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Piratin der Freiheit

Электронная книга - «Piratin der Freiheit». Краткое содержание книги:

Port-Royal, Jamaika, am 7. Juni 1692: Ein verheerendes Erdbeben hat die Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Auch Sebastian, Kapitän des Piratenschiffes Jacare und leidenschaftlicher Kämpfer gegen den Sklavenhandel, fällt der Katastrophe zum Opfer. Doch seine unerschrockene, schöne Schwester Celeste schwört, die Mission ihres toten Bruders fortzuführen und den skrupellosen Machenschaften der Sklavenhändler ein Ende zu bereiten. Mit einem perfekt ausgestatteten Schiff und einer schlagkräftigen Besatzung sticht die verwegene junge Frau in See, und tatsächlich gelingt es ihr, ihren verhaßten Widersachern übel mitzuspielen. In einer spektakulären Serie von Attacken versenkt sie mit ihrer Besatzung, die sie mit eiserner Hand führt, vor der Küste Afrikas eine ganze Armada von Sklavenschiffen. Doch die entscheidende Schlacht steht ihr noch bevor: Wird es ihr gelingen, unterstützt von einer Legion rachedurstiger einheimischer Frauen, über den gefürchteten »König des Niger« und mächtigen Drahtzieher des Sklavenhandels zu triumphieren?
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Die Fahne war gelb!

Gütiger Gott!

Sie war gelb!

»Madonna, hilf!« flehten hundert Stimmen im Chor. »Sie ist gelb!«

Die Pest!

Die Pest: das absolute Tabuwort an Bord eines Schiffs.

Den mutigsten Kerlen bescherte es kalte Schweißausbrüche.

Ein Schrecken, der nicht greifbar war.

Der unweigerliche Tod.

Die Pest!

»Ruder hart steuerbord!« rief der Venezianer sofort. »Volle Wende!«

»Ruder hart steuerbord!« echote sein Adjutant und blies hysterisch in seine Pfeife. »Volle Wende!«

Schamrot gaben sie Fersengeld. Alle Augen fixierten dabei die schemenhaften Gestalten an Bord des grausigen Schiffs, die mit den Armen ruderten, um von einer mächtigen Galeone Hilfe zu erflehen. Doch die floh wie ein geprügelter Hund vor Menschen, die nicht einmal die Kraft hatten, den Abzug einer Muskete zu drücken.

Celeste blickte durch das stärkste Fernglas an Bord und konnte damit schließlich an die fünfzig Menschen an Deck des sterbenden Schiffs ausmachen, die Zeichen gaben. Dann aber fiel ihr Blick auf eine wabernde graue Masse auf der Reling, den Deckplanken und den Giekbäumen. Lange glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen.

Ratten!

»Schaut euch das an!« rief sie fassungslos. »Entweder bin ich verrückt, oder das sind Ratten!«

Buenarrivos Auge klebte als erstes am Sucher, und kurz darauf schallte seine rauhe Stimme so kellertief wie nie zuvor.

»Ihr habt recht! Es sind tatsächlich Ratten! Hunderte, wenn nicht Tausende von Ratten.«

Er dachte einige Augenblicke nach, dann rief er seinem Adjutanten zu:

»Beidrehen!«

Wieder ertönte ein Pfiff, der alle aufhorchen ließ.

»Segel reffen! Schiff beidrehen!«

»Warum das…«, wollte Miguel Heredia sofort wissen. »Wir sollten uns aus dem Staub machen. Es ist die Pest.«

»Ein Grund mehr, nicht zu fliehen«, erwiderte der Kapitän barsch. »Weil es die Pest ist. Für Panik ist jetzt keine Zeit mehr. Auf diesem Schiff wütet die schlimmste Seuche der Menschheit, das muß uns allen klar sein. Wenn es das Festland erreicht, ist die Verheerung nicht abzusehen.« Er machte eine vielsagende Pause, bevor er fast flüsternd hinzufügte: »Das können wir nicht zulassen.«

»Wollt Ihr etwa damit sagen…?« Celeste Heredia wagte es nicht, den Satz zu beenden. Allein beim Gedanken daran fuhr ihr der Schreck in die Glieder.

»So ist es, Senora!« versetzte der Venezianer bedauernd. »Wind und Strömung treiben sie in drei, vier Tagen an die Küste. Dann tragen diese Menschen und Ratten Tod und Vernichtung bis in den letzten Winkel des Kontinents.«

»Wollt Ihr sie vielleicht…?«

»Versenken…?« Der kleine Mann nickte und runzelte die Stirn. »Als Kapitän würde ich keinen Augenblick lang zögern.« Er hielt kurz inne. »Aber in diesem Fall liegt die Entscheidung bei Euch.«

»Aber es gibt Überlebende…!«

»Nein, Senora! Keine Überlebenden!« widersprach ihr der andere. »Nur noch >lebende Tote<, die nicht sterben wollen. Und sie werden den Pesthauch mitnehmen, wohin sie auch gehen. Auf See gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, Senora. Es ist wahrscheinlich das grausamste, das es gibt, vielleicht aber auch das humanste. Jedenfalls für alle, die weit von hier nichts dafür können, daß Sklavenhändler ihre Fracht unter so unmenschlichen Bedingungen transportieren.«

»Und wie lautet dieses Gesetz?«

»Um jeden Preis verhindern, daß ein Schiff, das die Pest an Bord haben könnte, einen Hafen erreicht.«

»Und was bedeutet dieses >um jeden Preis<?«

»Es bedeutet alles.«

Sie hatten etwa eine Meile vor dem grauenvollen Todesschiff, von dem weder Namen noch Nationalität auszumachen war, beigedreht, und zwar luvwärts. So konnte die sanfte Brise Leichengestank und Pesthauch nicht herüberwehen. Bald mußten sie feststellen, daß einer der winkend um Hilfe flehenden Unglücklichen plötzlich ins Meer sprang und auf die Dama de Plata zuschwamm.

