Marsianischer Zeitsturz
- Автор: Дик Филип Кайндред
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Marsianischer Zeitsturz». Краткое содержание книги:
Mit großem Enthusiasmus und Pioniergeist haben die Menschen den Mars besiedelt. Doch nun, Jahre später, ähnelt das Leben dort auf erschreckende Weise dem Alltagstreiben auf der Erde. Und auch die politischen Grabenkämpfe setzen sich nahtlos fort: Arnie Kott ist bereits der mächtigste Mann auf dem Mars, aber das ist ihm nicht genug. Mittels eines geistesgestörten Jungen, für den die Schranken der Zeit nicht existieren, will er seinen Feinden eine endgültige Niederlage beibringen. Doch der Junge ist nicht nur in der Lage, vorwärts und rückwärts durch die Zeit zu stürzen, er kann Vergangenheit und Zukunft auch nach den Vorstellungen seines umnachteten Gehirns umgestalten. Die gewohnte Ordnung der 0.00cm Dinge zerfällt, Raum und Zeit lösen sich auf. Und der Traum vom Pionierleben wandelt sich endgültig zum Alptraum ...
»Philip K. Dick ist ein visionärer und zugleich naiver (im guten Sinne des Wortes) Science-Fiction-Maler. Er ist ein Bosch im Fell eines Holzschnitzers, ein Goya, der mit der Schminke und dem Rouge einer Theatergarderobe aus der Provinz arbeitet.«
- Stanislaw Lem
»Das ist nicht nur ein geniales Buch in bester Philip-K.-Dick-Manier, sondern auch einer der hervorragendsten Mars-Romane, die je geschrieben wurden. So wie Dick es schildert, könnte es eines Tages wirklich sein.«
- Kim Stanley Robinson
Der Autor
Philip K. Dick, 1928 in Chicago geboren, schrieb schon in jungen Jahren zahllose Stories und arbeitete als Verkäufer in einem Plattenladen in Berkeley, ehe er 1952 hauptberuflich Schriftsteller wurde. Er verfaßte über hundert Erzählungen und Kurzgeschichten für diverse Magazine und Anthologien und schrieb mehr als dreißig Romane, von denen etliche heute als Klassiker der amerikanischen Literatur gelten. Philip K. Dick starb am 2. März 1982 in Santa Ana, Kalifornien, an den Folgen eines Schlaganfalls.
Gütiger Dad sagte: »Klein-Jackie, mir scheint, daß du heute eine mächtig schwere Bürde mit dir herumträgst. Habe ich recht?«
»Heute und immerdar.« Jack stellte seine Prüflampe an und leuchtete in das Innere des Lehrers. Der Mechanismus schien das Programm soweit richtig abzuspulen.
»Vielleicht kann ich dir helfen«, sagte Gütiger Dad. »Oft hilft es, wenn eine ältere, erfahrenere Person sich sozusagen die Sorgen anhört, sie gewissermaßen mit einem teilt und erträglicher macht.«
»In Ordnung«, willigte Jack ein und setzte sich auf den Hosenboden. »Ich spiel mit; ich hänge hier ja sowieso drei Stunden fest. Willst du, daß ich ganz vorn anfange? Bei dem Erlebnis zu Hause auf der Erde, als ich noch für die Corona Corporation arbeitete und den Anfall hatte?«
»Fang an, wo du willst«, sagte Gütiger Dad huldvoll.
»Weißt du, was Schizophrenie ist, Gütiger Dad?«
»Ich glaube, ich habe eine recht klare Vorstellung davon, Jackie«, sagte Gütiger Dad.
»Also, Gütiger Dad, das ist die rätselhafteste Krankheit, die es in der Medizin überhaupt gibt, nicht mehr und nicht weniger. Und sie tritt bei jedem sechsten Menschen auf, was ziemlich viel ist.«
»Ja, das ist wohl wahr«, sagte Gütiger Dad.
