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Vergiss nie, dass ich dich liebe

Электронная книга - «Vergiss nie, dass ich dich liebe». Краткое содержание книги:

Fünf Kriminalgeschichten, in denen Elizabeth George ihr ganzes meisterhaftes Können entfaltet: Vom plötzlichen Touristentod im Herrenhaus bis zur Tragödie einer jungen Witwe, vom mörderisch eifersüchtigen Ehemann oder dem kleinen Schullehrer mit fiesem Karrieretick bis zu einem veritablen Spukhaus in bester Wohnlage. Dazu liefert die Autorin jeweils ihre ganz persönliche »Geschichte zur Geschichte«, die sich mitunter selbst wie ein Krimi liest.
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»Aber ich hoffe doch, Sie sehen die Napler Lane nicht als einen großen Irrtum für sich«, entgegnete Willow.

»Ich habe in der Napler Lane viel über das Leben gelernt«, erwiderte Anfisa. »Viel mehr als irgendwo sonst. Und dafür bin ich dankbar. Ihnen. Und allen Nachbarn. Ich lebte nicht so, wie ich jetzt lebe, wenn die Napler Lane nicht gewesen wäre.«

Sie lebe, erklärte sie, in Frieden. Und es zeigte sich in der Tat vielleicht weniger in ihren Worten als in ihrem Handeln, den wechselnden Ausdrücken von Freude, Zufriedenheit und Glück, die über ihr Gesicht zogen, während sie sprach. Sie wollte wissen, wie es Willows Familie gehe: ihrem Mann, dem kleinen Mädchen und seinem Brüderchen. Und es sei ja wohl in der Zwischenzeit ein drittes dazugekommen, nicht wahr? Ob sie noch mehr Kinder wolle? Ja, sicherlich, nicht?

Willow errötete bei dieser letzten Frage, die einiges über Anfisas Intuition verriet. Ja, bekannte sie, sie wolle noch mehr Kinder haben. Tatsächlich sei sie ziemlich sicher, dass der vierte McKenna bereits unterwegs war, obwohl sie ihrem Mann noch nichts davon gesagt hatte.

»Eigentlich wollte ich nicht schon so bald nach Cooper das nächste Kind«, gestand Willow. »Aber nun ist es mal passiert, und ich muss sagen, ich freue mich wahnsinnig. Ich liebe große Familien. Ich habe mir immer eine große Familie gewünscht.«

»Ja.« Anfisa lächelte. »Die kleinen Geschöpfchen. Durch sie wird das Leben erst schön.«

Willow erwiderte das Lächeln. Sie war so beglückt über den Empfang, den Anfisa ihr bereitete, über ihre offen zur Schau getragene Freude über alles, was Willow ihr erzählte, dass sie sich vorbeugte und Anfisa die Hand drückte. »Ich bin so froh, dass ich hierher gekommen bin«, sagte sie. »Sie kommen mir vor wie ein anderer Mensch.«

»Ich bin ein anderer Mensch«, erwiderte Anfisa. »Ich tue nicht mehr das, was ich früher getan habe.«

»Sie haben gelernt«, konstatierte Willow. »Genau darum geht es im Leben.«

»Das Leben ist schön«, stimmte Anfisa zu. »Es ist ein volles Leben.«

»Wie ich mich freue, das zu hören! Das klingt wie Musik in meinen Ohren, Anfisa. Ich darf Sie doch so nennen, ja? Anfisa? Ich möchte Ihre Freundin sein.«

Anfisa drückte Willow die Hand, wie die zuvor die ihre gedrückt hatte. »Freundinnen«, sagte sie. »O ja. Das wäre schön, Willow.«

»Vielleicht können Sie einmal nach East Wingate kommen und uns besuchen«, sagte Willow. »Und wir kommen zu Ihnen zu Besuch. Wir haben im Umkreis von achthundert Kilometern keine Verwandten, und wir fänden es wunderbar, wenn Sie - wenn Sie unseren Kindern so etwas wie eine Großmutter sein könnten. Natürlich nur, wenn Ihnen das recht ist. Wissen Sie, das hatte ich mir schon erhofft, als Sie in der Napler Lane eingezogen sind.«

Anfisas Gesicht leuchtete auf, sie drückte eine Hand auf ihre Brust. »Ich? Sie wollten mich als Großmutter für Ihre Kleinen?« Sie lachte, unverkennbar entzückt über die Vorstellung. »Ach, das wäre ich gern. Von Herzen gern. Und Sie« - wieder ergriff sie Willows Hand - »Sie sind zu jung, um eine Großmutter abzugeben. Dann müssen Sie eben die Tante sein.«

»Die Tante?« Willow lächelte, obwohl sie keine Ahnung hatte, wovon Anfisa redete.

»Ja, ja«, bestätigte Anfis. »Die Tante meiner Kleinen, so wie ich die Großmutter Ihrer Kleinen sein werde.«

»Ihrer ...« Willow schluckte. Sie konnte es sich nicht verkneifen, einen scharfen Blick in die Runde zu werfen. Dann zwang sie sich zu einem Lächeln und sagte: »Sie haben auch was Kleines? Das wusste ich gar nicht, Anfisa.«

»Kommen Sie!« Anfisa stand auf und legte Willow die Hand auf die Schulter. »Sie müssen sie kennen lernen.«

Willow folgte, obwohl sie gar nicht wollte. Sie folgte Anfisa aus der Küche ins Wohnzimmer und von dort durch einen schmalen Gang. Der Geruch, den sie wahr­genommen hatte, als sie ins Haus gekommen war, wurde intensiver und noch intensiver, als Anfisa eine Zimmertür öffnete.

