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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)

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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
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Sie ließ sich von der immer noch quasselnden Gayle in die Hauptempfangszone schleifen. Die Zunge ihrer Freundin führte eine Doppelexistenz: Obwohl Gayle in der Uni durchaus zu kühlem und vernünftigem Diskurs in der Lage war, war ihre wichtigste Fähigkeit im Umgang mit anderen, auf ein Stichwort hin wie ein Wasserfall zu reden. Deswegen hatte Brianna Gayle gebeten, mit zum Flughafen zu kommen und Roger abzuholen – so waren befangene Pausen in der Unterhaltung ausgeschlossen.

»Hast du es schon mit ihm getan?«

Sie fuhr aufgeschreckt zu Gayle herum.

»Was?«

Gayle rollte mit den Augen.

»Sackhüpfen gespielt. Also ehrlich, Brianna!«

»Nein. Natürlich nicht.« Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.

»Und, wirst du es tun?«

»Gayle!«

»Also, ich meine, du hast deine eigene Wohnung und alles, und keiner wird –«

In diesem ungeeigneten Moment erschien Roger Wakefield. Er trug ein weißes Hemd und schmuddelige Jeans, und Brianna musste bei seinem Anblick erstarrt sein, denn Gayle drehte eilig den Kopf, um herauszufinden, wohin Brianna blickte.

»Ooh«, sagte sie entzückt. »Ist er das? Er sieht aus wie ein Pirat!«

Das stimmte, und Brianna spürte, wie ihr Magen noch ein paar Zentimeter tiefer sank. Roger war das, was ihre Mutter einen schwarzen Kelten nannte, mit reiner Olivenhaut, schwarzem Haar und dichten, schwarzen Wimpern. Seine Augen, die man sich blau vorgestellt hätte, waren aber überraschend dunkelgrün. Mit den Haaren, die zerzaust und so lang waren, dass sie seinen Kragen streiften, und den Bartstoppeln sah er nicht nur verwegen, sondern geradezu gefährlich aus.

Bei seinem Anblick prickelte ein Alarmzeichen an ihrer Wirbelsäule hoch, und sie wischte sich die schwitzenden Handflächen an den Seiten ihrer bestickten Jeans ab. Sie hätte ihn nicht kommen lassen sollen.

Dann sah er sie, und sein Gesicht glühte auf wie eine Kerze. Sie spürte, wie sich trotz ihrer Bedenken auch in ihrem Gesicht ein breites, idiotisches Grinsen ausbreitete, und ohne weiter über böse Vorahnungen nachzudenken, rannte sie durch den Raum, vorbei an streunenden Kindern und Gepäckwagen.

Er traf sie in der Mitte und riss sie fast von den Füßen, weil er sie so fest umarmte, dass ihre Rippen ächzten. Er küsste sie, hielt inne und küsste sie noch einmal, und seine Bartstoppeln kratzten über ihr Gesicht. Er roch nach Seife und Schweiß und schmeckte nach Scotch, und sie wollte nicht, dass er aufhörte.

Das tat er dann aber doch und ließ sie los, und sie waren beide fast außer Atem.

»A-hem«, sagte eine laute Stimme direkt neben Brianna. Sie wandte sich von Roger ab und gab den Blick auf Gayle frei, die ihn unter ihrem blonden Pony engelhaft anlächelte und wie ein Kind beim Abschied winkte.

»Hall – ooo«, sagte sie. »Du musst Roger sein, denn wenn du es nicht bist, steht Roger ein schöner Schock bevor, wenn er auftaucht, oder?«

Sie begutachtete ihn beifällig von oben bis unten.

»Das alles, und Gitarre spielst du auch noch?«

Brianna hatte den Koffer gar nicht bemerkt, den er losgelassen hatte. Er bückte sich, hob ihn auf und schwang ihn über seine Schulter.

»Tja, davon muss ich mich auf dieser Reise ernähren«, sagte er und lächelte Gayle an, die sich in gespielter Ekstase ans Herz griff.

»Ooh, sag das noch mal!«, bettelte sie.

»Was denn?« Roger machte ein verwundertes Gesicht.

»Reise ernähren«, sagte Brianna und schulterte eine seiner Taschen. »Sie möchte noch mal hören, wie du das R rollst. Gayle ist verrückt nach britischen Akzenten. Oh – das ist Gayle.« Sie deutete resigniert auf ihre Freundin.

»Ja, das habe ich schon mitgekriegt. Äh …« Er räusperte sich, fixierte Gayle mit einem durchdringenden Blick und senkte seine Stimme um eine Oktave. »Rrringel, rrrangel, Rrrose, schöne Aprrrikose … Reicht das fürs Erste?«

»Könntest du bitte damit aufhören?« Brianna sah ihre Freundin, die dramatisch in einen der Plastiksessel gesunken war, ärgerlich an. »Ignorier sie einfach«, riet sie Roger und wandte sich zum Ausgang. Mit einem vorsichtigen Blick auf Gayle befolgte er ihren Ratschlag, hob eine große Schachtel hoch, die von einer Schnur zusammengehalten wurde, und folgte ihr nach draußen.