»Es gab einmal eine Zeit«, sagte Jack, während er zusah, wie die Maschinerie lief, »da hatte ich etwas, das man situationsbedingte polymorphe schizophrenia simplex nennt. Und das war hart, Gütiger Dad.«
»Jede Wette«, sagte Gütiger Dad.
»Ich weiß genau, wozu du da bist«, sagte Jack, »ich kenne deinen Zweck, Gütiger Dad. Wir sind weit weg von zu Hause. Millionen Meilen entfernt. Unsere Verbindung zur Zivilisation drüben ist dürftig. Und viele Menschen haben große Angst, Gütiger Dad, weil der Kontakt mit jedem Jahr, das verstreicht, schwächer wird. Also hat man diese Public School eingerichtet, um den Kindern, die hier geboren werden, ein festes Milieu zu bieten, eine erdähnliche Umgebung. Dieser Kamin zum Beispiel. Es gibt hier auf dem Mars keine Kamine; wir heizen mit kleinen Atomöfen. Dieses aufgemalte Fenster mit all dem Glas - die Sandstürme würden es matt werden lassen. Im Grunde gibt es an dir nichts, was aus unserer jetzigen Welt hier stammt. Weißt du, was ein Bleichmann ist, Gütiger Dad?«
»Könnte ich nicht gerade behaupten, Klein-Jackie. Was ist ein Bleichmann?«
»Das ist ein Ureinwohner des Mars. Du weißt doch, daß du dich auf dem Mars befindest, oder?«
Gütiger Dad nickte.
»Schizophrenie«, sagte Jack, »ist eines der drückendsten Probleme, dem sich die menschliche Zivilisation je gegenüber gesehen hat. Ehrlich gesagt, Gütiger Dad, bin ich auf den Mars ausgewandert, weil ich mit zweiundzwanzig, als ich für die Corona Corporation tätig war, mein schizophrenes Erlebnis hatte. Ich bin zusammengebrochen. Ich mußte aus einer verworrenen Stadtumgebung in eine einfachere umziehen, in ein primitives Grenzland mit mehr Freiheit. Der Druck war zu groß für mich; es hieß, wandere aus oder dreh durch. Dieses Genossenschaftsgebäude; kannst du dir etwas vorstellen, was Stockwerk für Stockwerk in die Tiefe reicht und dabei so hoch ist wie ein Wolkenkratzer, mit genug Leuten darin, daß sie sogar einen eigenen Supermarkt haben? Ich wurde verrückt, als ich in der Schlange vor dem Buchladen stand. Alle anderen, Gütiger Dad, jede einzelne Person in diesem Buchladen und in diesem Supermarkt - sie alle wohnten im selben Gebäude wie ich. Es war eine Gesellschaft für sich, Gütiger Dad, dieses eine Gebäude. Und heute ist es im Vergleich mit einigen, die seither gebaut worden sind, klein. Was sagst du dazu?«
»Allerhand, wirklich«, sagte Gütiger Dad und schüttelte den Kopf.
»Jetzt will ich dir mal sagen, was ich denke«, sagte Jack. »Ich denke, diese Public School und ihr Lehrmaschinen werdet eine weitere Generation von Schizophrenen heranzüchten, Abkömmlinge von Leuten wie mir, die sich prächtig an diesen neuen Planeten anpassen. Ihr werdet die Psychen dieser Kinder spalten, weil ihr ihnen beibringt, eine Umgebung zu erwarten, die es für sie nicht gibt. Es gibt sie ja nicht einmal mehr auf der Erde; sie ist überholt. Frag diesen Whitlock-Lehrer, ob Intelligenz nicht praktisch anwendbar sein muß, um wahre Intelligenz zu sein. Ich habe gehört, wie er das sagte, daß sie ein Werkzeug für die Anpassung sein muß. Stimmt's, Gütiger Dad?«
»Ja, Klein-Jackie, so muß es sein.«
»Ihr solltet lehren«, sagte Jack, »wie wir ...«
»Ja, Klein-Jackie«, unterbrach ihn Gütiger Dad, »so muß es sein.« Und als er das sagte, glitt ein Zahnrad in den Strahl von Jacks Prüflampe, und ein Abschnitt des Programms wiederholte sich.
