Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen
- Автор: Malley Gemma
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen». Краткое содержание книги:
Kathy verzog neugierig das Gesicht. »War es dort wirklich so schlimm?«, fragte sie. »Denkst du nicht manchmal daran, ob du zurückgehen sollst?«
Evie schüttelte energisch den Kopf. Sie hatte ihren Kolleginnen bereits von den Rängen erzählt, von den strengen Regeln, mit wem man sprechen und mit wem man sich anfreunden durfte, von dem System und von den Ks, die vor der Stadtmauer ausgesetzt wurden, damit die Bösen sie töteten. Aber viele ihrer neuen Freunde konnten das kaum glauben; sie hatten immer nur von der Stadt des Überflusses, der Guten und der Glücklichen gehört, und Evie merkte ihnen an, dass sie manchmal am Wahrheitsgehalt ihrer Geschichten zweifelten.
»Ich will nie mehr zurück«, sagte sie gefasst. »In der Stadt gab es zwar Essen, Wasser und Unterkunft für alle, aber dort wurde auch ständig gelogen, die Menschen wurden von einem System ungerechterweise in Ränge eingeteilt, man hat ihnen eingeredet, sie hätten eine Zukunft, aber stattdessen wurden sie einer Gehirnoperation unterzogen, die ihr Leben zerstörte. Ich will nie wieder dorthin zurück.«
»Du würdest tatsächlich lieber verhungern?«, fragte Lucy und hob demonstrativ die Augenbrauen.
»Lucy, niemand hier verhungert. Es regnet doch, oder? Lass das Mädchen in Ruhe«, meinte Sandra leicht angespannt.
Lucy schnaubte missbilligend.
»Akzeptanz, Liebe, Lernen und Hoffnung«, sagte Sandra leise. »Das ist alles, was hier zählt. Bitte, Evie, hör nicht auf Lucy. Sie hat heute einfach keinen guten Tag. Stimmt‘s, Lucy? Wahrscheinlich ist sie zu spät zum Frühstück gekommen. Vielleicht hätte sie lieber im Bett bleiben sollen und jetzt bereut sie es. Oder?«
Lucy wollte schon protestieren, meinte dann aber lachend: »Okay, erwischt.«
»Wenn mich nicht alles täuscht, ist es schon fast Mittag«, sagte Sandra. »Evie, sollen wir dir nicht bei der Anprobe helfen? Wir wollen doch sehen, wie hübsch du in deinem Kleid aussiehst.«
12
»Hey, Wajid. Wie geht’s?« Wajid starrte Thomas frech an und sah dann zu dem Gefängniswärter hinüber. »Beschissen«, sagte er. »Aber was geht dich das an?«
Wajid war ein angenommener Name, den man ihm gegeben hatte, nachdem er Erlösung gefunden hatte, nachdem er im Gefängnis über eine Gruppe Jungs gestolpert war, die ihm zugehört, ihn verstanden und ihn beschützt hatten. Das war jetzt zehn Jahre her. Seitdem war er vier Mal im Gefängnis gewesen.
Aber diesmal würde er nicht wegen guter Führung vorzeitig entlassen werden. Diesmal würde er hier drin verrotten, und er brauchte keinen Fremden, der hier aufkreuzte und ihn verhöhnte.
Thomas lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Es geht mich deshalb was an, Wajid, weil ich nicht glücklich darüber bin, wie du hier behandelt wirst. Und ich bin auch nicht glücklich über die Dauer deiner Strafe.«
»Meiner Strafe?« Wajid beugte sich mit funkelnden Augen zu Thomas vor. »Was weißt du über mich und meine Strafe? Wer zum Teufel bist du überhaupt?«
Eine Weile hielt er Thomas’ Blick stand, dann lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und musterte ihn eingehend. Dieser seltsame Mann, der aussah wie ein Freak, der aber teure Klamotten trug, hatte ihn schon drei Mal besucht. Beim dritten Mal hatte er Wajid dumme, sinnlose Fragen gestellt, bevor er aufstand und wieder ging. So als wäre Wajid eine Art billige Unterhaltung für ihn, so etwas wie eine Witzfigur. Er hatte auch nie seinen Nachnamen genannt, sondern sich nur als »Thomas« vorgestellt, als wäre er ein Freund oder so was.
Thomas erblasste nicht unter Wajids prüfendem Blick. »Ich kann dir helfen«, sagte er. »Aber wenn du meine Hilfe nicht annehmen willst, wenn du hier glücklich bist, dann ist das auch okay. Dann vergeude ich offenbar meine Zeit.«
Wajid schlug mit der Faust auf den Tisch. Er hatte diese Spielchen satt. »Sag mir auf der Stelle, was du hier machst. Wer hat dich geschickt? Für wen arbeitest du?«
Der Gefängniswärter kam herüber. »Alles in Ordnung?«, fragte er.
