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Zwielichtige Pfade

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Zwielichtige Pfade
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Tuon zog eine Bahn Seide in die Höhe und ließ sie wieder fallen, dann drehte sie sich um, ohne sich eine andere anzusehen. Selucia warf der Verkäuferin einen solch hochnäsigen Blick zu, dass die Frau ihn verärgert erwiderte.

Mat schenkte ihr ein Lächeln. Verärgerte Ladenbesitzer konnten dazu führen, dass Stadtwächter anfingen Fragen zu stellen, und wer vermochte schon zu sagen, wo das schließlich enden mochte? Er wusste, dass sein Lächeln die meisten Frauen beruhigen konnte. Die rundgesichtige Frau schnaubte und beugte sich vor, um die Seide so zärtlich zu glätten, als würde sie ein Kind zu Bett bringen. Die meisten Frauen, dachte er säuerlich.

Ein Stück weit die Straße hinunter ließ eine Frau mit einem schlichten Umhang die Kapuze zurückfallen, und Mat stockte der Atem. Edesina setzte die Kapuze wieder auf, aber sie beeilte sich nicht, und der Schaden war ohnehin schon angerichtet, das zur Schau gestellte alterslose Gesicht einer Aes Sedai, das jeder erkennen würde, der wusste, worauf er zu achten hatte. Niemand auf der Straße ließ erkennen, dass er etwas bemerkt hatte, aber Mat konnte nicht jedes Gesicht sehen. Dachte gerade jemand an eine Belohnung? Im Augenblick hielt sich zwar kein Seanchaner in Jurador auf, aber sie kamen ständig vorbei.

Edesina rauschte um eine Ecke, und zwei Gestalten mit dunklen Umhängen folgten ihr. Hatten die Sul'dam nur eine von ihnen im Lager zurückgelassen, um die beiden Aes Sedai im Auge zu behalten? Aber vielleicht waren Joline und Teslyn ja ganz in der Nähe, und er hatte sie nur übersehen. Er verdrehte den Hals und suchte in der Menschenmenge nach einem weiteren schmucklosen Umhang, aber jeder, den er sah, wies zumindest kleine Stickereien auf.

Da traf es ihn wie ein Stein zwischen den Augen. Jeder Umhang, den er sehen konnte, wies zumindest kleine Stikkereien auf. Wo steckte die verdammte Tuon und die verdammte Selucia? Rollten die Würfel nicht schneller?

Schwer atmend stellte er sich auf die Zehenspitzen, aber die Straße war ein Meer aus verzierten Umhängen, verzierten Mänteln und Kleidern. Das musste nicht bedeuten, dass sie zu fliehen versuchten. Tuon hatte ihr Wort gegeben; sie hatte eine perfekte Gelegenheit zum Verrat ungenutzt verstreichen lassen. Aber beide Frauen mussten bloß drei Worte sagen, und jeder, der sie hörte, würde vermutlich den seanchanischen Akzent erkennen. Das würde möglicherweise ausreichen, um die Jagdhunde auf seine Spur zu setzen. Voraus befanden sich zwei Geschäfte, die offenbar Stoffe anboten, jeweils auf einer Straßenseite. Und vor keinem Geschäft standen zwei Frauen mit schwarzen Umhängen. Sie hätten mühelos um eine Ecke gehen können, aber er musste seinem Glück vertrauen. Sein Glück war vor allem dann verlässlich, wenn es um reine Glücksspiele ging. Die verfluchten Frauen hielten es vermutlich für ein verfluchtes Spiel. Sollte man ihn zu Asche verbrennen, er vertraute auf sein Glück.

Er schloss die Augen, drehte sich mitten auf der Straße im Kreis und machte dann einen Schritt vorwärts. Völlig willkürlich. Er prallte gegen jemanden, hart genug, dass sie beide aufstöhnten. Ein stämmiger Bursche mit einem kleinen Mund und grobem Stickwerk auf den Schultern seines einfachen Mantels starrte ihn finster an, als er die Augen wieder öffnete, und strich über den Griff seines Krummdolchs. Mat war das egal. Er schaute direkt auf einen der beiden Läden. Er setzte den Hut fester auf und rannte los. Die Würfel rollten schneller.

Mit Tuchballen voll gestopfte Regale säumten die Wände des Ladens vom Boden bis zur Decke; noch mehr Ware stapelte sich auf langen Tischen. Die Ladenbesitzerin war eine dürre Frau mit einer großen Warze auf dem Kinn, ihre Helferin war schlank und hübsch und schaute wütend drein. Mat kam gerade rechtzeitig in den Verkaufsraum geschossen, um zu hören, wie die Besitzerin sagte: »Zum letzten Mal, wenn ihr mir nicht sagt, was ihr hier wollt, lasse ich Nelsa die Stadtwächter holen.« Tuon und Selucia gingen mit noch immer hochgeschlagenen Kapuzen langsam eine Wand voller Stoffballen ab und blieben stehen, um ein Gewebe anzufassen, aber keine von ihnen schenkte der Besitzerin irgendwelche Beachtung.

