Engelsstimme [Röddin - de]
- Автор: Индридасон Арнальд
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Verlagsgruppe L
- ISBN: 3-7857-1551-X
- Переводчик: Coletta Burling
- Жанр: Криминальные детективы
Электронная книга - «Engelsstimme [Röddin - de]». Краткое содержание книги:
»Ich verstehe«, sagte Wapshott. »Speichel! Wie komisch.«
Er lachte, und Erlendur sah die Zähne im Unterkiefer, die schwarz von Nikotin waren.
Elf
Sie kamen durch die Drehtür ins Hotel, er alt und gebrechlich im Rollstuhl, sie hinter ihm, zierlich und schlank, mit spitzer Adlernase und stechendem Blick, den sie über das Foyer des Hotels gleiten ließ. Die Frau war zwischen fünfzig und sechzig, sie trug einen dicken, braunen Wintermantel und hohe schwarze Lederstiefel. Sie schob den Rollstuhl geschickt vor sich her. Der Mann war um die achtzig, weißes Haar war unter dem Hut zu sehen, das hagere Antlitz leichenblass. Er saß gekrümmt, hatte einen schwarzen Schal um den Hals, und seine weißen, knochigen Hände schauten aus den Ärmeln des schwarzen Mantels hervor.
Eine dicke, schwarze Hornbrille vergrößerte seine Augen, die an Fischaugen erinnerten.
Die Frau schob den Rollstuhl zur Rezeption. Der Empfangschef kam aus seinem Büro und beobachtete, wie sie näher kamen.
»Kann ich behilflich sein?«
Der Mann im Rollstuhl würdigte ihn keines Blickes. Die Frau jedoch fragte nach einem Kriminalbeamten, der Erlendur heiße und der ihren Informationen zufolge hier im Hotel eine Ermittlung leite. Erlendur hatte kurz zuvor mit Wapshott die Bar verlassen und sie ins Hotel kommen sehen. Sie weckten sofort sein Interesse. Sie hatten irgendetwas an sich, das ihn an den Tod denken ließ. Er überlegte kurz, ob er Wapshott festsetzen und ihm verbieten sollte, nach London zurückzukehren, fand aber keinen triftigen Grund, den Mann festzuhalten. Er beobachtete weiterhin interessiert die Frau mit der Adlernase und den Mann mit den Fischaugen an der Rezeption und fragte sich gerade, was das für Leute wohl sein mochten, als der Empfangsschef ihn bemerkte und ihm zuwinkte. Erlendur wollte sich von Wapshott verabschieden, aber der war wie vom Erdboden verschluckt.
»Die beiden haben nach dir gefragt«, sagte der Empfangschef, als Erlendur auf sie zukam. Erlendur stellte sich zu ihnen an die Rezeption. Die Dorschaugen unter dem Hut fixierten ihn voller Skepsis.
»Bist du Erlendur?«, fragte der Mann im Rollstuhl mit alter, unsicherer Stimme.
»Ihr wollt mit mir sprechen?«, fragte Erlendur. Die Adlernase strebte in die Höhe.
»Leitest du hier im Hotel die Ermittlung im Mordfall Guðlaugur Egilsson?«, fragte die Frau.
»Ja«, entgegnete Erlendur.
»Ich bin seine Schwester. Und das ist unser Vater. Können wir irgendwo in Ruhe miteinander sprechen?«
»Kann ich dir mit dem Rollstuhl behilflich sein?«, fragte Erlendur, aber sie schaute ihn an, als hätte er etwas Anzügliches gesagt, und schob los. Sie folgten Erlendur in die Bar zu dem gleichen Tisch, an dem er eben noch mit Wapshott gesessen hatte. Außer ihnen war niemand dort, sogar der Barkeeper war verschwunden. Erlendur wusste nicht, ob die Bar überhaupt vormittags geöffnet war. Wahrscheinlich schon, denn immerhin war die Tür nicht verschlossen gewesen. Anscheinend wusste nur kaum jemand davon.
Die Frau schob den Rollstuhl zum Tisch und stellte ihn mit der Bremsvorrichtung fest. Dann nahm sie Erlendur gegenüber Platz.
»Ich war schon auf dem Weg zu euch«, schwindelte Erlendur, der es eigentlich Sigurður Óli und Elínborg zugedacht hatte, mit den Hinterbliebenen von Guðlaugur zu sprechen. Er konnte sich aber nicht erinnern, ob er ihnen diesbezügliche Anweisungen gegeben hatte.
»Wir sind nicht darauf erpicht, die Polizei bei uns im Haus zu haben«, sagte die Frau. »So was hat es noch nie gegeben. Eine Frau hat bei uns angerufen, wahrscheinlich eine Mitarbeiterin von dir, Elinborg hat sie, glaube ich, geheißen.
Ich habe gefragt, wer die Ermittlung leitet, und da wurde mir gesagt, dass du damit befasst bist. Ich mache mir Hoffnungen, dass wir die Sache jetzt erledigen können, damit wir wieder unsere Ruhe haben.«
Diesen Leuten war in keinerlei Form anzumerken, dass sie trauerten. Nichts, was auf den Schmerz hindeutete, den der Tod eines nahen Anverwandten üblicherweise auslöst. Bloß kalter Widerwille. Sie waren der Meinung, gewissen Pflichten nachkommen und der Polizei Bericht erstatten zu müssen, ihnen war aber ganz offensichtlich diese Prozedur mehr als zuwider, und sie hatten keine Scheu, das auch deutlich zu zeigen. Es sah so aus, als würde die Leiche, die im Keller des Hotels gefunden worden war, sie nicht das Geringste angehen. Als seien sie über so etwas erhaben.