»Du steckst fest«, sagte Jack. »Gütiger Dad, eines deiner Zahnräder ist abgenutzt.«
»Ja, Klein-Jackie«, sagte Gütiger Dad, »so muß es sein.«
»Du hast recht«, sagte Jack. »So muß es sein. Alles nutzt sich irgendwann ab; nichts ist von Dauer. Das einzig Beständige im Leben ist der Wandel. Stimmt's, Gütiger Dad?«
»Ja, Klein-Jackie«, sagte Gütiger Dad, »so muß es sein.«
Jack stellte die Energieversorgung der Lehrmaschine ab und begann ihr Getriebe auseinanderzunehmen, um das verschlissene Zahnrad entfernen zu können.
»Sie haben den Fehler also gefunden«, sagte der Rektorschaltkreis, als Jack eine halbe Stunde später wieder zum Vorschein kam und sich das Gesicht mit dem Ärmel abwischte.
»Ja«, sagte er. Er war erschöpft. Seine Armbanduhr verriet ihm, daß es erst vier war; er hatte noch eine Stunde Arbeit vor sich.
Der Rektorschaltkreis begleitete ihn zum Parkplatz. »Ich bin angenehm berührt, daß Sie sich so prompt um unsere Nöte gekümmert haben«, sagte er. »Ich werde Mr. Yee anrufen und mich bei ihm bedanken.«
Jack nickte und kletterte in den Hubschrauber, sogar für ein Abschiedswort zu ausgelaugt. Bald darauf stieg er auf; das Entenei der von der UN geleiteten Public School wurde unter ihm kleiner und verschwand. Ihre erdrückende Gegenwart wich, und er konnte wieder atmen.
Er schnipste den Sender an und sagte: »Mr. Yee. Hier Jack; ich bin fertig mit der Schule. Was jetzt?«
Nach einer Weile antwortete Mr. Yees pragmatische Stimme. »Jack, Mr. Arnie Kott aus Lewistown hat bei uns angerufen. Er bittet uns, sein Chiffrierdiktaphon nachzusehen, das ihm furchtbar wichtig ist. Alle anderen aus dem Team sind verhindert, also schicke ich Sie hin.«
Sechs
Arnie Kott besaß das einzige Cembalo auf dem Mars. Aber es war verstimmt, und er konnte niemanden finden, der sich darum kümmerte. Wie man es auch drehte und wendete, es gab einfach keinen Cembalostimmer auf dem Mars.
Seit einem Monat versuchte er seinem zahmen Bleichmann jetzt schon beizubringen, daß er sich der Sache annehmen sollte; Bleichmänner hatten ein gutes Ohr für Musik, und besonders dieser schien genau zu begreifen, was Arnie wollte. Heliogabalus hatte die Übersetzung eines Handbuchs zur Wartung von Tasteninstrumenten in die Sprache der Bleichmänner erhalten, und nun erwartete Arnie täglich Ergebnisse. Aber inzwischen konnte man auf dem Cembalo einfach nicht spielen.
Arnie Kott war mürrisch von seinem Besuch bei Anne Esterhazy in Lewistown zurückgekehrt. Der Tod des Schwarzmarkthändlers Norbert Steiner war ein harter Schlag unter die Gürtellinie gewesen, und Arnie wußte, daß er etwas unternehmen mußte, wahrscheinlich etwas Drastisches und noch nicht Dagewesenes, um das wettzumachen. Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Was hatte ihm der Ausflug nach Neu-Israel gebracht? Bloß eine schlechte Nachricht. Mit Anne war wie üblich nicht zu reden gewesen; sie wollte mit ihren laienhaften Kampagnen und Klagen weiterwursteln, und wenn sie sich dabei auf dem ganzen Mars lächerlich machte - es kümmerte sie nicht.