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Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
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Ruden schlenderte nach vorn, schwieg; keiner rührte den Umschlag mit dem Geld an. Rogalla erklärte, daß ihn das nichts mehr anginge; Ruden, der wohl etwas hatte sagen wollen, nickte, erleichtert über die Hans-im-Glück-Lösung, die ihn plötzlich und unerwartet entband; er folgte Rogalla, den Löffel mit der grünen Seite nach oben stechend, nach draußen.

«Das waren die schlimmsten«, sagte Costa,»die gehen in fünf Tagen. Dann hat er das Gröbste überstanden. «Burres Mutter reagierte nicht darauf, sie hatte ihr Kopftuch nicht abgelegt und saß noch im Trenchcoat da, einem jener kittgrauen, mit Knöpfen groß wie Taschenuhren besetzten Stücke, die es, außer olivgrünen und waldbraunen Parkas, in den Läden noch zu kaufen gab, wobei sich die Exemplare für Männer und Frauen einzig dadurch unterschieden (behauptete Barbara), daß bei den Frauen die Knöpfe links, bei den Männern rechts saßen.

«Haben Sie keine Mutter«, wandte sie sich nach einer Weile an Muska.

«Nein«, lehnte der ab,»und wenn ich eine hätte, wär’ sie nicht einfach hier reinspaziert mit fünfhundert Mark in ’nem Kuvert.«

«Sie haben keine Mutter?«

«Nein, hab’ ich nicht! Ich komm’ aus ’m Heim, wenn Sie verstehen, meine Alte hat sich in die Radieschen gesoffen, und ich bin ihr einfach aufs Schwein gegangen; als ich klein war, hat sie mich mit Rotwein aus ’m Fläschchen bedient! War ich still danach. Aber Sie — schieben hier einfach rein, knallen Geld und schöne Worte auf ’n Tisch: sensibler Junge — meine Herrn, ich bin auch sensibel! Wenn Sie wüßten, wie sensibel ich manchmal bin und wie sehr mir meine Kamraden hier manchmal auf ’n Sack gehn — «

«Hehehe!«

«Schnauzeduarsch. — Also, was sagen Sie dazu?«

Aber Burres Mutter antwortete nicht, denn ihr Sohn war hereingekommen. Er schien zunächst nicht zu verstehen, blickte irritiert von einer Seite des Tisches zur anderen, dann, als er den Umschlag gesehen hatte, wandte er sich abrupt um, senkte den Kopf, wie um zu überlegen, nestelte am Tragegestell mit den Reservemagazin-Taschen und der Feldflasche, die er dort vorschriftswidrig eingehakt trug:»Du solltest nicht herkommen, ich habe dich darum gebeten. Und Geld schon gar nicht. Haben wir einen Dukatenesel?«und drehte sich nicht um, sprach erregt, mit hochgezogener Schulter, zu einem unverständigen Teil des Fußbodens, von dem die Antwort seiner Mutter ihn wie über Bande würde erreichen können.

«Sie haben doch gesagt, er wird nicht kommen«, murmelte Burres Mutter Costa zu, mit müder, monströs trauriger Stimme. –

Kam der Herbst, gingen die EK. Gaben noch Ratschläge: Halte deine Panzerwasserflasche sauber. Dein Einsatzpäckchen in Ordnung. Sagt den Frischen, sie sollen sich Mitella und Motorradbrille besorgen.

Es kamen die neuen» Ohrlis«, gefüttert mit Gerüchten, von» draußen «und von den Unteroffiziersschulen; sie näherten sich verschreckt, keuchend unter den vollgestopften Zeltbahnen, angetrieben von einem Befehlsmeister, der die Hände auf den Rücken gelegt hatte, verteilten sich auf die einzelnen Kompanien wie ein Ameisenzug, der einer Prozession wandelnder Blätter gleicht — mit einer Ausnahme: Steffen Kretzschmar, den sie sofort und einhellig, der Bäckerhände und des runden Gesichts mit den henkelartig abstehenden Ohren, des schwarzen kurzgeschorenen Drahtbürstenhaars wegen,»Pfannkuchen «tauften. Pfannkuchen zog einen Leiterwagen hinter sich her, in dem er seine Siebensachen (nur die älteren Diensthalbjahre verfügten über Seesäcke, aus Marinebeständen umgeleitet), ein» Weltmeister«-Akkordeon mit zersplitterten Perlmuttknöpfen, eine Gewichtheberhantel und eine Kiste mit Jonglierbällen transportierte. Wenn Muska triumphierte, dann kindlich offen, er schob das Käppi» auf Durst«, daß die drüsig ausgewölbten Augäpfel im lachstrahlendurchrissenen Gesicht ein fliederblaues Zentrum bildeten: geweitet um Erkenntnisse oder Vorstellungen, die noch im Zustand glucksender Vorfreude verharrten und erst nach einigen Sekunden wie eine Art von Nesselsucht den mageren Körper überfiebern würden.

