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Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
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«So was ist nur in diesem Scheißstaat möglich«, las Christian mit stockender Stimme.

«Da haben Sie Ihre Sprache plötzlich wiedergefunden, was? — Aber Sie sind ja noch jung. Es ist noch nicht alles verloren. Sie haben auf der EOS zusammen mit einer gewissen Fieber ein tolles Karl-Marx-Porträt angefertigt, im Karl-Marx-Jahr. Da zeigt sich die gute Wurzel bei Ihnen. Das ist der Einfluß Ihrer Mutter, die ja aus einer illustren Familie stammt. Das ist das Erbe Ihrer revolutionären Großmutter, die für die gerechte Sache gekämpft und gelitten hat. Da ist guter Wille vorhanden, da ist in Ihrem Blut noch nicht alles verdorben.«

Strafgesetzbuch § 220

ÖFFENTLICHE HERABWÜRDIGUNG

(1) Wer in der Öffentlichkeit die staatliche Ordnung oder staatliche Organe, Einrichtungen oder gesellschaftliche Organisationen oder deren Tätigkeit oder Maßnahmen herabwürdigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung, Haftstrafe, Geldstrafe oder mit öffentlichem Tadel bestraft.

Die Wache führte Christian in Richtung Kontrolldurchlaß. Er verließ die Kaserne nicht; es ging in den Wachraum. Eine der Arrestzellen wurde aufgeschlossen. Christian sah: ein Viereck, dessen hintere linke Ecke von Sonnenlicht abgeschnitten war; eine hochgeschlossene Pritsche, ein Hocker. Christian drehte sich zum Posten um, aber der schüttelte den Kopf: Nicht sprechen. Der Posten schloß hinter Christian ab, er gab sich Mühe, nicht zuviel Lärm zu machen. Christian setzte sich. Die Wände waren mit schlammgrauer Ölfarbe gestrichen. IM BAU, dachte er. Nun bist du also hier. Was werden sie tun? Was wird passieren? Sie sagen nichts. Von draußen hörte er die Stimmen der Ausbilder:»Rechts um! — Links um! Im Lauf-schritt: marsch!«Stiefelgetrampel, hin und wieder ein gebrülltes Kommando.»Regiment: Achtung!«Da war der Regimentskommandeur gekommen, und der Offizier vom Dienst erstattete Meldung. Motorengebrumm. Von draußen, aus der Wache, das übliche Blabla vor und nach dem Wachaufzug, das Klirren von Metall, wenn sie die MPis, die Koppel, die Kochgeschirre ablegten. Abends grölten betrunkene Soldaten aus den Nachbarzellen.»He, Kumpel, warum haben sie dich eingebuchtet?«

«UE. «Unerlaubte Entfernung, dachte Christian. Unerlaubt. Entfernung. Moralisch verkommen. Sie haben eine Schwester.»Und du?«Das galt Pfannkuchen.

«He — kannst du’s Maul nicht aufmachen?«

«Halt die Schnauze.«

«Und du, Kumpel?«Das galt Christian. Er saß auf dem Hocker und hörte es wie von fern. Er antwortete nicht. Die Soldaten fluchten. Pfannkuchen und Christian blieben drei Tage in der Arrestzelle, Freitag, Sonnabend, Sonntag. Zu essen bekamen sie im Wachraum, aus dem Kochgeschirr. Sonntags ein Stück Kuchen. Wollten sie zur Toilette, mußten sie rufen. Die Sonne wanderte in schmalen Streifen durch die Zelle, von links nach rechts, die Streifen wurden gegen Abend länger, dünnten aus, ein Streifen blieb übrig, verschwand über der Kante des Klapptischs. Christian saß die meiste Zeit auf dem Hocker, abends konnte er die genaue Kenntnis der leichten Dellen, Buckel, Risse im Holz, der von den Griffen der Vorgänger (Hände unter die Oberschenkel) geglätteten Stellen nicht mehr ertragen. Trotzdem war es ihm wichtig, dieses kleine Quadrat kennenzulernen, auf dem er saß, auf dem er nach einigen Stunden Sitzen Schmerzen spürte — schau genau hin, das hatten ihn Meno und Richard gelehrt. Auf die Pritsche konnte er sich tagsüber nicht legen. Um achtzehn Uhr läuteten die Glocken vom Grüner Kirchturm; Christian hatte dieses Glockenläuten noch nie wahrgenommen. Dann legte er sich auf den Fußboden, so nah wie möglich an die Heizung und ihre lauwarmen Rippen. Fünf Rippen. Farbe: Elfenbein auf Silikoneinbrennfarbe (silbern). An 117 Stellen war sie abgeplatzt, an keiner dreieckig. Das Fenster war erreichbar.