»Ihr wisst, unter welchen Umständen Guðlaugur gefunden wurde«, sagte Erlendur.
»Wir wissen, dass er umgebracht wurde«, sagte der alte Mann. »Erstochen. Wir wissen, dass er erstochen wurde.«
»Wisst ihr auch, wer es getan hat?«
»Wir haben keine Ahnung«, erklärte die Frau. »Wir haben keinerlei Kontakt zu ihm gehabt. Wir wissen nicht, mit wem er Umgang hatte. Haben weder seine Freunde gekannt noch seine Feinde, falls er welche hatte.«
»Wann habt ihr ihn zuletzt gesehen?«
In diesem Augenblick betrat Elinborg die Bar. Sie kam zu ihnen herüber und setzte sich an die Seite von Erlendur. Er stellte sie den beiden vor, aber sie zeigten keinerlei Reaktion, beide fest entschlossen, sich durch nichts von alledem beeindrucken zu lassen.
»Wahrscheinlich, als er etwa zwanzig war«, sagte die Frau.
»Da haben wir ihn wohl zuletzt gesehen.«
»Zwanzig?« Erlendur glaubte sich verhört zu haben.
»Wie ich gesagt habe, wir hatten keinerlei Kontakt zu ihm.«
»Und warum nicht?«, fragte Elinborg.
Die Frau würdigte sie keines Blickes.
»Reicht es nicht, wenn wir mit dir sprechen?«, fragte sie Erlendur. »Muss diese Frau ebenfalls anwesend sein?«
Erlendur schaute zu Elinborg hinüber. Es hatte den Anschein, als würde sich seine Miene etwas aufhellen.
»Sein Schicksal geht euch offensichtlich keineswegs nahe«, sagte er, ohne die Frage zu beantworten. »Guðlaugurs Schicksal. Er war dein Bruder«, sagte er und schaute die Frau an. »Er war dein Sohn«, sagte er und blickte auf den alten Mann. »Warum? Wieso habt ihr ihn dreißig Jahre nicht gesehen? Und wie ich bereits gesagt habe, sie heißt Elinborg«, fügte er hinzu. »Falls ihr weitere Einwände habt, werden wir euch ins Dezernat bringen und dort weitermachen, da könnt ihr dann auch eine offizielle Beschwerde einlegen.
Hier draußen vor der Tür steht ein Polizeiauto bereit.«
Die Adlernase hob sich beleidigt. Die Dorschaugen zogen sich zusammen.
»Er hat sein Leben gelebt«, sagte sie, »und wir das unsere. Viel mehr ist dazu nicht zu sagen. Es gab keine Verbindung. So war es einfach. Uns war das recht. Ihm auch.«
»Das heißt also, dass ihr ihn seit der Mitte der siebziger Jahre nicht mehr gesehen habt?«
»Es gab keine Verbindung«, wiederholte sie.
»Nicht ein einziges Mal die ganze Zeit? Kein Telefongespräch? Nichts?«
»Nein«, sagte die Frau.
»Warum nicht?«
»Das ist eine Familienangelegenheit«, sagte der alte Mann.
»Hat nichts mit dieser Sache zu tun. Nicht das Geringste. Alles begraben und vergessen. Was wollt ihr sonst noch wissen?«
»Wusstet ihr, dass er hier im Hotel gearbeitet hat?«
»Wir haben ab und zu etwas über ihn gehört«, sagte die Frau. »Wir wussten, dass er hier Portier war. Hat so eine absurde Livree getragen und die Türen für die Hotelgäste geöffnet. Und wenn ich richtig verstanden habe, hat er auch auf Weihnachtsfeiern den Weihnachtsmann gespielt.«
Erlendur betrachtete sie unverwandt. Sie sprach so, als hätte Guðlaugur seiner Familie keine größere Demütigung zufügen können, als halbnackt ermordet im Keller eines Hotels aufgefunden zu werden.
»Wir wissen nicht viel über ihn«, sagte Erlendur. »Er scheint nicht viele Freunde gehabt zu haben. Er hat hier in einem kleinen Kellerzimmer im Hotel gewohnt. Er scheint gut gelitten gewesen zu sein. Weil er kinderlieb war, wurde er auf den Weihnachtsfeiern als Weihnachtsmann eingesetzt, wie du gesagt hast. Allerdings haben wir jetzt auch erfahren, dass er seinerzeit eine viel versprechende Gesangskarriere vor sich zu haben schien. Als Junge hat er auf Schallplatten gesungen, ich glaube, zwei waren es, aber das wisst ihr bestimmt besser. Auf der Plattenhülle, die ich gesehen habe, hieß es, er sei im Begriff, eine Tournee durch Skandinavien zu machen, um sich die Welt zu Füßen zu legen. Heutzutage kennt niemand mehr diesen Jungen, außer einigen spleenigen Schallplattensammlern.