Der Prinz und der Söldner [The Vor Game - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Год: 1994
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne Verlag
- ISBN: 3-453-07274-X
- Переводчик: Michael Morgenthal
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Der Prinz und der Söldner [The Vor Game - de]». Краткое содержание книги:
Konnte Miles es?
Die Situation war unklar, das war das Problem. Sie paßte in kein Schema. Miles wußte über verbrecherische Befehle Bescheid, jeder Mann von der Akademie wußte Bescheid. Sein Vater kam persönlich und hielt um die Jahresmitte für die höheren Jahrgänge ein Eintagesseminar über dieses Thema. Dieses Seminar hatte er zu einer Pflichtveranstaltung für die Graduierung gemacht, durch kaiserlichen Erlaß, als er Regent war. Was genau einen verbrecherischen Befehl ausmachte, wann und wie ihm der Gehorsam zu verweigern sei. Mit Vidaufnahmen von verschiedenen historischen Testfällen und schlimmen Beispielen, wozu auch das politisch katastrophale Solstice-Massaker gehörte, das unter dem eigenen Kommando des Admirals stattgefunden hatte.
Unweigerlich mußten immer ein paar Kadetten bei diesem Teil den Raum verlassen, weil ihnen schlecht wurde. Die anderen Instruktoren haßten Vorkosigans Tag. Ihre Klassen waren danach für Wochen aufgewühlt. Das war einer der Gründe, weshalb Admiral Vorkosigan mit seinem Seminar nicht bis zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr wartete, er mußte fast immer ein paar Wochen später noch einmal wiederkommen, um einen verstörten Kadetten davon abzubringen, fast am Ende seiner Ausbildung die Akademie zu verlassen.
Nur die Akademiekadetten bekamen diese Vorlesung live, soweit Miles wußte, doch sein Vater sprach davon, sie auf Holovid aufnehmen zu lassen und zu einem Teil der Grundausbildung in den ganzen Streitkräften zu machen. Teile des Seminars waren selbst für Miles eine Offenbarung gewesen.
Aber das hier … Wenn die Techniker Zivilisten wären, dann hätte Metzov eindeutig unrecht. Wenn es sich in Kriegszeiten ereignet hätte, während sie von irgendeinem Feind heimgesucht würden, dann könnte sich Metzov im Rahmen seiner Rechte, vielleicht sogar seiner Pflicht, bewegen. Diese Situation hier war irgendwo dazwischen. Soldaten, die den Gehorsam verweigerten, allerdings passiv. Kein Feind in Sicht. Nicht einmal eine physikalische Bedingung, die zwangsläufig auf der Basis Menschenleben bedrohte (außer ihrem eigenen), doch wenn der Wind sich drehte, konnte sich das ändern.
Ich bin dafür nicht bereit, noch nicht, nicht schon so bald. Was war richtig? Meine Karriere … Klaustrophobische Panik kam in Miles auf, wie in einem Mann, dessen Kopf in einem Abwasserrohr festklemmte. Der Nervendisruptor schwankte ganz leicht in seiner Hand. Über den Parabolreflektor konnte er sehen, wie Bonn stumm dastand, zu erstarrt jetzt, um noch weiter zu argumentieren. Die Ohren der nackten Männer wurden allmählich weiß, wie die Finger und die Zehen. Einer sank zu einem bebenden Haufen zusammen, zeigte aber kein Zeichen der Kapitulation. Gab es in Metzovs Starrsinn noch einen Anflug von Zweifel, der ihn umstimmen konnte?
Einen irrsinnigen Augenblick lang stellte sich Miles vor, wie er mit dem Daumen die Sicherung ausschaltete und Metzov erschoß. Und was dann — die Rekruten erschießen? Er konnte sie doch unmöglich alle erwischen, bevor sie ihn erledigten.
Ich bin hier wahrscheinlich der einzige Soldat unter dreißig, der schon einmal einen Feind getötet hat, innerhalb eines Kampfes oder außerhalb. Die Rekruten könnten vielleicht aus Unwissenheit feuern, oder aus bloßer Neugier. Sie wußten nicht genug, um nicht zu schießen. Was wir in der nächsten halben Stunde tun, wird sich in unseren Köpfen immer wieder abspielen, solange wir leben. Er konnte versuchen, nichts zu tun. Nur Befehle zu befolgen. Wie viele Schwierigkeiten konnte er bekommen, wenn er nur Befehle befolgte? Jeder Kommandant, den er bisher gehabt hatte, stimmte darin überein, daß er Befehle besser befolgen mußte. Meinst du etwa, du könntest dich dann an deinem Schiffsdienst erfreuen, Fähnrich Vorkosigan, du und dein Haufen erfrorener Gespenster? Wenigstens wirst du dann nie mehr einsam sein …
Miles stahl sich, noch immer den Nervendisruptor hochhaltend, nach hinten davon, aus der Sichtlinie der Rekruten, aus Metzovs Augenwinkel. Tränen ließen seinen Blick verschwimmen. Wegen der Kälte, zweifellos. Er setzte sich auf den Boden. Zog seine Handschuhe und Stiefel aus. Ließ seinen Parka fallen, und dann seine Hemden. Hosen und Wärmeunterwäsche kamen oben auf den Haufen, und der Nervendisruptor wurde sorgfältig daraufgebettet. Er trat vor. Seine Beinschienen fühlten sich an den Waden wie Eiszapfen an.
