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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Ich rekelte mich genüsslich in dem Wissen, dass ich noch nicht aufzustehen brauchte. Die frühe Schwangerschaft machte mich müde, und die Reisestrapazen hatten das Ihre zu meiner Erschöpfung beigetragen, so dass mir die lange Ruhepause doppelt willkommen war.

Es hatte unterwegs unablässig geregnet und geschneit, da die französische Küste von Winterstürmen gepeitscht wurde. Doch es hätte schlimmer sein können. Wir hatten ursprünglich vorgehabt, nach Rom zu gehen, nicht nach Le Havre. Das hätte eine drei- oder vierwöchige Reise bei diesem Wetter bedeutet.

Angesichts der Notwendigkeit, sich seinen Lebensunterhalt in der Fremde zu verdienen, hatte sich Jamie ein Schreiben besorgt, das ihn als Übersetzer empfahl. Adressat war James Francis Edward Stuart – oder auch nur Chevalier St. George, Thronprätendent, je nachdem, wo man seine persönlichen Loyalitäten ansiedelte –, und wir hatten uns entschlossen, uns dem Hofstaat des Prätendenten in der Nähe von Rom anzuschließen.

Fast hätten wir das auch getan; wir waren im Begriff gewesen, nach Italien aufzubrechen, als uns Jamies Onkel Alexander, der Abt von Ste. Anne, in sein Studierzimmer gerufen hatte.

»Ich habe von Seiner Majestät gehört«, verkündete er ohne Umschweife.

»Von welcher?«, fragte Jamie. Die schwache Familienähnlichkeit der beiden Männer wurde durch ihre Haltung noch betont – beide saßen kerzengerade auf ihren Stühlen. Bei Abt Alexander war diese Haltung seiner natürlichen Askese geschuldet; bei Jamie dem Wunsch, jede Berührung seiner frisch verheilten Narben mit dem Holz des Stuhls zu vermeiden.

»Von Seiner Majestät König James«, erwiderte sein Onkel mit einem kleinen Stirnrunzeln in meine Richtung. Ich gab mir Mühe, mein Gesicht von jedem Ausdruck freizuhalten; es war ein Vertrauensbeweis, dass ich mit im Studierzimmer des Abtes saß, und das wollte ich mir nicht verderben. Er kannte mich erst knapp sechs Wochen, seit dem Tag nach Weihnachten, als ich mit Jamie, der durch Folter und Kerker dem Tod nahe war, an seiner Pforte aufgetaucht war. Unsere folgende Bekanntschaft hatte dem Abt anscheinend einiges Vertrauen in mich eingeflößt. Andererseits war ich nach wie vor Engländerin. Und der Name des englischen Königs war George, nicht James.

»Aye? Braucht er doch keinen Übersetzer?« Jamie war immer noch dünn, aber er hatte im Freien zusammen mit den Brüdern gearbeitet, die die Stallungen und Felder des Klosters bewirtschafteten, und sein Gesicht gewann allmählich seine normale gesunde Farbe zurück.

»Was er braucht, ist ein loyaler Diener – und ein Freund.« Abt Alexander tippte mit den Fingern auf einen Brief, der zusammengefaltet, aber mit aufgebrochenem Siegel auf seinem Schreibtisch lag. Er spitzte die Lippen und blickte von mir zu seinem Neffen und zurück.

»Was ich euch jetzt erzähle, darf nicht wiederholt werden«, sagte er streng. »Es wird bald allgemein bekannt werden, aber vorerst …« Ich bemühte mich um eine vertrauenswürdige Miene; Jamie nickte nur mit einem Hauch von Ungeduld.

»Seine Hoheit, Prinz Charles Edward, hat Rom verlassen und wird im Lauf der Woche in Frankreich eintreffen«, sagte der Abt und beugte sich ein wenig vor, als wollte er die Bedeutsamkeit seiner Worte unterstreichen.

Und sie waren bedeutsam. James Stuart hatte 1715 einen misslungenen Versuch unternommen, seinen Thron zurückzuerlangen – eine schlecht geplante Militäroperation, die aus Mangel an Unterstützung so gut wie auf der Stelle gescheitert war. Seitdem, so Alexander, war James von Schottland unermüdlich im Exil tätig, schrieb unablässig an seine Mit-Monarchen, vor allem an seinen Vetter Louis von Frankreich, um auf die Rechtmäßigkeit seines Anspruchs auf den Thron von Schottland und England und der Position seines Sohns, Prinz Charles, als des Erben dieses Throns zu pochen.

