Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Weder Samuel noch seinen anderen Kindern hatte er verraten, dass er nicht nur wegen Eliesers Bar-Mizwa nach Sarningen gekommen war. Es wurde allmählich Zeit, seine beiden Ältesten zu vermählen, und er hoffte, in der hiesigen Gemeinde eine Braut für Samuel und einen Gatten für Lea zu finden. Für Samuels Verlobung und Heirat benötigte er ein Privileg, das er seinem Landesherrn für teures Geld abkaufen musste, und wahrscheinlich würde er auch die Heiratserlaubnis des Jünglings bezahlen müssen, der bereit war, mit Lea unter den Traubaldachin zu treten. Doch die Sorge um die Summen, die er würde aufbringen müssen, durfte ihn nicht davon abhalten, dem Gesetz Israels zu gehorchen und die wichtigsten Schritte im Leben seiner älteren Kinder in die Wege zu leiten.
Der Einzug der Juden blieb nicht unbemerkt. Die Leute drehten sich auf der Straße nach ihnen um, zeigten mit den Fingern auf sie und starrten sie an, als brächten sie unheilvolle Omen über die Stadt. Ein paar alte Frauen schlugen das Kreuz, so als müssten sie sich beim Anblick der gelben Hüte, die die männlichen Juden trugen, gegen höllische Mächte schützen. Gassenjungen liefen der Fami-lie nach, verspotteten sie mit rüden Versen und bewarfen sie mit allem, was sie auf der gepflasterten Straße fanden. Meist waren es nur kleine Steine oder Schmutz, der von den Rädern der Fuhrwerke abgefallen war. Doch mehr als einmal wurde Jakob Goldstaub auch von den Exkrementen eines Hundes getroffen.
So viel Feindseligkeit war ihm in dieser Stadt noch nie begegnet, und er nahm sich vor, seinen Schwager Esra ben Nachum, den Vorsteher der hiesigen Gemeinde, darauf anzusprechen und ihn zu warnen, denn hier braute sich etwas zusammen. Die Situation wurde ihm so unheimlich, dass er gegen alle Gewohnheit rascher ausschritt und auch seinen Kindern winkte, sich zu beeilen. Als sie die Judengasse der Stadt erreicht hatten, drängte ihn alles, das Tor in der mehr als mannshohen Mauer, die das Wohnviertel der jüdischen Gemeinde von den übrigen Straßen trennte, so schnell wie möglich zu passieren, doch der Zugang war so schmal, dass er warten musste, bis Gerschom den Wagen hindurchmanövriert hatte. Dann erst konnte er seine Kinder durch die Öffnung schieben und ihnen folgen. Als er schon aufatmen wollte, traf ihn als letzter Gruß der Gassenjungen ein Lehmbatzen am linken Ohr.
2.
Esra ben Nachum empfing Jakob Goldstaub vor seinem Haus. Er umarmte den Gast und wischte eigenhändig einige Schmutzspuren von dessen Mantel ab. »Friede sei mit dir und deinen Kindern, Jakob ben Jehuda. Ich wünschte, ihr wärt zu einer besseren Zeit gekommen. Nun aber schüttelt den Staub der Reise von euren Kleidern und erfrischt euch.«
»Friede sei auch mit dir, Esra, und den Deinen«, erwiderte Jakob Goldstaub den Gruß. Dann drehte er sich um und zeigte auf das mittlerweile geschlossene Tor der Judengasse. »Was geht in Sarningen vor? Als ich das letzte Mal hier war, erschienen mir die Leute viel freundlicher.«
Der Hausherr hob die Augen zum Himmel und breitete die Arme aus. »Morgen ist Zinstag, und viele unserer Schuldner haben ihren Unmut über unsere berechtigten Forderungen lautstark unter die Leute getragen. Andere, meist Fremde, haben das ausgenützt, um unsere christlichen Mitbewohner gegen uns aufzuhetzen. Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Es kommt an einem solchen Tag immer wieder zu gewissen Missstimmungen, wenn es diesmal auch schlimmer ist als sonst. Die Leute werden sich schon bald beruhigt haben, und dann können wir wieder in Frieden leben.«
