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Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
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Das Telefon funktionierte noch. Richard rief die Intensivstation an, niemand nahm ab.»Was ist mit den Anästhesisten, können sie beatmen?«fragte er Dreyssiger über die Schulter.

«Nein. «Einfach nur» nein«; trocken, tonlos hatte es Kohler vorgebracht.»Wenn das Notstromaggregat nicht anspringt«

«— springt es an«

«— müssen sie per Beutel beatmen«

«— wieso springt es nicht an«

«Wie im Krieg«, sagte eine der Schwestern angstvoll, die fast siebzig Jahre alte Gerda.

«Afrika.«

«Und wie sieht’s im OP aus?«

«Afrika, sag’ ich doch.«

«— es springt eben nicht an«

«Bananen, Dschungel«

Im Stationszimmer roch es nach Eukalyptusöl, Kohler hatte den Apothekenkorb vom Tisch gestoßen.

«— eher Rußland. Rußland, also«

«Afrika.«

«Halten Sie doch mal die Klappe!«

«— oder hören Sie was? Es springt nicht an.«

«Es tritt der Notfallplan in Kraft.«

«Komisch, daß das Telefon noch geht.«

«Läuft über Relaisstationen, Niedervoltage. Da kann rings alles tot sein, und Sie kriegen immer noch ein Freizeichen«, sagte Dreyssiger.

«Afrika. Zentraler Kongo.«

«Wir müssen auf die ITS«, sagte Richard.»Schwester Lieselotte, rufen Sie bitte alle verfügbaren Kräfte rein. Robert, du kommst mit uns, wir können jetzt jede Hand gebrauchen.«

Sie rannten zur ITS. Lichtzylinder blendeten auf, stanzten Essenwagen, Schwesternbeine, verstörte Gesichter aus dem Tiefseedunkel der Klinik, irgendwo fiel eine Bettpfanne scheppernd zu Boden. Jemand wummerte gegen eine Aufzugtür. Schritte hallten gespenstisch durch das Treppenhaus. Die Medizinische Akademie war eine Ballung aus schwarzem Gestein; in der Nuklearmedizin brannte noch Licht, ebenso drüben in der Verwaltung. Schemenhaft waren hin- und hereilende Menschen zu sehen. Auf der Intensivstation hingen Taschenlampen an einer Schnur über den Beatmungsbetten, Kerzen waren angezündet worden. Der diensthabende Anästhesist stellte gerade die Beatmung auf Druck-Sauerstoff um; der Kompressor für die Raumluftbeatmung, die aus den Wänden kam, war ausgefallen, ebenso die Monitore über den Köpfen der Patienten.»Ein instabiler Patient, Oberarzt.«

«Immer noch kein Saft auf den Notstrom-Steckdosen«, eine der Schwestern steckte Kabel um.»Schöne Schweinerei.«

Richard sah zum Noradrenalin-Tropf. Der Patient darunter wirkte friedlich, eine Figur wie auf einem Gemälde der Alten Meister; Höhlenszenerie. Eine Schwester maß ständig den Puls, eine andere den Blutdruck. Geringstes Zuviel oder Zuwenig Noradrenalin ließen ihn wie auf einer Achterbahn schwanken, man mußte gegensteuern, das band Personal.

«ZVD?«fragte der Anästhesist, drückte einen Fingernagel des Kranken, bestimmte die Rekapillarisierungszeit. Eine Schwester beugte sich zum Venotonometer, der den zentralen Venendruck maß.

«Einen Mann könnten wir brauchen«, sagte der Anästhesist.»Bis unsere Leute hier sind, das kann dauern. Die meisten haben kein Telefon.«

«Wie sieht’s im OP aus, wissen Sie was?«fragte Richard.