Transport.»Hoffmann, Kretzschmar, ich weise Sie darauf hin, daß ich von der Waffe Gebrauch machen muß, wenn Sie Widerstand leisten. «Schlückchen tippte gegen die Pistole am Koppel.»Einsteigen. «Ein umgebauter militärgrüner Barkas, Klappsitze, Gitter zwischen Fahrer und Laderaum.

Haftrichter. Solche Worte lernte man hier. Haft. Haften, abheften, wie ein Heftelmacher. Das haftet dir an. Dafür wirst du haften. Haftbar machen. Klebstoff. Der Frosch in der Milch ist nur eine Fabel. Kann nicht schwimmen, soll ersaufen. Strampelt aber, bis die Milch zu Butter. Bekam einen Klumpen, auf dem er haftete. Entsprang.

«Der Haftrichter erwartet Sie. «Sie gingen nicht über die Brücke, über den Hof mit dem Denkmal und dem Wächter davor; sie näherten sich der Kohleninsel von der Sperrzone aus. Eine Zivilangestellte winkte den Transport mit einer freundlichen Geste durch, nachdem sie die Personalien erfaßt und über ein schwarzes Scherentelefon durchgegeben hatte.

«Postenbegleitung. «Ein Oberleutnant übernahm. Am Kontrolldurchlaß öffnete sich die Schranke. Von den Fördertürmen wehte Kohlenstaub durch die frühlingsmilde Luft. Ein großer Hof, Betonplatten, in weißlackierten Traktorreifen waren Stiefmütterchen zur Blüte gelangt, wie der Oberleutnant Schlückchen bedeutete, den er beim Vornamen nannte.»Na, wen bringst du uns denn heute.«

«Zwozwanziger.«

«Schwierigkeiten?«Der Oberleutnant tippte an Handschellen, die er am Koppel trug.

«Nee. Kretzschmar, hier«, er stukte Pfannkuchen, der apathisch und mit gesenktem Kopf vor Christian trottete, in die Seite,»hat schon was auf ’m Kerbholz. Hat auch die große Klappe, aber nischt dahinter. Guter Fahrer, um den is’ schade.«

«Na, so«, sagte der Oberleutnant in den schrillen Pfiff der Schwarzen Mathilde. Der Hof war von einem Stacheldrahtzaun umgeben. Auf einer der Betonplatten lag eine Blüte. Christian bückte sich, bekam sie zu fassen: eine der Apfelblüten vom Elbhang drüben, aus den italienisch anmutenden Gärten. Er bekam einen Stoß, krümmte sich, nach Luft schnappend, nach vorn.»Noch mal, und es hat Konsequenzen«, sagte der Oberleutnant. Flure, katakombisch. Christian roch: abgestandene Luft, er sah nirgendwo ein Fenster. Stiefelschritte hallten. Metallklirren, scharfe Kommandos, rhythmische Stockschläge an Gitter, Anrufe über größere Entfernungen, Signale? regelmäßig — als ob einzelne Transporte einander aus dem Weg gehen wollten. Die Flure waren in der unteren Hälfte schwarz, in der oberen gelb lackiert. In regelmäßigen Abständen gab es Knöpfe an den Wänden. Die Decke bestand aus Kreuzgewölben, aus den Schnittpunkten der Bögen hingen nackte Glühbirnen.

«Halt. «Eine Stahltür mit einer Nummer.

«Der Genosse Major ist gerade zum Mittagessen«, sagte die Sekretärin.

«Dann findet jetzt auch das Einnehmen Ihrer Mahlzeiten statt«, beschied der Oberleutnant Christian und Pfannkuchen.»Verpflegungsbeutel — öffnen!«Sie hatten die Verpflegungsbeutel vor dem Transport bekommen, der Wachtposten hatte ihnen zugeraunt:»Eßt alles auf, Haftrichter kann lange dauern.«

Noch während sie aßen (im Stehen), trat ein Major aus der Tür. Der Militärrichter, nicht der Haftrichter.

«Achtung!«brüllte der Oberleutnant. Christian und Pfannkuchen wußten mit dem Essen nicht wohin, als sie versuchten, Haltung anzunehmen. Der Militärrichter nahm es jovial. Er verlas ihre Namen. Danach hießen sie die Beschuldigten.»Die Beschuldigten sind verdächtig, Straftaten nach Paragraph Zweihundertzwanzig Strafgesetzbuch begangen zu haben. «Er verlas den Wortlaut des Gesetzes.»Von den Untersuchungsorganen wurde nach eingehender Prüfung der Sachlage ein Haftbefehl ausgesprochen. Der Haftbefehl wird begründet mit Fluchtgefahr.«

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