Die geheime Reise der Mariposa
- Автор: Michaelis Antonia
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die geheime Reise der Mariposa». Краткое содержание книги:
Antonia Michaelis, Jahrgang 1979, in Norddeutschland geboren, in Süddeutschland aufgewachsen, zog es nach dem Abitur in die weite Welt. Sie arbeitete u.a. in Südindien, Nepal und Peru. In Greifswald studierte sie Medizin und begann parallel dazu, Geschichten für Kinder und Jugendliche schreiben. Seit einigen Jahren lebt sie als freie Schriftstellerin in der Nähe der Insel Usedom und hat bereits zahlreiche Kinder und Jugendbücher veröffentlicht, facettenreich, fantasievoll und mit großem Erfolg. Ihr erstes Buch für junge Erwachsene war »Der Märchenerzähler«, zugleich fesselnder Psychothriller und zu Herzen gehende Liebesgeschichte. Antonia Michaelis berichtet in einem Weblog auf www.oetinger.de mit viel Witz und Esprit über ihren Alltag als Autorin. Sehens- und lesenswert ist auch die Website der Autorin www.antonia-michaelis.de.
Julias Bär.
Wie kam er hierher?
Lied der Delfine
Siehst du uns unter den Wogen liegen?
Siehst du, wie wir uns im Wasser wiegen?
Wir sind es, die dich riefen.
Sieh, wie wir schweben, sieh, wie wir fliegen!
Wir sind die Vögel der Tiefen.
Der Sinn dieses Lebens? Ach, frag nicht so viel,
es ist nur ein Spiel, ist alles ein Spiel.
Das Leben ist leicht, das Leben ist schön,
man braucht es nicht zu verstehn.
Siehst du uns auf den Wogen reiten?
Jenseits der Zeit und der Gezeiten,
mitten durch bläuliche Leere?
Sieh, wie wir kreisen, sieh, wie wir gleiten!
Wir sind die Tänzer der Meere.
Die Antwort? Die Wahrheit? Ach, frag nicht so viel,
es ist nur ein Spiel, ist alles ein Spiel.
Hörst du uns schnattern? Hörst du uns singen?
Siehst du uns lachen? Siehst du uns springen?
Von Lee nach Luv und von Luv nach Lee.
Wir gaukeln gleich schwimmenden Schmetterlingen.
Wir sind die Kinder der See.
Das Ziel? Unser Ziel? Ach, frag nicht so viel …
Wir haben noch keinem ein Leid getan,
wir sind die Clowns im Ozean,
wir sind die Boten vom Horizont,
wo sich der Mond im Abendlicht sonnt.
Komm mit uns, komm! Denn angesichts
dieser Welt ist es besser, du folgst uns ins Nichts.
Dann fragst du nicht mehr, fragst nicht mehr zu viel,
dann begreifst du endlich das Spiel.
Mentira y verdad
Lüge und Wahrheit
José!, sagte die Abuelita. Wach endlich auf! Es ist höchste Zeit! Du hast alles verschlafen, mein Junge: Die Unaussprechlichen haben den Wind stärker gemacht. Die Hand eines Toten hat die Mariposa gelenkt, und an der Horizontlinie hängt ein Schiff, das einen auffallend ähnlichen Kurs segelt wie ihr. Obwohl es nicht das Schiff ist, dessen Taue Jonathan gekappt hat. Und es hat geregnet …
»Geregnet?«, fragte José laut. Er hörte etwas zuschlagen wie eine Tür oder eine Klappe, ganz nah, und setzte sich abrupt auf. Nein, die Kajütentür stand offen – ein wenig Sonnenlicht fiel auf den Boden und beleuchtete eine einzelne rosafarbene Flamingofeder.
Der zugehörige Flamingo schien sich draußen zu befinden, denn José sah einen Flamingofuß auf der Treppe. Er stand auf und stieß die Tür ganz auf. Der Flamingo stand tatsächlich auf der untersten Stufe, hatte den langen Hals gestreckt und den Kopf bequem auf die Decksplanken oberhalb der kleinen Treppe gelegt. So befand sich sein Kopf auf Höhe von Carmen, die dort auf dem Fußboden saß. Die beiden sahen aus, als wären sie in ein stummes Zwiegespräch vertieft. Hinter ihnen saß Jonathan am Steuer, auf dem Schoß Oskar, den Pinguin.
