Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Wie kommt das?«, fragte Nkata.
Harriet Lewis strich glättend über ihren Rock. Sie spielte an einem Fädchen, das sie an einem Knopf ihrer Jacke entdeckt hatte. »Ich vermute, Sie würden es Berufsethos nennen«, antwortete sie schließlich.
»Es handelt sich um eine Rechtsanwältin?«
Harriet Lewis stand auf. »Ich muss Katja Wolff anrufen und sie um die Genehmigung bitten, diese Frage zu beantworten«, sagte sie.
Libby Neal ging schnurstracks zum Kühlschrank, als sie aus South Kensington nach Hause kam. Sie hatte eine Wahnsinnsgier auf was Weißes und fand, es stünde ihr zu, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Sie hatte für solche Notfälle immer einen großen Becher Häagen-Dasz- Vanilleeis im Tiefkühlschrank. Den holte sie jetzt heraus, schnappte sich aus der Besteckschublade einen Löffel und schob mit einiger Mühe den Deckel des Bechers hoch. Sie schlang ungefähr ein Dutzend Löffel voll in sich hinein, ehe sie wieder denken konnte.
Aber selbst dann dachte sie nur, ich brauch noch was Weißes, und wühlte im Müll unter der Küchenspüle, bis sie den Beutel mit dem Rest Käsepopcorn fand, den sie am Vortag in einer Anwandlung von Selbstverachtung weggeworfen hatte. Sie hockte sich auf den Boden und stopfte sich das restliche Popcorn in den Mund, ehe sie sich erneut auf die Suche begab. Diesmal musste das Päckchen Weizenmehltortillas daran glauben, das sie seit langem als eine Art Herausforderung an ihre Willenskraft herumliegen hatte. Allerdings waren die Tortillas inzwischen nicht mehr weiß, sondern stellenweise schimmelig. Aber der Schimmel ließ sich ja leicht entfernen, und wenn sie versehentlich welchen schluckte, war das bestimmt auch nicht weiter schlimm. Man denke nur an Penizillin.
Sie schälte ein Stück Wensleydale aus seiner Zellophanverpackung und schnitt ein paar Scheiben für eine Quesadilla auf. Dann legte sie die Käsescheiben auf die Tortilla, gab eine zweite darauf und warf das Ganze in eine Bratpfanne. Als der Käse geschmolzen und die Tortilla angebräunt war, nahm sie sie heraus, rollte sie zu einer Röhre und hockte sich damit wieder auf den Küchenboden, wo sie sich so gierig wie eine Verhungernde über den Leckerbissen hermachte.
Sie blieb auf dem Boden sitzen, als die Quesadilla vertilgt war, und lehnte den Kopf an einen der Küchenschränke. Das, sagte sie sich, hatte sie gebraucht. Was passiert war, war doch einfach zu gruselig, und wenn alles zu gruselig wurde, musste man dafür sorgen, dass der Blutzuckerspiegel hoch blieb. Man konnte ja nie wissen, wann Action angesagt war.
Gideon hatte sie nicht zum Wagen begleitet. Er hatte sie nur zur Wohnungstür gebracht. Auf dem Weg durch den Flur hatte sie gefragt: »Macht dir das echt nichts aus, Gid? Ich meine, es kann doch für dich nicht gerade lustig sein, hier zu warten. Warum fährst du nicht einfach mit mir nach Hause? Wir können deinem Dad einen Zettel hinlegen, und wenn er heimkommt, kann er dich anrufen, und wir können wieder hierher fahren.«
»Ich warte hier«, hatte er gesagt, die Tür aufgemacht und hinter ihr geschlossen, ohne sie auch nur einmal anzusehen.
Was hatte das zu bedeuten, dass er unbedingt auf seinen Vater warten wollte? Würde es jetzt zur großen Abrechnung zwischen den beiden kommen? Sie hoffte es von Herzen. Denn die große Abrechnung zwischen Vater und Sohn war seit Ewigkeiten fällig.
Sie versuchte, es sich vorzustellen, eine heftige Auseinandersetzung, heraufbeschworen durch Gideons Entdeckung, dass er noch eine Schwester gehabt hatte, eine zweite Schwester, von deren Existenz er nie erfahren hatte. Er würde die Karte ergreifen, die Virginias Mutter an Richard geschrieben hatte, und sie seinem Vater zornig vor die Nase halten. »Los«, würde er sagen, »erzähl mir von ihr, du Mistkerl. Erklär mir, warum ich sie nie kennenlernen durfte.«
Denn das schien der springende Punkt zu sein, der Ursprung von Gideons Wut, als er die Karte gelesen hatte: dass sein Vater ihm diese Schwester verheimlicht hatte, obwohl sie immer dagewesen war.
Und warum?, dachte Libby. Warum hatte es Richard darauf angelegt, Gideon von seiner noch lebenden Schwester fern zu halten? Aus dem gleichen Grund, aus dem er alles andere tat: um Gideon auf die Geige zurückzuverweisen, und einzig auf die Geige.
