Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
»Was ist Eure Meinung?«
»Der allgemein gute Gesundheitszustand deines Vaters, die Lage der Geschwulst und die Fähigkeiten des Chirurgen scheinen mir anzuzeigen, daß die Vorteile einer Operation die Risiken übertreffen. Falls die Geschwulst sich noch nicht ausgebreitet hat, könnte eine sauber durchgeführte Entfernung des Gewebes das Leben deines Vaters verlängern und ihm erlauben, in Frieden zu sterben. Aber die letzte Entscheidung liegt bei dir. Wenn du dich für einen chirurgischen Eingriff entscheidest, so werde ich meine bescheidenen klinischen Einrichtungen gerne dem Abu'l Kasim zur Verfügung stellen. Es ist bedauerlich, daß Córdoba noch kein Hospital und keine Lehrstätte besitzt, die sich mit denen von Bagdad vergleichen läßt und die den hervorragenden Gelehrten auf dem Gebiet der Medizin angemessen wäre, die sich innerhalb seiner Stadtmauern aufhalten. Jetzt, da der Palast in der Medina Azahara beinahe fertiggestellt ist, könnten wir vielleicht den Gedanken vorbringen, daß man dergleichen in dem weitläufigen Gelände einrichten könnte, das den Palast umgeben soll. Die Münze und ein Teil der Palastverwaltung wurde ja bereits dorthin verlegt, wie mir zu Ohren gekommen ist.«
»Das stimmt, desgleichen auch die Werkstätten für Gold- und Elfenbeinarbeiten. Aber was ein Hospital betrifft, so bezweifle ich, daß Abd ar-Rahman in seinem Alter noch ein so ungeheures Unterfangen in Angriff nehmen würde. Sein Sohn andererseits würde derlei begrüßen. Jedes Vorhaben, das dazu angetan wäre, den Ruf Córdobas als Zentrum der Wissenschaft und Kultur zu mehren, beflügelt seine Phantasie. Ich werde die Angelegenheit bei der nächsten Gelegenheit vor ihm zur Sprache bringen. Wenn mein Vater geheilt würde, so bin ich sicher, daß er einen erheblichen finanziellen Beitrag zu einer solch ehrwürdigen Einrichtung leisten würde.«
»Wir reden später noch einmal darüber. Geh nun und kümmere dich um ihn. Du weißt, daß du mich jederzeit, Tag und Nacht, zu Hilfe rufen kannst.«
14
Am Vorabend der Operation an seinem Vater fand Da'ud keine Ruhe. Nach einem letzten Besuch bei den Eltern, um die Ängste seines Vaters zu beschwichtigen und Solas Widerstandsfähigkeit zu stärken, ging er rastlos stundenlang am Ufer des Guadalquivir entlang, konnte seine quälenden Selbstzweifel nicht unterdrücken. Niemand wußte besser als er, welche fatalen Dinge selbst den Händen der besten Chirurgen passieren konnten … Zweimal war sein eigenes Leben in Gefahr gewesen, aber er hatte selbst das Risiko dafür getragen. Noch nie hatte er das Leben eines anderen aufs Spiel gesetzt. All seine vielfältigen Sorgen erschienen ihm nun lächerlich im Vergleich zu der furchterregenden Verantwortung, die er auf sich genommen hatte, als er die Entscheidung über das Leben seines Vaters getroffen hatte. Es war, als spielte er Gott, ohne jedoch die Allmacht Gottes zu besitzen. War es wirklich Anmaßung, wie es der alte Einsiedler behauptet hatte? War es Anmaßung, auch nur den Versuch zu unternehmen, den natürlichen Verlauf eines Menschenlebens zu ändern? Oder war es die freie und vollständige Entfaltung aller Fähigkeiten und Kräfte, die ihm und einigen wenigen seiner Kollegen verliehen worden waren? Hätte Gott nicht gewünscht, daß die Menschen mit ihren Talenten wuchern, warum hatte er sie ihnen dann geschenkt? Es mußte rechtens sein, daß man Lösungen für menschliche Probleme suchte, Heilung für die Leiden der Menschheit, genauso wie es rechtens war, daß die Hungrigen Nahrung suchten. Und da die Altvorderen lehrten, daß ein jegliches in der Natur auch seinen Widerpart hatte, mußte man Krankheiten auch heilen können. Die Suche nach Heilmethoden mußte weitergehen. Tod? Der Tod war so sehr Teil der Natur wie das Leben, sein Widersacher, auf den Tod folgte der regelmäßige Kreislauf der Wiedergeburt. Neues Leben, nicht die Verlängerung des alten … Aber wie alle Gelehrten, die ihm vorangegangen waren, blieb er so unwissend über den Ursprung des Lebens wie er machtlos war, die Endgültigkeit des Todes zu besiegen. Gott war und blieb der letzte Richter, diese Wahrheit mußte er anerkennen und annehmen, ein stilles Gebet im Herzen. Neues Leben, sinnierte er, als er sich auf den Heimweg machte. Das war die einzige Antwort auf die Fragen der Menschheit, die einzige Art, der Unausweichlichkeit des Todes entgegenzuwirken.
