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Ein Mord erster Klasse (Smiley Bd 2) [calibre 2.23.0]

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Ein Mord erster Klasse (Smiley Bd 2) [calibre 2.23.0]
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»Was darf ich über ihre Arbeit für die Kirche, ihren Einfluß auf die hiesige Chapel-Gemeinde sagen? Darf ich sagen, daß sie allgemein geliebt wurde?«

»Verzeihen Sie«, sagte Cardew nach einer kurzen Pause, »aber ich halte von einer solchen Schreibweise nicht viel, Mr. Smiley. Menschen werden nie von allen geliebt, selbst wenn sie tot sind.« Sein nordenglischer Akzent war sehr stark.

»Was darf ich also sagen?« beharrte Smiley.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Cardew gelassen. »Und wenn ich etwas nicht weiß, schweige ich gewöhnlich. Aber da Sie so liebenswürdig sind, mich zu fragen: Ich bin noch nie einem Engel begegnet, und Stella Rode war keine Ausnahme.«

»Aber spielte sie nicht eine rührende Rolle in der Flüchtlingsarbeit?«

»Ja. Ja, das tat sie.«

»Und ermutigte sie nicht andere, ähnliche Anstrengungen zu machen?«

»Natürlich. Sie war eine gute Arbeiterin.«

Schweigend gingen sie weiter. Der Weg über das Feld führte abwärts, machte eine Biegung und folgte einem Bach, der von dem verfilzten Stachelginster und Weißdorn auf beiden Ufern fast verborgen war. Jenseits war eine Reihe kahler Ulmen und dahinter die vertraute Silhouette von Carne.

»Ist das alles, was Sie mich fragen wollten?« sagte Cardew plötzlich.

»Nein«, erwiderte Smiley. »Unsere Redakteurin war sehr beunruhigt über einen Brief, den sie von Mrs. Rode kurz vor ihrem Tode bekam. Es war eine Art... Anklage. Wir haben die Sache der Polizei übergeben. Miss Brimley machte sich irgendwie Vorwürfe, daß sie nicht imstande war, ihr zu helfen. Das ist vielleicht unlogisch, aber so ist es nun einmal. Ich möchte ihr gern versichern können, daß zwischen Stella Rodes Tod und diesem Brief kein Zusammenhang bestand. Das ist ein weiterer Grund meines Besuches...«

»Wen klagt der Brief an?«

»Ihren Gatten.«

»Ich würde Ihrer Miss Brimley mitteilen«, sagte Cardew langsam und mit einiger Betonung, »daß sie sich nicht den geringsten Vorwurf zu machen braucht.«

DIE HEIMFAHRT

Es war Montagabend. Ungefähr zu der Zeit, als Smiley nach seiner Unterhaltung mit Mr. Cardew in sein Hotel zurückkehrte, verabschiedete sich Tim Perkins, der Präfekt von Fieldings Haus, von Mrs. Harlowe, die ihm Cellounterricht erteilte. Sie war eine freundliche Frau, wenn auch neurotisch, und es betrübte sie, ihn so bedrückt zu sehen. Er war der beste Schüler, den Carne ihr je geschickt hatte, und sie mochte ihn.

»Du hast heute miserabel gespielt, Tim«, sagte sie, als sie ihm an der Tür auf Wiedersehen sagte. »Ganz miserabel. Du brauchst es mir nicht zu sagen - du hast nur noch ein Semester und hast noch immer nicht die drei Vorprüfungen fürs Abitur bestanden, du mußt deine Versetzung kriegen und bist ganz durcheinander. Wir werden nächsten Montag nicht üben, wenn du nicht willst - komm nur und iß Kuchen, und wir spielen ein paar Platten.«

»Ja, Mrs. Harlowe.« Er schnallte seine Notenmappe auf den Gepäckträger seines Fahrrades.

»Lampen in Ordnung, Tim?«

»Ja, Mrs. Harlowe.«

»Also, versuche nicht, heute abend den Rekord zu schlagen, Tim. Du hast genug Zeit bis zum Tee. Denk daran, daß die Straße vom Schnee ganz glitschig ist.«

Perkins sagte nichts. Er schob sein Fahrrad auf den Kiesweg und setzte sich zum Tor hin in Bewegung.

»Hast du auch nichts vergessen, Tim?«

»Entschuldigen Sie, Mrs. Harlowe.«

Er drehte sich um und reichte ihr im Türeingang die Hand. Sie bestand immer darauf.

»Hör mal, Tim, was ist denn los? Hast du eine Dummheit gemacht? Mir kannst du's doch sagen, nicht? Ich gehöre nicht zur Lehrerschaft, das weißt du.«

Perkins zögerte und sagte dann: »Es sind nur die Prüfungen, Mrs. Harlowe.«

»Geht's deinen Eltern gut? Kein Kummer zu Hause?«

»Nein, Mrs. Harlowe; es geht ihnen sehr gut.« Wieder zögerte er, dann: »Gute Nacht, Mrs. Harlowe.«

»Gute Nacht.«

Sie beobachtete, wie er das Gartentor hinter sich schloß und die lange Straße hinabfuhr. In einer Viertelstunde würde er in Carne sein; es ging praktisch die ganze Strecke bergab.