Thomas nickte hastig. »Alles okay, Officer.«
Der Wärter trottete davon.
Thomas sah Wajid vorsichtig an. »Ich bin Teil eines Netzwerks«, erklärte er. »Ein Netzwerk, das dir helfen kann, hier herauszukommen.«
Wajid verengte die Augen zu Schlitzen. »Verarsch mich nicht.«
Thomas lachte. »Nein, Wajid. Ich spreche nicht von Flucht. Ich spreche von Richtern, die dein Urteil überprüfen sollen, von einer Entschädigung wegen eines Fehlurteils. Ich weiß, dass du kein Terrorist bist, Wajid. Ich weiß, dass du die Ungerechtigkeit auf der Welt satthast. Dass du es satthast, dass die falschen Leute am Ruder sind und dass du kein Gehör findest.«
Wajid schwieg eine Weile.
»Und woher weißt du das?«, fragte er schließlich.
Thomas beugte sich wieder vor. »Weil ich dich kenne«, sagte er kaum vernehmlich. »Wir wollen beide dasselbe. Und ich glaube, dass du alle wachrütteln kannst. Du hast doch Leute, oder? Anhänger? Leute, die an dasselbe glauben wie du? Leute, die tun, was nötig ist?«
Wajid sagte kein Wort. Das war höchstwahrscheinlich eine Falle und er würde auf keinen Fall hineintappen.
»Du traust mir noch nicht, und das ist gut so. Ich hatte nichts anderes erwartet. Warte einfach ab, was ich tun kann. Ich hol dich hier raus. Und dann bekommst du, was du brauchst«, sagte Thomas. »Du suchst die Ziele aus, und ich sorge dafür, dass deine Leute dorthin gebracht werden. Du musst nur die richtigen auswählen und ihnen zeigen, wo’s langgeht. Kannst du das tun, Wajid?«
»Hältst du mich für blöd?«, sagte Wajid und lehnte sich mit verächtlichem Blick zurück. »Du redest einen Haufen Scheiße. Willst mir eine Falle stellen. Aber ich bin kein Idiot.«
»Ich auch nicht«, sagte Thomas und schob Wajid einen Anstecker mit dem Buchstaben »I« darauf hin. Wajid runzelte die Stirn; so einen Anstecker hatte er schon mal irgendwo gesehen. Der Gefängniswärter räusperte sich und in dem Moment fiel es Wajid wieder ein. Er hatte auch einen. »Heute Abend wirst du von einem Bombenanschlag erfahren. Das sind meine Leute. Und morgen wird dein Anwalt dich aufsuchen und dir von neuem Beweismaterial erzählen. Lass mir eine Nachricht zukommen, ob du dabei bist. Die neuen Beweise werden ausreichen, um dich hier rauszuholen und dich zu entlasten. Falls du nicht mitmachst, wirst du hier drin verrotten. Kapiert?«
Geschickt ließ Wajid den Anstecker in seinem Ärmel verschwinden. Dann starrte er Thomas einen Moment lang an. »Wenn es so ist, wie du sagst, überlege ich es mir vielleicht«, sagte er und stand auf. »Wenn nicht, solltest du dich lieber in Acht nehmen. Ich habe immer noch Freunde da draußen.«
»Davon gehe ich aus«, erwiderte Thomas mit einem Augenzwinkern und erhob sich. »Auf Wiedersehen, Wajid. Bis bald.«
13
Lucas sah auf Clara hinunter. Es war am nächsten Morgen, und Clara hatte, seit sie in Base Camp angekommen waren, fast nur geschlafen. Sie wirkte so verletzlich, wie sie da in dem Bett lag, das Martha ihr hergerichtet hatte. Ihre Eltern in der Stadt waren bestimmt schon ganz verzweifelt, und bestimmt waren schon Suchtrupps unterwegs. Und sie war hier ganz allein, weit weg von ihren Freunden und von ihrer Familie und ohne Kontakt zu ihnen. Aber sie war in Sicherheit.
Clara schlug die Augen auf und Lucas reichte ihr eine Schale mit Müsli. »Hier«, sagte er steif. »Frühstück.«
Schweigend nahm Clara die Schale. Lucas sah ihr an, wie ängstlich, wie verwirrt und unsicher sie war, und er konnte es ihr nicht verdenken.
»Das ist Martha«, sagte er und trat einen Schritt zur Seite, damit Clara sie sehen konnte. »Sie wird sich um dich kümmern.« Seine Stimme klang förmlich, und er merkte, dass es sie nervös machte, aber er konnte nichts dagegen tun.