»Ich habe sie hier drinnen untergebracht«, sagte Anfisa über ihre Schulter hinweg zu Willow. »Die Nachbarn wissen nichts, und Sie dürfen nichts verraten. Ich habe aus der Zeit in der Napler Lane wahrhaftig viel gelernt.«

VORBEMERKUNG zu Vergiss nie, dass ich dich liebe

Über diese Geschichte habe ich mir lange den Kopf zerbrochen. Vor einigen Jahren hörte eine Freundin von einem Fall, wo ein Mann seiner Frau gewissermaßen »mit dem letzten Atemzug« eine Liebeserklärung gemacht hatte, die mir angesichts der geschilderten Umstände mit Liebe überhaupt nichts zu tun zu haben schien. Meine erste Reaktion auf den kurzen Bericht war Empörung. Meine zweite Reaktion war Zorn. Meine dritte Reaktion war typisch für jeden, dem das Schreiben im Blut liegt: Ich dachte mir, was für eine gute Kurzgeschichte das abgeben würde.

Aber nun kam der schwierige Teiclass="underline" Ich musste mir überlegen, was für Ereignisse im Leben des Ehepaares, das in meiner Kurzgeschichte die Hauptrolle spielen sollte, in einer solchen letzten Liebeserklärung des Mannes an seine Frau kulminieren könnten, und wie die Situation beschaffen sein musste, in der er diese Erklärung machte. Ich spielte endlos mit verschiedenen Möglichkeiten. Auf einer Wandertour in Cinque Terre in Italien dachte ich daran, die Story dort anzusiedeln. Dann lockten mich wieder die italienischen Seen als Schauplatz, und ich erwog ernsthaft, meine Geschichte auf der Isola de Pescatores spielen zu lassen. Das Problem war nur, dass mir - abgesehen von der möglichen Kulisse für die Story - überhaupt nichts einfiel. Und es ist schwierig, eine Kurzgeschichte zu schreiben, wenn die ganze Dynamik sich aus dem Schauplatz entwickeln soll.

Aber schließlich stieß ich in einem Gespräch mit meinem Freund doch auf den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, denGrund für den Tod des Ehemannes. Und als ich den hatte, konnte ich loslegen. Ich schickte meine Assistentin in die Bibliothek und ins Internet, um die Informationen zu sammeln, die ich brauchte, und begann inzwischen die Personen zu schaffen, die die Welt Eric und Charlotte Lawtons bevölkern würden. Sehr schnell wurde mir klar, dass ich für diese Story überhaupt keinen ausgefallenen Schauplatz brauchte. Ganz im Gegenteil, sie passte wunderbar hierher, nach Kalifornien, vor meine eigene Haustür.

Nachdem ich meinen elften Roman abgeschlossen hatte, fand ich endlich die Zeit, die Geschichte zu schreiben. Und hier ist sie nun, meine Antwort darauf, warum dieser Unbekannte, von dem eine meiner Freundinnen mir erzählt hatte, unmittelbar vor seinem Tod zu seiner Frau sagte: »Vergiss nie, dass ich dich liebe.«

Vergiss nie, dass ich dich liebe

Charlie Lawton weinte nicht, als sie am offenen Grab ihres Mannes stand. Sie hatte vorher geweint - als das Schreckliche geschehen war und auch bei der Trauerfeier. Sie hatte Ströme von Tränen geweint. Nun war sie leer und ließ den Lauf der Dinge wie betäubt über sich ergehen.

Zuvor hatte man ihr sämtliche Optionen zur Gestaltung des Begräbnisses aufgezählt: Sie konnte den Geistlichen ein weiteres Gebet sprechen lassen - nur ein kurzes, diesmal - und sich dann unverzüglich zu einem, zweifellos niederdrückenden, Empfang begeben, wo die Trauergäste bei Speise und Trank eine letzte Gelegenheit erhielten, Eric Lawtons Witwe mit unzulänglichen Worten ihr Beileid auszudrücken. Oder sie konnte am Grab verweilen und zusehen, wie der hastig ausgesuchte Sarg in die Grube hinuntergelassen wurde. Danach konnte sie eine Blume aus dem Trauerkranz wählen, den sie selbst mit schmerzgetrübtem Blick, und wie hinter einer Nebelwand stehend, zwei Tage zuvor gekauft hatte. Diese Blume konnte sie, den Trauergästen damit Anstoß gebend, ein Gleiches zu tun, ins Grab werfen und dann zur wartenden Limousine gehen. Oder sie konnte dem ganzen Begräbnis beiwohnen, bis zu dem Moment, wenn der Laster mit der Kipppritsche - der schon in diskreter Entfernung bereitstand - über den Rasen angerumpelt kam und die Erde über den Walnussholzsarg schüttete. Sie konnte bleiben, bis das Grab geschlossen, das Erdreich festgetrampelt und die Grasquadrate wieder ausgelegt waren. Sie konnte auch noch zusehen, wie am Pfosten das Plastikschildchen befestigt wurde, das zur Kennzeichnung diente, bis der Grabstein gesetzt wurde. Sie konnte seinen Namen lesen - Eric Lawton -, als könnte ihr das helfen zu begreifen, dass er tot war; und den Rest konnte sie sich denken: Eric Lawton, geliebter Ehemann von Charlotte. Gestorben im zweiundvierzigsten Lebensjahr.

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