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Der Schatten erhebt sich

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Der Schatten erhebt sich
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Natael stand auf. »Dieser junge Mann hat mir gerade die faszinierendsten Dinge über Rhuidean erzählt. Du wirst es nicht glauben.« »Wir sind nicht Rhuideans wegen hier.« Die Worte klangen so scharf wie ihre spitze Nase. Aber jetzt funkelte sie wenigstens nur noch Natael an.

»Ich sage dir doch... « »Du sagst mir gar nichts.« »Versuche nicht, mich zum Schweigen zu bringen!« Sie beachteten Mat nicht mehr und gingen einfach weiter die Reihe der Wagen entlang, wobei sie leise miteinander stritten und wild gestikulierten. Als sie schließlich in ihrem Wagen verschwanden, schien Keille den kürzeren gezogen zu haben, denn sie schwieg mürrisch.

Mat schauderte. Er konnte sich nicht vorstellen, mit dieser Frau zusammenzuleben. Das wäre das gleiche, als wohne man mit einem Bären zusammen, der ständig Zahnschmerzen hat. Isendre dagegen... Dieses Gesicht, diese Lippen, die Art, wie sie ihr Hinterteil beim Gehen schwenkte... Wenn er sie von Kadere weglocken könnte und sich ihr als der junge Held darbot — schließlich hätten diese Staubwesen durchaus zehn Fuß hoch gewesen sein können; für sie würde er sich aller Einzelheiten entsinnen oder welche erfinden — na ja, ein gut aussehender junger Held würde sie vielleicht mehr interessieren als ein verstaubter alter Händler. Das war es wert, ein wenig darüber nachzudenken.

Die Sonne glitt unter den Horizont, und kleine Lagerfeuer aus den Asten von Dornbüschen warfen ihr flackerndes Licht auf die Zelte. Der Geruch nach Essen erfüllte die Luft im Lager — Ziegenfleisch mit getrocknetem Paprika. Auch die Kälte drang ins Lager, die Kälte der Wüstennacht. Es war, als habe die Sonne alle Hitze mit sich in die Tiefe gerissen. Mat hatte damals, als er in Tear seine Sachen für die Reise zusammenpackte, nicht erwartet, daß er sich hier nach einem dicken Wollumhang sehnen würde. Vielleicht hatten die Händler einen zu verkaufen? Oder würde etwa Natael um seinen eigenen Umhang würfeln?

Er aß zusammen mit Heim und Rand an Rhuarcs Feuer. Und mit Aviendha natürlich. Auch die Händler waren da. Natael saß ganz dicht bei Keille, und Isendre wickelte sich beinahe um Kadere herum. Es würde vielleicht noch schwieriger sein, Isendre von dem Mann mit der Raubvogelnase wegzulocken, als er geglaubt hatte — oder etwa doch leichter? Obwohl sie sich derart an diesen Burschen schmiegte, hatte sie doch nur Augen für Rand und sonst niemanden. Man hätte glauben können, sie hätte Rand bereits die Ohren beschnitten wie bei einem Schaf, das markiert wird, damit man weiß, zu wessen Herde es gehört. Weder Rand noch Kadere schienen das zu bemerken. Auch der Händler konnte den Blick nicht von Rand wenden. Aviendha aber merkte natürlich alles, und sie blickte Rand finster und strafend an. Na, wenigstens kam etwas Wärme vom Feuer her.

Als sie den Ziegenbraten aufgegessen hatten und dazu eine Art von fleckigem, gelbem Brei, der würziger schmeckte, als er aussah, stopften Rhuarc und Heim ihre kurzen Pfeifen und der Clanhäuptling bat Natael, ihnen ein Lied vorzusingen.

Der Gaukler riß die Augen auf. »Aber — ja, sicher. Natürlich. Laßt mich eine Harfe holen.« Sein Umhang bauschte sich im trockenen, kalten Nachtwind auf, als er in Richtung von Keilles Wagen verschwand.