Nein, nein, nein. Keine Freunde, Gideon. Keine Partys. Kein Sport. Keine öffentliche Schule. Du musst üben, spielen, auftreten, Geld ranschaffen. Und das kannst du nicht, wenn du andere Interessen neben deinem Instrument hast. Wie beispielsweise eine Schwester.
Mein Gott, dachte Libby. Was für ein gemeiner Kerl. Er hatte Gideons Leben total verkorkst.
Wie, versuchte sie sich vorzustellen, hätte dieses Leben sich entfaltet, wenn Gideon es nicht ausschließlich mit seiner Musik zugebracht hätte? Er wäre zur Schule gegangen wie ein ganz gewöhnlicher kleiner Junge. Er hätte Sport getrieben, Fußball gespielt vielleicht. Er wäre Fahrrad gefahren, auf Bäume geklettert, wäre vielleicht auch mal runtergefallen und hätte sich was gebrochen. Er wäre abends mit seinen Freunden auf ein Bier gegangen, und er hätte sich mit Mädchen getroffen und versucht, ihnen an die Wäsche zu gehen, und wäre ganz normal gewesen. Nie wäre er so geworden, wie er jetzt war.
Gideon verdiente das Gleiche, was andere hatten und für selbstverständlich hielten, sagte sich Libby. Er verdiente Freunde. Er verdiente eine Familie. Er verdiente ein eigenes Leben. Aber das alles würde er nicht bekommen, solange er unter Richards Fuchtel stand und niemand bereit war, etwas zu unternehmen, um die Beziehung zwischen Gideon und seinem beschissenen Vater zu verändern.
Libby fuhr in die Höhe. Sie merkte, dass sie auf einmal ganz kribbelig war. Sie lehnte den Kopf gegen den Küchenschrank, um hinauf auf den Tisch sehen zu können. Dort hatte sie Gideons Schlüssel hingeworfen, als sie, ihrer Gier nach einem weißen Nahrungsmittel nachgebend, zum Kühlschrank gestürzt war, und es schien ihr jetzt wie eine Vorsehung zu sein, dass sie die Schlüssel hatte, ein Zeichen Gottes, das gesandt worden war, Gideons Leben zu verändern.
Sie stand auf, trat an den Tisch und nahm die Schlüssel, ehe sie es sich wieder anders überlegen konnte. Dann verließ sie die Wohnung.
22
Yasmin schickte Daniel mit einem Schokoladenkuchen in die Kaserne hinüber. Er war erstaunt, denn seine Mutter schimpfte sonst immer, wenn er bei den Soldaten herumhing, aber er sagte nur:
»Hey, klasse, Mama«, lachte sie an und flitzte schon davon, um den »Dankbesuch« zu machen, den sie vorgeschlagen hatte. »Es ist doch nett von den Typen, dass sie dich immer wieder mal zum Essen einladen«, hatte sie zu ihrem Sohn gesagt, und wenn Daniel der Widerspruch zwischen dieser Bemerkung und ihrer früheren Einstellung den Soldaten gegenüber auffiel, so verlor er kein Wort darüber.
Als Yasmin allein war, setzte sie sich vor den Fernseher. Sie hatte den Lammeintopf vorbereitet. Sie brachte es auch jetzt noch nicht fertig, ein einmal gegebenes Versprechen zu brechen, arme Irre, die sie war. Jetzt genauso wenig wie zu Roger Edwards' Zeiten konnte sie plötzlich ihre Meinung ändern oder einen Schlussstrich ziehen.
Warum ist das so?, fragte sie sich in diesem Moment, aber diese innere Leere, die sie empfand, und das Aufkeimen einer Furcht, die sie vor langer Zeit begraben hatte, waren ihr Antwort genug. Ihr ganzes Leben, so schien ihr, war von dieser Furcht bestimmt und beherrscht gewesen, einem tiefen Grauen vor etwas, dem sie niemals einen Namen geben und erst recht nicht ins Gesicht hatte sehen wollen.
Sie versuchte, das Denken abzuschalten. Sie wollte nicht darüber nachdenken, dass ihr wieder einmal nichts geblieben war als die Erkenntnis, dass es keine rettende Zuflucht gab, auch wenn sie noch so entschlossen war, sich den Glauben an ihre Existenz nicht rauben zu lassen.
Sie hasste sich. Sie hasste sich so sehr, wie sie Roger Edwards gehasst hatte, und mehr - viel mehr -, als sie Katja hasste, die ihr diesen Moment der Wahrheit beschert hatte und sie zwang, in den Spiegel zu sehen, lange und kritisch. Es änderte nichts, dass jeder Kuss, jede Umarmung, jeder Liebesakt und jedes Gespräch auf einer Lüge gegründet waren, die sie nicht hatte erkennen können. Was zählte, war die Tatsache, dass sie, Yasmin Edwards, sich darauf eingelassen hatte. Darum dieser Selbstekel, der sie verzehrte, diese tausend Ich hätte es wissen müssen.