«Ihr Chef hat abgebrochen. Die Beatmung fährt manuell weiter. Ein Patient im Aufwachraum, bombiger Überhang, kann der Kollege auch nicht weg. Und da wollten die Neurochirurgen noch an ’nen Tumor ran. Ha-ha.«

Kohler blieb auf der Intensivstation; Richard, Dreyssiger und Robert liefen in die Notfallambulanz. Die Gänge, ebenfalls von Taschenlampen an Bindfäden erhellt, waren von Tragen mit klagenden Patienten verstopft; Krankenwagensirenen schwollen auf und ab. Niemand schien zu koordinieren, Ärzte und Schwestern hasteten hin und her. Krankenträger brachten immer neue Patienten; Türen schlugen auf und zu, aus den Behandlungszimmern riefen gereizte Stimmen nach Verbandmaterial, Schwestern, Medikamenten. Der Wartebereich vor der Kanzel, in der Pfleger Wolfgang mit stoischem Gesichtsausdruck Beschwerden und Forderungen entgegennahm, glich einem Lazarett. Vom Kerzenschimmer aus der Kanzel schwach beleuchtet, saßen Verletzte auf dem Boden, wiegten die Oberkörper; auf eine Decke hatte man ein junges Mädchen gelegt, bleich und stumm ertrug sie das Gejammer zweier älterer Frauen. Dreyssiger bahnte robust und vertröstend den Weg in die Kanzel. In den Rollstühlen der Notfallambulanz warteten schweigende oder mit den Armen fuchtelnde Leidende, die meisten wahrscheinlich mit Sprunggelenksverletzungen, Richard musterte im Vorübergehen die geschwollenen Knöchel, versuchte die aufflutenden Bilder zurückzudrängen, Erinnerungen an seine Verletzung während des Angriffs am 13. Februar, die schreienden, wimmernden Verwundeten, die mit ihm unter Bombeneinschlägen, MG-Geknatter einer versprengten Wehrmachtseinheit, Hitze von der brennenden Chirurgischen und der Kinderklinik gewartet hatten; damals hatte die Akademie noch nach einem Reichsärzteführer Gerhard-Wagner-Krankenhaus geheißen.

«Haben Sie einen von diesen Technikfritzen gesehen?«rief Pfleger Wolfgang Dreyssiger zu.»Die könnten mal ein Kabel legen lassen!«

«Röntgen möglich?«

«Nein. Auch kein CT.«

«Dann sperren«, sagte Richard.»Das bewältigen wir nicht. Wir können nicht operieren.«

«Hab’ die Leitstelle schon angerufen, Herr Oberarzt. Die sagen, alle Dresdner Krankenhäuser wollen sperren.«

«Aber es haben doch wohl nicht alle Stromausfall.«

«Sie bringen uns keine Polytraumen, das ist alles, was ich machen konnte.«

«Wer koordiniert?«

«Grefe. Aber der kommt nicht aus ’m Gipsraum raus.«

«Haben wir überhaupt noch Betten?«

«Nee.«

Dreyssiger ging in einen Behandlungsraum. Richard griff zum Telefon.»Der Chef wird sicher auch bald aufkreuzen. Bis dahin koordiniere ich für die chirurgischen Kliniken. — Besetzt.«

«Eddi!«schrie Wolfgang, winkte heftig einem bulligen Mann im blauen Kittel des Technischen Diensts. Eddi war dessen» Scheff«, ein ehemaliger Boxer, in seinem Büro hing ein Sandsack, an den Wänden, zwischen Trauben von Boxhandschuhen, Fotos von Welter- und Schwergewichtsgrößen. Eddi keuchte:»Der Diesel! Jemand hat den Diesel aus ’m Notstromaggregat abgezapft!«

«Quatsch.«

«Wenn ich’s sage, Wolfgang! Und keine Reserve, ich werd’ verrückt!«

«Es muß doch im ganzen Klinikum ’n paar Scheiß-Liter Diesel geben! Im Fahrstuhl stecken Leute fest!«

«Schon in Arbeit, müssen wir aufstemmen. Innere und Gyn haben Diesel, aber den brauchen sie für ihre Aggregate.«

«Papa«, meldete sich Robert, der sich in eine Ecke der Kanzel gequetscht hatte,»vorn am Parkplatz stehen welche vom ZDF. Vier dicke Diesel, hab’s gesehen, als ich zu euch bin.«

Eddi klopfte auf Holz, Robert und er rannten davon.

«Stehen Sie hier nur rum, oder kümmert man sich auch mal um uns?«meckerte ein Mann mit Lederhütchen durch das Schiebefenster der Kanzel.»Oh, Herr Hoffmann«, Griesel wich zurück.»Konnte ich ja nicht ahnen, Herr Nachbar. Es kann doch nicht sein, daß man bei Ihnen so lange warten muß. «Plötzlich änderte sich sein Gesichtsausdruck.»Wäre es nicht möglich …«

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