Die geheime Reise der Mariposa
- Автор: Michaelis Antonia
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die geheime Reise der Mariposa». Краткое содержание книги:
Antonia Michaelis, Jahrgang 1979, in Norddeutschland geboren, in Süddeutschland aufgewachsen, zog es nach dem Abitur in die weite Welt. Sie arbeitete u.a. in Südindien, Nepal und Peru. In Greifswald studierte sie Medizin und begann parallel dazu, Geschichten für Kinder und Jugendliche schreiben. Seit einigen Jahren lebt sie als freie Schriftstellerin in der Nähe der Insel Usedom und hat bereits zahlreiche Kinder und Jugendbücher veröffentlicht, facettenreich, fantasievoll und mit großem Erfolg. Ihr erstes Buch für junge Erwachsene war »Der Märchenerzähler«, zugleich fesselnder Psychothriller und zu Herzen gehende Liebesgeschichte. Antonia Michaelis berichtet in einem Weblog auf www.oetinger.de mit viel Witz und Esprit über ihren Alltag als Autorin. Sehens- und lesenswert ist auch die Website der Autorin www.antonia-michaelis.de.
Als er an Deck kam, hatte José Kaffee gekocht.
»Guten Morgen«, sagte er. Jonathan nickte nur und nahm die Blechtasse, die José ihm hinhielt. Oskar und Eduardo waren bereits mit einer weiteren Dose Suppe beschäftigt und Carmen saß auf den Hinterpfoten und ließ sich von José mit Brotstückchen füttern.
»Ich habe noch ein Brot gefunden«, sagte José. »Eingeschweißt.«
»Hm«, sagte Jonathan.
»Jonathan, wegen gestern …« José sah ihn an. In seiner Stimme war keine Kälte mehr. »Ich habe mich getäuscht.«
Er streckte die Hand aus und Jonathan wich zurück. Dann zwang er sich, sitzen zu bleiben. José schob einen seiner Ärmel hoch. Man sah seine Fingerabdrücke noch immer als diffuse blaue Flecken.
»Das tut mir leid«, murmelte José.
Jonathan begriff nicht. »Warum?«, fragte er. »Glaubst du auf einmal nicht mehr, dass ich dein Gewehr genommen habe?«
»Ich … habe es gefunden«, sagte José.
Jonathan sah sich um. Aber er konnte die Mauser nirgends entdecken. Und dann fiel sein Blick auf den Kompass. Der Kurs stimmte nicht mehr. Die Mariposa hatte um fast 180 Grad gedreht.
»Wir … wir segeln in die vollkommen falsche Richtung«, sagte er.
José schüttelte den Kopf. »Nein. Der Kompass ist kaputt. Ich bin gestern Nacht ausgerutscht und mit dem Fuß dagegengekommen. Irgendetwas muss sich verstellt haben.«
Jonathan sah am Segel empor. José hatte ihm den Stander erklärt, den kleinen schwarzen Pfeil auf der Mastspitze, der den Wind anzeigte. »Der Wind kam in den letzten Tagen ständig aus Nordosten«, sagte er. »Und jetzt kommt er auf einmal aus Südwesten?«
»Ja«, sagte José.
Jonathan schüttelte den Kopf. »Ich … ich verstehe ja nichts vom Segeln …«
»Nein«, sagte José und entfernte Carmens Schnauze aus seiner Kaffeetasse. »Aber ich werde es dir beibringen. Wir können keine halben Nächte mehr mit Motor fahren. Wir brauchen das Benzin für Notfälle.« Er warf einen Blick zur Kajüte, als er das sagte, einen merkwürdig wachsamen Blick. Vermutlich lag es daran, dass dort die Benzinkanister lagerten.
Jonathan hatte immer noch ein komisches Gefühl. Aber er war zu erleichtert über Josés Stimmungswandel, um etwas zu sagen. Im Grunde, dachte er, war es egal, wohin sie fuhren. Er wollte nicht zur Isla Maldita, es war José gewesen, der sie unbedingt hatte erreichen wollen. Vielleicht hatte er Angst bekommen. Vielleicht hatte seine Urgroßmutter ihm im Traum zu viel von den toten Piraten erzählt, die dort umgingen. Vielleicht wollte er nur nicht zugeben, dass er umgekehrt war. Nach dem, was Jonathan über die Seekarte wusste, würde der neue Kurs sie zurückführen, an Santiago vorbei diesmal, zur größten der Inseln: Isabela.
Er versuchte sich keine Sorgen zu machen und konzentrierte sich darauf, von José das Segeln zu lernen. Und so verbrachten sie die nächsten Stunden, die nächsten Tage: José erklärte, langsam und ausführlich diesmal, und Jonathan musste alles wiederholen.
Er lernte das Dichtholen und das Auffieren der Segel, er lernte zu wenden und zu halsen. Er lernte, wie man ein Boot in den Wind stellt, sodass er von vorn kam und die Fahrt gestoppt wurde, und wie man es bei starkem Wind mit knatternden Segeln dicht am Wind hielt, um zu viel Krängung zu vermeiden. Er lernte, dass die Krängung die Schräglage des Boots war. Er lernte, dass der Wind von Luv nach Lee wehte und man deshalb beim Pinkeln darauf achten musste, auf der Leeseite zu stehen … aber er zog es ohnehin vor, den Eimer unter Deck zu benutzen. Er lernte und lernte und lernte. Und die Sonne brannte heiß auf sie herunter, und José zog sein Hemd aus und legte es auf seinen Kopf, um keinen Sonnenstich zu bekommen. Jonathan benutzte dazu lieber die alte Schiebermütze.