Er war zweifellos ein großartiger Schwimmer. Rhythmisch und kraftvoll kraulte er auf das Schiff zu, denn er wußte, daß dieses sein rettender Strohhalm war. Nicht einmal das halbe Dutzend Haiflossen, das ihn umkreiste, schien ihn zu kümmern, so besessen war er davon, sein Ziel zu erreichen. Fassungslos starrte ihn die Mannschaft an.

»Was sollen wir machen, Senora?« wollte der Venezianer wissen. Er war vor Sorge wie verwandelt.

»Nichts.«

»Ich kann nicht zulassen, daß er an Bord kommt.«

»Das verstehe ich, Kapitän, aber wir werden nichts unternehmen.« Das schöne Antlitz von Celeste Heredia, über das so oft ein Lächeln huschte, war zu einer weißen Maske aus Alabaster erstarrt. Ein bitterer Zug spielte um ihre Lippen.

»Gott möge mir verzeihen!« murmelte sie. »Aber niemals hätte ich mir vorstellen können, daß ich mir eines Tages wünschen würde, ein Hai möge in meiner Gegenwart einen Menschen verschlingen.« Sie blickte Gaspar Reuter an, der die Szene gleichmütig und wortlos verfolgte. »Warum greifen sie ihn nicht an?«

»Vielleicht spüren sie, daß er den Tod in sich trägt. Oft haben die Tiere einen sechsten Sinn, der uns Menschen verwehrt ist.«

»Selbst Fische?«

»Was wissen wir schon über Fische…!«

Bis zum letzten Matrosen lehnte sich alles über die Reling, um zu verfolgen, wie der Schwimmer immer näher kam. Als es der Besatzung dämmerte, daß der Schwimmer durchaus in der Lage war, das Schiff zu erreichen, begann es auf Deck zu rumoren.

»Tötet ihn, Kapitän!« jammerte eine anonyme Stimme. »Tötet ihn, ich bitte Euch!«

»Warnschuß!« befahl der Venezianer.

Eine Feldschlange feuerte. Der Schwimmer verharrte

in gut hundert Meter Entfernung, ruderte erneut mit den Händen und schrie flehend:

»Hilfe! Helft mir bitte!«

»Tut mir leid, mein Sohn!« rief Buenarrivo hinüber, wobei er mit den Händen einen Schalltrichter bildete. »Ich kann dir nicht helfen! Es ist die Pest!«

»Aber ich bin gesund!« jaulte der arme Mann. »Völlig gesund! Seht Ihr das denn nicht?«

»Noch einmal, es tut mir leid, aber wir dürfen kein Risiko eingehen!« Bedauernd befahl er seinem Adjutanten: »Nichts wie weg!«

Diesmal war die Pfeife überflüssig. Der Zweite Offizier mußte nur eine leichte Kopfbewegung machen, und schon riß der Steuermann das Ruder nach steuerbord herum, ein halbes Dutzend Männer zog die Focksegel ein, und langsam nahm die Dama de Plata Fahrt auf. Sie floh vor dem Schwimmer, der wieder kräftig zu kraulen begann und wie ein Hund seine Beute verfolgte.

Es mutete schon seltsam an, daß eines der mächtigsten Kriegsschiffe der damaligen Zeit wie ein Hase vor einem einzigen nackten, unbewaffneten Verfolger floh. Doch in fast allen Hirnen der an die zweihundert Mann Besatzung spukten noch zahlreiche Geschichten über die Pest herum, die vor einiger Zeit einen großen Teil der Bewohner Europas ausgelöscht hatte.

Rauhe Kerle, die den Krieg liebten, den Tod nicht fürchteten und eine Menge Hunger aushalten konnten, zitterten wie Kinder bei der bloßen Erwähnung des Wortes >Pest<. Mit diesem verzweifelten einsamen Schwimmer wurden die düstersten Alpträume wahr. So machte sich selbst dann keine Erleichterung breit, als in ihrem Kielwasser nicht einmal mehr die kleinste Spur des Verfolgers zu entdecken war. Vielleicht hatten ihn nun doch die Haie verschlungen, oder Verzweiflung und Erschöpfung hatten ihn besiegt.

Erst jetzt wandte sich Buenarrivo an Celeste Heredia.

»Und nun…?«

Das Mädchen schauderte ein wenig, als sie Dutzende von Augen auf sich gerichtet sah, die nach dem leisesten Anzeichen von Schwäche suchten.

Sie legte die Hände in den Schoß, senkte den Kopf und dachte nach. Schließlich stieß sie einen tiefen Seufzer aus:

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