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Über den Wassern [The Face of the Waters - de]

Электронная книга - «Über den Wassern [The Face of the Waters - de]». Краткое содержание книги:

Auf der Wasserwelt Hydros leben seit Generationen Siedler von der Erde friedlich nebeneinander mit den amphibischen Eingeborenen des Planeten. Als eines Tages ein Fischer ein paar von den intelligenten Fischen im Meer tötet, haben die Menschen ihr Siedlungsrecht verwirkt. Sie müssen ihre kleinen schwimmenden Inseln, die ihnen längst zur Heimat geworden sind, verlassen und sind gezwungen, ein geheimnisvolles dunkles Land zu sucher, das vielleicht nur in den Sagen existiert.
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»Du könntest damit durchkommen. Vielleicht aber auch nicht.«

»Ich werd vor denen auf dem Bauch kriechen, wenn es sein muß!«

»Und du wirst dann einen von deinen Söhnen aus Velmise hierher schicken, wenn sie dich verbannen, stimmt’s?«

Delagard wirkte verdutzt. »Ja, aber was war da dran falsch?«

»Sie könnten vielleicht auf den Gedanken kommen, daß es dir mit deinem Angebot zu emigrieren nicht so richtig ernst ist. Vielleicht denken sie, ein Delagard ist wie der andere.«

»Du meinst, es könnte ihnen nicht genügen, wenn ich als Einziger fortgehe?«

»Genau das hab ich grad gesagt. Sie erwarten von dir möglicherweise etwas mehr als nur das.«

»Und was zum Beispiel?«

»Was würdest du sagen, wenn sie dir eröffneten, ja, sie würden die restliche Humanbevölkerung Sorves begnadigen, vorausgesetzt du verpflichtest dich, daß weder du noch einer aus deiner Familie jemals wieder den Fuß nach Sorve setzt und daß die gesamten Werftanlagen der Delagards niedergerissen werden?«

Delagards Augen begannen zu glitzern. »Nein. So was würden die doch nie verlangen!«

»Sie haben es bereits gefordert. Und noch viel mehr.«

»Aber… wenn ich fortgehe… ich meine, wirklich ehrlich weg… und wenn meine Söhne sich feierlich verpflichten, nie wieder einem Taucher irgendwie Schaden…«

Lawler kehrte ihm den Rücken zu.

Er selbst hatte den ersten Schock überwunden; der schlichte Satz Wir müssen Sorve verlassen war Teil seines Denkens, seiner Gefühle geworden, ja ihm bis in die Knochen bewußt geworden. Und er nahm das Ganze sehr gelassen hin, alles in allem gesehen. Er fragte sich, warum. Von einem Augenblick zum nächsten war ihm die Existenz auf diesem Eiland, die er sich sein ganzes Leben lang aufgebaut hatte, aus den Händen gerissen worden.

Ihm fiel seine Reise nach Thibeire ein. Wie tiefbeunruhigend all diese unvertrauten Gesichter auf ihn dort gewirkt hatten, daß er von ihnen weder die Namen kannte noch etwas über ihre persönliche Lebensgeschichte wußte; wie das war, einen Weg entlanggehen und nicht wissen, wohin er führt. Und wie glücklich er gewesen war, nach ein paar Stunden wieder ›daheim‹ zu sein.

Und nun würde er ganz in die Fremde ziehen müssen, würde dort für den Rest seines Lebens bleiben müssen, unter fremden Leuten leben müssen… Ihm würde jegliches Gefühl verlorengehen, daß er der Lawler von der Insel Sorve sei, und er würde ein Niemand werden, ein Irgendwer, ein Neu-Zugereister, ein Ausländer, ein Eindringling in einer fremden Gemeinschaft, in der er weder seinen Platz hatte noch eine Aufgabe… Das war eigentlich ziemlich schwer zu schlucken. Und trotzdem, er hatte sich nach diesem ersten Moment bestürzter Unsicherheit und Desorientierung irgendwie in einem Zustand dumpfer Hinnahme eingerichtet, als lasse ihn die Vertreibung ebenso unberührt, wie dies bei Gabe Kinverson der Fall zu sein schien, oder bei Gharkid, diesem verdrehten Einzelgänger. Seltsam. Aber vielleicht hab ich es nur noch nicht richtig begriffen, sagte Lawler sich.

Sundira Thane trat zu ihm. Sie wirkte erregt, und auf ihrer Stirn lag eine dünne Schweißschicht. Die ganze Körperhaltung drückte irgendwie starke Anspannung und starke Selbstzufriedenheit aus.

»Ich sagte dir doch, sie sind böse auf uns. Na? Na, und? Sieht doch so aus, wie wenn ich recht gehabt hätte.«

»Das stimmt«, sagte Lawler.

