Ferne Ufer: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #3
- Год: 2016
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ferne Ufer: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Der erste Sklave lag in einer kleinen Vorratskammer, die unmittelbar an die Küche grenzte. Er lag auf einem Strohlager unter einem Regal, in dem sich in Gaze gehüllte Käselaibe türmten. Der Patient, ein junger Mann Anfang zwanzig, setzte sich auf und blinzelte in den Lichtstrahl, als ich die Tür öffnete.
»Was fehlt ihm denn?« Ich kniete mich neben den Mann und berührte seine Haut. Warm, feucht, anscheinend kein Fieber. Er schien sich auch nicht merklich unwohl zu fühlen, sondern blinzelte nur verschlafen, während ich ihn untersuchte.
»Er hat einen Wurm.«
Ich blickte Geilie überrascht an. Nach allem, was ich bisher auf den Karibikinseln gesehen und gehört hatte, ging ich davon aus, dass mindestens drei Viertel der schwarzen Bevölkerung – und nicht wenige Weiße – an internem Parasitenbefall litten. Dies konnte zwar unangenehm und kräftezehrend sein, doch eine echte Bedrohung stellte es meistens nur für die ganz Jungen und die ganz Alten dar.
»Wahrscheinlich mehr als nur einen«, sagte ich. Ich drehte den Sklaven sanft auf den Rücken und begann, seinen Bauch abzutasten. Die Milz war druckempfindlich und etwas vergrößert – was hier ebenfalls häufig vorkam –, doch ich spürte keine verdächtigen Verdickungen im Bauch, die auf einen weitreichenden Befall des Darms hingedeutet hätten. »Er scheint doch recht gesund zu sein; warum liegt er hier im Dunklen?«
Wie als Antwort auf meine Frage entwand sich der Sklave ruckartig meiner Hand, stieß einen durchdringenden Schrei aus und krümmte sich. Er rollte sich zusammen und auseinander wie ein Jojo, bis er die Wand erreichte und immer noch schreiend begann, mit dem Kopf dagegen zu schlagen. Dann verflog der Anfall so plötzlich, wie er gekommen war, und der junge Mann sank keuchend und in Schweiß gebadet auf das Lager zurück.
»Jesus H. Roosevelt Christ«, sagte ich. »Was war denn das?«
»Ein Loa-Loa-Wurm«, sagte Geilie, die sich über meine Reaktion zu amüsieren schien. »Sie leben in den Augäpfeln, direkt unter der Schleimhaut. Sie wandern zwischen den Augen hin und her, und ich habe mir sagen lassen, dass es sehr schmerzhaft ist, wenn sie das Nasenbein überqueren.« Sie wies kopfnickend auf den Sklaven, der immer noch zitternd auf seiner Matratze lag.
»In der Dunkelheit bewegen sie sich weniger«, erklärte sie. »Der Mann aus Andros, der mir davon erzählt hat, sagt, man muss sie fangen, wenn sie gerade das Auge gewechselt haben, weil sie dann nah an der Oberfläche sind und man sie mit einer großen Stopfnadel herausholen kann. Wenn man wartet, kriechen sie in die Tiefe, und man erwischt sie nicht mehr.« Sie wandte sich zur Küche zurück und rief nach Licht.
»Hier, ich habe die Nadel dabei, für alle Fälle.« Sie fasste in die Tasche an ihrer Taille und zog ein quadratisches Stück Filz heraus, in dem eine Neun-Zentimeter-Stahlnadel steckte, die sie mir hilfsbereit entgegenhielt.
»Hast du den Verstand verloren?« Ich starrte sie entgeistert an.
»Nein. Hast du nicht gesagt, du bist eine erfahrene Heilerin?«, fragte sie logisch.
»Ja, aber …« Ich betrachtete den Sklaven, zögerte, dann nahm ich die Kerze, die mir eine der Küchenmägde hinhielt.
»Bringt mir etwas Brandy und ein scharfes Messer«, sagte ich. »Taucht die Nadel – und das Messer – in den Brandy, dann haltet die Spitze einen Moment in die Flamme. Lasst sie abkühlen, aber fasst sie nicht an.« Während ich das sagte, zog ich vorsichtig das eine Augenlid des Mannes hoch. Das Auge blickte zu mir auf, eine seltsam asymmetrische, fleckige braune Iris in einer Lederhaut von der Farbe cremiger Sahne. Ich suchte aufmerksam und kam ihm mit der Kerzenflamme so nah, dass sich seine Pupille zusammenzog, dann zog ich sie wieder fort, sah aber nichts.
