Wen die Götter lieben
- Автор: Waters Paul
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wen die Götter lieben». Краткое содержание книги:
Über den Autor:
Paul Waters ist in England geboren und riss mit siebzehn von zu Hause aus, um zur See zu fahren. Irgendwo auf dem Indischen Ozean fiel ihm ein Exemplar von Herodots Historien in die Hände, was seine Faszination für die Antike weckte. Später studierte er Latein und Griechisch am University College London. Danach lebte und lehrte er in Frankreich, Griechenland, Amerika und im südlichen Afrika. Er wohnt heute in Cambridge, England.
Titel der Originalausgabe: »The Philosopher Prince«
Florentius stieß einen Seufzer aus wie ein Mann, der sich gezwungen sieht, einem Dummkopf alles zweimal zu erklären. »Du bist neu in Gallien, Cäsar, darum ist dir vielleicht nicht bekannt, aber unsere Politik sieht so aus, dass wir den Barbaren Hilfsgelder zahlen. Als Gegenleistung lassen sie unsere Schiffe ungehindert passieren.«
Julian blickte ihn verblüfft an. »Wir zahlen ihnen Hilfsgelder?«
»Aber ja. Ich würde zweitausend Pfund Silber als ausreichend betrachten, wenngleich die Barbaren natürlich jedes Jahr mehr erwarten. Aber wie gesagt, zweitausend Pfund sind angemessen.«
»Zweitausend Pfund, sagst du?«
»Das halte ich für annehmbar. Wenn sie mehr wollen, werden sie es schon sagen.«
Julian atmete tief durch und ließ den Blick in die Runde schweifen, als wollte er sagen: Befreit mich von diesem Mann. »Aber wenn ich Mittel verlange, um meine Soldaten bezahlen zu können, behauptest du, es gebe keine.«
»Das ist etwas völlig anderes, ein besonderer Etat, den ich …«
»Einen Augenblick, nur damit ich es richtig verstehe: Meine Männer hungern, weil es weder Sold noch Nachschub gibt, und du sprichst davon, den Barbaren Lösegeld zu zahlen? Denselben Barbaren, gegen die ich kämpfen will, damit wir unser eigenes Territorium ungehindert durchqueren können?«
»Das ist der Brauch.«
»Brauch«, wiederholte Julian trocken. »Wir geben unseren Feinden Geld, weil es Brauch ist.«
Ihre Blicke trafen sich. Florentius erwiderte: »Ich lebe hier schon einige Zeit, Cäsar. Ich weiß, wie man die Dinge regeln muss. Es ist unbesonnen, wenn nicht gar leichtsinnig, die Stämme gegen uns aufzubringen. Dazu sollte der Kaiser gefragt werden.«
»Das würde Monate dauern, und das weißt du. Die Barbaren sind gerade in Auflösung begriffen. Wenn wir jetzt angreifen, können wir die Grenze für eine ganze Generation sichern.«
»Das vermutest du. Aber das Wagnis ist zu groß. Ich kann dem nicht zustimmen.«
Daraufhin betrachteten sich beide in schweigendem Unverständnis. Draußen erklangen die Stimme des Quartiermeisters, der Anweisungen erteilte, und das Rumpeln von Kisten, die von den Wagen geladen wurden.
»Also gut«, sagte Julian schließlich. »Du hast deine Meinung klar geäußert. Man wird dir keinen Vorwurf machen können. Das kannst du auch schriftlich bekommen, wenn du möchtest. Gibt es sonst noch etwas, Präfekt? Wenn nicht, ich habe jetzt zu arbeiten.«
Florentius zögerte. Seine Miene verhärtete sich. Er war es gewöhnt, dass katzbuckelnde Beamte seine Anweisungen gehorsam befolgten; er hatte nicht damit gerechnet, dass Julian sich über ihn hinwegsetzen würde. Es war, als hätte er von einem Diener eine Ohrfeige bekommen. Jetzt nahm er zum ersten Mal die anderen Anwesenden und das schlichte, ja bäuerliche Quartier wahr – den schlammbeschmutzten Steinboden, die nackten Wände und die morschen Fenster. Er fragte sich, ob er sich gedemütigt fühlen sollte, und versuchte, dies von unseren Gesichtern abzulesen. Doch alle wahrten die gleiche ausdruckslose Miene und gaben nichts preis.
»Es gibt da allerdings noch eine Sache«, sagte er schließlich kalt. »Aber wir sollten unter vier Augen darüber sprechen.«
Hätte es zwischen den beiden Männern Wohlwollen gegeben, hätte Julian ihn vermutlich beim Arm genommen und nach draußen geführt, oder er hätte uns gebeten, den Raum zu verlassen. So aber erwiderte er, dass der Präfekt, was immer er zu sagen habe, es offen vor seinen Freunden aussprechen könne. Vielleicht rechnete er mit einer Drohung vonseiten des Kaisers oder einer Beschwerde, weil er Gaudentius aus dem Lager geworfen hatte.
»Wie du willst«, sagte Florentius kalt. »Ich bringe Neuigkeiten von deiner Gattin. Sie hat einen Sohn zur Welt gebracht. Es war eine Totgeburt.«
Entsetztes Schweigen senkte sich herab. Der junge Offiziersbursche im Nebenzimmer ließ seinen Griffel fallen. Man hörte ihn über den Boden rollen. Julian holte tief Luft und blickte einen Moment lang aus dem Fenster. Seine Gesichtsfarbe änderte sich kaum.
