Tutanchamun - das Buch der Schatten
- Автор: Drake Nick
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Bastei Entertainment
- ISBN: 978-3-7325-1384-0
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Tutanchamun - das Buch der Schatten». Краткое содержание книги:
»Morgen?« Ich runzelte die Stirn. »Das ist ein Jammer.«
Khay nickte.
»›Ein Jammer‹ ist, dass es ausgerechnet jetzt zu diesen ›Vorkommnissen‹ kommt, einen schlechteren Zeitpunkt könnte es gar nicht geben«, erwiderte er.
»Ein Zufall ist das nicht«, erklärte Simut in humorlos militärischem Ton. »Wenn das eine konventionelle Situation wäre, eine Schlacht, stünde mir der Feind gegenüber. Hier ist das anders. Dieser Feind ist unsichtbar. Er könnte einer von uns sein. Er könnte sich in diesem Moment in diesem Palast aufhalten. Mit der Palastanlage, dem Protokoll und der Hierarchie scheint er sich bestens auszukennen.«
»Mithin haben wir ein Problem«, sagte ich. »Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihr Männer, die zur Elite gehören, von hohem Rang sind und über entsprechende Macht verfügen, verhören könnt, ohne stichhaltige Beweise zu haben.«
»Das ist leider wahr«, erwiderte Khay mit matter Stimme, als habe ihn plötzlich sämtliche Energie verlassen.
»Nichtsdestotrotz ist jetzt jeder dieser Männer ein Tatverdächtiger. Eine Liste mit Namen wäre schon mal ein Anfang. Und ihnen ein paar simple Fragen zu stellen wie die, wo sie sich aufgehalten haben und so weiter, könnte uns helfen, die Personenzahl einzugrenzen. Wir müssen wissen, wer sich heute Abend in diesem Bereich des Palasts aufgehalten hat und über kein Alibi verfügt«, erklärte ich.
»Dabei dürfen wir aber nichts über diese Objekte verraten«, wandte Khay nervös ein. »Es ist zwingend erforderlich, dass wir darüber absolutes Stillschweigen bewahren.«
»Mein Assistent wird Euch gern dabei behilflich sein, die Liste zu erstellen und die Vorabbefragungen vorzunehmen«, erwiderte ich.
Khay sah zu Kheti herüber und wollte das Angebot gerade annehmen, als Simut dazwischenfuhr.
»Die Sicherheit in den königlichen Gemächern unterliegt meiner Verantwortung. Ich werde die Liste sofort anfertigen lassen.«
»Sehr schön«, entgegnete ich. »Und darf ich davon ausgehen, dass auf der Liste dann auch die Namen deiner eigenen Wachen stehen werden, die Zutritt zu diesem Bereich haben?«
Darüber wollte er sich mit mir streiten, aber ich ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.
»Glaub es mir«, sagte ich, »ich habe weder einen Grund, noch verspüre ich den Wunsch, die Integrität deiner Wachen in Frage zu stellen. Ich bin aber überzeugt, du teilst meine Meinung, dass wir es uns nicht erlauben können, irgendeine Möglichkeit zu übersehen, ganz gleichgültig, wie unwahrscheinlich oder inakzeptabel sie uns erscheint.«
Irgendwann nickte er unglücklich, denn er musste mir beipflichten.
Und dann gingen wir alle unserer Wege.
15
»Was für ein Spektakel!«, meinte Kheti und blies seine Wangen auf. »Dieser Ort erinnert mich an eine besonders brutale Schule. Da gibt es immer die großen Jungen und die kleinen Jungen. Die einen schwingen ihre Fäuste, die anderen benutzen ihren Verstand. Da hat man die Despoten, die Krieger, die Diplomaten und die Diener. Und im Abseits gibt es auch immer ein sonderbares Kind, das ein anderes armes Wesen langsam zu Tode foltert. Das ist Eje«, endete er.
Das vom Mondlicht erleuchtete Land glitt an uns vorüber. Wir segelten durch den Kanal auf den Großen Fluss zu, und bevor ich etwas erwiderte, sah ich mir eine ganze Weile an, wie das dunkle Wasser unter dem Kiel verschwand.
»Sind dir die Zeichen auf der Innenseite des Deckels aufgefallen? Vor allem der schwarze Kreis? Das ist irgendeine Sprache …«
Kheti schüttelte den Kopf.
»Mir sind die ekelerregende Fantasie des Machers und seine Gier nach Blut und Eingeweiden aufgefallen«, erwiderte er.
»Er ist aber gebildet, äußerst geschickt und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Mitglied der Elite. Seine Begeisterung für Blut und Eingeweide, wie du es ausdrückst, liegt darin begründet, dass sie eine Bedeutung für ihn haben. Das sind keine eigenständigen Dinge für ihn, sondern Symbole.«
»Versuch mal, das dem Mädchen ohne Gesicht zu erklären oder dem Jungen mit den zertrümmerten Knochen, oder dem neuen Opfer, das wir noch nicht kennen und dem jetzt der Kopf fehlt!«, entgegnete er.
»Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Und liegen wir richtig mit unserer Vermutung, dass wir es in all diesen Fällen mit ein und demselben Täter zu tun haben?«, fragte ich ihn.
»Nun ja, denk nur an die Verbindungen, die da bestehen, und an den Zeitpunkt und den Stil«, antwortete er.
»Das habe ich bedacht. Es wurde dieselbe Bildsprache benutzt. Alle Fälle zeugen von derselben Besessenheit im Hinblick auf Verfall und Zerstörung. Und überstrahlt wird das Ganze meines Empfindens nach von einer Sehnsucht nach Schönheit und Perfektion. Es liegt fast so etwas wie Bedauern in diesen Taten. Eine groteske Art von Mitgefühl mit den Opfern …«
Kheti sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren.
»Wenn du so redest, bin ich immer froh, dass uns niemand zuhört. Wie kann Bedauern darin liegen, einem Mädchen das schöne Gesicht vom Schädel zu schälen? Ich sehe da lediglich entsetzliche barbarische Grausamkeit. Und überhaupt, inwiefern soll uns das weiterhelfen?«
Eine Weile saßen wir schweigend da. Thot, der zu meinen Füßen hockte, blickte zum Mond hoch. Kheti hatte natürlich recht. Vielleicht war das, womit wir es hier zu tun hatten, nichts als Wahnsinn. Bildete ich mir ein, Muster zu entdecken, wo unter Umständen gar keine waren? Und trotzdem spürte ich nach wie vor etwas. Unter den Morden und der Brutalität, unter dem bedrohlichen Bildersturm und der Zerstörung verbarg sich etwas, das tiefgründiger und noch finsterer war; irgendeine Suche oder Vision. Aber wenn wir recht hatten, also ein und derselbe Mann für all diese Taten verantwortlich war, galt es, eine noch wichtigere Frage zu beantworten: Warum? Warum tat er diese Dinge?
»Außerdem glaube ich, der Täter will, dass wir wissen, dass er ein Insider ist, denn das erhöht die Macht seiner Drohungen. Teil seines Spiels ist es, uns das Gefühl zu vermitteln, dass er uns alle beobachtet«, fuhr Kheti fort. Und als er das sagte, wurde mir plötzlich bewusst, dass die Geschenke und Morde noch einen weiteren gemeinsamen Nenner hatten: Rahotep, Wahrheitssucher.
Wir hatten gerade den Pier erreicht, und deshalb beschloss ich, diesen seltsamen Gedanken für mich zu behalten und erst mal noch für eine Weile in den hintersten Winkel meines Hirns zu verbannen. Er schien zu töricht und zu eitel zu sein, um ausgesprochen zu werden.
Ich verabschiedete mich von Kheti und lief mit Thot, der vor mir her trabte, durch die aufgrund der Ausgangssperre leeren Straßen nach Hause. Ich leinte den Pavian ab, damit er es sich auf seiner Schlafstatt bequem machen konnte, und betrat das dunkle Haus. Die Stille tadelte mich dafür, dass ich so lange fort gewesen war. Manchmal fühle ich mich, als gehörte ich nicht in dieses Haus, in dem junge Frauen, alte Männer und Babys leben. Ich hielt mich erst noch eine Weile in der Küche auf, bevor ich mich schlafen legte. Im Licht der Öllampe, die in der Nische stand und die Tanefert für meine Heimkehr angelassen hatte, schenkte ich mir einen großen Becher Wein ein – anständiger Rotwein aus der Oase Charga – und häufte mir ein paar getrocknete Feigen und Mandeln auf einen Teller.
Dann setzte ich mich auf meinen Stammplatz auf die Bank unter der Statue des Hausgottes, der weiß, dass ich nicht an ihn glaube, und dachte über Familien nach. Es kommt mir häufig so vor, als begännen alle Probleme und alle Verbrechen in den Familien. Selbst in den alten Geschichten unserer Ahnen sind es die eifersüchtigen Brüder, die einander töten, die erzürnten Ehefrauen, die ihre Gatten kastrieren, und die wütenden Kinder, die an ihren schuldigen oder unschuldigen Eltern Rache nehmen. Ich dachte darüber nach, wie schnell sich die zarte Zuneigung meiner Töchter auch heute noch in mörderischen Zorn verwandelte, wie sie einander liebevoll über das Haar strichen und der anderen im nächsten Moment die Haare mit bloßen Händen ausreißen wollten wegen irgendeiner Sache, die dermaßen unbedeutend war, dass sie sogar selbst vor Scham erröteten, wenn sie damit herausrücken mussten.