Lea vernahm die Angst, die in der Stimme ihres Onkels mitschwang, und es kam ihr so vor, als wolle er sich selbst Mut zusprechen. »In Hartenburg haben wir doch auch Zinstage. Aber dort sind die Leute nie so aggressiv geworden wie hier.«
Samuel ballte die Fäuste. »Lea hat Recht. Die Christen benehmen sich ganz anders als bei meinen früheren Besuchen. Bist du sicher, Onkel, dass sie keinen Überfall planen?«
»In einer großen Stadt wie hier gibt es immer Aufrührer und Schreihälse. Daran gewöhnt man sich, mein Junge«, erklärte Esra ben Nachum mit einer hilflosen Geste. »Wir können nichts anderes tun als abzuwarten, bis das Geschrei verstummt und die Leute andere Dinge im Kopf haben. Da uns die meisten Berufe verwehrt sind und nicht jeder von uns ein erfolgreicher Fernhandelskaufmann sein kann, verdienen wir unseren Lebensunterhalt hauptsächlich als Pfandleiher und Kreditgeber, und das bringt nun einmal solche Probleme mit sich. Schau, Samuel, die Menschen, die zu uns kommen, können nicht die Sicherheiten bieten, welche die Fugger in Augsburg oder die Lombarden von ihren Schuldnern fordern, und so gehen wir mit jedem Geschäft, das wir mit Christen abschließen, ein Risiko ein. Du wirst auch noch begreifen, dass es nicht jedem Juden so gut geht wie deinem Vater, der eine sichere Position als Hoffaktor eines Herzogs hat und seinen Geschäften ohne große Sorgen nachgehen kann.«
Lea hob die Hand. »Ernst Ludwig von Hartenstein ist kein Herzog, er trägt nur den Titel eines Markgrafen, Onkel.«
Esra ben Nachum warf ihr einen irritierten Blick zu und wandte sich mit einem verkniffenen Lächeln an seinen Schwager. »Deine Lea scheint mir immer noch ein wenig vorlaut zu sein.«
Lea fand diesen Vorwurf ungerecht und ärgerte sich gleich noch einmal, denn ihr Vater stimmte seinem Schwager entschuldigend zu. »Sie war noch sehr jung, als sie den Platz ihrer Mutter einnehmen musste. Daher hat sie nicht gelernt zu schweigen, wie es die Sitte von einer Frau verlangt.«
»Mirjam wird sich um sie kümmern.« Esra Ben Na-chum führte die Gäste in sein Haus, einen niedrigen Fachwerkbau, der von außen windschief und heruntergekommen wirkte, sich innen aber als stabil und wohlgepflegt erwies.
Jakob ben Jehudas Schwester Mirjam erwartete die Gäste in der Wohnstube. Sie war gekleidet, als bereite sie sich auf eine weite Reise vor, und trug, wie ein leises Klingeln beim Gehen verriet, wohl ihren gesamten Schmuck bei sich. Das machte Lea hellhörig. Rachel und sie trugen ebenfalls einige Schmuckstücke von Wert unter ihrer Kleidung, die bei Bedarf in gemünztes Gold umgetauscht werden konnten. Doch wenn die Tante ihren Schmuck schon im Haus unter ihren Röcken verbarg, war die Gefahr größer, als ihr Onkel zugeben wollte.
»Habt ihr Angst, aus der Stadt vertrieben zu werden, weil du deinen Schmuck bei dir trägst?«, fragte sie besorgt. »Dann solltest du aber darauf achten, dass er beim Gehen nicht klirrt. Oder willst du die Leute darauf aufmerksam machen, was du unter deinem Kleid verbirgst?«
Mirjam hob erschrocken ihre Schürze und betastete den Rock.
Nun vernahm sie es ebenfalls. »Du hast gute Ohren, Lea. Mir ist nichts aufgefallen. Aber keine Sorge, es wird schon nichts passieren. Ich bin nur etwas nervös und habe deswegen meine Sachen an mich genommen. Schau, unsere Sippe lebt schon seit mehr als zweihundert Jahren in Sarningen, und außer einem Mord an einem ortsfremden Juden ist hier noch nie etwas vorgefallen.«
Zu Hause hatte Lea etwas ganz anderes gehört, aber da die Kritik ihres Vaters noch an ihr nagte, nahm sie Mirjams Erklärung mit einem skeptischen Nicken zur Kenntnis. »Bestimmt hast du Recht. Aber habt ihr denn schon herausgefunden, was die Christen so gegen euch aufgebracht hat?«