»Danke, Präfekt. Sonst noch etwas?«
Florentius schüttelte den Kopf. Der selbstgefällige Zug um den Mund war verschwunden. Selbst er schien begriffen zu haben, dass er zu weit gegangen war.
»Dann ist die Besprechung zu Ende. Du wirst mich entschuldigen.« Er wandte sich dem Hauptmann der Pioniere zu, der sichtlich empört an der Wand stand, und fuhr nach kaum merklicher Pause fort: »Wir wollten gerade die Vertäuung der Brücke inspizieren, nicht wahr? Dann sollten wir das tun, solange es noch hell ist.«
Damit trat er nach draußen, und der Hauptmann eilte ihm hinterher.
Obwohl ich viel Zeit mit Julian verbrachte, erfuhr ich erst spät, dass er verheiratet war, und auch nur von dritter Seite; er selbst hatte nie über seine Gemahlin gesprochen.
Sie war etliche Jahre älter als er, und er war zu der Ehe verpflichtet worden, als er zum Cäsar ernannt worden war. Sie hieß Helena und war Constantius’ Schwester. Einmal hatte ich sie in Paris kurz gesehen, als sie eine Kolonnade entlang zu ihren Gemächern eilte, eine untersetzte, ungelenke Frau mit glatten braunen Haaren und kurzen Beinen. Ich glaube nicht, dass die Eheleute sich auch nur den Anschein gaben, einander zu lieben. Und das wunderte mich nicht, denn wenn sie jemandem ähnelte, dann ihrem Bruder, dem Kaiser, was gewiss dazu angetan war, für Kühle im Ehebett zu sorgen.
Man hörte jedoch nie, dass Julian in seinen Gemächern Frauen oder junge Knaben empfing. Von den Philosophielehrern in Athen hatte er gelernt, dass ein weiser Mann Herr seiner Leidenschaften ist. Er verachtete Grobheit in allen Dingen und hielt sich zugute, seine Gelüste im Zaum halten zu können. Doch ich vermutete, dass seine Zurückhaltung ebenso viel mit Schüchternheit zu tun hatte, und er hielt sich wohl auch nicht für anziehend. Außerdem verabscheute er den Gedanken, sich jemandem aufzudrängen. Er hatte zu viel Machtmissbrauch erlebt und wollte sich diesem Vorwurf nicht selbst aussetzen müssen.
Am Abend nach dem Essen ging ich mit Marcellus zum Fluss hinunter. Vom Wasser stieg Nebel auf. Es roch nach nassem Laub und Uferschlamm. Fackeln beschienen die Bootsbrücke und die Wachhütte am Ufer. Wir schlenderten die Böschung hinunter. Die Boote waren miteinander vertäut; der Steg, der darüberführte, war fast fertig. Wir grüßten die Wächter und gingen leise plaudernd weiter.
Irgendwann hielt Marcellus inne. »Schau mal«, sagte er und deutete mit einer Kopfbewegung in den Nebel.
Ich folgte seinem Blick. Dort stand eine einsame Gestalt und spähte über das Wasser. Ich erkannte die breiten Schultern unter dem abgenutzten Soldatenmantel. »Wir sollten uns nicht bemerkbar machen«, sagte ich und zog Marcellus am Ärmel. »Nach dem heutigen Tag möchte er sicher allein sein.«
Doch als wir abschwenkten, hob er den Arm und rief, wir sollten uns zu ihm gesellen.
Eine Zeit lang schaute er weiter schweigend über den Rhein auf den nebelverhangenen Waldsaum. Dann sagte er melancholisch: »Immer kommt die Nacht ins Spiel. Sie sind irgendwo dort drüben, beobachten uns wie Wölfe und warten nur darauf, dass wir straucheln.«
Um seinen Schmerz ein wenig zu zerstreuen, sagte ich: »Deine Siege haben sich herumgesprochen. Sie werden es sich zweimal überlegen. Schon jetzt hast du mehr erreicht, als alle anderen für möglich gehalten haben.«
Er nickte düster und zog den Mantel straffer.
»Aber es gibt noch viel zu tun. Wenn man hier am Rand der Zivilisation steht, vor sich die endlose Wildnis, dann fühlt man seine Verantwortung. Der Tod ereilt uns alle, denn das liegt in unserer Natur, doch Sklaven des Schicksals sind wir nur aus eigenem Entschluss.«
Er wurde wieder still. Irgendwann fuhr er fort: »Ich habe mein Leben in Athen geliebt, wo keine Frage verboten war, kein Thema aus Furcht vor Häresie vermieden wurde. Ich habe geweint, als ich von dort weggerufen wurde, geweint über das Ende meines Glücks. Und jetzt bin ich hier als Soldat und führe Krieg. Aber ich kämpfe, damit diese Männer in Athen in Freiheit leben können, damit sie sagen können, was sie denken, und ein wenig Licht ins Dunkel bringen.« Er deutete auf den Wald. »Wo sind ihre Philosophen? Wo sind ihre großen Bibliotheken und Städte? Sie wollen nicht besitzen, was wir haben, sie wollen es nur zerstören. Sie würden einen Philosophen abstechen wie jeden anderen, wenn wir sie ins Land ließen.«