Eine handvoll Venus und ehrbare Kaufleute
- Автор: Пол Фредерик
- Год: 1973
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Eine handvoll Venus und ehrbare Kaufleute». Краткое содержание книги:
Industriekämpfe, die bis aufs Messer geführt werden, sind an der Tagesordnung. Gigantische Werbeagenturen beherrschen die übervölkerte Erde des 21. Jahrhunderts und haben die bisherigen politischen Organisationen zur Bedeutungslosigkeit degradiert. Mit Ausnahme einiger weniger Menschen besteht die Weltbevölkerung nur noch aus willenlosen, durch Drogen und Werbetricks konditionierten Verbrauchern.
In dieser Alptraumwelt liegen die beiden führenden Werbegiganten im Streit um ein großangelegtes Schwindelprojekt:
Die Besiedlung des unbewohnbaren Planeten Venus.
Über die Autoren:
FREDERIK POHL, am 26. 11. 1919 in New York geboren, war schon in den dreißiger Jahren Mitglied der „Futurian Literary Society, einer Organisation junger SF-Autoren. Nach dem Zweiten Weltkrieg, an dem er in Europa teilnahm, war der Autor zunächst in der Werbebranche als literarischer Agent und als Kriminalschriftsteller tätig. Ab 1949 wandte er sich jedoch wieder ausschließlich der SF-Literatur zu. Der Autor lebt heute mit seiner Familie in New Jersey.
CYRIL M. KORNBLUTH diente während des Zweiten Weltkriegs ebenfalls in der US-Armee und wurde anschließend Chef einer Nachrichtenagentur. Ab 1951 arbeitete er als freier Schriftsteller.
Die ersten gemeinsamen Arbeiten von Frederik Pohl und C. M. Kornbluth datieren bereits aus dem Jahr 1940. Ihre gemeinsamen Veröffentlichungen, die heute zu den beliebtesten SF-Classics gehören, wurden bis zum Tode Kornbluths im Jahre 1958 fortgesetzt.
Titel der amerikanischen Originalausgabe THE SPACE MERCHANTS
Copyright © 1953 by Frederik Pohl and C. M. Kornbluth
Einer von Tauntons Leuten sagte unvermittelt: »Er ist bereit für Hedy«, stand auf und ging hinaus.
Taunton sagte: »Sie haben Frühgeschichte studiert, Courtenay. Sie erinnern sich vielleicht an Gilles de Rais.« Ich erinnerte mich und verspürte ein Prickeln auf der Kopfhaut, so als trüge ich einen langsam schrumpfenden Helm. »In der frühgeschichtlichen Zeit leben, alle Generationen zusammengenommen, insgesamt schätzungsweise fünf Milliarden Menschen«, sagte Taunton. »Sie alle brachten nur einen einzigen Gilles de Rais hervor, im Volksmund auch Blaubart genannt. Heute steht uns von diesem Typ eine ganze Auswahl zur Verfügung. Von all den Leuten, die mir für diese spezielle Aufgabe geeignet schienen, habe ich Hedy auserwählt. Sie werden sehen, warum.«
Die Tür öffnete sich und ein bleiches, offenbar drüsenkrankes Mädchen mit dünnem blonden Haar erschien. Sie hatte ein albernes Grinsen auf dem Gesicht; die Lippen waren schmal und blutleer. In einer Hand trug sie eine fünfzehn Zentimeter lange Nadel mit einem Plastikgriff.
Ich blickte in ihre Augen und begann zu schreien. Ich kam erst wieder zu mir, nachdem man sie rausgebracht und die Tür wieder geschlossen hatte; ich war völlig fertig.
»Taunton«, flüsterte ich schließlich. »Bitte…«
Er beugte sich herablassend vor und sagte: »Heraus damit.«
Ich versuchte zu sprechen, brachte jedoch kein einziges Wort heraus. Meine Stimme gehorchte mir nicht, mein Gedächtnis ließ mich im Stich. Ich konnte mich zum Beispiel nicht erinnern, ob meine Firma Fowler Schocken hieß oder Schocken Fowler.
