Die Habenichtse
- Автор: Hacker Katharina
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Год: Fischer-Taschenbuch-Verl
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Habenichtse». Краткое содержание книги:
Die beiden haben alles, was ein junges, erfolgreiches Paar braucht und stehen doch mit leeren Händen da. Sehnsüchtig und ratlos sehen sie zu, wie ihr Leben aus den Fugen gerät. Jakob ist fasziniert von seinem Chef, Isabelle von Jim, dem Dealer. Die untergründigen Ströme von Liebe und Gewalt werden spürbar, und das Nachbarskind Sara wird ihr Opfer.
Jim fragte sich nicht, ob man ihm folgte, mit der U-Bahn war er bis nach King’s Cross gefahren, hatte die Pentonville Road überquert und war bis zur Field Street gegangen, ohne auf die zu achten, die auf der Straße herumlungerten, aus den Augenwinkeln hatte er eine junge Frau bemerkt. Jünger als Mae. Was Albert ihm an Stoff mitgegeben hatte, würde sich in Camden leicht verkaufen lassen. Am Kanal war ihm ein Fuchs begegnet, der ohne Scheu an ihm vorbeischnürte, durch eine Zaunlücke in eine Brache am Kanal verschwand. Das war schon auf der Camden Street gewesen. Kurz hatte er gezögert, überlegt, ein Taxi anzuhalten, die Schmerzen im Arm waren kaum zu ertragen.
Zu Hause suchte er nach Schmerzmitteln, fand nur eine leere Packung. Im Wohnzimmer lagen leere Bierdosen, Kleider, schmutzige Unterwäsche. Mit der rechten Hand sammelte er Socken auf. Stieß eine Bierdose um. Wischte, was nicht gleich in den Teppich einsickerte, mit einem T-Shirt auf. Er mußte das Fenster öffnen, lüften. Blumen kaufen, dachte er höhnisch.
Als er am nächsten Mittag mit einer Tasche sauberer Wäsche vom Waschsalon zurückkam und den Blumenstand neben Kentish Town Station passierte, blieb er stehen, kaufte ein paar Nelken und eine Lilie, die nur ein Pfund kostete. Eine Vase fand er nicht. Hielt in der Hand die Lilie, die Nelken fanden in einem Bierglas Platz, er roch an der weißen Blüte, mochte nicht, was er roch. Die Blüte welkte schon. Er wusch das Geschirr, räumte Bier in den Kühlschrank, Toastbrot und Käse, Eier, ein Paket mit Schinken.
Den letzten Nachmittag hatten Mae und er in dem Zimmer in der Field Street verbracht. Sie hatten sich gestritten. Es war komisch mit der Erinnerung, immer schien sie irgendwo zu warten und tauchte doch nie auf.
Vor seinem Fenster sah er ein kleines Mädchen, das sich nach etwas bückte, die Haare, dunkel und strähnig vom Regen, fielen ihr ins Gesicht. Sie ging zögernd ein paar Schritte, dann blieb sie stehen, es war, als wüßte sie nicht, wohin. Er beobachtete sie aufmerksam. Sie trug nur einen dünnen, grünen Sweater, der ihr zu weit war, die Ärmel verdeckten ihre Hände, das Gesicht wirkte blaß und spitz. Anscheinend hielt sie nach jemandem Ausschau, reckte den Kopf, stellte sich sogar auf die Zehenspitzen, aber niemand kam, und schließlich verschwand sie. Jim ärgerte sich darüber, als hätte sie etwas mitgenommen, was ihm gehörte.
Abends, als er hinausging, um einen Teil des Stoffs zu verkaufen, war er noch immer schlecht gelaunt. Kein gutes Vorzeichen, dachte er und bekreuzigte sich abergläubisch.
Am nächsten Mittag sah er an den Stationen von Kentish Town die Zettel mit der Aufschrift Vermißt und Maes Foto.
