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Vom anderen Ende der Welt

Электронная книга - «Vom anderen Ende der Welt». Краткое содержание книги:

Informationen zum Buch
»Wir sitzen hier beisammen, mitten in der Nacht. Schauen auf das Kind, und ich kann kaum ausatmen, so laut schlägt mein Herz. Ich bin fast toll vor Angst, dass du in der Ruhe zu lange auf meine Hände schaust und die Frau in mir siehst.«
England, spätes 18. Jahrhundert: Von ihrem Vater, einem Arzt und Wissenschaftler, zur Botanikerin ausgebildet, träumt die junge Mary Linley davon, die Welt zu bereisen. Doch als sie nach dem Tod des Vaters verheiratet werden soll, sieht sie nur eine Möglichkeit, ihrer Berufung zu folgen. Sie gibt sich als Mann aus, um an Bord der Sailing Queen im Stab des Botanikers Sir Carl Belham auf Expeditionsfahrt zu gehen. Die Lebensbedingungen auf See erschüttern sie, denn Entbehrungen, Krankheiten und Tod prägen den Alltag. Dennoch glaubt sie, ihr Ziel erreicht zu haben: Sie erkundet fremde, faszinierende Länder. Erst durch die Liebe zu Sir Carl Belham erkennt sie, dass sie sich für ihre Ideale selbst verleugnet ...
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Sofort blickte Mary auf ihre Zeichnung. Der zweite Blütenkopf war fertig, nichts ließ mehr den gelben Strich erahnen, der sich über das Blatt gezogen hatte. Was meinte er? Fragend schaute sie zu ihm auf und hörte, dass Seth unentwegt von einem Fuß auf den anderen trat. Leise klatschte die nackte Haut auf den Holzboden.

Carl schmunzelte. »Na, das Sammlungsstück hat nur einen Blütenkopf, warum solltest du dir mehr Arbeit machen als nötig? Zudem sind die Lavierungen der zweiten Blüte, wenn man genau hinschaut, nicht nach links gestrichen wie im Rest der Arbeit. Ihr Auftrag ist zudem kräftiger, fast pastös. Die hellere Blüte ist getrocknet, du hast sie zuerst gezeichnet, und als das Schiff vorhin leewärts abfiel, ist dir die nasse Farbe sicher über das Blatt gelaufen. Der Blütenkopf jedenfalls neigt sich in diese Richtung, und das helle Farbspiel im Blatt, das ebenfalls noch feucht ist, zeigt mir an, dass du auf geschickte Weise ein Problem gelöst hast.«

Mary zog die Augenbrauen in die Höhe. Der Mann verfügte über eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe.

»Ich kenne doch die Tricks der Gewerke, mit denen ich arbeite«, sagte Carl und rieb sich zufrieden die Hände.

Erneut blieb Marys Blick an seinen Lippen hängen. Ihre Hand umklammerte einen der Tiegel mit den Farbpigmenten. Sie nahm den Deckel und schloss ihn.

»Und du bist immer noch hier?« Carl wandte sich zu Seth. »Das ist eine interessante Tätigkeit, das Zeichnen, oder?«

Der Junge nickte nur und trat einen Schritt zurück, sodass sein Rücken den Schrank berührte.

Carl klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. »Dann werde ich mal wieder gehen, unser guter Mr. Peacock möchte noch einen Spaziergang über Deck mit mir zurücklegen. Vorausgesetzt, er findet es. Und du«, er warf Seth einen verschwörerischen Blick zu, »lass dich nicht erwischen, wenn du hier herumtrödelst.« Dann verschwand er.

Kaum schlug die Tür hinter ihm zu, schauten Mary und Seth sich an. Schwiegen kurz und begannen dann gleichzeitig zu lachen.

Seth sprang an den Tischrand. »Das hast du gut gemacht«, rief er, und wieder erklang sein glockenhelles Lachen.

»Und du hast mir geholfen, danke!«

Schlagartig legte der Junge den Kopf schräg und zog die Stirn in Falten. Seine meerblauen Augen tasteten über ihr Gesicht und versuchten offensichtlich zu ergründen, ob sie mit ihm scherzte.

»Ich meine das ernst, und wenn du magst, kannst du gern noch den letzten Pinsel abspülen, die Tiegel verschließen und mir helfen, alles in die Kajüte zu bringen. Der Tisch muss geräumt werden, da es bald Essen gibt. Und die Salpen sollten ebenfalls weggeschafft werden. Ich könnte deine Hilfe wahrlich noch einen Moment gebrauchen.«

Seths Hand fuhr über den Tisch, packte den Pinsel und tunkte ihn in den Wassernapf. Die grüne Farbe auf der weißen Haut seines Armes war inzwischen getrocknet.

Tahiti, 15. August 1785

Die Sonne brannte. Glatt gestrichen lag das Wasser und rührte sich nicht. Die zerklüfteten Felsformationen der Berge warfen dunkle Schatten, die zu einem Spaziergang einluden, um der Hitze in der Ebene zu entkommen.

Selbst Tupaia war vom Spielen am Strand zur Hütte zurückgekehrt. Owahiri lächelte und strich ihm zur Begrüßung über den Rücken. Die Haut des Kleinen war sandig und verschwitzt. Dann nahm er eines der Bananenblätter und legte es vor sich. Mit einem Blick prüfte er die Steine, die im Feuer lagen. Sie begannen, an einigen Stellen weiß zu glühen. Ein Zeichen, dass er sich beeilen musste. Sofort legte er mehrere Streifen des Schweinefleisches auf das Bananenblatt und schloss es zu einem kleinen Paket.