Taunton gab es schließlich auf und sagte: »Wir legen Sie eine Weile auf Eis, Courtenay, damit Sie wieder zu sich kommen. Ich könnte auch einen Drink vertragen.« Er schüttelte sich unwillkürlich, dann strahlte er wieder. »Schlafen Sie mal drüber«, riet er mir und ging schwankend aus dem Zimmer.
Zwei seiner Leute schoben mich aus dem Arbeitsraum über einen Korridor durch eine sehr solide Tür in ein winziges leeres Zimmer. Es war offenbar Nacht. In den Büros, an denen wir vorbeikamen, rührte sich nichts; die Lichter brannten schwach, und ein einsamer Wächter gähnte hinter seinem Schreibtisch. Ich fragte unsicher: »Nehmen Sie mir die Plastikhülle ab? Sonst bleibt von mir nicht mehr viel übrig.«
»Ist nicht befohlen worden«, sagte einer der Männer kurz; sie warfen die stabile Tür zu und schlossen ab.
Mitchell Courtenay, Texter. Mitchell Courtenay, Schlüsselfigur der Venusabteilung. Mitchell Courtenay, zukünftiger Vernichter der Natschus. Dieser Mitchell Courtenay wälzte sich auf dem Fußboden der miesesten, übelsten Agentur, die es jemals in unserer Branche gegeben hat; bar jeder Hoffnung, verraten und verloren; das Beste, was ihm noch passieren könnte, wäre ein schneller Tod.
Kathy wenigstens würde niemals etwas davon erfahren. Sie würde glauben, ich sei wie ein Narr auf dem Gletscher gestorben, hätte an der Funkanlage herumgespielt…
Jemand rüttelte am Türschloß. Sie wollten mich holen. Als sich aber die Tür öffnete erblickte ich vom Boden aus nicht, wie erwartet, einen Wald von Männerbeinen; sondern nur zwei streichholzdünne Fußgelenke in Nylonstrümpfen.
»Ich liebe dich«, sagte eine fremde, tote Frauenstimme. »Ich habe zwar Befehl noch zu warten, aber ich kann nicht mehr warten.« Das war Hedy. Sie hatte ihre Nadel mitgebracht. Ich versuchte, um Hilfe zu rufen, aber meine Brust war wie gelähmt, als sie mit glitzernden Augen neben mir niederkniete. Die Zimmertemperatur schien um zehn Grad zu sinken. Sie preßte ihre blutlosen Lippen auf meinen Mund, sie waren wie glühendes Eisen, und dann glaubte ich, meine linke Gesichts- und Kopfhälfte werde abgerissen. Das dauerte einige Sekunden, und dann ging alles in einem roten Nebel und in Bewußtlosigkeit unter. »Wach auf«, sagte die tote Stimme. »Ich will dich besitzen. Wach auf.« Mein rechter Ellenbogen brannte wie Feuer; ich kam zu mir und warf meinen Arm herum. Mein Arm bewegte sich – er bewegte sich wirklich.
Die blutlosen Lippen neigten sich wieder zu mir herab, erneut rammte sie die Nadel in meinen Kiefer, wahrscheinlich suchte sie den Trigeminusnerv. Sie fand ihn. Ich kämpfte gegen den roten Nebel, der mich wieder zu verschlingen drohte. Mein Arm hatte sich bewegt. Sie hatte die Membrane des Plastikkokons durchlöchert und ich konnte ihn zerreißen. Die Nadel suchte erneut, diesmal zog der Schmerz bis in meinen rechten Arm. Mit einem heftigen Ruck war ich frei.
Ich glaube, ich packte ihren Hals und drückte zu. Ich bin nicht sicher. Ich will es nicht genau wissen. Aber nach fünf Minuten spielten sie und ihre Liebe keine Rolle mehr. Ich zerriß den Kunststoff und befreite mich, dann stand ich vorsichtig auf und stöhnte vor Steifheit und Schmerz.
