Ferne Ufer: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #3
- Год: 2016
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ferne Ufer: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Wenn Elias meine rechte Hand war, war Annekje Johansen die linke. Ganz allein hatte sie es auf sich genommen, die Ziegenmilch abzukochen, geduldig Schiffszwieback zu zerstoßen – und dabei die Maden zu entfernen –, um ihn mit der Milch zu vermischen, und den so entstehenden Brei an alle Männer zu verabreichen, die kräftig genug waren, ihn zu verdauen.
Ihr Ehemann, der Hauptkanonier, zählte zwar zu den Kranken, doch er schien glücklicherweise einer der leichteren Fälle zu sein, und ich hegte große Hoffnung, dass er sich erholen würde – dank der hingebungsvollen Pflege seiner Frau und seiner kräftigen Konstitution.
»Ma’am, Ruthven sagt, es hat wieder jemand den reinen Alkohol getrunken.« Elias Pound tauchte neben mir auf; sein rundes, rosiges Gesicht sah eingefallen aus, um einiges schmaler nach den Anstrengungen der letzten Tage.
Ich sagte etwas extrem Unanständiges, und seine braunen Augen wurden groß.
»Verzeihung«, sagte ich. Ich wischte mir mit dem Handrücken über die Stirn, um mir die Haare aus den Augen zu streichen. »Ich wollte Eure sensiblen Ohren nicht verletzen, Elias.«
»Oh, ich habe das nicht zum ersten Mal gehört, Ma’am«, versicherte mir Elias. »Nur noch nicht aus dem Mund einer Dame.«
»Ich bin keine Dame, Elias«, sagte ich müde. »Ich bin Ärztin. Lasst das Schiff nach ihnen absuchen; vermutlich sind sie inzwischen bewusstlos.« Er nickte und machte auf dem Absatz kehrt.
»Ich sehe im Kabelgatt nach«, sagte er. »Da verstecken sie sich normalerweise, wenn sie betrunken sind.«
Das war der Vierte in den letzten drei Tagen. Trotz der Wachen, die neben der Destille und dem gereinigten Alkohol postiert waren, waren die Seemänner, die mit der halben Tagesration Grog leben mussten, so verzweifelt auf etwas Trinkbares aus, dass sie immer wieder irgendwie an den gereinigten Alkohol gelangten, der zur Sterilisation gedacht war.
»Großer Gott, Mrs. Malcolm«, hatte der Proviantmeister gesagt und den kahlen Kopf geschüttelt, als ich mich über das Problem beklagte. »Seemänner trinken alles, Ma’am! Verdorbenen Pflaumenbrandy, in einem Gummistiefel fermentierte Pfirsiche – ich weiß sogar von einem Matrosen, den man dabei erwischt hat, dass er die alten Verbände aus dem Quartier des Arztes gestohlen und sie eingeweicht hat, um eine Nase voll Alkohol abzubekommen. Nein, Ma’am, es wird sie definitiv nicht davon abhalten, wenn wir ihnen sagen, dass es sie umbringen wird.«
Und es brachte sie um. Einer der vier Männer, die davon getrunken hatten, starb; zwei weitere lagen in einem abgetrennten Teil des Krankendecks im Koma. Falls sie überlebten, würden sie vermutlich permanente Hirnschäden davontragen.
»Nicht, dass man auf diesem schwimmenden Höhengefährt nicht ohnehin einen Hirnschaden bekommt«, bemerkte ich bitter an eine Seeschwalbe gerichtet, die neben mir auf der Reling gelandet war. »Als ob es nicht reichen würde, dass ich versuche, die Hälfte der elenden Kerle vor dem Typhus zu retten, versucht jetzt die andere Hälfte, sich mit meinem Alkohol umzubringen. Der Teufel soll sie alle holen!«
Die Seeschwalbe legte den Kopf schief, kam zu dem Schluss, dass ich nicht essbar war, und flog davon. Rings um uns erstreckte sich der leere Ozean – vor uns, wo die unbekannten Westindischen Inseln Ians Schicksal vor uns verbargen, und hinter uns, wo Jamie und die Artemis längst verschwunden waren. Und in der Mitte ich mit sechshundert alkoholsüchtigen englischen Seeleuten und einem Zwischendeck voller entzündeter Gedärme.
Einen Moment stand ich da und kochte vor Wut, dann wandte ich mich entschlossen der vorderen Luke zu. Und wenn Kapitän Leonard persönlich dabei war, das Bilgenwasser abzupumpen; er würde mit mir sprechen.
