Der Fänger im Roggen
- Автор: Сэлинджер Джером Дейвид
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Fänger im Roggen». Краткое содержание книги:
Ein amüsant zu lesender Roman über das Erwachsenwerden.
Originaltitel «The Catcher in The Rye» Rowohlt Erscheinungsdatum: 1966
Statt dessen rief ich Sally Hayes an. Von ihr wußte ich, daß sie in New York war, weil sie mir vor ein paar Wochen geschrieben hatte. Ich war nicht besonders scharf auf sie, aber ich kannte sie immerhin seit Jahren. In meiner Dummheit hatte ich sie immer für recht intelligent gehalten. Und zwar deshalb, weil sie in bezug auf Theater und Literatur und so weiter ziemlich gebildet war. Wenn jemand sich mit diesem Zeug auskennt, dauert es lange, bis man herausfindet, ob er eigentlich intelligent oder dumm ist. Bei Sally brauchte ich Ewigkeiten dazu. Vermutlich hätte ich es viel rascher herausgefunden, wenn wir nicht so blöd geflirtet hätten. Meine große Schwäche ist, daß ich ein Mädchen, mit dem ich gerade flirte, immer für intelligent halte. Intelligenz hat nicht das geringste damit zu tun, aber ich bilde es mir jedesmal ein.
Jedenfalls rief ich sie also an. Zuerst kam das Dienstmädchen ans Telefon. Dann ihr Vater. Dann kam sie selber. «Sally?» sagte ich.
«Ja, wer ist am Telefon?» fragte sie. Reichlich affektiert. Denn ich hatte schon ihrem Vater meinen Namen genannt.
«Holden Caulfield. Wie geht's?»
«Holden! Sehr gut, danke. Und dir?»
«Glänzend. Aber wie geht's dir im Ernst? Ich meine, wie geht es mit der Schule?»
«Sehr gut. Ach, du weißt schon.»
«Schön. Also, ich wollte nämlich fragen, ob du heute frei wärest. Es ist zwar Sonntag, aber es gibt ja immer irgendeine Matinee. Wohltätigkeitsvorstellungen und so 'n Zeug. Hättest du Lust dazu?»
«Ja, sehr gern. Großartig.»
Großartig. Dieses Wort ist mir wirklich verhaßt. Es klingt so unecht. Eine Sekunde lang hätte ich ihr am liebsten gesagt, wir wollten doch in keine Matinee gehen. Aber wir schwätzten eine Weile so weiter. Das heißt, sie allein schwätzte. Man kam bei ihr nicht zu Wort. Zuerst erzählte sie mir von irgendeinem Harvard-Studenten, wahrscheinlich irgendein grüner Junge (aber das sagte sie natürlich nicht), der hinter ihr her sei. Er riefe sie Tag und Nacht an. Tag und Nacht - das gab mir den Rest.
Dann redete sie von einem andern, einem Kadetten in West Point, der sich ihretwegen ebenfalls beinah umbrachte. Überwältigend. Ich sagte, sie solle mich um zwei an der Garderobe im Biltmore treffen, aber pünktlich, weil die Vorstellung um halb drei anfange. Sie kam immer zu spät. Dann hängte ich ein. Sie verursachte mir Magenkrämpfe, aber sie sah sehr gut aus.
Nach dieser Verabredung stand ich auf und zog mich an und packte meine Koffer. Bevor ich aus dem Zimmer ging, schaute ich noch zum Fenster hinaus, um zu sehen, was alle die perversen Leute trieben, aber die Jalousien waren herunter. Morgens waren sie vorbildlich diskret. Dann fuhr ich im Lift hinunter und zahlte und ging weg. Maurice sah ich nirgends. Ich verrenkte mir natürlich auch nicht den Hals nach ihm.
Draußen nahm ich ein Taxi, obwohl ich noch nicht die leiseste Ahnung hatte, wohin ich wollte. Ich konnte nirgends hin. Es war erst Sonntag, und ich konnte mich nicht vor Mittwoch oder frühestens Dienstag zu Hause zeigen. Und auf keinen Fall wollte ich in ein anderes Hotel gehen und mich vollends erledigen lassen. Ich sagte also zum Fahrer, er solle mich zur Grand Central Station fahren.