18
Jakob händigte ihr eine Liste mit Möbeln aus, die ihm seine Tante Fini zugeschickt hatte, Möbel seiner Großeltern und Großtanten; Isabelle mußte nur ankreuzen, was sie nach London mitnehmen wollte. Die ursprüngliche Liste, in Sütterlin geschrieben, konnte Isabelle nicht entziffern, Jakob fertigte eine Reinschrift für sie an, die allerdings kürzer ausfiel als das Original, denn die Anmerkungen zu Vorbesitzern, Farbe und Zustand der Politur berücksichtigte Jakob nicht. Die Möbel würden, mit Besteck, Geschirr und Bettwäsche, in Frankfurt verladen und nach London geschickt und dort von Jakob in Empfang genommen werden. — Du mußt dich, sagte Jakob, um nichts kümmern.
Sie brachte ihn zum Flughafen, durch die Scheiben konnte sie ihn hinter den Sicherheitskontrollen mit seiner Zeitung sehen, das Glas spiegelte, er sah sich suchend um und fand sie nicht.
Am nächsten Tag stand Maude in der Tür der Kanzlei und begrüßte Jakob an Benthams statt. Bei ihr im Zimmer saß Annie, die Sekretärin Alistairs, die auch Jakobs Post erledigen würde, ein dickliches Geschöpf mit einer Stupsnase, Mister Krapohl bot, beständig schniefend und ein wenig schielend, seine Dienste an, hielt ein winzig beschriebenes Blatt in der Hand, auf dem Buchbestellungen notiert waren, um fünf Uhr klopfte Maude an Jakobs Tür im dritten Stock und brachte ihm Tee und Scones. Durch die Fenster hörte Jakob das gleichmäßige Rauschen des Februarregens.
— Wir gehen noch ins Pub, rief Alistair ihm am Abend zu, wartete im Treppenhaus, mit dem linken Fuß über eine sich ausdünnende Stelle des Teppichs tastend, in Gedanken schon mit etwas anderem beschäftigt. Bentham würde erst Ende der Woche in die Kanzlei zurückkehren, erfuhr Jakob schließlich, es schien nichts ungewöhnlich daran zu sein. Vor dem Pub warteten schon zwei seiner künftigen Kollegen. Paul und Anthony, sie schoben ihn durch die Tür, tranken auf sein Wohl, wechselten bald von Bier zu Whisky, stopften achtlos ihre Krawatten in die Jackentaschen, von dem verdreckten roten Teppich des Pubs stieg säuerlicher Geruch auf, um elf Uhr standen sie im Nieselregen auf der Straße, ein Mädchen gesellte sich dazu, sie küßte Paul lange auf den Mund. Jakob war betrunken. Alistair und Anthony entfernten sich, sie flüsterten, Paul holte sein Motorrad, hupte. Der Mond kroch hinter den Dächern hervor, Jakob bildete sich ein, das Meer zu riechen, und wieder war das Mädchen da, küßte Paul, hüpfte dann auf Jakob zu, er saß inzwischen auf dem Bordstein, sah Autos ohne Fahrer vorbeifahren, sie trug einen kurzen Pelzmantel, einen Minirock, ihr blondes Haar fiel Jakob ins Gesicht, sie lachten alle drei, beugten sich über ihn. — He, alles klar? Da war wieder Paul mit seinem Motorrad. Stöhnend drehte Jakob sich zur Seite. Das Mädchen zuckte, als Jakob die Hand jäh hob, — alles cool, rief Alistair ihm zu, zog ihn hoch und schob ihn in ein Taxi.
