Das Anekdotenbuch
- Автор: Weiskopf F. C.
- Год: 1964
- Язык: немецкий
- Год: Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Das Anekdotenbuch». Краткое содержание книги:
— daß das Wort Anekdote als Buchtitel zum ersten Mal von dem griechischen Geschichtsschreiber Prokopios verwandt wurde, als er die bis dahin verschwiegenen Einzelheiten über das Privatleben des Kaisers Justinian veröffentlichte?
— daß es Anekdoten nicht nur um Könige, Staatsmänner und Künstler gibt?
— daß eine literarisch erzählte Anekdote mehr ist als nur ein gut vorgetragener Schwank oder Witz?
— daß große und berühmte Dichter diese kleinste und darum sehr schwierige Prosa-Form pflegten?
Wie nur wenige verstand F. C. Weiskopf die Kunst, Erlebnisse, Berichte, Erzählungen und Zeitungsnotizen Anekdoten werden zu lassen. Begebenheiten voll unglaublicher Zufälle, aber auch sonderbaren Situationen aus dem Alltag kam er auf die Spur und gestaltete sie zu pointierten und merkwürdigen, das heißt des Merkens würdigen, Geschichten.
Was in der Nachschrift zur Anekdote von den Passagieren des Todes gesagt wurde, sei hier als Vorspruch wiederholt: Die Freiheit spricht in vielen Zungen, aber es ist immer dieselbe Sprache. Ähnliche Geschichten wie die nachfolgende, die mir während meines Aufenthalts in China zu Ohren gekommen, sind im letzten Krieg auch von polnischen und jugoslawischen Partisanen erzählt worden.
Genossen des Sohns, der sich verborgen halten mußte, brachten die Greisin in einem Nachbarort, Ramcugua, unter. Dort sorgt die Gewerkschaft für sie. Was die Braden Company anlangt, so ist die Angelegenheit für sie erledigt. Im übrigen hat die Direktion den Aufwand nicht gescheut, die etwas unansehnlich gewordene Inschrift auf dem Denkmalssockel neu vergolden zu lassen; sie weiß schließlich, was sie sich, ihrer Stadt Sewell und deren Besuchern von Distinktion und Vermögen schuldig ist.
Kannitverstan
Ein holländischer Pfeffersack, der sich einbildete, viel von Kunstdingen zu verstehen, weil er einen erklecklichen Teil seiner — aus dem Handel mit den Kolonien stammenden Profite in Bildern und Plastiken anlegte, ließ sich durch einen Pariser Kunsthändler bei Picasso einführen und sagte nach einem Rundgang durch das Atelier des Malers: "Sie entschuldigen schon, Meister, ich verstehe alle Ihre Werke mit einer Ausnahme."
"Und die wäre?"
"Ihre Taube. Die ist mir zu primitiv. Die verstehe ich nicht."
Und Picasso darauf, ohne eine Miene zu verziehen: "Verstehen Sie Chinesisch, mein Herr?"
"Chinesisch?" entgegnete, indem er verdutzt die Augen aufriß, der Holländer. "Nein, aber…"
"Aber sechshundert Millionen verstehen es", bemerkte Picasso, öffnete die Türe und komplimentierte den kunstverständigen Pfeffersack hinaus.
Onkel Soras Gehlen und Werthers Lotte
Wer unterfängt sich, zu behaupten, daß die von Onkel Sam wieder zu Macht und Glanz gebrachten "Soldaten des Führers" keinen Sinn für humanistische Kulturwerke hätten?
In einem der Prozesse gegen dingfest gemachte Agenten der in amerikanischem Auftrag von einem ehemaligen Hitlergeneral geleiteten Organisation Gehlen gestand der Angeklagte, ein gewisser Schröder, bei dem man neben Sprengstoffen, Giftampullen, Rezepten zu Brandstiftungen und anderen Gaben des goldenen Westens erstaunlicherweise auch ein Buch gefunden hatte, ihm sei dieses von seinem Boß mit der Weisung übergeben worden, einen Satz daraus als Schlüssel für die Chiffrierung von Spionageberichten zu verwenden. Das Buch war Thomas Manns Roman "Lotte in Weimar".
Nur ein halber Schritt
John Foster Dulles, Außenminister in Präsident Eisen howers "Kabinett der großen Geschäftsleute", war dafür bekannt, daß er im Umgang mit Verhandlungspartnern, die seiner Politik der Stärke die Stärke ihrer Politik entgegensetzten, nicht nur die diplomatische, sondern auch die Höflichkeit schlechthin außer acht ließ, wobei er sich gern den Anschein eines altamerikanischen Biedermanns gab, der nichts auf der Welt fürchtet, nur Gott, und im übrigen kein Blatt vor den Mund nimmt. So bemerkte er einmal am Schluß einer internationalen Konferenz, auf der er mit allen Mitteln eine von der Sowjetdelegation vorgeschlagene Einladung der chinesischen Volksregierung zu hintertreiben versucht hatte, zu dem neben ihm stehenden Wyschinski, er halte, auch wenn er sich nächstens mit den Roten aus China an einen Tisch setzen müsse, an seiner Meinung fest, die da| laute, daß — nichts für ungut! — vom Kommunisten zum Verbrecher nur ein Schritt sei.
Worauf Wyschinski, indem er, verschmitzt blinzelnd, die Entfernung zwischen sich und dem anderen maß, "Ganz Ihrer Meinung, Mister Dulles!" entgegnete. "Manchmal, nichts für ungut, ist es auch nur ein halber."
Wer den Penny nicht ehrt
Gegen Ende des Jahres 1954 machte in den kanadischen Provinzzeitungen ein Bericht aus Winnipeg die Runde, demzufolge vor das dortige königliche Gericht ein gewisser John F. Smallman gebracht worden war, weil er einen vom Viehmarkt heimkehrenden Händler betrunken gemacht, niedergeschlagen und der ganzen Barschaft — es handelte sich um vierundsiebzig Dollar — beraubt hatte. Während des Prozesses stellte sich zum allgemeinen Erstaunen heraus, daß Smallman zu den reichsten Männern im Staate Manitoba gehörte. Auf die Frage des Richters, was ihm, einem zehnfachen Millionär, eine so geringfügige Summe wie die bei dem Raub erbeutete habe bedeuten können, entgegnete Smallman nicht ohne einige Indignation im Tonfall, er entstamme einer Familie, in der man seit undenklichen Zeiten nach der Lehre erzogen werde, daß, wer den Penny nicht so lieb habe wie den Dollar, niemals dazu komme, einen Dollar zu wechseln, geschweige denn Reichtümer zu sammeln.
John F. Smallman wurde, wie nicht anders zu erwarten, unter Zubilligung mildernder Umstände bedingt zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt und gegen eine entsprechende Kaution auf freien Fuß gesetzt.
Der Bericht über den Prozeß war überschrieben: "Verirrung eines Mannes von Vermögen".
Sorge um den Menschen
Soweit überhaupt durch unsere Kraft etwas für die Beseitigung der Folgen geschehen kann — ich denke hier an die materiellen Schäden, die der Nationalsozialismus den von ihm Verfolgten zugefügt hat hat das deutsche Volk die heilige Pflicht, zu helfen, auch wenn dabei von uns, die wir uns persönlich unschuldig fühlen, Opfer verlangt werden, vielleicht schwere Opfer.