Ich versuchte es mit dem anderen Auge und hätte fast die Kerze fallen gelassen. Tatsächlich, da war ein kleines transparentes Fädchen, das sich unter der Bindehaut bewegte. Ich würgte ein wenig bei dem Anblick, beherrschte mich aber und griff nach dem frisch sterilisierten Messer, ohne das Augenlid loszulassen.
»Halt ihn an den Schultern fest«, sagte ich zu Geilie. »Er darf sich nicht bewegen, sonst blende ich ihn am Ende noch.«
Die eigentliche Operation war zwar haarsträubend, wenn man darüber nachdachte, doch ihre Durchführung war überraschend einfach. Ich setzte einen kleinen, schnellen Einschnitt im inneren Augenwinkel, hob die Bindehaut mit der Nadelspitze ein wenig an, fuhr mit der Nadelspitze unter den Wurm, der sich träge über die freiliegende Fläche ringelte, und zog ihn zielsicher wie eine Garnschlinge heraus.
Ich unterdrückte einen angewiderten Schauder und schnippte den Wurm beiseite. Er landete leise klatschend an der Wand und verschwand im Schatten unter dem Käse.
Es blutete nicht; nach kurzer Debatte mit mir selbst beschloss ich, es den Tränendrüsen des Mannes zu überlassen, den Einschnitt feucht zu halten. Es würde so heilen müssen; ich hatte kein geeignetes Nähmaterial, und die Wunde war so klein, dass sie ohnehin nur einen oder zwei Stiche benötigt hätte.
Mit einem Verband befestigte ich ein zusammengefaltetes Stück Stoff auf dem geschlossenen Auge und richtete mich auf, hinreichend zufrieden mit einem ersten Ausflug in die Tropenmedizin.
»Gut«, sagte ich und schob mir das Haar zurück. »Wo ist der andere?«
Der nächste Patient befand sich in einem Schuppen außerhalb der Küche und war tot. Ich ging neben dem Toten, einem Mann in den mittleren Jahren mit graumeliertem Haar, in die Hocke und empfand sowohl Mitleid als auch Entrüstung.
Die Todesursache war mehr als offensichtlich: ein abgeklemmter Leistenbruch. Die verknotete, nekrotische Darmschlinge bildete eine Wölbung auf der einen Bauchseite, und die fest angespannte Haut darüber wies bereits einen Grünschimmer auf, obwohl der Körper selbst noch beinahe lebenswarm war. Die breiten Gesichtszüge waren zu einer gequälten Miene erstarrt und zeugten unglücklicherweise sehr genau davon, was für eine Art von Tod es gewesen war.
»Warum hast du gewartet?« Ich stand auf und funkelte Geilie an. »Zum Kuckuck, du hast mich da Tee trinken und plaudern lassen, während sich das hier abgespielt hat? Er ist noch keine Stunde tot, aber er muss schon lange Schmerzen gehabt haben – tagelang! Warum hast du mich nicht sofort hierhergebracht?«
»Er schien heute Morgen schon ziemlich am Ende zu sein«, sagte sie und ließ sich durch meine Erregung nicht aus der Ruhe bringen. Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe das schon öfter gesehen; ich hatte nicht den Eindruck, dass du viel tun könntest. Es schien die Eile nicht zu lohnen.«
Ich schluckte jeden weiteren Vorwurf herunter. Sie hatte recht; ich hätte ihn operieren können, wenn ich eher gekommen wäre, aber die Chancen, dass es ihm geholfen hätte, waren gering bis nicht vorhanden. Den Leistenbruch hätte ich möglicherweise beheben können, selbst unter diesen schwierigen Bedingungen; schließlich galt es dazu nur, den vorgewölbten Darm zurückzuschieben und die angerissenen Bauchmuskelschichten wieder zusammenzunähen; die einzige echte Gefahr bestand in einer Entzündung. Doch hatte sich die entwischte Darmschlinge erst verknotet, so dass die Blutzufuhr abschnitten war und der Inhalt zu verwesen begann, war der Mann verloren.
Aber ihn hier in diesem stickigen Schuppen sterben zu lassen, allein … nun, vielleicht hätte ihn die Gegenwart einer einzelnen Weißen ohnehin nicht sehr getröstet. Dennoch empfand ich ein obskures Gefühl des Versagens, wie es im Angesicht des Todes immer geschah. Ich wischte mir die Hände langsam an einem brandygetränkten Tuch ab und rang um Fassung.