»Sein königlicher Vetter Louis hat sich diesen Ansprüchen gegenüber bestürzend taub gezeigt«, sagte der Abt und warf einen stirnrunzelnden Blick auf den Brief, als wäre es Louis. »Sollten ihm jetzt seine Verpflichtungen in dieser Angelegenheit klargeworden sein, ist das für alle, denen das heilige Königsrecht am Herzen liegt, ein Grund zu großem Jubel.«

Für die Jakobiten also, James’ Gefolgsleute. Zu denen auch Abt Alexander vom Kloster Ste. Anne – geboren als Alexander Fraser aus Schottland – zählte. Jamie hatte mir erzählt, dass Alexander zu den regelmäßigsten Korrespondenzpartnern des Exilkönigs zählte und mit allem in Berührung war, was mit der Sache der Stuarts zu tun hatte.

»Seine Position ist ideal«, hatte Jamie mir erklärt, während wir über das Unterfangen sprachen, an dessen Beginn wir standen. »Das päpstliche Botensystem durchquert Italien, Frankreich und Spanien schneller als beinahe jedes andere. Und kein Regierungsbeamter kann einen päpstlichen Kurier aufhalten, daher ist es weniger wahrscheinlich, dass Briefe dieser Boten abgefangen werden.«

In seinem römischen Exil wurde James von Schottland zu einem großen Teil durch den Papst unterstützt, der natürlich sehr daran interessiert war, in England und Schottland wieder eine katholische Monarchie zu installieren. Daher wurde James’ private Post weitgehend durch päpstliche Boten transportiert – und durchlief die Hände loyaler Gefolgsmänner innerhalb der Kirchenhierarchie – wie Abt Alexander von Ste. Anne de Beaupré –, die zuverlässig mit den Anhängern des Königs in Schottland kommunizierten. Dabei war das Risiko deutlich kleiner, als offen Briefe von Rom nach Edinburgh und in die Highlands zu schicken.

Ich beobachtete Alexander aufmerksam, während er die Bedeutung des Prinzenbesuchs in Frankreich erläuterte. Er war ein kräftiger Mann, etwa von meiner Größe, dunkelhaarig und um einiges kleiner als sein Neffe, mit dem er jedoch die leicht schräg stehenden Augen, den scharfen Verstand und das Talent zum Entlarven verborgener Motive teilte, das für alle Frasers, die ich kannte, charakteristisch zu sein schien.

»Nun denn«, sagte er und strich sich über den dunkelbraunen Vollbart, »ich kann also nicht sagen, ob Seine Hoheit auf Louis’ Einladung in Frankreich weilt oder ob er auf Wunsch seines Vaters ohne Einladung gekommen ist.«

»Was ja ein kleiner Unterschied wäre«, stellte Jamie fest und zog skeptisch eine Augenbraue hoch.

Sein Onkel nickte, und im Dickicht seines Bartes zeigte sich kurz ein ironisches Lächeln.

»So ist es, Junge«, sagte er und ließ zu, dass sich ein Hauch von Schottisch in sein übliches, formelles Englisch stahl. »So ist es. Und hier könntest du dich nun mit deiner Frau nützlich machen, wenn du willst.«

Der Vorschlag war simpeclass="underline" Seine Majestät König James würde die Reisekosten und ein kleines Gehalt zahlen, wenn sich der Neffe seines loyalen und geschätzten Freundes Alexander bereit erklärte, nach Paris zu reisen und dort seinem Sohn, Seiner Hoheit Prinz Charles Edward, zur Seite zu stehen, wo immer dieser es erforderte.

Ich war völlig verdattert. Eigentlich hatten wir vorgehabt, nach Rom zu gehen, weil dies der beste Ort zu sein schien, um mit unserem Vorhaben zu beginnen: den zweiten Jakobitenaufstand, den sogenannten 45er, zu verhindern. Ich wusste, dass dieser Aufstand, der von Frankreich aus finanziert und durch Charles Edward Stuart angeführt wurde, deutlich weiter vorankommen würde als der Anlauf seines Vaters im Jahr 1715 – jedoch nicht annähernd weit genug. Wenn die Dinge so verliefen, wie ich es glaubte, würden die Truppen des Bonnie Prince Charlie 1746 in Culloden eine verheerende Niederlage erleiden, deren Nachwirkungen die Menschen in den Highlands noch zweihundert Jahre später spüren würden.

Jetzt, im Jahr 1744, begann Charles allem Anschein nach tatsächlich gerade, in Frankreich um Hilfe anzufragen. Wo konnte man besser versuchen, eine Rebellion zu verhindern, als an der Seite ihres Anführers?

Ich warf einen Blick auf Jamie, der über die Schulter seines Onkels hinweg einen kleinen Schrein betrachtete, der in die Wand eingelassen war. Seine Augen ruhten auf der vergoldeten Figur der heiligen Anne und dem kleinen Sträußchen Treibhausblumen zu ihren Füßen, während es hinter seinem ausdruckslosen Gesicht arbeitete. Schließlich blinzelte er und lächelte seinen Onkel an.

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