José schüttelte den Kopf. »Ich wache auf und bin in einem wahnsinnigen Zoo«, sagte er.
Jonathan zuckte zusammen und fuhr hoch. »José«, sagte er. »Ich muss eingenickt sein.«
»Es hat geregnet«, sagte José, »nicht wahr? Hast du das Wasser in einem Kanister aufgefangen?«
Jonathan sah ihn an. »Das Wasser … in einem Kanister?«
»Ja, Wasser.« In José stieg der Ärger auf. »Dieses nasse Zeug, das von oben kommt. Man braucht es zum Überleben. Wir haben ein paar leere Kanister unter Deck. Wenn es regnet, muss man sie füllen. Wer weiß, wann es wieder regnet! Und was macht der Flamingo hier auf der Treppe? Er ist im Weg.«
»Eduardo«, verbesserte Jonathan ihn. »Er heißt Eduardo.«
José drängte sich an Eduardo vorbei und ließ sich auf die Bank gegenüber von Jonathan fallen. Er nahm ihm das Steuer ab und sah auf den Kompass. Der Kurs stimmte nicht mehr ganz. Er korrigierte ihn schweigend.
»José«, sagte Jonathan.
José sah auf. Jonathan griff über Bord, tauchte eine Hand ins Wasser und fuhr sich damit durchs Gesicht.
»Weißt du«, fragte Jonathan, »was ich in der letzten Nacht alles getan habe?«
Erst da merkte José, wie müde Jonathan aussah. Er konnte die Augen kaum offen halten. Zwei breite Schrammen liefen über seine linke Wange, und er steckte in viel zu großen Kleidern, die José noch nie gesehen hatte. Sie machten ihn schmächtiger. Er trug die alte karierte Schiebermütze wieder, die seinem Vater gehört hatte. Und mit einer Hand hielt er einen braunen Stofffetzen umklammert. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor, so fest war sein Griff um das Stück Stoff, und seine Hand zitterte. José legte eine Hand auf Jonathans Arm, und plötzlich tat es ihm leid, dass er ärgerlich gewesen war. »Was ist passiert?«
»Alles«, sagte Jonathan. »Du hast sehr, sehr fest geschlafen.«
Während José auf dem Gaskocher Kaffee kochte, hörte er Jonathan zu. Und schließlich bekam er eine Reihenfolge in die Ereignisse. Er blies in seine Blechtasse und betrachtete nachdenklich die Wellen im Kaffee. Die Mariposa fuhr wieder unter Segel, wenngleich mit verringerter Segelfläche. Es war sehr still ohne das Motorengeräusch.
»Am merkwürdigsten ist die Sache mit dem Anlasser«, sagte er. »Dass sich die Mariposa von selbst in den Wind gestellt hat, kann ich mir vorstellen. Aber dass du den Motor angeworfen hast, ohne es zu merken – die Abuelita hätte ihren Spaß gehabt letzte Nacht.«
»Wer?«, fragte Jonathan.
»Meine Urgroßmutter. – Eduardo, das ist Kaffee. Den kann man zwar filtern, aber nicht, wenn man ein Flamingo ist. Nimm deinen Schnabel aus meiner Tasse. – Die Abuelita ist ziemlich alt und erzählt gern Gruselgeschichten. Mit Vorliebe über Geister von Toten.«
José setzte Eduardo auf den Boden, damit er die Krabbensuppe aus der dort befindlichen Schale zum Frühstück filtern konnte. Oskar fischte die Stückchen heraus. Zum Glück hatte Juan Casaflora vor seinem Tod einen ausreichenden Vorrat an Krabbensuppe angelegt. Hatte er damit gerechnet, einen Flamingo auf der Mariposa zu beherbergen? Immerhin war er Forscher gewesen. Angeblich, hatte der Ami auf Baltra gesagt. Aber wenn er kein Forscher gewesen war, was dann?
Der Wind hatte seit der Nacht nachgelassen, doch er schob sie noch immer stetig über das Wasser voran. Das Boot, das am Horizont geklebt hatte, war nicht mehr zu sehen.
»Glaubst du an das, was deine Großmutter erzählt?«, fragte Jonathan. »An die Geister?«
»Natürlich nicht«, sagte José. »Sie erzählt trotzdem. Du wirst jetzt sagen, ich bin verrückt, aber … sie redet manchmal in meinen Gedanken.«
»Du bist verrückt«, sagte Jonathan und grinste.