»Was hast du damit gemeint, dass du dich auf der Reise ernähren musst?«, fragte sie, um die Unterhaltung wieder in vernünftige Bahnen zu lenken.

Er lachte, ein bisschen befangen.

»Tja, die Konferenz kommt zwar für den Flug auf, doch die Spesen können sie nicht übernehmen. Also habe ich ein bisschen herumtelefoniert und mir einen Job besorgt, um das Problem aus der Welt zu schaffen.«

»Einen Job, bei dem du Gitarre spielst?«

»Tagsüber ist der angenehm gesittete Historiker Roger Wakefield ein harmloser Akademiker aus Oxford. Doch in der Nacht legt er heimlich seine Tartanrrregalien an und verrrwandelt sich in den aufrrregenden – Roger MacKenzie!«

»Wen?«

Er lächelte über ihre Überraschung. »Tja, ich singe schottische Folksongs auf Festivals und ceilidhs – Highlandfestspielen und so. Ich soll am Wochenende bei einem keltischen Festival in den Bergen auftreten, das ist alles.«

»Schottische Songs? Trägst du dabei einen Kilt?« Gayle war an Rogers anderer Seite aufgetaucht.

»Klar. Woran sollten sie sonst erkennen, dass ich Schotte bin?«

»Ich liebe Wuschelknie«, sagte Gayle verträumt. »Sag mal, stimmt es, dass ein Schotte –«

»Hol das Auto«, befahl Brianna und drückte Gayle hastig die Schlüssel in die Hand.

Gayle stützte ihr Kinn auf die Unterkante des Autofensters und sah zu, wie Roger ins Hotel ging.

»Mensch, ich hoffe, dass er sich nicht rasiert, bevor wir uns zum Abendessen treffen. Ich finde, Männer sehen einfach toll aus, wenn sie sich eine Zeitlang nicht rasiert haben. Was meinst du, was in der großen Schachtel ist?«

»Sein bodhran. Ich habe ihn gefragt.«

»Sein was?«

»Das ist eine keltische Kriegstrommel. Er begleitet ein paar seiner Songs damit.«

Gayle schürzte nachdenklich die Lippen.

»Du willst wohl nicht, dass ich ihn zu diesem Festival fahre, oder? Ich meine, du hast doch bestimmt unheimlich viel zu tun, und –«

»Ha, ha. Glaubst du, ich lasse dich in seine Nähe, wenn er einen Kilt trägt?«

Gayle seufzte sehnsüchtig und zog den Kopf ein, als Brianna den Wagen anließ.

»Vielleicht gäbe es da ja noch mehr Männer im Kilt.«

»Das ist wohl anzunehmen.«

»Ich wette, die haben keine keltischen Kriegstrommeln.«

»Wahrscheinlich nicht.«

»Und, wirst du es tun?«

»Woher soll ich das wissen?« Aber das Blut ließ ihre Haut aufblühen, und die Kleider wurden ihr eng.

»Also, wenn nicht«, sagte Gayle mit Bestimmtheit, »dann spinnst du.«

»Pastors Katze ist eine … androgyne Katze.«

»Pastors Katze ist eine … aberdonische Katze.«

Brianna zog die Augenbrauen hoch und wandte den Blick kurzfristig von der Straße ab.

»Schon wieder was Schottisches?«

»Es ist ein schottisches Spiel«, sagte Roger. »Und die Katze ist eben aus Aberdeen. Du bist dran. Buchstabe B.«

Sie blinzelte durch die Windschutzscheibe auf die enge Bergstraße. Die Morgensonne schien ihnen ins Gesicht und erfüllte den Wagen mit Licht.

»Pastors Katze ist eine bunte Katze.«

»Pastors Katze ist eine beliebte Katze.«

»Na, das war ja für beide einfach. Unentschieden. Okay. Pastors Katze ist eine …« Er sah, wie es in ihrem Gehirn arbeitete und wie dann ihre zusammengekniffenen blauen Augen blitzten, als ihr ein Gedanke kam. »… coccygodynische Katze.«

Bei dem Versuch, das Wort zu erraten, kniff Roger nun auch die Augen zusammen.

»Eine Katze mit einem dicken Hintern?«

Sie lachte und bremste sacht, als das Auto in eine Kurve fuhr.

»Eine Katze, die dich am Arsch kriegt.«

»Das Wort gibt es wirklich, oder?«

»Ja.« Sie beschleunigte sauber, als sie aus der Kurve herausfuhr. »Einer von Mamas medizinischen Fachbegriffen. Coccygodynie ist ein Schmerz in der Steißbeingegend. Sie nannte die Krankenhausverwaltung immer Coccygodynier.«

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