. Die Erstarrung hatte begonnen. Ihr Kind lag reglos nebenan im Wohnzimmer, machte Bewegungen, wie kleine Menschen sie machen mussten, damit sie überlebten, aber es stand trotzdem still. Alles hatte aufgehört sich zu bewegen. Ein Pendel, ein erhängter Körper, der langsam in absoluten Stillstand übergeht. Kein Luftzug, keine Vibrationen. Das Licht einzuschalten hatte keinen Sinn mehr. Irgendwann würde es ohnehin ausgehen, für immer. Alles war zum letzten Mal da, und vieles davon nicht einmal am rechten Platz. Alles tot, alles still. Reglos wie eine Schaukel im Winter. Reglos wie ein abgestorbener Baum vor einem Schulgebäude. Allen möglichen Beschreibungen der Welt fielen nach und nach die Verben aus, wie nicht mehr benötigte Zähne. Die Landschaft vor den Fenstern wie ein großer, toter Wal. Den Wind einzuschalten hatte keinen Sinn mehr. Er würde ja doch nur stehen bleiben, irgendwann. Und auch das Haus, aus dem im Augenblick wohl dunkler Rauch in den Nachthimmel stieg, dieses Haus, in dessen Bauch sie unbeweglich feststeckte, würde sich nicht mehr vom Fleck rühren. Ihre Hände lagen nutzlos im Schoß. Ein wenig ringelten sich noch die Finger, weil ihnen die Berührung mit dem Hosenstoff angenehm war. Aber sonst war alles erstarrt. Sogar die Bücher in den Regalen unterdrückten, mit Mühe, wie es schien, jede noch so kleine Bewegung.

1 ... 28 29 30 31 32 33 34 35 36 ... 139
Перейти на страницу:
0
Сюжет
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Атмосфера
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Главный герой
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Общее впечатление
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
Итоговая оценка: 0.0 из 10 (голосов: 0 / История оценок)