»Wenn ich anfange, mich auszuziehen, verbrenne ich sofort«, sagte er.
»Ja«, sagte José und lachte, »da hast du wohl recht. Blass wie der Vollmond bist du, blass wie ein Schluck Milch.«
Sie teilten das Wasser in kleine Rationen ein. Der Regen blieb aus. Nur Suppen in Dosen hatten sie genug, und José sagte, sie könnten wohl mitten auf dem Pazifik ein Restaurant eröffnen, dessen Spezialität Krabbensuppe wäre.
»Ja«, sagte Jonathan. »Und dahinten kommen die ersten Kunden.«
An der Horizontlinie hingen jetzt zwei Schiffe fest. Er war sich ziemlich sicher, dass das größere grau war. Die Roosevelt. Das Merkwürdige war, dass die Schiffe nicht näher kamen. Sie folgten der Mariposa wie zwei überdimensionale Privatdetektive, die ab und zu stehen blieben, um unauffällig in ein Schaufenster zu sehen. Nur dass sie nicht unauffällig waren. Auf dem Pazifik, dachte Jonathan, herrschte ein bedenklicher Mangel an Schaufenstern.
»Sie steuern einfach den gleichen Kurs«, sagte José. »Zufällig.«
»Ganz zufällig«, murmelte Jonathan.
Am dritten Tag seit ihrem Aufbruch von Santiago saß Jonathan am Bug und nahm unter Oskars hungrigen Blicken einen Fisch aus – auch das hatte er gelernt –, als etwas aus dem Himmel stürzte. Oskar stieß einen erschrockenen Laut aus und Jonathan duckte sich, dann taumelte das Etwas dicht über sie hinweg und stolperte in einem Wirrwarr aus weißen und dunklen Federn über das Deck.
»Was ist das?«, rief José vom Heck aus beunruhigt.
Das Etwas schüttelte sich. Es war ein Vogel. Ein riesiger weißer Vogel mit einem langen gelben Schnabel. Er stand auf großen grauen Füßen und sah sich um, als suchte er etwas.
»Oje«, sagte Jonathan. »Ein Albatros. Hör mal, Albatros, du bist hier falsch. Noch mehr Leute können wir nicht mit Suppe füttern.«
»Das ist ein Albatros?«, fragte José. »Ich habe noch nie einen gesehen. Es heißt, sie brüten auf Española, einer der südlichen Inseln. Ich glaube, sie fliegen zu Beginn der Regenzeit nach Ecuador. Meinst du, dieser hier hat sich verflogen?«
»Nein«, sagte Jonathan. »Er hat sich verlandet.«
Der Albatros watschelte über das Deck und schien die Mariposa zu begutachten. Er ging um die Kajüte herum und zuckte zurück, als er dort einen Flamingo vorfand, in dessen Rückengefieder sich eine Ratte zu einem Nickerchen zusammengerollt hatte. Schließlich setzte er sich ordentlich auf eine der Bänke und steckte den Schnabel unter einen Flügel.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte Jonathan. »Er ruht sich bloß ein wenig aus. Wenn er wieder aufwacht, fliegt er weiter zum Festland, nach Ecuador.«
José nickte, und Jonathan wollte den Fisch weiter ausnehmen, aber da war kein Fisch mehr. Oskar machte ein sattes und sehr scheinheiliges Gesicht. Jonathan seufzte. Schließlich lag ein zweiter Fisch ausgenommen in der Pfanne.
»Lange reicht das Gas nicht mehr«, sagte José. »Demnächst haben wir die Wahl zwischen rohem Fisch und kalter Dosensuppe.«
In diesem Moment erwachte der Albatros. Er reckte den Kopf, kam etwas unsicher auf die Beine und trippelte auf der Bank nach vorn, um den Fisch zu begutachten, der in kleinen Stückchen in der Pfanne briet, da er im Ganzen nicht hineingepasst hatte. Eine Weile schien der Albatros zu überlegen, dann schnellte sein Schnabel vor – er schnappte sich ein Stück Fisch aus der Pfanne und verschlang es, schnappte das nächste, das übernächste – und hinterließ die Pfanne leer.
»Hey!«, rief Jonathan, viel zu spät.
»Verfluchtes Mistvieh!«, schrie José. Der Albatros brauchte zwei Anläufe, um auf das Kajütendach zu fliehen. Sein Körper war einfach zu massig für elegant dahingeflatterte Hüpfer.
»Mach, dass du hier wegkommst!«, rief José. »Sonst gibt es zum Abendessen Albatrosflügel!«
Der Albatros breitete die langen, schmalen Flügel aus …
»Er nimmt Anlauf!«, flüsterte Jonathan. »Gleich fliegt er los. Sie brauchen etwas wie eine Klippe zum Losfliegen, oder starken Aufwind. Meine Mutter hat uns das vorgelesen.«
Da hielt der Albatros an, drehte sich um und legte den Kopf schief. Er sah auf einmal besorgt aus – ganz so, als hätte er Jonathans Worte verstanden. Ich brauche eine Klippe?, schienen seine Knopfaugen zu sagen. Oder Aufwind? Aber … aber dann kann ich ja gar nicht losfliegen! Immerhin, vor ihm lag die ganze Länge des Dachs als Startbahn. Er rannte auf seinen großen grauen Füßen los, erreichte das Ende des Kajütendachs, warf sich in die Luft – und landete unsanft einen halben Meter weiter unten im Bug der Mariposa. Resigniert watschelte er zurück nach vorn, hopste wieder auf das Dach, nahm wieder Anlauf – umsonst.