Die Tür zur Straße quietschte in den Angeln, als er in der Stille der Nacht nach Hause zurückkehrte. Als sie den Klang seiner leisen, schnellen Schritte vernahm, kam Sari ihm über den Innenhof entgegen. Einen Augenblick lang saßen sie zusammen im bleichen Schimmer des Mondes.
»Sari«, hob Da'ud leise an, nahm ihre schmale Hand in die seine, »wie auch die Operation morgen ausgeht, es ist klar, daß die Tage meines Vaters gezählt sind. Wir können noch einige wenige Jahre für ihn gewinnen und ihm übermäßiges Leiden ersparen, aber das Geheimnis der Unsterblichkeit besitzen wir nicht. Der einzige Trost, auf den wir unsere Hoffnung setzen können, ist die Zeugung neuen Lebens, um das zu ersetzen, das seinen Abschluß gefunden hat. Es ist Zeit, Zeit für dich und mich, Sari, Zeit, daß wir den ewigen Kreislauf des Lebens erneuern.« Sari erhob ihren Blick zu ihm, blickte ihm in die Augen, nicht ängstlich oder trotzig, sondern mit großer Aufrichtigkeit und Zuneigung.
»Ich warte schon einige Zeit darauf, daß du mir davon sprechen würdest, aber seit Ya'kubs großer Mattigkeit noch mehr. Ich habe keine Rechtfertigung, dir das zu versagen, was dein natürliches Recht ist. Du hast mich gelehrt, daß ich meine eigene Wahl treffen kann, aber ich darf auf keinen Fall für dich entscheiden. Du mußt dir eine andere Frau nehmen, Da'ud, eine Frau, die dir viele Söhne und Töchter gebiert und dein Haus mit Leben und Jugend und Fröhlichkeit erfüllt. Ich werde in meinem Herzen keinen Groll gegen dich oder gegen die Mutter deiner Kinder hegen. Noch wird sich an meiner tiefen Zuneigung zu dir etwas ändern«, murmelte sie und legte ihm den Kopf an die Schulter. »Denn in meiner eigenen unvollkommenen Art habe ich dich lieben gelernt.«
»Aber ich wünsche mir doch dich als die Mutter meiner Kinder«, antwortete Da'ud ihr, und jede Silbe, die er sprach, kündete von seinem Schmerz.
»Ich weiß. Und von dem Augenblick an, als ich die Aufrichtigkeit deiner Liebe zu mir erkannte, habe ich mich so sehr bemüht …«, erklärte sie ihm, und die Tränen, die ihr über die Wangen strömten, vermengten sich mit den seinen. »Aber ich darf deinem Begehren nicht länger im Weg stehen. Du mußt dir eine Frau suchen und Erfüllung finden. Das muß die kostbaren Bande, die zwischen uns bestehen, nicht durchtrennen.«
Verwirrt und innerlich zerrissen, konnte Da'ud nicht antworten. Eine andere Frau zu nehmen, eine Frau, die er niemals so lieben könnte, wie er Sari geliebt hatte und immer noch liebte, das würde bedeuten, daß er sich sein Versagen eingestand, ihre panische Angst vor der körperlichen Liebe zu überwinden – trotz der großen Geschicklichkeit, ja Kunst, die er in seinen langen, geduldigen Versuchen aufgebracht hatte, sie davon zu befreien. Versagen, das war ein bitteres Gefühl, das ihm bisher unbekannt gewesen war. Er lehnte sich dagegen auf, weigerte sich, es hinzunehmen. Und doch war die Logik hinter Saris Worten ganz klar. Eine andere Ehefrau. Wie sehr ihm das widerstrebte. Nur der Gedanke, daß er kinderlos bleiben würde, war ihm noch mehr zuwider.
»Ich denke darüber nach«, war alles, was er dazu sagte. »Gehe nun und ruhe dich aus. Ich werde noch eine Weile länger aufbleiben. Vielleicht bringen mir die Sterne Rat.«
Zufriedenheit strahlte auf dem rosigen Gesicht von Abu'l Kasim, als er aus dem Krankenzimmer trat. Er umarmte Da'ud herzlich und sagte: »Er hat sich erstaunlich gut gehalten. Einige Wochen der Ruhe, und er sollte wieder ganz der Alte sein.«