Der Bursche unterschied sich wirklich in beachtlichem Maße von Thom Merrilin. Thom stand am Morgen selten ohne Flöte oder Harfe oder beides auf. Mat stopfte mit dem Daumen seine silberverzierte Pfeife und paffte bereits zufrieden, als Natael zurückkehrte und sich in Pose stellte. Er wirkte wie ein König. Das sah nun Thom entschieden ähnlicher. Der Gaukler zupfte an einer Seite und begann:

»Der Wind so sanft wie die Finger des Frühlings. Der Regen so sanft wie die Tränen des Himmels. So sanft und froh gleiten die Jahre vorbei. Man ahnt die kommenden Stürme nicht, den reißenden Wirbelwind, den hallenden Donner, den Regen von Stahl und den Schlachtenlärm und den Krieg, der das Herz zerreißt.« Das war ›Mideans Furt‹, ein altes Lied. Seltsamerweise handelte es von Manetheren und einem Krieg lange vor demjenigen gegen die Trollocs. Nataels Vortrag war recht gut, wenn er auch nicht an Thoms grandiose Darbietungen herankam, aber die widerhallenden Worte brachten ihnen eine dichte Zuschauermenge ein, die sich am Rand des Feuerscheins drängte. Der schurkische Aedomon führte die Saferi in ein nichtsahnendes Manetheren, raubte und brandschatzte und trieb alle vor sich her, bis König Buiryn das Heer Manetherens versammelt hatte und sich den Saferi an Mideans Furt zum Kampf stellte. Sie hielten die Furt trotz der großen Übermacht des Gegners drei Tage lang, in denen unaufhörlich der Kampf tobte. Der Fluß färbte sich rot, und die Geier verdunkelten den Himmel. Am dritten Tag schwand die Zahl der Verteidiger und ihre Hoffnung dazu. Schließlich erkämpften sich Buiryn und seine Männer in einem verzweifelten Ausfall den Weg über den Fluß. Tief drangen sie in das Heer des Gegners ein und versuchten, ihn zum Zurückweichen zu bringen, indem sie Aedomon selbst töteten. Aber das Heer der Saferi war zu gewaltig. Es schloß sie ein und der Ring der Feinde wurde immer enger. Doch sie kämpften weiter, um den König und das Banner mit dem Roten Adler versammelt. Obwohl ihr Untergang sicher war, ergaben sie sich nicht.

Natael sang davon, wie ihr Mut schließlich sogar Aedomons Herz rührte, so daß er am Ende den Überlebenden freien Abzug gestattete und mit seinem Heer ihnen zu Ehre nach Safer zurückkehrte.

»Zurück über die blutroten Wasser

marschierten sie mit stolz erhobenem Kopf.

Sie hatten sich nicht ergeben,

ihren Stolz nicht dem Feinde geopfert.

Ruhm gebührt diesen Tapferen,

Ruhm, der die Zeit überdauert.«

Er zupfte den Schlußakkord, und die Aiel pfiffen begeistert und trommelten mit den Speeren auf die Lederschilde. Einige heulten sogar langgezogen wie die Wölfe.

Es war natürlich in Wirklichkeit anders verlaufen. Mat erinnerte sich daran — Licht, ich will doch gar nicht! Aber die Erinnerung drängte sich ihm auf. Er dachte daran, wie er Buiryn geraten hatte, das Angebot nicht anzunehmen, worauf der ihm gesagt hatte, daß auch eine geringe Chance besser sei als gar keine. Aedomon, dessen glänzend schwarzer Bart unter dem Gesichtsschutz aus Stahldraht heraushing, zog seine Pikeure zurück und wartete, bis sie alle in einer dünnen Reihe zur Furt marschierten. Dann erhoben sich plötzlich die vorher verborgenen Bogenschützen, und die Kavallerie griff an. Und ob sie wirklich nach Safer zurückkehrten... Mat glaubte es nicht. Seine letzte Erinnerung an die Furt war, daß er bis zur Hüfte im Wasser stand, versuchte, sich auf den Beinen zu halten, und bereits von drei Pfeilen getroffen worden war. Es war später auch noch irgend etwas da, allerdings nur ein Bruchstück: Aedomon, mittlerweile mit ergrautem Bart, der bei einem kurzen und heftigen Gefecht in einem Wald von seinem sich aufbäumenden Pferd stürzte. Den Speer, der in seinem Rücken steckte, hatte ein ansonsten unbewaffneter, bartloser Junge geschleudert. Das war alles noch schlimmer als die Gedächtnislücken vorher.

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