Just im Inneren der Kajütentür blieb ich stehen. Es war noch nicht Mittag, doch der Kapitän schlief. Er lag mit dem Kopf auf den Unterarmen, die er auf einem aufgeschlagenen Buch verschränkt hatte. Der Federkiel war ihm aus den Fingern gefallen, und das Tintenfläschchen, das in einem geschickt konstruierten, fest verankerten Halter steckte, schwankte sacht mit der Bewegung des Schiffs. Er hatte das Gesicht zur Seite gedreht und die Wange flach auf den Arm gedrückt. Trotz der kräftigen Bartstoppeln sah er auf absurde Weise jung aus.
Ich wandte mich ab, um später wiederzukommen, doch bei dieser Bewegung streifte ich seine Seemannskiste, auf der ein wackeliger Bücherstapel inmitten eines Gewühls aus Papieren, Navigationsinstrumenten und halb zusammengerollten Karten lag. Das obere Buch fiel mit einem Knall auf das Deck.
Im allgemeinen Knarren und Knattern, im Singsang der Takelage und den Rufen der Männer, die den Hintergrund des Lebens auf einem Schiff bildeten, war das Geräusch kaum zu hören, doch es weckte ihn, und er blinzelte verblüfft.
»Mrs. Fras–, Mrs. Malcolm!«, sagte er. Er rieb sich das Gesicht und schüttelte hastig den Kopf, um ganz wach zu werden. »Was … das heißt … benötigt Ihr etwas?«
»Ich wollte Euch nicht wecken«, sagte ich. »Aber ich brauche noch mehr Alkohol – falls nötig, kann ich einfachen Rum benutzen –, und Ihr müsst wirklich mit den Männern sprechen und versuchen, sie davon abzuhalten, den destillierten Alkohol zu trinken. Heute hat sich schon wieder einer vergiftet. Und wenn es irgendwie möglich wäre, das Krankendeck besser zu belüften …« Ich hielt inne, da ich sah, dass ich im Begriff war, ihn zu überwältigen.
Er blinzelte und kratzte sich, während er langsam seine Gedanken zur Ordnung rief. Die Knöpfe seines Ärmels hatten zwei runde rote Abdrücke auf seiner Wange hinterlassen, und sein Haar war auf der einen Seite flachgedrückt.
»Ich verstehe«, sagte er benommen. Dann wurde er wacher, und seine Miene erhellte sich. »Ja. Natürlich. Ich werde den Befehl erteilen, ein Windsegel aufzuziehen, um mehr Luft nach unten zu befördern. Was den Alkohol betrifft – bitte gestattet mir, den Proviantmeister zu konsultieren, da ich selbst nicht informiert bin, über welche Mengen wir derzeit verfügen.« Er wandte sich ab und holte Luft, als wollte er jemanden rufen, doch dann besann er sich darauf, dass sich sein Steward nicht mehr in Hörweite befand, da er nun unten im Krankendeck lag. Just in diesem Moment kam das Ting der Schiffsglocke leise von oben.
»Ich bitte Euch um Verzeihung, Mrs. Malcolm«, sagte er jetzt wieder nach allen Regeln der Höflichkeit. »Es ist fast Mittag; ich muss an Deck gehen und unsere Position bestimmen. Ich werde Euch den Proviantmeister schicken, wenn Ihr einen Moment hierbleiben würdet.«
»Danke.« Ich ließ mich auf dem Stuhl nieder, von dem er aufgestanden war. Er wandte sich zum Gehen und versuchte dabei, sich den übergroßen, mit Tressen besetzten Rock auf den Schultern gerade zu rücken.
»Kapitän Leonard?«, sagte ich aus einem plötzlichen Impuls heraus. Er wandte sich noch einmal um und sah mich fragend an.
»Wenn Ihr mir die Frage verzeiht – wie alt seid Ihr?«
Er blinzelte, und sein Gesicht spannte sich an, doch er antwortete mir.
»Ich bin neunzehn, Ma’am. Euer Diener, Ma’am.« Und damit verschwand er durch die Tür. Ich konnte ihn im Gang hören, wo er mit vor Erschöpfung brüchiger Stimme jemanden rief.
Neunzehn! Reglos saß ich da, gelähmt vor Schreck. Jünger als Brianna. Und sich plötzlich nicht nur als Kommandeur eines Schiffs wiederzufinden … und zwar nicht irgendeines Schiffs, sondern eines englischen Kriegsschiffs … und zwar nicht irgendeines Kriegsschiffs, sondern eines Schiffs mit einer Seuche an Bord, die es plötzlich nicht nur eines Viertels seiner Besatzung und so gut wie seiner gesamten Führung beraubt hatte – ich spürte, wie die Angst und die Wut der letzten paar Tage in mir zu verebben begannen, während ich begriff, dass die Willkür, mit der er mich entführt hatte, weder in Arroganz noch schlechtem Urteilsvermögen begründet lag, sondern in schierer Verzweiflung.