Gewöhnlich liebte er die Rückfahrt. Sie war der beste Teil der Woche. Aber an diesem Abend achtete er kaum darauf. Er fuhr rasch, wie immer; die Hecke raste gegen den dunklen Himmel, und die wilden Kaninchen flüchteten vor dem Strahl seiner Lampe; aber heute abend bemerkte er sie kaum.

Er würde es jemand sagen müssen. Er hätte es Mrs. Harlowe sagen sollen; hätte er das nur getan! Sie würde wissen, was er tun sollte. Bei Mr. Snow wäre es auch gegangen, aber der war in Naturwissenschaft ja nicht mehr sein Lehrer, sondern Rode. Das war der halbe Kummer. Das und Fielding.

E konnte es True sagen - ja, der würde er es sagen. Er würde heute nach der Abendkrankenvisite zu Miss Truebody gehen und ihr die Wahrheit sagen. Sein Vater würde es natürlich nie verwinden, weil es Versagen bedeutete und vielleicht Schande. Es bedeutete, daß er am Ende des nächsten Semesters nicht nach Sandhurst auf die Militärakademie kommen würde, es bedeutete noch mehr Ausgaben, für die sie nicht das Geld aufbringen konnten...

Jetzt näherte er sich dem steilsten Teil der abfallenden Straße. Die Hecke hörte an einer Seite auf und gab einen wunderbaren Blick auf Schloß Sawley gegen den Abendhimmel frei; es war wie ein Prospekt für »Macbeth«. Er liebte das Theaterspielen, hätte gewünscht, der Direktor ließe sie in Carne Theater spielen.

Er beugte sich über die Lenkstange nach vorn und ließ das Rad schneller laufen, um die seichte Furt am unteren Ende des Hügels zu durchfahren. Die kalte Luft schnitt ihm ins Gesicht, und einen Augenblick vergaß er beinahe... Plötzlich bremste er; fühlte das Rad wild unter sich weggleiten.

Irgend etwas stimmte nicht; voraus war ein Licht, ein blitzendes Licht, und eine vertraute Stimme rief ihm durch die Dunkelheit eindringlich zu.

DIE ART DER GNADE

Das Internatsschulen-Komitee für Flüchtlingshilfe (Patronin: Sarah, Gräfin von Sawley) hat ein Büro am Belgrave Square. Es ist durchaus nicht klar, ob diese luxuriöse Lage dazu bestimmt ist, die Reichen zu verlocken oder die Enterbten zu ermutigen - oder, wie einige respektlose Stimmen in der Gesellschaft wisperten - die Gräfin von Sawley mit einem billigen pied-á-terre im Londoner Westend zu versehen. Die Aufgabe der Flüchtlingshilfe ist geziemenderweise auf das Südufer der Themse verbannt worden, auf einen der ungepflegten Plätze von Kennington, die ein Teil der architektonischen Schizophrenie von London sind. York Gardens, wie der Platz heißt, wird eines Tages von der Welt entdeckt werden und seinen Charme verlieren, aber suchen Sie ihn jetzt auf, und Sie können dort richtige Kinder auf der Straße Himmel und Hölle spielen sehen und ihre Mütter, die mit Pantoffeln in der Haustür stehen, mit ihnen schimpfen hören.

Miss Brimley, durch Smileys Telefonanruf vom Vortag auf ihren Weg geschickt, hatte die ungewöhnliche Gabe, mit Kindern zu sprechen, als seien sie menschliche Wesen, und entdeckte so ohne Schwierigkeiten das verfallene Haus ohne Namen, das dem Komitee als Sammelzentrale diente. Mit der Assistenz von sieben kleinen Jungen zog sie die Klingel und wartete geduldig. Endlich hörte sie klappernde Schritte eine läuferlose Treppe herunterkommen, und die Tür wurde von einem sehr schönen Mädchen geöffnet. Sie sahen einander einen Moment mit Wohlwollen an.

»Entschuldigen Sie die Störung«, begann Miss Brimley, »aber eine Freundin von mir auf dem Lande hat mich gebeten, Erkundigungen über ein Kleiderpaket einzuziehen, das vor ein oder zwei Tagen hierher geschickt wurde. Sie hat einen ziemlich dummen Fehler gemacht.«

»Du meine Güte, wie schrecklich«, sagte das Mädchen freundlich. »Möchten Sie nicht hereinkommen? Alles ist schrecklich chaotisch, fürchte ich, und es gibt hier keine Sitzgelegenheit, aber wir können Ihnen Instant-Kaffee in einem Becher anbieten.«

Miss Brimley folgte ihr in das Haus und schloß die Tür fest vor den sieben Kindern, die in ihrem Kielwasser sanft nach vorne drängten. Sie war in der Halle. Wo sie auch hinsah, lagen Pakete jeder Art, einige in Jute mit schicken Anhängern verpackt, einige in zerrissenem und unordentlichem Packpapier, einige in Lattenkisten und Wäschekörben, alten Handkoffern und sogar in einem antiquierten Kabinenkoffer mit einem vergilbten Zettel, auf dem zu lesen stand: »Wird auf der Überfahrt nicht benötigt.«

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