Die Wache im Flur konnte kein Hindernis mehr sein. Wenn der Mann auf meine Schreie nicht reagiert hatte, würde er nie mehr kommen. Ich verließ den Raum und fand den Wächter scheinbar schlafend an seinem Schreibtisch. Ich beugte mich über ihn und entdeckte ein kleines Rinnsal von einem Gemisch aus etwas Blut und Serum an seinem faltigen, alten Nacken. Ein einziger Stich ins Rückenmark hatte Hedy genügt. Ich konnte bezeugen, daß ihre Kenntnis des Nervensystems vollkommen war.
Der Wächter trug eine Waffe. Einen Augenblick zögerte ich, verwarf den Gedanken wieder. In seinen Taschen fand ich ein paar Dollar, die würden nützlicher sein. Ich eilte zur Treppe. Die Schreibtischuhr zeigte sechs Uhr fünf an.
Meine Lektion im Treppenhinaufsteigen hatte ich bereits hinter mir; jetzt lernte ich, wie man Treppen hinuntersteigt. Wenn mit dem Herzen alles in Ordnung ist, macht es kaum einen Unterschied aus. Bei meiner Verfassung brauchte ich etwa dreißig Minuten, bis ich die oberen Stockwerke der leitenden Angestellten hinter mir hatte und wieder unten auf den belebten Treppen war. Die ersten Verbraucher befanden sich bereits auf dem Weg zur Arbeit. Ich überstand ein Dutzend erbitterter Faustkämpfe und trug einen Messerstich davon. Die Leute, die im Taunton-Gebäude übernachteten, waren eine primitive, schmutzige Bande, die das Schocken-Hochhaus niemals hätte betreten dürfen, augenblicklich aber hatte das auch seine Vorteile. Ich erregt in meinen schmutzigen Kleidern und mit der frischen Wunde im Gesicht kein Aufsehen. Einige unverheiratete Mädchen pfiffen mir sogar nach, aber das war auch alles. Die Leute in den alten, heruntergekommenen Slumgebäuden wie R. C. A. und Empire State hätten mich fertiggemacht, wenn ich ihnen unter die Augen gekommen wäre.
Ich hatte Glück. Ich verließ die Halle in einer dichten Menge, die sich brodelnd durch die Türen wälzte und auf die Bahn zusteuerte, die sie zu ihren scheußlichen Arbeitsplätzen bringen würde. Es kam mir vor, als suchten Männer in Zivilkleidern aus den Fenstern des zweiten Stockwerks die Menge ab, ich schaute jedoch nicht hinauf und gelangte unbehelligt zur Bahnstation.
Am Wechselschalter wechselte ich die Banknoten und betrat den Waschraum. »Wollen wir uns eine Dusche teilen?« fragte mich jemand. Ich wollte auf jeden Fall unter die Dusche und wäre gern ein wenig allein gewesen, aber ich fürchtete, mich durch vornehme Allüren zu verraten. Die Frau und ich warfen unsere Münzen zusammen für fünf Minuten Salzwasser und dreißig Sekunden Frischwasser mit Seife. Ich stellte fest, daß ich wieder und wieder meine rechte Hand schrubbte. Ich merkte, daß meine linke Gesichtshälfte noch immer unerträglich schmerzte, wenn sie mit kaltem Wasser in Berührung kam.
Nach dem Duschen zwängte ich mich in die Bahn und fuhr zwei Stunden kreuz und quer unter der Stadt hin und her. Schließlich stieg ich am Times Square, mitten im Herzen des Marktviertels aus. Es war hauptsächlich eine Frachtstation. Während fluchende Verbraucher Proteinkisten für verschiedene Stadtteile auf die Förderbänder schleppten, versuchte ich erneut, Kathy zu erreichen. Wieder ging niemand ans Telefon.
Ich erreichte Hester im Schocken-Hochhaus und sagte ihr: »Ich möchte, daß Sie jeden Cent, den Sie kriegen können, zusammenraffen, leihen Sie Geld, nehmen Sie Ihre Ersparnisse, kaufen Sie mir eine Starrzelius-Ausrüstung, und kommen Sie so schnell wie möglich dorthin, wo Ihre Mutter sich vor zwei Jahren das Bein brach. Genau an die Stelle, erinnern Sie sich.«