Tupaia schmiegte sich gegen seinen Arm. »Kann ich dir helfen, Vater?«, fragte er.

»Gern. Nimm dir doch den scharfen Stein und zertrenne das restliche Fleisch in drei Teile.«

Die Steine glühten. Owahiri löschte die Flammen mit Sand und hob neben der Feuerstelle eine Mulde aus. Er langte nach der kleinen Axt und schob mit dem Keil die Steine hinein, bis sie den Boden bedeckten.

»Vater, darf ich die Axt haben? Bitte!«

Der zaghafte Ton in der Stimme seines Sohnes ließ ihn erneut lächeln. »Du siehst doch, dass ich sie gerade benutze«, sagte er.

»Ich will nicht den scharfen Stein nehmen.« Tupaias Tonfall ließ ihn aufschauen. Die Unterlippe des Kleinen schob sich vor.

Owahiri bedeckte die Steine mit einem Bananenblatt und schichtete Yamswurzeln, Bananenscheiben und Brotbaumfrucht darauf. »Warum willst du nicht den scharfen Stein nehmen?« In seiner Stimme klang ein erster Hauch Verärgerung durch, und er fühlte, dass seine Augenbrauen sich zusammenzogen.

»Ich will die Axt nehmen. Die ist gut. Sie ist besser, viel besser als der Stein.«

Wurzeln und Früchte bedeckten das Bananenblatt. »Schau her, ich muss weitere Steine in den Erdofen schieben. Sie sind sehr heiß, und der lange Schaft der Axt macht es mir leichter, sie zu bewegen, als der scharfe Stein. Die Gefahr, sich zu verbrennen, ist geringer. Das heißt, ich brauche sie gerade.«

Er sah seinen Sohn an, der vor ihm stand und den scharfen Stein nicht anrühren wollte. Ein schwarzer Stein, mit einer schmalen Kante, die er eigenhändig geschlagen hatte. »Was stört dich an dem Stein?«

Tupaia verschränkte die Arme hinter dem Rücken und schob seine Lippe noch weiter hervor. Er schwieg.

»Dann pack dich, dann kann ich deine Hilfe nicht gebrauchen«, fuhr Owahiri ihn an.

Sofort drehte der Kleine sich um und lief davon.

Einen Augenblick sah Owahiri ihm nach, sah die nackten kleinen Füße, die weit ausholten, um so schnell wie möglich von ihm wegzukommen. Das konnte später geklärt werden, beschloss er, erst musste er hier, solange die Steine noch Hitze in sich trugen, fertig werden. Mit der Axt schlug Owahiri in das Fleisch, doch die Stücke gerieten kleiner, als er es sich vorgenommen hatte. Zügig verteilte er sie auf weitere Bananenblätter, die er zu Päckchen zusammenband und im Erdofen stapelte. Dann schob er eine letzte Schicht Steine darüber und schloss ihn mit Bananenblättern und Sand.

Revanui, die sich zum Wasserholen aufgemacht hatte, kam den Hang zur Hütte herauf. Sie hatte das Wasser in ausgehöhlte Kokosnussschalen gefüllt, die sie nun in zwei Netzen mit sich trug. Bei jedem Schritt schwangen die Netze auf und ab, sodass Wasser aus den schmalen Öffnungen der Kopfseite schwappte.

»Worüber habt ihr gestritten?«, fragte sie grußlos und setzte die beiden Netze ab. Eine Nuss fiel um, und das Wasser ergoss sich über ihre Füße. Sie schien es nicht zu bemerken. »Tupaia kam mir entgegen, er war in Tränen aufgelöst. Er wollte mich nicht nach Hause begleiten und stammelte, du würdest ihm nur den scharfen Stein überlassen, um selbst die schönen Sachen zu nutzen. Was meint er damit?«

»Ich habe ihn gebeten, das Fleisch zu zerteilen. Dazu wollte er den scharfen Stein nicht nehmen, vielmehr verlangte er nach der Axt.«

»Ja, und warum konntest du ihm die Axt nicht geben?«

Am Keil der Axt hing noch ein Fleischfetzen. Owahiri zupfte ihn ab und rieb ihn zwischen den Fingern. Es war sinnlos, jetzt darüber zu sprechen, obgleich es ihn drängte, sich zu erklären. Doch Revanui würde in ihrer Wut keines seiner Argumente gelten lassen, sobald sie ihren Sohn in Tränen sah, wusste sie sich meist kaum zu fassen. Er entschied, die Werkzeuge in die Hütte zu bringen und dann zum Strand hinabzulaufen. Es blieb ihm genug Zeit, bis das Essen fertig gegart war. Vielleicht würde er Tupaia treffen, und vielleicht könnten sie noch einmal über ihren Streit sprechen. Langsam erhob er sich.

»Du bleibst hier und lässt mich nicht einfach allein zurück.« Breitbeinig stellte sich Revanui ihm in den Weg. Alles Milde und Weichherzige war aus ihren Gesichtszügen gewischt. Schwarz brannten ihre Augen, und die hohe Stirn lag in Falten zerfurcht. »Was denkst du denn?«, schrie sie. »Der Junge sieht, dass immer mehr von uns die eigenen Werkzeuge nicht mehr nutzen, Steine, Holzspitzen, Muscheln. All das ist nichts mehr wert. Wer kann, benutzt eine der Äxte, einen Nagel oder hat sogar eine Schere zur Hand. Ich habe dir gesagt, dass es Ärger um diese Sachen geben wird.«

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