Das war nah beim Biltmore, wo ich später Sally treffen wollte, und ich dachte, ich könnte dort meine Koffer in eines dieser großen Gepäckfächer, zu denen man einen Schlüssel erhält, einstellen und etwas frühstücken. Ich hatte wirklich Hunger. Im Taxi zog ich die Brieftasche heraus und zählte mein Geld. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wieviel ich noch hatte, aber ein Vermögen war es nicht mehr. Ich hatte in zwei lausigen Wochen ein königliches Taschengeld ausgegeben. Ich bin im Grund sehr verschwenderisch. Und was ich nicht ausgebe, verliere ich. Meistens vergesse ich sogar, in Restaurants und Nachtlokalen und so weiter, das Wechselgeld an mich zu nehmen. Meine Eltern macht das rasend. Begreiflich. Mein Vater ist zwar ziemlich wohlhabend. Ich weiß nicht, wieviel er verdient - aber jedenfalls reichlich, stelle ich mir vor. Er ist Syndikus für GmbHs und so. Diese Burschen machen scheffelweise Geld. Außerdem muß er schon deshalb wohlhabend sein, weil ich weiß, daß er oft in BroadwayTheatern Geld investiert. Diese Unternehmungen verunglücken allerdings immer, und meine Mutter regt sich jedesmal wahnsinnig darüber auf. Seit mein Bruder Allie gestorben ist, geht es ihr nicht besonders gut. Sie ist sehr nervös. Auch aus diesem Grund war es mir doppelt unangenehm für sie, daß ich wieder geflogen war.
Nachdem ich meine Koffer in eines dieser großen Gepäckfächer am Bahnhof eingestellt hatte, ging ich in eine kleine Sandwich-Bar und frühstückte. Für meine Verhältnisse aß ich sehr viel Orangensaft, Eier und Speck und Toast und Kaffee. Ich trinke sonst meistens nur Orangensaft. Ich bin kein guter Esser. Tatsächlich. Deshalb bin ich auch so verdammt mager. Man hatte mir eigentlich eine besondere Diät mit viel Kohlehydraten und so 'n Mist zum Zunehmen verordnet, aber ich hielt mich nie daran. Wenn ich auswärts esse, bestelle ich im allgemeinen ein Käsesandwich und Malzmilch. Das ist zwar nicht viel, aber angeblich sollen im Malz viel Vitamine sein. H. V. Caulfield. Holden Vitamin Caulfield.
Während ich meine Eier verzehrte, kamen die zwei Nonnen mit Handkoffern herein und setzten sich neben mich ans Büfett -wahrscheinlich übersiedelten sie in ein anderes Kloster und warteten auf ihren Zug. Da sie nicht zu wissen schienen, was zum Teufel sie mit ihren Koffern machen sollten, half ich ihnen damit. Die Koffer sahen sehr billig aus, nicht aus echtem Leder oder so. Natürlich ist das nicht wichtig, aber ich kann billige Koffer nicht ausstehen. So schrecklich das auch klingt, ich kann jemanden wirklich fast zu hassen anfangen, wenn ich billige Koffer sehe. Einmal wohnte ich in Elkton Hills mit einem gewissen Dick Slagle im gleichen Zimmer, der auch ganz billige Koffer hatte. Er pflegte sie nicht in das Koffergestell zu stellen, sondern unter sein Bett, damit niemand sie neben meinen Koffern stehen sehen sollte. Das deprimierte mich wahnsinnig; ich hätte meine am liebsten aus dem Fenster geworfen oder mit ihm getauscht. Meine stammten von Mark Cross und waren aus Leder und so weiter, wahrscheinlich hatten sie sehr viel gekostet. Aber die Geschichte nahm einen sehr komischen Verlauf. Ich stellte schließlich meine Koffer ebenfalls unter das Bett, damit der gute Slagle keinen Minderwertigkeitskomplex bekäme. Am nächsten Tag zog er sie heraus und beförderte sie wieder auf das Koffergestell. Erst nach einiger Zeit begriff ich, daß er das tat, damit die Leute dächten, meine Koffer gehörten ihm. Er war in dieser Hinsicht ein sonderbarer Mensch. Er machte immer verächtliche Bemerkungen, zum Beispiel eben über meine Koffer. Er behauptete, sie wären zu neu und bourgeois. Das war sein Lieblingsausdruck. Alles, was ich hatte, sollte verflucht bourgeois sein. Sogar meine Füllfeder war bourgeois. Ich mußte sie ihm fortwährend leihen, aber bourgeois war sie doch. Wir wohnten nur zwei Monate zusammen. Dann verlangten wir beide ein anderes Zimmer. Und komischerweise fehlte er mir eigentlich, nachdem ich umgezogen war, weil er wirklich viel Sinn für Humor hatte und wir oft sehr vergnügt miteinander waren. Es würde mich nicht wundern, wenn auch er mich vermißt hätte. Am Anfang wollte er mich nur necken, wenn er meine Sachen Bourgeois nannte, und ich machte mir absolut nichts daraus - ich fand es sogar selber komisch. Aber nach einiger Zeit merkte man, daß es ihm ernst wurde. Es ist eben überhaupt schwierig, das Zimmer mit jemandem zu teilen, der schlechte Koffer hat - wenn man wirklich teure Koffer hat und der andere billige, meine ich. Man denkt zuerst, wenn der andere intelligent ist und Humor hat, müßte es ihm gleichgültig sein, wem die besseren Koffer gehören, aber das ist nicht so.