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Электронная книга - «Die Klinik». Краткое содержание книги:

Boston, Suffolk General Hospital: Hier praktizieren Adam Silverstone, der vielversprechende Operateur und Wissenschaftler, Rafael Meomartino, ein kubanischer Aristokrat und ehemaliger Playboy, und der Farbige Spurgeon Robinson. Sie alle unterliegen der unerbittlichen Aufsicht von Dr. Longwood. Eines Tages pflanzt Meomartino einem jungen Mädchen eine Niere ein und gibt sie in die Obhut von Silverstone. Alles verläuft gut, aber dann stirbt das Mädchen über Nacht. Dr. Longwood wittert einen Kunstfehler und sucht einen Schuldigen ...
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N. GORDON 1966-1968

PROLOG

Als Spurgeon Robinson drei Wochen lang in Sechsund-dreißig-Stunden-Schichten als Begleitarzt mit den Krankenwagen gefahren war, ging ihm der Fahrer Meyerson schon längst auf die Nerven, das viele geronnene Blut, all die Verletzungen zermürbten ihn, und sein Dienst gefiel ihm ganz und gar nicht. Er entdeckte, daß er mitunter entrinnen konnte, wenn er seine Phantasie spielen ließ, und auf der jetzigen Fahrt hatte er sich soeben eingeredet, daß er nicht in einem Krankenwagen saß; es war ein gottverdammtes Raumschiff, er war kein Spitalsarzt mehr, sondern der erste Schwarze im Weltraum. Das Sirenengeheul war der zu Klang verwandelte Schubstrahl.

Maish Meyerson, der Lümmel, weigerte sich jedoch, mitzumachen und den Piloten zu spielen. »Wer vabrennt«, schnauzte er den eigensinnigen Fahrer eines Chrysler Convertible an, als er ihn mit dem Krankenwagen schnitt.

In einer Stadt wie New York hätten sie vielleicht die Baustelle nur schwer finden können, in Boston jedoch gab es noch immer erst wenige wirklich hohe Gebäude. Das kahle, skelettartige Metallgerüst mit seiner roten Rostschutzfarbe stieß wie ein blutiger Finger in den grauen Himmel.

Dieser Finger winkte sie geradewegs zum Schauplatz des Unfalls. Noch während die Sirene wimmernd verklang, warf Spurgeon schon die Wagentür hinter sich zu, und langsam löste sich der Menschenknäuel um die auf dem Boden liegende Gestalt.

Spurgeon kauerte sich neben den Mann. Die unbeschädigte Kopfhälfte verriet ihm, daß der Mann noch jung war.

Seine Augen waren geschlossen. Ein dünnes Geriesel tropfte von dem fleischigen Ohrläppchen.

»Einer hat einen Schraubenschlüssel aus dem dritten Stock fallen lassen«, sagte ein beleibter Mann, der Polier, als Antwort auf die nicht gestellte Frage.

Spurgeon teilte das verfilzte Haar mit den Fingern und spürte, wie sich die Knochenstückchen lose und scharfkantig wie zertrümmerte Eierschalen unter dem zerfetzten Fleisch bewegten. Wahrscheinlich zerebrospinale Flüssigkeit, die aus dem Ohr kam, dachte er. Es hatte keinen Sinn, die Wunde zu säubern, solange der arme Kerl auf dem Boden lag, entschied er, nahm einen sterilen Mulltupfer und legte ihn auf die Wunde, wo er sich sofort rot färbte.

Der Hosenlatz des Mannes war offen und ließ seinen Pe-nis sehen. Der dickwanstige Polier sah, daß Spurgeon es bemerkte. »Er war gerade beim Pissen«, sagte er, und Spurgeon sah das Bild des Arbeiters vor sich, der den Druck seiner Blase erleichterte und eine perverse Genugtuung daraus bezog, das Gebäude, das er errichten half, zu taufen; und der Schraubenschlüssel fiel und fiel und fiel, unbeirrbar und genau, als protestierte Gott gegen schmutzige kleine menschliche Handlungen.

Der Polier kaute an seiner kalten Zigarre und blickte auf den Verletzten. »Er heißt Paul Connors. Ich sage den Schweinehunden immer wieder, setzt die Helme auf. Wird er sterben?«

»Man kann von hier aus nicht viel sagen«, sagte Spurge-on. Er schob das eine geschlossene Augenlid hoch und sah, daß die Pupille erweitert war. Der Puls war sehr schwach.