Ich hasse passiven Widerstand. Ich hasse ihn wirklich, wirklich.
»Was, zum Teufel, glauben Sie da zu tun, Fähnrich?«, fauchte Metzov, als Miles an ihm vorbeihumpelte.
»Dem hier ein Ende machen, Sir«, antwortete Miles standhaft. Selbst jetzt schreckten einige der zitternden Techniker vor ihm zurück, als könnten seine Mißbildungen sie anstecken. Pattas allerdings zuckte nicht zurück. Und auch Bonn nicht.
»Bonn hat schon diesen Bluff versucht, jetzt bereut er es. Das funktioniert bei Ihnen auch nicht, Vorkosigan.« Metzovs Stimme bebte ebenfalls, allerdings nicht wegen der Kälte.
Sie hätten ›Fähnrich‹ sagen sollen. Was bedeutet schon ein Name?
Miles sah, wie diesmal eine Welle von Bestürzung durch die Rekruten lief. Nein, bei Bonn hatte das nicht funktioniert. Miles war hier vielleicht der einzige, bei dem diese Art von individueller Intervention funktionieren könnte. Das hing davon ab, wie weit Metzov der Irre jetzt schon ausgerastet war.
Miles richtete jetzt seine Worte sowohl an Metzov wie auch an die Rekruten: »Es ist — gerade noch — möglich, daß die Sicherheitsabteilung der Streitkräfte den Tod von Leutnant Bonn und seinen Männern nicht untersuchen würde, wenn Sie den Bericht frisierten und behaupteten, es sei ein Unfall gewesen. Ich garantiere Ihnen, daß der Kaiserliche Sicherheitsdienst meinen Tod untersuchen wird.«
Metzov grinste seltsam. »Nehmen wir mal an, es überleben keine Zeugen, die sich beschweren können?«
Metzovs Sergeant blickte so unnachgiebig drein wie sein Herr und Meister. Miles dachte an Ahn, den besoffenen Ahn, den schweigsamen Ahn. Was hatte Ahn gesehen, vor langer Zeit, als auf Komarr verrückte Dinge geschahen? Was für eine Art überlebender Zeuge war er gewesen? Vielleicht ein schuldiger?
»T-t-tut mir leid, Sir, aber ich sehe mindestens zehn Zeugen, hinter diesen Nervendisruptoren.« Silberne Parabolmündungen — sie wirkten aus diesem neuen Blickwinkel riesig, wie Servierteller. Der Wechsel des Gesichtspunktes sorgte auf erstaunliche Weise für Klarheit. Jetzt gab es keine Unklarheiten mehr.
Miles fuhr fort: »Oder haben Sie vor, Ihr Exekutionskommando zu exekutieren und dann sich selber zu erschießen? Der Kaiserliche Sicherheitsdienst wird jeden in Sichtweite unter SchnellPenta verhören. Sie können mich nicht zum Schweigen bringen. Ob lebendig oder tot, ob durch meinen Mund oder Ihren — oder den der Rekruten dort —, ich werde Zeuge sein.«
Zittern überfiel Miles Körper. Erstaunlich, die Wirkung von so einem bißchen Ostwind bei dieser Temperatur. Er bemühte sich, das Zittern aus seiner Stimme herauszuhalten, damit Kälte nicht als Furcht mißverstanden werden konnte.
»Geringer Trost, wenn Sie … hm … sich selbst erlauben zu erfrieren, würde ich sagen, Fähnrich.« Metzovs beißender Sarkasmus zerrte an Miles’ Nerven. Der Mann dachte immer noch, er würde gewinnen. Irrsinnig.
Miles’ nackte Füße fühlten sich jetzt seltsam warm an. An seinen Augenwimpern hing Eis. Er holte die andern schnell ein beim Erfrieren, ohne Zweifel aufgrund seiner geringeren Körpermasse. Auf seinem Körper zeigten sich purpurrote und blaue Flecken. Die schneebedeckte Basis war so still. Er konnte fast hören, wie die einzelnen Schneekristalle über die Eisfläche glitten. Er konnte hören, wie die Knochen jedes einzelnen Mannes um ihn herum vibrierten, konnte das dumpfe, furchtsame Atmen der Rekruten heraushören. Die Zeit dehnte sich endlos.