»Sie gehören zu mir«, stieß Mat atemlos hervor. Er zupfte den Geldbeutel aus der Tasche und warf ihn auf den nächsten freien Tisch. Das Klirren, das er bei seiner Landung machte, zauberte ein breites Lächeln auf das schmale Gesicht der Besitzerin. »Gebt ihnen, was immer sie wollen«, sagte er. Dann wandte er sich Tuon zu und fügte fest hinzu: »Wenn Ihr etwas kaufen wollt, dann hier. Ich hatte heute Morgen mehr Bewegung, als ich wollte.«

Falls möglich, hätte er die Worte in dem Moment, in dem sie seinen Mund verließen, wieder zurückgenommen. Sprach man so zu einer Frau, dann sprang sie einem ins Gesicht wie die Flamme von einem von Aludras Feuerstöcken, jedes Mal. Aber Tuons große Augen schauten aus dem Schutz der Kapuze zu ihm hoch. Und ihre vollen Lippen wölbten sich zu einem leichten Lächeln. Es war ein persönliches Lächeln, allein für sie selbst bestimmt, nicht für ihn. Das Licht allein wusste, was es bedeuten sollte. Er hasste es, wenn Frauen das taten. Wenigstens hatten die Würfel nicht angehalten. Das musste doch ein gutes Zeichen sein, oder?

Tuon brauchte keine Worte, um ihre Auswahl zu treffen, stumm deutete sie auf einen Ballen nach dem anderen und zeigte mit ihren kleinen dunklen Händen, wie viel die Besitzerin mit ihrer Schere abschneiden sollte. Die Frau machte die Arbeit selbst, statt sie an ihre Helferin zu delegieren, und unter diesen Umständen war das auch sicher angebracht. Rote Seide in vielen verschiedenen Farbtönen wurde von der langen, scharfen Schere abgeschnitten, und grüne Seide in ein paar Schattierungen und mehr Arten blauer Seide, als Mat sie für möglich gehalten hätte. Tuon wählte feines Leinen in verschiedenen Stärken und Bahnen heller Wolle — darüber besprach sie sich mit Selucia in gedämpftem Flüsterton —, aber in der Hauptsache nahm sie Seide. Mat bekam wesentlich weniger von seinem Geldbeutel zurück als erwartet.

Nachdem der ganze Stoff zusammengefaltet und ordentlich verschnürt war, um dann in eine große Bahn aus grobem Leinen gepackt zu werden — die kostete nichts, vielen herzlichen Dank —, war er ein Bündel so dick wie das Gepäck eines Hausierers. Es überraschte Mat nicht im Mindesten, dass man von ihm erwartete, das Bündel auf den Schultern zu tragen, während er in der einen Hand noch seinen Hut halten musste. Da zog man seine besten Sachen an, kaufte einer Frau Seide, und sie fand trotzdem eine Möglichkeit, einen schuften zu lassen! Vielleicht ließ sie ihn auf diese Weise für seine harschen Worte bezahlen.

Er zog viele Blicke starrender Narren auf sich, als er die Stadt im Schlepptau der beiden Frauen verließ. Sie rauschten so zufrieden daher wie Katzen, die an der Sahne genascht hatten. Selbst in ihre Umhänge gehüllt, sagte ihre Haltung alles. Die Sonne stand immer noch nicht im Zenit, aber die Schlange der Leute, die in die Vorstellung wollten, reichte bis fast zur Stadt. Die meisten zeigten auf ihn, als wäre er ein geschminkter Spaßmacher. Einer der großen Pferdeknechte, die die Münzenkiste bewachten, zeigte ein zahnlückiges Grinsen und öffnete den Mund, aber Mat warf ihm einen strengen Blick zu, und der Bursche entschied sich, seine Aufmerksamkeit wieder auf die Münzen zu richten, die von den Städtern in den Glaskrug wanderten. Mat glaubte, noch nie so erleichtert gewesen zu sein, wieder in Lucas Zirkus zu sein.

Mat und die beiden Frauen standen noch keine drei Schritte im Eingang, als Juilin angelaufen kam, wunderbarerweise einmal ohne Thera oder seine rote Mütze. Das Gesicht des Diebefängers hätte aus uralter Eiche geschnitzt sein können. Er musterte die Leute, die an ihnen vorbei zu den Vorstellungen strömten, und hielt die Stimme leise. Leise und drängend. »Ich wollte dich suchen kommen. Es ist Egeanin. Sie wurde... verletzt. Kommt schnell.«

Der Tonfall des Mannes verriet genug, aber was noch schlimmer war, die Würfel in Mats Kopf hämmerten jetzt wie auf einer Trommel. Er warf den Pferdeknechten den Stoff zu mit dem Befehl, ihn genauso scharf zu bewachen wie die Münzenkiste, oder er würde die Frauen auf ihn hetzen, aber er wartete nicht ab, um zu sehen, ob sie ihn ernst nahmen. Juilin bewältigte den Rückweg im Laufschritt, und Mat rannte auf der breiten Hauptstraße des Zirkusgeländes hinter ihm her, wo die lärmende Menge den vier mit nackter Brust auftretenden Chavana-Brüdern dabei zusah, wie sie auf den Schultern des jeweils anderen standen. Verrenkungskünstler in hauchdünnen Hosen und glitzernden Westen saßen auf den Köpfen, und eine Seiltänzerin in mit Sternen verzierten blauen Hosen erklomm eine lange Holzleiter, um mit ihrer Darstellung zu beginnen. Kurz vor der Seiltänzerin duckte sich Juilin in eine der schmalen Gassen, in denen Wäsche auf Leinen zwischen den Zelten und Wagen hing, Artisten auf Hockern und Wagentreppen saßen und darauf warteten, mit ihren Darstellungen weiterzumachen, und die Zirkuskinder herumliefen und mit Bällen und Reifen spielten. Mat wusste mittlerweile, was ihr Ziel war, aber der Diebefänger lief zu schnell, um überholt zu werden.

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