Sie blickte ihn prüfend an. »Also, wir werden wirklich hier fortmüssen. Ich zweifle daran nicht im mindesten.« Ihre Augen funkelten hell. Sie schie n das alles unendlich zu genießen und wirkte fast wie betrunken davon. Es fiel Lawler ein, daß dies bereits die sechste Insel war, auf der sie mit ihren einunddreißig Jahren bisher gelebt hatte. Anscheinend machte es ihr nichts aus, herumzuwandern. Vielleicht genoß sie es sogar.

Er nickte bedächtig. »Wieso bist du so sicher?«

»Weil die Sassen niemals eine getroffene Entscheidung umstoßen. Wenn sie was sagen, dann halten sie sich daran. Und die Tötung von Tauchern wiegt offenbar für sie schwerer als die von Speisefischen und Knallern. Sie haben nichts dagegen, wenn wir in der Bucht nach Nahrung fischen. Sie selber essen ja auch Speisefisch. Aber die Taucher, also die sind irgendwie was anderes. Für sie empfinden die Sassen irgendwie eine Art Beschützerinstinkt.«

»Ja«, sagte Lawler, »wahrscheinlich ist das so.«

Sie starrte ihm fest in die Augen. Sie war fast so groß wie er. »Du lebst hier schon lang, was, Lawler?«

»Mein ganzes Leben.«

»Ach. Tut mir leid, dann wird es für dich ziemlich hart werden.«

»Ich werde damit zurechtkommen«, erwiderte er. »Einen zweiten Arzt kann jede Insel brauchen. Sogar so was Halbgebackenes wie mich.« Er lachte. »Sag mal, was macht denn dein Husten?«

»Ich hab kein einziges Mal husten müssen, seitdem du mir dein Dope gegeben hast.«

»Das hatte ich erwartet.«

Auf einmal stand Delagard wieder neben Lawler. Ohne sich für die Gesprächsunterbrechung zu entschuldigen, sagte er: »Würdest du mit mir zu den Gillies gehen, Doc?«

»Wozu?«

»Sie kennen dich und schätzen dich. Du bist der Sohn deines Vaters, und damit hast du ’nen Stein bei ihnen im Brett. Sie halten dich für einen ernsthaften und ehrenwerten Mann. Und wenn ich versprechen muß, von der Insel fortzugehen, könntest du für mich bürgen und ihnen sagen, ich mein es wirklich ernst, wenn ich verspreche, wegzugehen und nie zurückzukommen.«

»Wenn du ihnen das versprichst, werden sie dir auch ohne meine Hilfe glauben. Sie erwarten einfach nicht, daß irgendein vernunftbegabtes Geschöpf sich zu Lügen erniedrigt, nicht einmal von dir vermuten sie das. Aber damit ist ja immer noch nichts geändert.«

»Geh doch trotzdem mit, Lawler!«

»Es ist Zeitverschwendung. Wir sollten vielmehr darangehen, unsere Evakuierung zu planen.«

»Aber laß es uns doch wenigstens versuchen! Wenn wir das nicht wenigstens tun, wissen wir doch gar nichts.«

Lawler überlegte. »Jetzt gleich?«

»Nein, nach Einbruch der Dunkelheit«, erwiderte Delagard. »Im Augenblick wollen die wirklich niemand von uns empfangen. Sie sind vollauf damit beschäftigt, ihr neues Kraftwerk zu eröffnen. Das haben sie nämlich vor zwei Stunden endlich in Gang gekriegt, mußt du wissen. Und sie haben eine Leitung vom Kai zu ihrem Inselende gelegt, und die transportiert Strom.«

»Wie schön für sie.«

»Wir treffen uns bei Sonnenuntergang drunten am Kai, ja? Und dann gehn wir zusammen zu ihnen rüber und reden mit ihnen. Willst du das machen, Lawler?«

* * *

Während des Nachmittags saß Lawler still in seinem Vaargh und versuchte sich klarzumachen, was es bedeuten würde, von der Insel fortzumüssen; er werkelte an der Vorstellung herum, drehte und wendete sie, und sie bedrückte ihn. Es fanden sich keine Patienten bei ihm ein. Delagard hatte sein Versprechen am frühen Morgen nicht vergessen und ihm ein paar Flaschen Beerenkraut-Brandy herüberschicken lassen, und Lawler trank ein paar Schlückchen davon, und dann noch ein paar, ohne daß er irgendeine Wirkung verspürt hätte. Er überlegte, ob er sich noch eine Dosis von seinem Tranquilizer gönnen dürfe, aber irgendwie erschien ihm das nicht als besonders klug. Außerdem war er sowieso momentan ruhig genug; ihn beherrschte nicht die übliche Rastlosigkeit, sondern eher eine Art dumpfer geistiger Lähmung, eine schwer auf ihm lastende Niedergeschlagenheit, und dafür waren seine rosa Tropfen kaum ein brauchbares Antidot.

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