«Guckt euch die Suppe an! Mit’m Leiterwagen unterwegs, wo gibt’s denn so was!«Er ging zum Spind, legte das Koppel an, pfefferte Karge einen Pfirsichkern, dessen Rot noch betörend war, in die Koje:»Eh, Wanda, zieh’n Finger, die Glatten kommen, und einer zum Rundmachen!«

Auch Christian war eigentlich zu groß für den Panzer, die Grenze lag bei einsachtzig; aber Pfannkuchen maß mindestens einsneunzig.»Dem muß die Luke doch ’n Schädel einquetschen«, sagte Popov anerkennend,»na, vielleicht haben sie ihn gerade deshalb zur Kavallerie gesteckt. Wie der seine langen Stelzen zwischen Kupplung und Bremse parken soll … und ’ne Haube für den Nischel gibt’s doch gar nicht.«

Muska baute sich vor Pfannkuchen auf, was einigermaßen lächerlich aussah, denn er war einen Kopf kleiner und wirkte wie eine zeterndes Insekt, das, um endlich die Aufmerksamkeit des hünenhaften Forschers zu gewinnen — Christian beobachtete Pfannkuchen, der verwundert, doch zunehmend interessiert auf Muska hinabblickte —, sich in eine tanzende Spinne, einen tobsüchtigen Frosch, einen Kontrabassisten beim» Hummelflug «verwandelt; nur daß Pfannkuchen nach einer Weile» Was willst du?«fragte.

«… und überhaupt!«Muska fuchtelte herum, Pfannkuchen hob ihn mit einem Arm hoch, stemmte ihn über Kopf, steckte sich mit der Linken eine Zigarette in den Mund, zündete sie mit der langen Flamme eines roten» Bic«-Feuerzeugs an (Muska japste, die Feuerzunge sengte an der Hosengabel), wartete, bis Muska die Stiefel verloren hatte und setzte ihn behutsam in eine Novemberpfütze ab, seinen in die Luft klopfenden Fäusten geschickt ausweichend. Karge wollte sich halb totlachen.»Gebratne Kommandanteneier, garantiert ungewaschen — «

Costa meinte, das geschehe dem Maulaufreißer recht. Irrgang kam vom Park und rief, wenn das auch zur E-Bewegung gehöre, sei er dabei.

Pfannkuchen ließ sich seinen Spitznamen gefallen, schien ihn sogar mit Wohlwollen und behäbig der Kategorie Schmeichelei zuzuordnen, denn er begehrte nicht dagegen auf, meldete sich hin und wieder, wenn er Dienst stand, mit» Unteroffizier Pfannkuchen«, maliziös lächelnd über die Verwirrung, die er anstellte. In den ersten Tagen, so schien es Christian, probierte er aus, besah sich die Offiziere, hatte Respekt vor Schlückchen, der ihn mit Blicken aus vergilbten Skleren bedachte, ein» StunkmachenbestimmeichissasklarGenosse «hochprozentig ausatmete, taxierte den Bataillonskommandeur, Major Klöpfer, (den sämtliche Soldaten seines Bataillons für komplett unfähig hielten, was er selbst nicht zu bemerken schien), hörte dem Polit mit halbgesenkten Lidern zu, beobachtete Christian, der sein Kommandant war. Pfannkuchen schien eine intuitive, rasch urteilende Menschenkenntnis zu besitzen, ein kühl hinter Geschrei und Pose blickendes Organ, das in» nützlich«,»unnütz«,»gefährlich «und» ungefährlich «einstufte, eine grobe, aber wahrscheinlich bewährte Registrierung, nach der er sein Verhalten richtete. Christian schien er nicht eindeutig zuordnen zu können, mehr als einmal begegnete Nemo, wie auch Pfannkuchen ihn nannte, den Forschungen seiner Graupunktaugen unter den schläfrig schweren Lidern. Den armen Burre ernannte Pfannkuchen nach einigen Tagen zu seinem» Sklaven«(was Christian wunderte: daß keiner der übrigen Fahrer dagegen protestierte; vielleicht hatte sie seine Vorstellung mit Muska gänzlich überzeugt?); das Brummkreiseln Schlückchens tat er mit einem fleischigen Mundwinkelzucken ab; der Kompaniechef mischte sich nicht in die Angelegenheiten der unteren Dienstgrade, und beim Zugführer, der bei jeder Entlassung jammerte, daß immer die Erfahrenen gingen und nun die Plage mit den jungen Genossen aufs neue beginne, war Pfannkuchen wohlgelitten, denn er war der beste Fahrer, den das Bataillon je gesehen hatte. Er war besser als Popov, denn Pfannkuchen getraute sich, seinen T 55 mit Vollgas rückwärts in den Panzerhangar des Technikparks zu fahren (und ohne Einweiser, so ging das Spiel, bei dem der Sekundenbruchteil eines Lenkhebeleinschlags über» Ach «oder» Krach «eines Doppel-T-Trägers entschied); er unterbot auf der von der Wehrmacht überkommenen und auf russische Verhältnisse angelegten Lehrfahrstrecke den Regimentsrekord, den ein legendärer Reservist in den frühen Siebzigern aufgestellt hatte; in Pfannkuchens Faust wirkte die» Luken-Elli«, der rechtwinklig gebogene Stahlhaken zum Öffnen der Einstiegsriegel, so zart wie der Griff eines Damenhutkoffers.

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