Der Dicke sah ihn mißtrauisch an. »Sind Sie Arzt?«

Ein Schwarzer?

»Ja.«

»Geben Sie ihm etwas gegen die Schmerzen?«

»Er spürt keine Schmerzen.«

Spurgeon half Maish die Tragbahre herausholen, und sie luden Paul Connors in den Krankenwagen.

»He!« schrie der Polier, als Spurgeon die Tür schließen wollte.

»Ich fahre mit.«

»Gegen die Vorschrift«, log Spurgeon.

»Bin früher auch immer mitgefahren«, sagte der Mann unsicher.

»Von welchem Krankenhaus sind Sie?«

»County General.« Spurgeon zog an der Tür und ließ sie heftig ins Schloß fallen. Vorne startete Meyerson den Motor. Der Krankenwagen fuhr mit einem Ruck los. Der Patient atmete flach und unregelmäßig. Spurgeon befestigte den Beatmungsschlauch aus schwarzem Gummi in Con-nors' Mund so, daß die Zunge nicht dazwischen kommen konnte, und drehte den Respirator auf. Er legte die Maske auf das Gesicht des Patienten, und der Sauerstoff aus dem Zylinder begann in schnellen kurzen Stößen, die wie das Rülpsen eines Babys klangen, einzuströmen. Die Sirene fing mit einem kurzen Aufstöhnen zu heulen an, und wieder entrollte sich ein dickes Band elektronischer Geräusche hinter dem Krankenwagen. Seine Räder sausten kreischend über die Fahrbahn. Spurgeon überlegte wie er den Vorfall als Musikstück instrumentieren würde. Trommeln, Hörner, sonstige Blasinstrumente. Man konnte alles verwenden. Fast alles.

Geigen würde man nicht brauchen.

Im Büro des Oberarztes döste Adam Silverstone, den Kopf auf die über der harten Schreibtischplatte gekreuzten Arme gelegt, und träumte. Er lag wieder auf einem Bett aus dürren, gekräuselten Blättern, einem Haufen angesammelter Reste vieler vergangener Herbstzeiten, auf dem er einst als Junge gelegen war, den Blick versonnen in den stillen Tümpel eines Waldbachs verloren. Es war im Spätfrühling seines vierzehnten Lebensjahres gewesen, eine schlimme Zeit, in der sich sein Vater angewöhnt hatte, auf die empörten italienischen Flüche seiner Großmutter mit betrunkenen jiddischen Beschimpfungen eigener Erfindung zu antworten. Um Myron Silberstein und der vecchia zu entfliehen, hatte sich Adam eines Samstagmorgens einfach zur Überlandstraße begeben und war drei Stunden lang per Anhalter dahingefahren, ohne bestimmtes Ziel, er wollte nur einfach weg, von dem Rauch und dem grobkörnigen Staub Pittsburghs, weg von all dem, was es für ihn bedeutete, bis ihn ein Kraftfahrer schließlich auf einem durch Wälder führenden Straßenabschnitt absetzte. Später hatte Adam ein halbes dutzendmal versucht, die Stelle wiederzufinden, konnte sich jedoch nicht genau erinnern, wo sie eigentlich war. Vielleicht aber war auch der Wald zu der Zeit, als Adam ihn wieder suchte, längst von einem Bulldozer vergewaltigt worden und hatte Häuser ausgebrütet. Nicht daß die Stelle etwas Besonderes gewesen wäre; alle diese Wälder waren spärlich und schütter, weil man zu viele Bäumen gefällt hatte, das Rinnsal des Baches hatte nie eine Forelle beherbergt, der Tümpel war nichts als eine tiefe klare Pfütze. Aber das Wasser war kalt, und Sonnenflecken spielten darüber hin. Er hatte, bäuchlings auf den Blättern ausgestreckt, den Geruch des kühlen Waldmoders eingesogen. In seinem Magen begann der Hunger zu rumoren, aber es kümmerte ihn nicht, als er so dalag und zusah, wie kleine Insekten über das Wasser wanderten. Was hatte er in der halben Stunde, in der er dort lag, erlebt -bevor die hartnäckige Frühlingsfeuchtigkeit durch die trockenen Blätter heraufkroch und ihn bewog, sich fröstelnd loszureißen -, was ließ ihn für den Rest seines Lebens von dem kleinen Tümpel träumen? Friede, entschied er Jahre später.

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