Am dritten Tag klopfte Annie und brachte ihm einen Wasserkessel und eine Teekanne. Er müsse, sagte Maude, die hinter ihr hereinkam, nur sagen, was er benötige, eine Schreibtischlampe, einen weiteren Sessel statt der verrückten Truhe, eine Wolldecke. Die Heizung gab ihr Bestes, aus einem Ventil strömte mittags pfeifend etwas Dampf, eine halbe Stunde, dann war es wieder still. Durch die Decke hörte Jakob manchmal Musik aus Alistairs Zimmer, Bach oder John Zorn, erklärte Alistair. Der erste Mandant meldete sich, ein Mister Miller, unzufrieden mit dem Anwalt, der bisher für seinen Rückübertragungsanspruch eines Hauses in Treptow zuständig gewesen war. Wenn Jakob mittags spazierenging, verlief er sich in den kleinen Straßen zwischen der Devonshire Street und der Wigmore Street. Ein zweiter Mandant, ein Gabelstaplerproduzent aus Hamm, interessierte sich für den Kauf einer britischen Eisenbahngesellschaft und bat ihn um ein Treffen in der Liverpool Street Station, sie saßen in einem schlecht beleuchteten Cafe´ im Untergeschoß des Bahnhofs, und Jakob blätterte verzweifelt in einem Stapel Unterlagen, den Mister Krapohl für ihn ausgedruckt hatte, darunter mehrere Aufsätze über die Geschichte der englischen Eisenbahn. Das Wetter blieb scheußlich, meist war Jakob als erster im Büro, er liebte sein Zimmer, auch wenn er fror, und die Wohnung in der Lady Margaret Road war noch leer und unwirtlich. Am Wochenende erwartete er die Möbel.
Der Laster traf nachmittags ein, er versperrte die ganze Straße, weil im letzten Moment der Fahrer auf die rechte Fahrbahn gezogen hatte, ein entgegenkommendes Auto konnte gerade noch bremsen. Der Autofahrer schien unter Schock zu stehen. Es war ein älterer Mann, der mühsam ausstieg, sich mit beiden Händen fest an die Autotür klammerte und zu dem Lastwagen mit dem deutschen Nummerschild herüberstarrte, in dessen Fahrerkabine sich nichts rührte. Jakob stand unterdessen im Erdgeschoß, rüttelte an den Fenstern, weil er vergessen hatte, wie man die Schiebefenster entsicherte, rannte schließlich in Strümpfen auf die Straße und stürzte auf den Mann zu, dessen dünne weiße Haare sich im leichten Wind aufrichteten, die pergamentene Haut rötete sich an den Backen, doch als Jakob zu einer Entschuldigung ansetzte, schüttelte er würdevoll den Kopf, verschwand im Inneren seines Austin und ließ den Motor an. Wütend und beschämt drehte Jakob sich um, der Fahrer manövrierte, zum Glück war die Straße jetzt leer, nur ein kleines Mädchen tauchte plötzlich auf, wollte schon los- und vor den Laster rennen, Jakob packte es am Arm, ein blasses Ding mit einer roten Mütze und großen, grauen Augen, das ängstlich zurückwich und Jakob konzentriert anschaute, um zu verstehen, was von ihm erwartet wurde, und sich dann duckte, als fürchtete es, bestraft zu werden. Die Packer kletterten aus der Kabine, riefen ihm durcheinander Kommentare und Rechtfertigungen zu, das Mädchen riß sich los, und da kamen, winkend, Alistair und Paul und Anthony, um zu helfen und Jakobs Einzug zu feiern. — Nicht schlecht, anerkennend schaute Alistair sich um. Auf der Straße stand schon die Biedermeierkommode seiner Großmutter, eine Schublade war aufgegangen, überquellend von alten Fotos, die Tante Fini nicht ausgeräumt hatte. Ein Schrank kippte fast zur Seite, hatte bereits einen Kratzer. Alistair diskutierte mit einem Polizisten, der sich aus dem Fenster seines Autos beugte. Das Mädchen war verschwunden. — Erst die Möbel! rief Jakob nervös, als die anderen auf den Hauseingang zumarschierten, alle sechs Männer, Alistair an der Spitze, einen der Spediteure untergehakt, lachend.